Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 74 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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37 Jahre alt und kinderlos verheiratet, sprach und schrieb englisch „nicht ganz fließend". Der aus Deutschland kommende Fleischer, bemerkt er, müsse völlig umlernen, doch seien Arbeitsmöglichkeiten für Einwanderer aus Deutschland gegeben. Er verdient § 10 wöchentlich und hat freie Verpflegung. Für ein Zimmer zahlt er $ 2 wöchentlich. Sehr pessimistisch ist der nachstehende Bericht eines Kaufmanns gestimmt, mehr als uns objektiv geboten erscheint und als auch die anderen Berichte besagen. Auch dieser Auswanderer ist in New York hängen geblieben! Auch sonst hat er manche typisch irrige Auffassungen; er sieht nicht, daß Umstellung meist unvermeidlich ist, und daß das frühere berufliche und wirtschaftliche Niveau nicht zum Muster genommen werden kann. Wir geben trotzdem Teile des Briefes wieder, weil wir auch diese warnende Stimme nicht unterdrücken wollen. New York (NY.), 20. Dezember 1937 „Es ist außerordentlich schwer, hier Fuß zu fassen, und Sie können diese Tatsache gar nicht ernst genug schildern, damit nur ja niemand mit irgendwelchen Illusionen hierher kommt, um nachher um so mehr enttäuscht zu werden. Es ist ganz unglaublich, und die Tatsachen stehen gerade im entgegengesetzten Verhältnis zu den Hoffnungen, die sich viele von USA. machen. Vielleicht bin ich später einmal in der Lage, günstigere Berichte zu senden, aber die inliegende Schilderung entspricht der hiesigen wirtschaftlichen Lage und den bisherigen Erfahrungen ... Die wirtschaftliche Lage hat sich nach den letzten Ereignissen an der Börse hier wesentlich verschlechtert, und es ist für Kaufleute fast unmöglich, ein Unterkommen hier zu finden. Es ist unwesentlich, welche Stellung man früher bekleidet hat und über welches Fachwissen man verfügt. Dieses Wissen wird hier zum alten Eisen geworfen, weil überall „american experience" verlangt wird, wenn überhaupt Verhandlungen über eine Anstellung zustande kommen. Di« allgemeine Arbeitslosigkeit ist riesengroß, und es werden zur Zeit eher Entlassungen als Neueinstellungen vorgenommen. Die jüdischen Institutionen sind machtlos, und die Zahl der Neueingewanderten vergrößert sich von Tag zu Tag. Die meisten bleiben außerdem in New York, weil vielfach ihre Verwandten oder Bürgen hier wohnen und sie sich von dieser Basis als wirtschaftliche Stütze im Falle der Arbeitslosigkeit nicht gerne entfernen. Im Lande dürfte allerdings die wirtschaftliche Lage keine andere sein. Ich selbst habe nach 3 Monaten eine Aushilfsstellung in einem großen Warenhaus, allerdings nur bis Weihnachten, bekommen, und zwar als Lagerboy in der Spielwarenabteilung. Es ist eine ganz untergeordnete Beschäftigung, die keinerlei Anforderung an den Geist, dafür aber um so mehr an die Körperkräfte stellt, wovon der ungeübte Kaufmann im allgemeinen wenig besitzt____ In ,meinem' Warenhaus ist eine Reihe von Juden aus Deutschland, die früher in repräsentablen Stellungen waren und jetzt den Besen als Hausdiener, sog. ,porter', schwingen müssen oder sonst eine Arbeit auf dem Niveau unseres ungelernten Arbeiters verrichten. So fangen alle an, und diejenigen, die ein besseres Los erwischen, zählen zu den Ausnahmen. Die härtesten Anforderungen an Arbeitskraft und Arbeitszeit stellt der Beruf der ,dishwasher' (Tellerwäscher) in den großen Restaurants, und es sind viele, die notgedrungen auch diese Arbeit verrichten, obwohl sie früher niemals an eine solche Tätigkeit gedacht hätten. ... Es ist, wenn einmal der Anfang in einer solch kleinen Stellung gemacht ist, ein weiter und beschwerlicher Weg bis zu der Stufe, auf der man früher gestanden hat. Nur wer in ganz jungen Jahren herüberkommt, wird dieses Ziel vielleicht einmal erreichen. Wichtigste Voraussetzung ist natürlich die Sprache. (Das betont und begründet er sehr eindringlich und fährt dann fort:) Die arbeitsrechtlichen Verhältnisse sind recht übel. Kündigung ist tägliche, Arbeitszeit und Lohn sind nur zum Teil geregelt. Die Unions (Gewerkschaften) versuchen, für ihre Mitglieder günstigere Arbeitsbedingungen