Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 59 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne Garnierung und an den Sehmalseiten mit einem 8—10 cm breiten Saum gearbeitet. — Hinsichtlich der Tischwäsche gilt die gleiche Geschmacksrichtung wie in Deutschland. Die Lebenshaltung eines Junggesellen in einer amerikanischen Großstadt schildert sehr interessant der folgende Brief: „Sie möchten von mir etwas darüber hören, wie ein ,möblierter Herr' oder eine ,möblierte Dame' in den amerikanischen Großstädten, insbesondere in New York, lebt. Wer sich keine eigene Wohnung leisten kann, geht in ein Rooming-House; er wird ein ,Roomer'. In New York gibt es Millionen dieser Rooming-Houses: jemand, der die entsprechenden Möbel hat, mietet eine Reihe von Appartements in einem Hause, manchmal auch das ganze Haus; er vermietet dann die einzelnen Zimmer dieser Appartements weiter. Der Mietpreis solcher Zimmer schwankt von $ 5—10 die Woche, je nach Lage, Größe und Einrichtung des Zimmers, auch mit Rücksicht darauf, ob der Roomer ein privates Badezimmer hat oder dieses Zimmer mit andern Roomern teilt. Für ein geräumiges Zimmer in einer guten Gegend muß man ungefähr $ 8 die Woche rechnen; aber man kann natürlich auch etwas billiger und trotzdem ganz ordentlich wohnen, besonders dann, wenn man viel Zeit hat und außerhalb wohnt, so daß man eine lange Fahrt in der Subway (Untergrundbahn) hat. Bei den Zimmern ist ,service included', d. h. es wird Bettwäsche geliefert, ebenso Handtücher (sehr reichlich), und das Zimmer wird aufgeräumt, allerdings nur an Wochen- , tagen; an Sonntagen kommt kein dienstbarer Geist, und man macht sein Bett selbst. Die Zimmer sind meistens recht behaglich eingerichtet. Zur Schlafgelegenheit dient eine ,studio-couch', ein breites Sofa mit vielen Kissen, das mit zwei Handgriffen in ein sehr schönes Bett verwandelt wird. Den Roomern steht die Benutzung einer vollständig eingerichteten Küche frei; sie finden dort alles Geschirr, einen Herd, einen Spültisch, aUes, was man eben braucht. Außerdem hat jeder seinen Platz im Eisschrank. Man kann also dort sein Frühstück kochen (Männer tun es meist nicht, weil sie zu faul sind); man kann abends sein dinner kochen, sehr viele Ehepaare tun dies jeden Tag. Wenn man fertig ist, wäscht man sauber ab und bringt wieder alles für den Nächsten in Ordnung. Auf dem Korridor ist ein Telephon-Automat. Wenn angerufen wird und der betreffende Roomer gerade nicht zu Hause ist, geht irgend jemand an den Apparat und schreibt auf einen bereitliegenden Zettel die Bestellungen auf. Die verschiedensten geschäftlichen, persönlichen und oft sehr persönlichen Aufträge werden auf diese Weise entgegengenommen und liegen auf dem Tischchen im Korridor für den Betreffenden aus. Das ganze Leben in der gemeinsamen Küche, bei der Benutzung des gemeinsamen Badezimmers und der Bedienung des Telephons spielt sich in außerordentlich netter und rücksichtsvoller Form ab. Jeder sucht dem andern gefällig zu sein, soweit er irgend kann. Das Wort .Cooperation' ist das meistbenutzte Wort in diesem Lande. Ist jemand in den Appartements, der sich nicht in die Ordnung fügen will oder schlechte Manieren hat, so wird er nicht lange dort wohnen bleiben. Fast jeder hat ein Radio in seinem Zimmer; für $ 10 bekommt man schon einen sehr anständigen Apparat. Wenn der Nachbar anklopft und um Ruhe bittet, weil er Kopfschmerzen hat, werden sofort in allen umliegenden Zimmern die Radios verstummen.! I| f| So ist das Leben in einem Rooming-House in vielem verschieden von den ,möblierten Zimmern', die wir kennen. Man ist viel mehr Herr in seinen eigenen Räumen bei freiwilliger Unterordnung unter die Bedürfnisse der Gemeinschaft." V. Das jüdische Leben A. Einwanderung und Judenfrage in den Vereinigten Staaten I. Eine Auseinandersetzung mit der Judenfrage in den Vereinigten Staaten ist in doppelter