Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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„Die Klagen über Mangel an jüdischen jungen Mädchenbekanntschaften sind durchaus begründet, jedoch dürften in dem von Ihnen speziell behandelten Fall des Fräulein G. keinerlei Einwanderungsschwierigkeiten bestehen. Die Altersgrenze, bis zu der besondere Schwierigkeiten gemacht werden, ist 23 Jahre und entspricht dem internationalen Abkommen zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Bei Damen über 23 Jahre ist die Handhabung genau die gleiche wie bei Männern. Wenn also Frl. G. das argentinische Visum bekommt, womit dieselben aber keine anderen Schwierigkeiten verbunden sind, wie in jedem beliebigen anderen Falle, kommt sie auch ohne weiteres ins Land." Endlich schildert folgende Stelle aus einem Brief aus Buenos Aires vom 7. Mai 1936 die oft tragikomische Situation des „Gringo", des Neueingewanderten, der die Landessitten nicht kennt: „Ich kam hier mitten im Hochsommer an, als die unerträgliche Hitze die Menschen faul und lässig machte, und jeder halbwegs wichtige Geschäftsmann außerhalb der Stadt seine Ferien zu genießen schien. Trotz der Hitze darf man nicht ohne Jacke herumlaufen, wohl aber kann man Männer in Pyjamas sehen, was offiziell erlaubt ist. Männer dürfen nicht baden außer in einem Damenbadeanzug mit einem kleinen Röckchen. Männer dürfen nicht Cafes betreten, die für Damen reserviert sind, Damen nicht solche, die für Männer reserviert sind und alleinstehende Männer wieder nicht Familien-Cafes, sondern nur in Begleitung einer Dame usw., bis man in eine solche Verwirrung kommt, daß man überhaupt nicht mehr ein noch aus weiß. Aber man darf arbeiten, und das ist die Hauptsache für uns alle. Es ist ein höchst befriedigendes Gefühl, daß man arbeiten darf und in dieser Hinsicht gleichberechtigt ist mit allen anderen." Nachdem die vorstehenden Briefe sich durchweg mit dem Leben der Einwanderer mit städtischen Berufen befaßt haben, bringen wir im folgenden noch eine Reihe von Briefen, die das Leben des jüdischen Landwirts in Argentinien schildern. Kolonie Avigdor (Est. Bovril Prov. Entre Rios), Argentinia, den 23. Mai 1938 „Den Juden au« Deutschland, die durch die Verhältnisse gezwungen sind, ihre Berufe aufzugeben und sich mit einem ihnen bisher völlig fremden Gebiet, nämlich der Landwirtschaft, anzufreunden, möchte ich als älterer Mann und als neuer Siedler einige Tatsachen mitteilen und Fingerzeige geben, die ihnen vielleicht das Einleben und die oränzliche Umstellung etwas erleichtern könnte. Geschieht das letztere in einem fernen Lande, dessen Sprache, Bewohner und Gewohnheiten ihnen gänzlich unbekannt sind, dann ist die Umstellung und das Eingewöhnen umso schwerer, ja es wird zur Unmöglichkeit, wenn der Betreffende nicht seine ganze Energie und Willenskraft aufbringt, um sich dem neuen Berufe mit seinen primitiven Verhältnissen anzupassen. Es ist daher in keiner Weise angebracht die Verhältnisse und die Zustände, die in einer solchen Siedlung bestehen, schöner und angenehmer zu färben und zu beschreiben, als sie tatsächlich sind, vielmehr alle Berichte in Briefen und Zeitungen sollten rein erfahrungsgemäß die wahre Sachlage schildern. Geschieht dies, dann werden dem neuen Siedler viele Enttäuschungen erspart, deren er ohnedies schon genug neben seinen sonstigen Seelencjualen erdulden muß. Dies dürfte