Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 94 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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lisch und spanisch sprechen können und auch leicht Anschluß bekommen. Wenn sie die Sprache beherrschen und mehr verdienen, tun sie sich gewöhnlich zu einer „Messe" zusammen; d. h. drei oder vier Junggesellen mieten sich ein Häuschen und bilden einen gemeinsamen Haushalt. Ehepaare wohnen billiger im boarding-house oder in spanischen Familien und mieten sich später bei besserem Einkommen ein kleines Häuschen. Der elektrische Strom ist in Manila Wechselstrom von 220 Volt. Das gilt auch für die nähere Umgebung. In den Provinzen ist es verschieden, und ich kann Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben. Die Kleidung ist, dem Klima entsprechend, so leicht als möglich. Herren tragen weiße Waschanzüge und Damen Kleider, die jederzeit gewaschen werden können. Hauptbedingung ist, daß alles leicht und gut waschbar ist, da man durchschnittlich täglich die gesamte Kleidung wechselt. Die Haushaltung s f ü h r u n g ist ähnlich wie in Deutschland, nur daß man hier sehr viel Obst ißt und viel Flüssigkeit wegen der Hitze zu sich nimmt. Die Preise sind durchschnittlich niedriger als die Lebensmittelpreise in Deutschland. Allerdings gibt es hier nicht so gutes Fleisch, was man aber durch das viele Geflügel und Fische vollkommen ausgleichen kann. Ich möchte nun noch einmal kurz zusammenfassen, wer für die Auswanderung nach hier in Frage kommt. Gesunde, junge Leute, sprachkundige Kaufleute und kaufmännische Angestellte, Ingenieure und Metallmechaniker, die Geld haben, um einige Monate hier durchzuhalten. Eine sehr eingehende Schilderung der Lebensverhältnisse bringt ein Brief eines Auswanderers aus Deutschland an Freunde, die auch nach den Philippinen auswandern wollen. Manila, den 10. Juni 1937 Ich bitte euch, nicht zu große Hoffnungen zu haben, denn aller Anfang ist schwer und es dauert eine ganze Weile, bis man sich durchkämpft und man muß auch hart arbeiten. Hier ist auch nicht das Land, wo Milch und Honig fließt. Ich will nun euren Brief klar und ausführlich beantworten. 1. Wohnverhältnisse. Man wohnt in Bungalows von zwei, drei und vier Zimmern mit Garten und Garagen. Es kommt nun darauf an, wo man wohnt. Wohnt man im amerikanischen Viertel, muß man für solch Häuschen 75 Pesos bezahlen. Aber ein bißchen mehr draußen, wo mehr Eingeborene wohnen Und es natürlich nicht so sehr sauber ist wie in dem anderen Viertel, kriegt man sehr hübsche, zum Teil neugebaute Bungalows für 35—40 Pesos. Augenblicklich ist es schwer, ein Haus zu kriegen, obwohl andauernd gebaut wird, z. T. entzückende kleine Schlößchen, wie man sie noch nicht mal im Villenviertel im Grunewald findet. Das sind natürlich die reichen Filipinos, die sich das leisten. Ihr werdet staunen, wenn ihr das seht. 2. Die Lebensmittel sind sehr billig. Ein lebendes Huhn kann man von 50—90 Centavos kaufen. Auf dem Markt, wo es wirklich kein Vergnügen ist hinzugehen und an dessen Gestank man sich erst langsam gewöhnen muß, muß man den Leuten immer die Hälfte bieten. Wir kaufen ja fast alles im Coldstore („Kühlhaus"), wo alles unter Eis gehalten wird mit riesigen Frigidaires. 1 Kilo Rindfleisch zum Kochen — 60 Cts., zum Schmoren 1,20 Pesos, 1 Kilo Kalbsbrust — 55 Cts., 1 Kilo Gehacktes — 60 Cts., Eier Stück 3 Cts., i/2 Pfund Butter — 32 Cts., Brötchen, 6 Stück — 5 Cts. Und dann das billige Obst. Eine große Ananas — 25 Cts. Ihr seht, es ist alles sehr billig und trotzdem geht das Geld doch weg. 3. Klima- und Gesundheits Verhältnisse. Es ist hier ausgesprochenes Tropenklima. Im März beginnt die heiße Zeit und dauert bis Juni resp. Juli, dann regnet es andauernd bis September resp. Oktober, und danach ist die schönste Zeit, wo man es schon aushalten kann. Es ist dann ungefähr wie das Frühjahr in Deutschland. In den Nächten ist es dann kühl und man braucht warme Schlafdecken zum Z\idecken. Inzwischen haben wir dann die Taifune, die aber meistens nur aus sehr starkem Regen bestehen. Man muß hier mit der Lebensweise sehr vorsichtig sein, da viele Weiße an den Organen erkranken. Mein Magen ist auch sehr empfindlich geworden, jedoch lebe ich dementsprechend. Aber es gibt hier sehr viele Doktoren und unendlich viele Apotheken in ganz großem Stil. Wenn man einigermaßen in der Lage ist, fährt man nach zirka dreijährigem Hiersein ins Gebirge, was mit dem Auto in 7 Stunden zu erreichen ist, oder nach China (zirka 3 Tage von hier mit dem Schiff nach Hongkong oder Shanghai), um das Blut aufzufrischen. 4. Elektrische Artikel würde ich mitnehmen, auch sogar einen Staubsauger. Die reichen Leute benutzen auch einen, aber wohl nur die Amerikaner und Deutschen. Der Strom ist 220 Volt; Wechselstrom. 