Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 31 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492429-9991067-9588052--621-9588087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2. Trotz aller Verschiedenheit der Herkunft ist dieser Mittelstand in seiner Lebensauffassung wesentlich englisch; die Assimilationskraft des Angelsachsentums auf dem amerikanischen Kontinent, verstärkt durch ein dichtmaschiges Netz von Schulen, Volksbibliotheken und Einrichtungen der Erwachsenenbildung, hat Wunder getan. Gewiß will man die Unabhängigkeit von England deutlich unterstreichen, und Mißtrauen gegen England ist durchaus häufig, aber das wird mehr als Meinungsverschiedenheit zwischen Familienmitgliedern empfunden. Im Grunde betrachtet man die englische Geschichte als einen Teil der eigenen, die englische Kultur als die Grundlage der eigenen, und sieht Europa wesentlich durch englische Augen. Das gilt für die Nachkommen polnischer Juden nicht weniger als für die von Deutschen, Skandinaviern und Franzosen. Im Westen fängt es sogar an, für die zweite Generation von Japanern und Chinesen zu gelten. ,3. Englisch ist am Amerikaner vor allem die Bereitschaft zum Kompromiß, in privaten wie in öffentlichen Dingen. Die amerikanische Verfassung ist aufgebaut auf dem Prinzip, daß zwischen Präsident, Parlament und Oberster Richterschaft ein dauernder Kompromiß gesucht werden muß; sie ist herausgewachsen aus den leitenden Ideen der englischen Geschichte in Anwendung auf ein Land, das noch keine starke Tradition hatte und in dem daher nicht mit Selbstbeschränkung der regierenden Partei zu rechnen war. 4. Dieser englischen Tendenz zum Kompromiß wirkt entgegen, daß der Amerikaner eine starke Neigung hat, Dinge zu Ende zu denken, dabei die Voraussetzungen entgegen der Wirklichkeit zu vereinfachen, und dann ohne viel Bedenken praktische Folgerungen zu ziehen. Die amerikanische Politik der letzten Jahrzehnte bietet viele Beispiele. Rückschläge entmutigen ihn nicht leicht; der Mensch kann sein Schicksal gestalten, also versucht man es eben mit einem anderen Weg, wenn der eine nicht zum Ziele geführt hat. Dieser Optimismus der Tat bedingt nicht notwendig eine individualistische Einstellung; mehr und mehr bricht die Auffassung durch, daß viele Probleme vom Einzelnen nicht lösbar sind; aber dann kann eben die Gruppe oder die Nation sie lösen. 5. Wenn sich politische oder soziale Schwierigkeiten zeigen, so ist der Amerikaner geneigt, sie in der „wickedness" von Personen zu suchen. Wickedness ist unübersetzbar, es bedeutet mehr als Schuld und weniger als Verworfenheit. Diese Tendenz, Individuen für soziale Uebel zur Rechenschaft zu ziehen, auch wo diese Uebel aus geschichtlichen Verhältnissen herausgewachsen sind, steht im Widerspruch zu dem humanitären Optimismus des Amerikaners: dem Glauben, daß der Mensch von Natur aus gut ist, daß er durch vernünftige Belehrung und fairness der Behandlung auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. 6. Der Amerikaner hat einen tiefen Glauben an die Wirksamkeit des Lernens und Lehrens. Er fühlt nicht den Verdacht, daß Lernen tote Wissensanhäufung sein könnte; die amerikanische Schule leidet darunter, daß er dieses Mißtrauen zu wenig kennt. Er fürchtet auch nicht, daß er seine Lebenskraft durch einen Ueberintellektualismus gefährden könnte; vielleicht kommt das daher, daß er sehr viel Lebenskraft in sich fühlt. Der Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft ist zwar bekannt, führt aber (trotz des berühmten Affenprozesses in Dayton) zu verhältnismäßig wenig Konflikten, weil der Schwerpunkt des Religiösen von den führenden kirchlichen Kreisen nicht mehr auf Dogmatik, sondern auf Sozialethik gelegt wird. 7. Der Amerikaner ist kein Materialist, wenn man darunter einen Menschen versteht, dem es vor allem ums Geld zu tun ist. Materielle Motive werden vielleicht mehr zugestanden als anderswo, was aber nicht heißt, daß sie stärker sind. Der amerikanische Snob lebt in seinen eigenen Kreisen; dem Multimillionär gibt die Vielzahl seiner Millionen eine Ueberlegenheit unter Millionären; bei den Massen trägt sie ihm mehr Haß als Ansehen ein, wenn er das nicht durch besondere persönliche Eigenschaften oder durch besonders geschicktes Auftreten auszugleichen weiß. Die Summen, die für Zwecke eines „unpraktischen" Idealismus ausgegeben werden, sowohl von privaten wie von den öffentlichen Kassen unter Billigung der Steuerzahler, sind auch im Verhältnis zum Reichtum des Landes ungeheuer. 8. Der Amerikaner liebt das quantitative Denken; darin mag man eine Verwandtschaft zum Materialismus entdecken. Er schließt manchmal die Augen vor Dingen, die sich nicht quantitativ ausdrücken lassen. Das bewirkt, daß im typischen Weltbild des Amerikaners sehr wesentliche Züge fehlen. Auf der anderen Seite gibt es seinem Denken ein hohes Maß von Klarheit und Ehrlichkeit, weil eben der Verzicht auf den Ausdruck des nicht quantitativ Erfaßbaren auch viele Schlupfwinkel geistiger Unehrlichkeit verschließt. 9. Der Amerikaner ist äußerlich formlos, aber er ist sehr darauf bedacht, die Gefühle seiner Mitmenschen zu achten. Er respektiert die Lebenssphäre des anderen. Er will ihn nicht mit seinen eigenen Sorgen belasten, soweit es nicht unbedingt erforderlich ist, und hat auch eine Abneigung, tiefe Gefühle zu zeigen. Das wirkt oft sehr wohltuend, aber macht es schwierig, menschliche Beziehungen zu vertiefen. Zusammen mit dem geringen Verbreitungsgrad einer Kultur des Gesprächs führt die Zurückhaltung oft zu einer Oberflächlichkeit des geselligen Lebens, die der Qualität der Menschen nicht entspricht. Die Folgen sind teils grobe Veräußerlichung der Geselligkeit (Verbreitung der Gesellschaftsspiele unter Erwachsenen), teils übermäßige Intellektualisierung (Klubvorträge, oft schweren Kalibers, statt wirklichen Gesprächs). 10. Man kann diese Dinge vielleicht am besten so zusammenfassen: Der Amerikaner lebt in der geistigen Welt des 19. Jahrhunderts, obwohl er über die Maschinen und technischen Bequemlichkeiten des 20. in vollständigerer Weise verfügt als der Bürger irgendeines anderen Landes. Der Amerikaner ist unter der Decke von Technik, Konvention und Wettbewerb ein sehr natürlicher Mensch, mit starken Instinkten der Hilfsbereitschaft. Er ist in. jedem Sinn jünger als der Europäer, d. h. er hat größere geistige Stoßkraft, aber seine Haltung zu vielen Lebensproblemen erscheint dem Europäer als ein Ausdruck von Unerfahrenheit. Dem elementaren Willen zur Bildung fehlt vielfach noch das Wissen um die richtigen Zugänge. E. OAERTWER «fe Co., mibh. INTERNATIONALE SPEDITION Vom Hechaluz empfohlen Hamburg* 1 Altstädter Straße 17 Fernsprecher 33 16 00 33 16 08 33 16 09 Umzüge u. Gepäcktransporte nach dem Auslände