allgemein für alle jüdischen Siedlungen zutreffen, insbesondere wäre es aber für die Ica-Siedler angebracht, die nach Avigdor und gleichartigen Siedlungen kommen, um hier in Gemeinschaft mit ihren Familienangehörigen oder sonstigen Vor- und Mitgängern eine sogenannte Familiensiedlung zu beziehen und zu bewirtschaften. Diese besteht in den meisten Fällen aus 75 ha Land, von denen ein Teil mit niedrigem, ca. 20 Jahre altem Wald bestanden ist, aus einem massiven, ansprechenden Häuschen, enthaltend 2—3 Zimmer, eine Küche, einen angebauten Backofen und einem Abort der nach spanischer Art eingerichtet ist, für uns also der Ergänzung durch eine sogenannte Brille bedarf. Diese Baulichkeiten und das Land wird dem Siedler, der doch meistens nur über ganz geringe Mittel verfügt, ohne jede Zahlung übergeben, und man kann dem Schicksal wirklich von Herzen danken, daß auch den Juden aus Deutschland durch die Großherzigkeit und weite Voraussieht des Herrn Baron Hirsch die Möglichkeit gegeben ist, mit Hilfe der Ica eine solche Unterkunft und Betätigung zu finden. Die Maßnahmen, die die Ica im Interesse und zur Förderung der Siedler trifft, sind sämtlich wohl uberlegt und als durch die Erfahrung bewährt anzusehen. Hierzu gehört vor allem auch die Kreditgewährung für 10 Pferde und Z0 Kuhe, sowie für einen Sitzpflug und mehrere kleinere Maschinen, ferner die Einrichtung der baren Kreditgewährung iur die ersten 6 Monate, in denen der Siedler wenige bezw. keine Linnahmen hat, denn der Milchertrag der 20 Kühe ist anfangs meistens nur gering. — Wenn nun der Siedler nach woohenlanger Reise sein Camp glücklich erreicht hat, dann fängt für ihn trotz dieser philanthropischen und in der Welt wohl einzig dargebotenen Existenzmöglichkeit erst die große Sorge an. Hauptsächlich die Menschen, die aus ihren gutbürgerlichen städtischen Verhältnissen herausmußten, stehen hier in den ersten Tagen, wenn sie das leere Haus und die weiten leeren Felder vor sich sehen, verzweifelt da. Sie fürchten, sich in diese gänzlich anderen Verhältnisse nicht hineinfinden zu können; aber dieser Zustand weicht bald einer milderen Auffassung. Jeder Tag macht sie mit dem Boden, der Umgebung und den primitiven Verhältnissen vertrauter, und bald gewöhnen sie sich an das Landleben, das ihnen Freiheit und eine gewisse Sorglosigkeit bedeutet, für die jüngeren und die Hausfrauen allerdings auch viel Arbeit. Um nun über das anfängliche oben erwähnte Gefühl der Verzweiflung schneller und besser hinwegzukommen, wäre es angebracht, den Siedler darauf hinzuweisen, daß er, außer seinem Handgepäck, seine sonstigen Gepäckstücke zu einem Teile meistens erst in 2—3 Wochen, zum anderen Teile erst in 2—3 Monaten nach Ankunft in Buenos Aires erhält, daß er also anfangs ziemlich hilflos in seinem gänzlich leeren Hause dasteht. Allerdings hilft auch hier wieder die Ica, indem sie Tisch und Stühle herleiht, ebenso Bettgestelle, aber wenn man keine hilfsbereiten Nachbarn hat, die mit Handwerkszeug, dem notwendigsten Küchengerät, ein paar Tassen, Tellern, Töpfen, Messer und Gabeln aushelfen, dann packt den Siedler die Sehnsucht, er denkt verzweifelt an frühere Zeiten, die noch garnicht weit zurückliegen, und aus seiner Seelenqual heraus fließen Tränen. Und gerade diesem Moment ist so leicht abzuhelfen, indem man dem Auswandernden empfiehlt, einen Koffer seines Handgepäcks mit Handwerkszeug und mit den