Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Kolonisationswerk der ICA gibt somit jedem Kolonisten die Möglichkeit, sich von Anfang an unter gesunden, wenn auch primitiven Verhältnissen seinen Lebensunterhalt zu erwerben und durch Erträgnisse seiner Arbeit seine Lebenshaltung allmählich zu verbessern. (Die weiteren Einzelheiten der ICA-Ansiedlung sind jeweils durch den Hilfsverein und seine Auswandererberater im Reich zu erfahren.) VIII. Briefe aus Argentinien Der weitaus größte Teil der Einwanderer aus Deutschland ist bisher im Landungshafen Buenos Aires verblieben und hat dort, meist mit Unterstützung des Hilfsvereins deutschsprechender Juden, Stellung oder eine selbständige Tätigkeit gesucht. Ueber ihre Erfahrungen dabei berichten die Schreiber der folgenden Briefe: Buenos Aires, den 14. April 1938 „Bei unserer Ankunft in Buenos Aires wurden wir sehr nett empfangen und bekamen eine Privatpension nachgewiesen. Wir durften dort drei Wochen wohnen, und danach bekamen wir die Miete für ein leeres Zimmer. Außerdem hat uns der Hilfsverein finanziell sehr geholfen und uns wöchentlich ein kleines Taschengeld zur Verfügung gestellt. Ferner bekommen wir sechs Monate lang einen Kursus in spanisch (frei). Es ist erstaunlich, wie der Hilfsverein den so zahlreich ankommenden Einwanderern über die erste und schwerste Zeit hinweghilft. Nun will ich Ihnen, was Sie sicher am meisten interessieren wird, von der allgemeinen Arbeitslage, soweit ich es bis heute beurteilen kann, berichten: Argentinien ist ein Land, das Arbeitskräfte benötigt, aber leider setzt sich der überwiegende Teil der Einwanderer zu fast neun Zehnteln aus Kaufleuten zusammen. Wie die Arbeitsmöglichkeiten für Kaufleute hier sind, brauche ich Ihnen ja sicherlich nicht mitzuteilen. Unter 100 Ankommenden ist es vielleicht einer, der sich in seinem alten Beruf eine Existenz gründen kann. Im allgemeinen herrscht unter den Kaufleuten, die nicht gewillt sind, jede Arbeit, die sich ihnen bietet, in irgendeinem anderen Fach anzunehmen, ein sehr großes Elend. Vielfach ist es aber so, daß dies ältere Leute sind, die diese Umstellung nicht mehr vornehmen können. Jeder Kaufmann über 35 Jahre ohne Vermögen muß es sich reiflich überlegen, nach hier zu fahren, da die Arbeitsmöglichkeiten nicht so gut sind, wie es nach den Berichten der bereits hier Ansässigen oft scheint. Wenn beispielsweise jemand eine Stellung als ungelernter Arbeiter in irgendeiner Fabrik bekommen hat, dann schreibt er oft seinen Angehörigen nach Hause, daß er schon Geschäftsführer ist." Buenos Aires, den 31. März 1938 „Für gelernte Arbeiter wie Schlosser, Maurer, Maler u. a. mehr ist die Beschaffung eines Arbeitsplatzes nicht schwierig, auch gelernte Kellner finden vom ersten Tage an Arbeit. Anders liegt es schon bei den sogenannten Umschichtlern. Hier ist leider oft die Erfahrung gemacht worden, daß sich diese Leute als gelernte Facharbeiter ausgaben und in Wirklichkeit gar keine oder zumindest nur ganz oberflächliche und sehr lückenhafte Ausbildung hatten, obwohl hier bei einer Einstellung auf irgendwelche Zeugnisse wenig oder gar kein Wert gelegt wird. Für Kaufleute, so weit sie sich nicht umstellen können oder über gute Beziehungen verfügen, ist eine Unterbringung schon schwieriger, es sei denn, daß sie über einen guten Sprachschatz in fremden Sprachen