Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Städte weniger daher kommt, daß Personen aus dem unwirtlichen Innern, etwa aus der Einsamkeit der großen Schafstationen des Nordens, die Flucht in die Stadt ergriffen haben, als vielmehr daher, daß die Landwirte aus den klimatisch günstigen und keineswegs weltabgelegenen Gebieten in der Nähe der Städte in diese selbst abströmen! Welche Bedeutung diese Zustände für die australische Gesamtheit haben, kann man an der Entwicklung im Staate Victoria deutlich sehen. Dort hat man, wie Colin Ross erzählt, ' zwischen 1904 und 1928 insgesamt 15 000 Siedler größtenteils mit öffentlichen Mitteln als „assisted emigrants" von England auf dem Land untergebracht, während gleichzeitig allein in den Jahren 1922—1927 14 000 Menschen vom Lande in die Stadt zogen! Dabei gehört Victoria zu den klimatisch und in jeder Hinsicht besonders günstigen Gebieten Australiens! In diesen Erscheinungen zeigt sich das verhängnisvolle Fehlen eines wirklichen Bauerntums in Australien. Denn der australische Farmer ist keineswegs mit dem Boden verwurzelt, sondern er ist sozusagen ein landwirtschaftlicher Unternehmer, der nicht immer auf dem gleichen Fleck bleiben will, sondern im allgemeinen auch nach der Stadt strebt. All diese Verhältnisse prägen nun der städtischen Kultur ihren Stempel auf. Das Denken und Fühlen der australischen Massen kreist in erster Reihe um die Erlangung und den Genuß eines möglichst hohen Lebensstandards; und hierbei steht, viel stärker als in den Vereinigten Staaten, nicht etwa das Geldverdienen mit dem Zweck der Anhäufung von Reichtum im Vordergrund, sondern vielmehr der Genuß des Lebens in solchen Formen, die ohne besondere geistige Anstrengung zugänglich sind. Sport und Kino vor allem spielen eine ungeheure Rolle in der Oeffentlichkeit, während die geistigeren Probleme der Kunst und Wissenschaft wenig Beachtung finden. So enthält auch die australische Durchschnittszeitung im wesentlichen nicht viel anderes als Sportberichte, Kinokritiken und Gesellschaftsnachrichten. Von Politik und Wirtschaft ist darin wenig, von Kunst und Wissenschaft fast nichts zu finden. Die Neigung der Australier zum Sport wird außerordentlich begünstigt durch das einladende Klima,— ist doch Australien Sonnenland, in dem die Betätigung im Freien meistens Bedürfnis und Genuß ist. Außerdem aber ist die Umgebung der großen australischen Städte oft von besonderer Schönheit, so daß es an idealen Sportgelegenheiten, besonders am Strande, mitunter aber auch im Gebirge (z. B. bei Sydney) nicht fehlt. Auch die Tatsache, daß die meisten australischen Familien sich ein Auto halten können, begünstigt selbstverständlich den Sport und überhaupt die Verbringung des Weekend im Freien. Das Auto ist in Australien in der Anschaffung nicht viel billiger als bei uns, wohl aber in der Haltung. Steuer, Versicherung, Garage kosten verhältnismäßig wenig, ja eine Garagen-Frage gibt es überhaupt kaum. Und was die Pflege des Wagens angeht, so waschen selbst hochgestellte Persönlichkeiten ihr Auto meist selbst; dies hängt mit den hohen Arbeitslöhnen und dem Mangel an dienstbaren Geistern zusammen. Neben den genannten Umständen trägt zur Veräußerlichung der Kultur in Australien aber noch ein anderer Faktor wesentlich bei: der Dienstbotenmangel und die damit zusammenhängende starke zeitliche Inanspruchnahme selbst sehr begüterter Kreise durch die Sorgen