5. Kochen kann man wie man will. .Gas oder elektrisch. Wir kochen auf Gas. 6. Viel Geschirr mitbringen, lohnt sich nicht, da man hier die japanischen Artikel sehr billig kauft. Die Töpfe sind aus Aluminium, die man aber auch hier schon sehr billig kaufen kann. Quirle und solche Artikel kann man auch mitbringen, aber im amerikanischen Hardwarestore (Eisenwarenladen) bekommt man das alles, wenn auch vielleicht etwas teuer. Es gibt auch verschiedene Artikel aus Deutschland hier. 7. Waschgefäße mitzubringen ist vollständig überflüssig. Wäsche wird hier gar nicht gekocht, sondern zweimal kalt gewaschen und in die brütende Sonne zum Bleichen gelegt, sieht aber trotzdem ganz sauber aus. Dazu benutzt man ein flaches, einheimisches Gefäß aus Zink, das etwa 1 Peso kostet. 8. Photoapparate, Feldstecher, Grammophone, Toiletteartikel empfehle ich mitzubringen. Nähmaschinen „Singer" gibt es für zirka 25 Pesos gebraucht zu kaufen. Man kann schon für 50 Pesos einen Radioapparat auf Abzahlung kaufen. 9. Ein Fahrrad (gebraucht) mitzubringen, halte ich für angebracht. Man sieht zwar wenig weiße Männer auf dem Fahrrad, aber das hat nichts zu sagen. Meist fahren junge Burschen damit herum. 10. Jüdisches Gemeindeleben. Wie ich gehört habe, sollen zirka 400—500 Juden hier sein. Fast alle sind stark assimiliert, und es ist sehr schwer, Freitagabend ein Minjan zusammenzukriegen. Wir haben einen sehr schönen Tempel, der vor etwa 3 Jahren erbaut wurde. Es ist nur klein, aber sehr hübsch. Leider ist er meistens geschlossen, da kein Chasan und kein Rebbe da ist. Es wird nach östlichem Ritus gebetet, da die meisten Juden von Rußland oder Polen hergekommen sind. 11. Landkauf. Land kann man schon kaufen. In der City ist der Boden natürlich sehr teuer, 20—50 Pesos und mehr pro Quadratmeter. Weiter draußen kann man für 5 Pesos, ja sogar schon für 2 Pesos etwas kaufen. Natürlich ist es billiger, je weiter man hinauskommt. Man kann hier vollständig eingerichtete Häuser mit Linnen und Geschirr und allem leichter mieten als unmöblierte. Euren Plan, mit einigen Bauhandwerkern aus Berlin eine Fabrikation von Baumaterialien auf eigenem Grundstück hier zu gründen, halte ich für sehr gut, da hier im letzten Jahr so stark gebaut wurde, daß ich mitunter infolge der steten Bauveränderungen eine Stadtgegend innerhalb einer kurzen Zeit nicht wiedererkannte. Die Häuser hier sind von Holz, Beton und Mauersteinen. Sogar Hochhäuser kann man schon vereinzelt sehen. 12. Bekleidung. Bringt nur Sommerkleidung mit, auch eine leichte Wollweste und leichte Pullover, wie man sie im Sommer trägt. Strümpfe trägt man hier wenig, aber braucht sie doch. Es gibt große Geschäfte, wo man seidene Unterwäsche und alle Sachen kaufen kann. Seidenmantel oder Jacke genügen vollständig für die kalte Jahreszeit. Für die Reise sind Hosen für die Damen sehr angebracht, lange und kurze. Hemdhosen halte ich für zu warm. Man trägt bloß ein kleines kurzes Höschen, Unterkleid und nur dünne Kleider. Hier ist Material sehr billig und man kriegt schon bei einer philippinischen Schneiderin ein Kleid für 1—2 Pesos gemacht. Aber man braucht viel auf dem Schiff zum Wechseln. Die Mode ist ähnlich der Mode in Deutschland. Ich würde keine Möbel mehr mitnehmen; es gibt sehr nette Möbel auch hier zu kaufen: Gute Metallbettstellen für zirka 35 Pesos mit Matratze, Schränke für 35—80 Pesos, auch sehr hübsche Frisiertoiletten für 35 Pesos. 13. Handwerkszeug. Es gibt hier sehr billig das japanische Handwerkszeug zu kaufen, das aber bekanntlich nicht viel taugt. Das gute Werkzeug, das wohl aus Amerika oder Deutschland kommt, ist teuer. 14. Gründungen. Ob sich ein Modellputzgeschäft lohnt, weiß ich nicht genau, glaube aber ja, da sehr viele deutsche Frauen hier sind. Als ich einmal zu einem Ausverkauf war, hörte ich alles um mich deutsch sprechen. Für gute Maß Schneiderinnen (eleganten Genres) gibt es eine aussichtsreiche Zukunft. 15. Geselligkeit. Mit der Geselligkeit ist hier nicht viel los; das ist wohl auch der Grund, warum man viel in Familien ist. Ein ständiges Theater gibt es nicht, dafür aber viele und sehr schöne Kinos, wo man hingeht, wenn man sich erfrischen und abkühlen will, da es dort sehr kühl ist. Auch viele Schwimmbäder gibt es, und alle Sonntagnachmittag auf freiem Platz von 6—7 Uhr öffentliche Konzerte. Ein großes Stadion ist. auch hier. Ich hoffe, daß ihr nun zufrieden seid mit meinem Brief." Aus der neuesten Zeit stammt folgender Bericht über die Hilfstätigkeit einer kleinen einflußreichen Gruppe ansässiger Juden. Manila, den 12. März 1938 „In Beantwortung Ihres Schreibens möchte ich Ihnen mitteilen, daß der Absender dieses Briefes versucht hat, Einzelne, deren Begabung und Beruf ihnen die Arbeit hier ermöglicht, 94