verfügen, mit dem hier recht viel erreicht werden kann. Dagegen finden tüchtige und rührige Vertreter stets ein bescheidenes Auskommen. Bei Frauen und Mädels liegt der Fall natürlich ganz anders. Ich möchte behaupten, daß eine Frau, die irgendein Handwerk kann, sich vom ersten Tage an ernähren kann. Ein Unterkommen im Haushalt als Hausangestellte, Kinderhortnerin ist beinahe nur eine Frage von Stunden, auch tüchtige Schneiderinnen, Hutmacherinnen, Friseusen, Maniküren u. a. m. finden stets sofort eine Anstellung. Mir wurde sogar vor einigen Tagen von einem der leitenden Herren des Hilfsvereins gesagt, daß noch immer ein Mangel an weiblichem Hilfspersonal besteht. Allerdings müssen die Mädels, und das möchte ich ausdrücklich betonen, in jeder Beziehung einwandfrei sein, da sonst die Verführung hier im Lande zu groß ist. Leider mußte ich bei meinen Studien, die ich zum Zwecke dieses Briefes machte, auch feststellen, daß man in den verschiedenen Tanzlokalen — wie sie auch immer eingestellt sein mögen — unsere Mädels findet; doch dagegen anzukämpfen, wird wohl vergebliche Mühe sein. Ohne genügend Sprachkenntnisse in die Provinz zu gehen, halte ich für nicht ratsam. Hier im Lande braucht niemand zu hungern; wenn man sich kräftig genug fühlt, findet man auch ein recht gutes Auskommen als Hafenarbeiter beim Ein- und Ausladen der ankommenden Schiffe. Irgendwelche Anstellungen für arbeitslustige junge Leute findet man jeden Tag, allerdings darf man sich dann vor keiner Arbeit schämen." Ueber die Lebenshaltungsformen und -Kosten geben die beiden nachstehenden Berichte interessante AufsclJüsse: Buenos Aires, den 27. April 1938 „Anfangs haben wir einmal geschrieben, daß der Betrag von m$n 120 — der Wert des argentinischen Papierpesos, der die alltägliche Währungseinheit ist, schwankt zwischen 0,63 und 0,77 RM., zur Zeit ist er niedrig — nach unserer Ansicht und für unsere Menschen das Existenzminimum bildet. Diese zunächst flüchtige Ansicht hat sich in der weiteren Ueberlegung und mit der wachsenden Erfahrung ziemlich genau bestätigt. Natürlich ist der Begriff des Existenzminimums von uns nicht als eine statistische, theoretische Zahl, sondern als eine praktische gemeint, und wir verstehen darunter nicht etwa den Betrag, mit dem man in einer Notlage sich über Wasser hält, sondern die Summe, die jeder von uns braucht, um ein normales und auskömmliches Leben zu führen und dabei die dringlichsten Rücklagen für Anschaffungen oder Notzeiten zu machen. Die Kaufkraft eines Papierpesos ist nach unseren Beobachtungen etwa die doppelte wie' in Deutschland, der reale Gegenwert dafür entspricht etwa 1,40 RM. Auch diese Zahl ist keine theoretisch errechnete, sondern sie ist von uns aus der Praxis gewonnen. Etwas unter dem Vergleichswert, der sich so ergibt, liegen die Preise für Lebensmittel, soweit sie hier im Lande produziert werden, etwas darüber für Miete, während Textilien etwa auf dem deutschen Preisniveau liegen, vom Weltmarkt gesehen also keineswegs billig sind. Ein Kilo Fleisch erhält man schon für mSn 0.20, während man für den Vergleichswert von 0.28 RM. natürlich nicht die annähernde Menge erhält. Freilich ist Fleisch besonders billig, in der Regel aber auch von allergeringster Qualität, Mastvieh wird nicht gezüchtet, und für das strähnige Fleisch der argentinischen Rinder ist ja eigens das