und Arbeiten des Haushalts. Die Zeit, die Mann und Frau dem Haushalt opfern müssen, ist um so größer, als die Mechanisierung auf diesem Gebiet in Australien nicht so weit vorgeschritten ist wie etwa in den Vereinigten Staaten, wo die Dienstbotenfrage ähnlich liegt; und auch die Tatsache, daß es Mietskasernen im europäischen Stil nur ausnahmsweise gibt, und daß fast jede Familie ihr eigenes Haus hat, vermehrt natürlich die Hausarbeit. Aus dem Fehlen der Dienstboten erklären sich übrigens auch manche Sitten, die den Europäer merkwürdig anmuten, so z. B. daß man in der Küche ißt, und daß die Speisen in der Regel direkt vom Kochtopf auf den Teller kommen. Unter diesen Umständen wird selbstverständlich die Möglichkeit, Zeit und Kraft in den Mußestunden der Beschäftigung mit kulturellen Dingen zu widmen, sehr stark beeinträchtigt. Die australische Frau wird aber von den Sorgen des Haushalts nicht nur äußerlich stärker beansprucht als etwa die Amerikanerin, sondern sie ist auch innerlich viel mehr auf Familie und Haushalt eingestellt als jene; ja der größte Teil der australischen Frauen hat geistig überhaupt kein anderes Interesse als die Fragen ihres engsten weiblichen Wirkungskreises. Auf der andern Seite genießt die Frau in Australien eine viel stärker bevorzugte Stellung als in den meisten Ländern Europas. Obwohl in den großen Städten Australiens heute der Frauenmangel der frühen Kolonialzeit längst überwunden ist, ja die Zahl der Frauen hier sogar etwas größer ist als die der Männer, hat sich die bevorrechtigte Stellung der Frau noch erhalten und drückt sich in dem außerordentlichen Maß von Höflichkeit und Entgegenkommen der Männerwelt ihr gegenüber aus. Selbstverständlich sind diese Verhältnisse weiter im Innern, wo die Frau auch heute noch stark in der Minderzahl ist, noch viel ausgeprägter. Die Frau nimmt dort als gute Kameradin alle Schwierigkeiten mit auf sich, aber sie ist sich dessen wohl bewußt, daß ihr dieses Opfer überall hoch angerechnet wird. So ist Australien im ganzen ein Land selbstbewußter, freier, gleichberechtigter und in hohem Maße glücklicher Menschen — es ist in vieler Hinsicht ein Land des gesunden Mittelmaßes, ohne leidenschaftliche geistige Interessen, ohne hitzige Kämpfe um Ideale, aber ein Land der Lebensfreude, des nahezu allgemeinen Wohlstandes und eines unbekümmerten Optimismus. 2. Bildungswesen und religiöse Verhältnisse Wenn wir oben, bei der Schilderung der allgemeinen sozialen Grundlagen der australischen Kultur, feststellten, daß sozusagen das soziale Klima Australiens mehr den materiellen Genuß als geistige Höchstleistungen begünstigt, so bedeutet dies nicht, daß das Bildungsniveau Australiens nicht hoch sei. Im Gegenteil — für ein noch halb koloniales Land besitzt Australien ein erstaunlich gut ausgebildetes Erziehungswesen und dementsprechend auch ein sehr beachtenswertes Niveau der Allgemeinbildung in allen Schichten. Ein Analphabetentum gibt es praktisch nicht. Das staatliche Bildungswesen, besonders aber der Volksschulunterricht, steht auf beachtlicher Höhe. IWRIA-BANK Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht BANKGESCHÄFTE EFFEKTEN / DEVISEN PASSAGE-DIENST nach allen Ländern Zentralbüro BERLIN C 25 Dircksenstr. 26/27 Fernruf 52 20 35 Depositen kasse BERLIN-CHARLBG.2 Fasanenstr. 18 Fernruf 91 77 01/2 TRANSFER-ABTEILUNG WAREN-ABTEILUNG Berlin-Charlottenburg 2, Fasanenstr.20, Ruf 917701/2 43