Hinsicht wertvoll. Denn einmal lebt fast ein Drittel der jüdischen Gesamtheit (worunter wir hier immer nur die Glaubensjuden verstehen) in diesem gewaltigen Lande, — und zwar dasjenige Drittel, das schon durch seine wirtschaftliche Kraft für das Schicksal auch der Juden in anderen Ländern oft entscheidende Bedeutung erlangt hat; man denke nur an die gewaltigen Summen, die von den amerikanischen Juden nach dem Weltkrieg zur Linderung des jüdischen Elends in Polen und anderwärts aufgebracht wurden. Schon deshalb müßte jeder, der das Schicksal der Juden in der heutigen Welt verstehen will, sich vor allem mit Judentum und Judenfrage in den Vereinigten Staaten vertraut machen. Darüber hinaus aber ist das Verständnis der amerikanischen Judenfrage noch aus einem allgemeineren Grunde höchst wertvoll. Ist doch die Judenfrage eines jeden Landes in vieler Hinsicht ein Spiegelbild seiner gesamten politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und religiösen Verhältnisse. Denn das jüdische Leben spielt sich gleichzeitig auf all diesen Gebieten ab und wird infolgedessen von ihren Strömungen beeinflußt; und dementsprechend wird die Judenfrage — also das Verhältnis derJuden zur übrigen Bevölkerung — nur dann verständlich, wenn man auch den gesamten Hintergrund des jüdischen Lebens wenigstens in seinen Grundzügen versteht. Für niemanden aber ist ein solches Verständnis wichtiger als gerade für den Einwanderer, der das Land zum erstenmal betritt und mit jedem Tag mehr erkennen muß, daß Amerika tatsächlich auch noch heute eine „Neue Welt" ist, in der alles, auch das scheinbar Aehnliche, im Wesen doch grundverschieden ist von den entsprechenden Erscheinungen Europas. Und so weist auch die Judenfrage der Vereinigten Staaten völlig einzigartige Züge auf, die nur aus der Struktur der amerikanischen Gesellschaft einigermaßen verständlich werden. II. Noch um das Jahr 188 0, als die Vereinigten Staaten bereits ein mächtiges Land mit einer Bevölkerung von etwa 50 Millionen Einwohnern waren, gab es dort kaum eine Judenfrage. Die Zahl der Juden betrug damals wohl etwa 200 000; diese waren zum kleineren Teil sephardischer Abstammung, d. h. sie waren Abkommen spanischer und portugiesischer Juden, die auf mancherlei Umwegen im 17. und 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten gekommen und längst innig mit dem Land verwachsen waren. Diese sephardischen Juden bilden heute eine verschwindende Minderheit innerhalb des amerikanischen Gesamtjudentums, spielen aber in gesellschaftlicher Hinsicht oft eine führende Rolle; sie gelten gewissermaßen als jüdische Aristokratie. Viel zahlreicher als diese Gruppe waren schon um 1880 die Juden, die im Laufe des 19. Jahrhunderts aus Deutschland eingewandert waren, und die heute ebenfalls in ganz ausgesprochener Weise gesellschaftlich zur jüdischen Oberschicht zählen. Diese Juden aus Deutschland waren zum Teil aus Posen und Schlesien, wohl zum größeren Teil jedoch aus Süddeutschland nach den Vereinigten Staaten gekommen, und insbesondere unter den letzteren waren viele Männer von Bildung und Wohlstand. Naturgemäß waren die in den vorhergehenden Jahrzehnten aus Deutschland eingewanderten Juden noch nicht so mit den amerikanischen Verhältnissen verwachsen, wie es etwa bei der kleinen Gruppe der sephardischen Juden der Fall war; aber auch sie paßten sich verhältnismäßig leicht dem Leben in der Neuen Welt an. Die soziale Struktur des Landes war damals davon bestimmt, daß die überwiegende Bevölkerungsmehrheit aus nord- und westeuropäischen Ländern stammte, nämlich vor allem aus England, Schottland, Irland, Deutschland, den skandinavischen Ländern, und zum kleinen Teil DAS WESTDEUTSCHE OPTIK- UND PHOTOHAUS J. SALOMON ,, DÜSSELDORF seit 1808 seit 1808 Blumenstraße 24 5 Min. v. d. Bahn, 1 Min. von der Stadtmitte Zelß-Punktalgläser In der neuen Brillenform Lieferant aller Krankenkassen 59