Corned Beef erfunden worden. Kalbfleisch, wie man es in Deutschland kennt, gibt es überhaupt nicht. Eier kosten 0.60—1.00 m$n das Dutzend, Birnen bester Qualität, wie in Deutschland kaum erhältlich, 0.60 m$n das Dutzend, — argentinische Früchte werden überall, bis hinauf nach Norwegen gegessen und machen dem kalifornischen Obst ernste Konkurrenz — Bananen 0,20 m$n das Dutzend, zu manchen Zeiten auch nur die Hälfte, Aepfel hingegen sind unwahrscheinlich teuer, hier zahlt man für das Dutzend, das ja die übliche Maßeinheit ist, etwa min 1.—, auch bei Früchten inländischer Produktion. Teuer sind Kartoffeln, nicht sehr billig ist die Butter sowie alle Molkereiprodukte, das Kilo Butter kostet min 1.60. Brot und Gemüse sind etwa ebenso teuer wie in Deutschland, immer natürlich nur, wenn man zugrunde legt, daß der Peso die Kaufkraft von RM. 1.40 hat. Die Preise für Wohnungen und einzelne Zimmer liegen außerordentlich hoch. Ein möbliertes Zimmer kostet etwa m$n 35.— im Monat, eine europäischen Ansprüchen genügende komfortable Wohnung von drei Zimmern zwischen min 140.— und 400.— Volle Pension, die Unterkunft und Verpflegung umfaßt, erhält man für min 80. In Ausnahmefällen auch schon für min 60.—. Wir sind so untergebracht, daß auf jeden von uns m|n 52.— entfallen. Recht erheblich sind die Nebenausgaben, mit denen man rechnen muß. Eine Straßenbahnfahrt kostet min 0.10, doch ist die Straßenbahn für eilige und weite Wege ein recht ungeeignetes Verkehrsmittel, das bald eingezogen wird und in acht Jahren völlig verschwunden sein soll. Um ein Reiseziel zu erreichen, muß man meist schon m$n 0.15—0.30 anlegen, unter Umständen noch etwas mehr, und das sind recht erhebliche Unkosten. Die Monatsrechnung eines jeden von uns stellt sich normalerweise so dar, daß er für Unterkunft und Verpflegung in der Pension, ferner für gemeinsam gekaufte ergänzende Nahrungsmittel etwa min 56.— zu zahlen hat, weitere min 4.00—5.00 für Gemeinschaftsunkosten wie Zeitungsabonnement, Porti für gemeinsame Briefe, Kulturgemeinschaftsbeitrag; Fahrgelder in gemeinsamen Angelegenheiten, ferner für Heimsteuer einen Betrag, der sich nach den Einnahmen bemißt und von Vä bis 3y2o/o gestaffelt ist, Fahrgelder zur Berufsstätte etwa min 12.—, sonstige Nebenausgaben wie Wäsche, Schuhsohlen, private Porti und Fahrgelder, Zigaretten usw. noch weitere min 10.—. So stellen sich die Lebenshaltungskosten bei unserer sehr sparsamen und straffen gemeinsamen Lebensführung auf etwa min 83.—. Dieser Betrag liegt um wenigstens min 20.— unter dem, was ein Einzelner bei etwa gleicher Lebenshaltung benötigen würde, und wir glauben, daß sich die Verhältnisse noch günstiger gestalten, wenn wir erst gemeinsam das Heim bewohnen. Vielleicht werden wir dann nicht noch Einsparungen machen, aber die eintretende Verbilligung zur Aufbesserung der Nahrung und zur Steigerung der hygienischen Sorgfalt verwenden können." Buenos Aires, im Januar 1938 „Wie du weißt, haben wir uns sehr gut und schnell eingelebt. Im Anfang ist das ja nicht so leicht, wenn man nicht mehr jung ist, aber mit gutem Willen geht alles. Buenos Aires ist eine ungeheuer interessante Stadt mit riesigem Geschäftsleben, es ist alles vorhanden. Wenn Leute sich drüben einbilden, hier etwas Neues zu bringen, irren sie sich; man hat eben alles und wartet nicht auf uns. Junge Leute finden immer 16