oben erwähnten notwendigsten Gegenständen, einigen Decken und Betten, einem Petroleumkocher, Arbeitskleidung etc. zu füllen, die er bei Ankunft unbedingt sofort braucht. Es wird ihm dadurch mancher Kummer erspart bleiben. Im Uebrigen empfiehlt es sich, möglichst auch im Handgepäck viele alte Kleidungsstücke und Schuhe mitzubringen, die hier bei der Arbeit auf dem fetten und bei Regen völlig durchweichten Boden nicht zu entbehren sind." — Kamp Bakken, Ica Siedlung, den 13. April 1938 „Wir wohnen von Buenos Aires ca. 13 Stunden mit Schnellzug, und geht der Weg nach der Hafenstadt Bahia Bianca. — Bei uns ist das Klima wie bei Euch, nur nachts sehr kalt, aber sobald die Sonne raus ist, ist es sehr, sehr angenehm; keine Moskitos oder Schlangen. Ulli meint, man denkt in Deutschland und nicht in Argentinien zu sein. Hier wird nur deutsch und jiddisch gesprochen. Wir verstehen alle, und sie sind alle sehr nett zu uns. Ueberall muß man essen und trinken. — Lebensmittel gibt es in Huergo; dieser Ort ist 10 km entfernt. Wenn also etwas fehlt, helfen sich die Siedler gegenseitig aus. Es ist abends außer dem Mond und den Sternen kein Licht, was sehr romantisch wirkt. Gestohlen wird überhaupt nichts. Du siehst und hörst hier nichts, richtig auf dem Lande. Zur nächsten kleinen Stadt (Rivera) fährt man 3 Stunden, mit Sulki (Trabrennwagen) I1/2 Stunden. Wir haben 400 Morgen Land. Du siehst * nur Land und Himmel. Unser Vis-ä-vis von hinten ist eine Familie; sehr vornehm, haben sich aus einer 5-Zimmerwohnung Möbel mitgebracht. Die Häuschen sind aber alle gleich. Sehr hübsch 2 Stuben und Küche. Wir stehen alle um 3/46 Uhr früh auf, melken 10 Kühe, dann wird die Milch weggebracht, gefrühstückt, Pferde angespannt, gepflügt, gedrillt usw. Frauen arbeiten nichts d r außen. Die Arbeit ist nicht schwer. Es reißt sich keiner ein Bein aus, da alles mit Pferd und Wagen gemacht wird. — Die Ica gibt uns jeden Monat bis zur cosecha (Ernte) noch etwas zu. Wenn diese gut ausfällt, zahlt man erst ab. Lebensmittel sind billig, alles andere sehr teuer. Das Fleisch kg 40 Pfennig; Leber, Herz und Nieren werden verschenkt. Neulich haben wir 2 Pfund Leber aufgegessen. Zucker das Kilogramm 40 Pfennig, Mehl 15 Pfennig, Eier 5 Pfennig. Es lebt sich hier sehr schön. Buenos Aires ist sehr heiß, und ein Betrieb, mehr wie in Berlin. Wir möchten aber nicht in die Stadt; hier draußen wird eine Schule eröffnet, wo wir alle spanisch lernen. Wir haben noch 50 Hühner, 10 Pferde, 10 Kühe und 10 Kälber, viele Hunde, die wie die Ameisen herumlaufen. Hier muß man reiten. Alles reitet. Ulli und Peter reiten im Galopp über den Camp. Es ist wie in Wildwest. Ich rücke immer aus. Dabei tut einem kein Pferd und keine Kuh etwas zu Leide. Eingeborene tragen Hosen, so weit wie Röcke, unten zugebunden, und kommen mit dem Pferd bis vor die Küchentür. Sie sagen buenos dios. Nach der Begrüßung koche ich Mate, das ist eine Brühe aus getrocknetem Gras oder ähnlichem, welches nach der Zubereitung mit der „Bombille" von Mund zu Mund geht, ßombille ist ein silberner Stengel, was natürlich sehr unhygienisch ist Man kann garnicht alles schreiben. Es ist alles sehr gemütlich. Ich habe meinen Küchentisch und Ofen (Holzkohle) so groß wie Gaskocher, draußen stehen, damit die Küche ausgeräumt bleibt. Das Klima ist auch sehr gut, und wir sind alle sehr zufneden. Augenblicklich leben wir vom Milchgeld und l'J