hinsichtlich Stundenzahl wie auch Entlohnung durchzusetzen. Sie tun dies mit wachsendem Erfolg, teils im Wege von Streiks, und maßgebende Betriebe haben Abmachungen mit ihnen getroffen, so daß Mindestlöhne und die 40-Stunden-Woche eingeführt sind, ebenso Regelungen hinsichtlich bezahlter Urlaubszeit. Die tägliche Kündigung hat natürlich zur Folge, daß Abwesenheit infolge Krankheit im allgemeinen nicht bezahlt wird (Ausnahmen gibt es allerdings), daß eine Massenbewegung auf dem Arbeitsmarkt herrscht und von einer Berufsbeständigkeit des einzelnen Arbeitnehmers nicht die Rede sein kann. Die Not der plötzlichen Arbeitslosigkeit zwingt jeden, das erste Beste zu nehmen, was sich gerade bietet, — wenn sich überhaupt etwas bietet. Für Handwerker ist es wesentlich leichter, ein Unterkommen zu finden. Für Frauen gibt es überhaupt keine Schwierigkeiten, sofern sie bereit sind, in einen Haushalt zu gehen. Eine solche Stellung bringt bei freier Wohnung und Verpflegung monatlich etwa $ 50. Kinderlose Ehepaare helfen sich vielfach über die Schwierigkeiten der ersten Zeit hinweg, indem die Frau eine solche Stellung oder eine Tätigkeit als Näherin oder Stickerin in einem gewerblichen Betriebe annimmt. Wenn der Ehemann dann dazu noch Beschäftigung bekommt, so ergibt sich insgesamt, wenn er auch nur $ 20 pro Woche bekommt, ein Einkommen, aus dem noch Ersparnisse bzw. Anschaffungen gemacht werden können." Ueber die Voraussetzungen der wirtschaftlichen Eingliederung —■ die Arbeitsmöglichkeiten für jüdische Einwanderer aus Deutschland, die Notwendigkeiten beruflicher Umstellung usw. — ist in den bevorstehenden Briefen und Fragebeantwortungen schon mancherlei gesagt. Bei der Größe und Vielgestaltigkeit des Landes können solche Angaben in der Regel nur örtliche, kaum allgemeinere Geltung haben. Fast selbstverständlich ist es, daß ältere Menschen sehr schwer kämpfen müssen, vor allem, wenn ihnen sonst noch Voraussetzungen fehlen, die wesentlich für die Vereinigten Staaten sind. So schreibt z. B. ein früherer Handelsvertreter der Tabakbranche, der durch einen persönlichen Wohltäter eine Beschäftigung als Lagerarbeiter in einer Konservenfabrik mit einem Wochenlohn von $ 16 (für eine vierköpfige Familie) gefunden hat: „Für Einwanderer in meinem Lebensalter (48 Jahre), sprachunkundig, ohne handwerklichen oder sonstigen Spezialberuf, ist es besonders schwierig, hier auch die bescheidenste Arbeitsstelle zu erlangen. Nur durch besonders gute persönliche Beziehungen besteht einige Aussicht dazu. Der gute Wille allein zu körperlicher, oft recht schwerer Arbeitsleistung genügt nicht. Gute körperliche und gesundheitliche Konstitution ist Grundbedingung." Jedenfalls haben Handwerker bessere Aussichten als Kaufleute. Hierzu eine Beobachtung, die in einem Brief aus New York vom 15. Dezember 1937 mitgeteilt wird: „Folgende Handwerker sind täglich in den Zeitungen gesucht: Friseure (Dauerwellen), Bäcker und Konditoren, Maler, Tapezierer, Köche. Diese Berufe erscheinen am häufigsten unter den Stellenangeboten, und es ist Tatsache, daß gute Handwerker gut verdienen in New York. Werkzeug mitzubringen ist m. E. ratsam. Es gibt eine Schwierigkeit für Handwerker hier, und das ist die Mitgliedschaft bei einer Gewerkschaft, der sogenannten „Union", in welcher die Arbeiter des betreffenden Handwerkszweiges organisiert sind. Es gibt nur wenige Fabriken in einer ,unionisierten' Branche, welche unorganisierte Arbeiter beschäftigen können; den meisten Betrieben ist nur erlaubt, Union-Mitglieder aufzunehmen. Diese Mitgliedschaft zu erwerben ist nicht ganz einfach und erfordert oft längere Zeit." (Manche Gewerkschaften sollen auch sehr hohe Eintrittsgelder verlangen.) In einem anderen Bericht vom 27. April 1937 ist die gleiche Ansicht wiedergegeben. „Tüchtige umgeschichtete Handwerker haben gewisse Aussichten, vor allem Tischler und Polsterer. Nur ca. 50 o/o der Handwerker sind in Innungen zusammengeschlossen, Y!#?ZrfVl,//von WOLFF & LEONHARDT „Fotodienst" //^^SWW |nh. KURT WOLFF Sämtliche Markenkameras: ROLLEIFLEX . CO N TAX PASSBILDER PORTRÄTS für Auswanderer Gegründet 1906 BERLIN-WILMERSDORF, BERLINER STRASSE 129 Telefon 862944 74