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Jüdische Auswanderung · 1937-01-01 · Herbst 1937 · p. Seite 30

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1937. Bestand LBI
Issue
Herbst 1937
Date
1937-01-01
Page
Seite 30 (sequence 34)
Language
German
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III. Die Wirtschaft 1. Allgemeine Einführung Die australische Wirtschaft wird in hohem Maße von der Tatsache beherrscht, daß der Kontinent überaus dünn bevölkert ist und daher einen natürlichen Anreiz zu extensiven Wirtschaftsformen bietet. So ist einer der extensivsten Wirtschaftszweige, die es überhaupt gibt, die Schafzucht, die Hauptquelle des australischen Wohlstandes. Wie wir früher sahen, eignen sich ungeheure Flächen zu keiner intensiven Nutzung, sind aber imstande, als Weide für Schafe zu dienen, wobei oft, in den unfruchtbaren Gegenden, die zur Erhaltung eines Schafes notwendige Fläche ungemein groß ist. Da aber Land im Ueberfluß vorhanden ist und selbst riesige Herden fast das ganze Jahr hindurch nur eines Minimums an Arbeitskräften bedürfen — während der Schur werden allerdings für eine kurze Zeit viel mehr Arbeitskräfte erfordert —, so kann Australien mit außerordentlich geringen Gestehungskosten Wolle produzieren, die auch qualitativ besonders wertvoll ist. In guten Jahren geht der Schafbestand Australiens weit über 100 Millionen Stück hinaus (bei einer Bevölkerung von 63,4 Millionen Menschen!), und der australischen Wirtschaft strömen aus dem Woilexport — wenn auch die Preise hoch sind — Summen in Höhe von etwa 50 Millionen Pfund zu; d. h. rund die Hälfte des gesamten Ausfuhrerlöses Australiens stammt aus dem W o 11 - e x p o r t! Hiermit kann Australien einen sehr großen Teil seiner gesamten Importe bezahlen; macht man sich aber klar, daß auch andere wichtige Ausfuhrartikel (Häute und Felle, Hammelfleisch usw.) Nebenprodukte der Schafzucht sind, so kann man ohne Üebertreibung sagen, daß die Schafzucht die Grundlage des australischen Wohlstandes ist. Aber diese überragende Bedeutung der Schafzucht ist für die australische Gesamtwirtschaft nicht ohne Gefahr. Zunächst haftet der Schafzucht, wie wir sahen, schon aus klimatischen Gründen ein stark spekulatives Moment an. Ist der Regenfall reichlich, also die Weide üppig, so vermehren sich die Schafbestände rasch, und der Wohlstand des Landes steigt sprunghaft; dagegen gehen in Jahren der Dürre oft Millionen von Schafen zugrunde, und die gesamte Wirtschaft spürt den Rückschlag. Hierzu kommt aber, daß der heimische Markt wegen der geringen Bevölkerung nur einen kleinen Teil der Wollerzeugung aufnehmen kann, das meiste also exportiert werden muß. Hierdurch gerät Australien in eine sehr starke Abhängigkeit vom Außenhandel — 1935 betrug der Außenhandels-Umsatz pro Kopf der Bevölkerung in Australien 164 RM. gegen 64 RM. in Deutschland! — und so werden neben den geschilderten Schwankungen der Witterungsverhältnisse auch die Schwankungen des Wollpreises auf dem Weltmarkt von größter Bedeutung für die australische Gesamtwirtschaft. Dieser Zustand ist aber nicht zuletzt deswegen bedenklich, weil die australische Auslandsverschuldung und damit auch die jährlich aufzubringende Zinslast verhältnismäßig hoch ist; am 30. Juni 1936 wurde allein die öffentliche Verschuldung des Bundes und der Einzelstaaten auf 1256 Millionen Pfund angegeben, wovon nicht weniger als etwa 545 Millionen Pfund in London^ nur ein kleiner Teil (45 Millionen Pfund) in New York, der Rest in Australien selbst untergebracht war. Bei einer Bevölkerung von etwa 63A Millionen ist diese Auslandsverschuldung der öffentlichen Körperschaften — zu der noch das erhebliche in Australien angelegte Privatkapital hinzukommt — recht hoch, wenn auch an sich die Tatsache, daß ein junges, dünn bevölkertes, rohstoffreiches Land viel ausländisches Kapital zu seiner Erschließung aufnimmt und mittels seines Ausfuhrüberschusses verzinst, als normal und gesund anzusprechen ist. Da aber der australische Export so sehr stark auf der Produktion der Schafzucht aufgebaut ist, so besteht die Gefahr, daß sein Erlös bei ungünstigen Preis- und Produktionsverhältnissen dieses Zweiges nicht ausreicht, um, selbst neben einem sehr eingeschränkten Import, die fälligen Zinszahlungen zu ermöglichen, so daß es zu einer Erschütterung des australischen Auslandskredites kommt. Ein derartiger Fall ist während der Weltkrise eingetreten, die ja überall einen Tiefstand der Rohstoffpreise mit sich brachte und Australien in den Jahren 1930 bis 1932 mit größter Wucht traf, nachdem das Land von 1925 bis 1929 eine Periode ausgesprochener Prosperität durchlebt hatte. Zur Ueberwindung der größten Schwierigkeiten mußte damals — nach mannigfachen „Irrungen und Wirrungen" — eine Reihe einschneidender Maßnahmen ergriffen werden, die u. a. in starken Lohnsenkungen, Zollerhöhungen und sonstigen Einfuhrerschwerungen und — last not least — mehrfachen Konversionen der australischen Anleihen in England bestanden. Diese Notmaßnahmen ermöglichten es der australischen Wirtschaft, die schlimmste Zeit einigermaßen zu überstehen, — bis dann von 1932 an ein allmähliches Steigen der Preise vor allem für Wolle, aber auch für andere Rohstoffe die Wirtschaftslage des Landes besserte, ja sie in diesem Jahr (1937) zu einer Hochkonjunktur werden ließ. Aber die Krise hatte die fundamentale Schwäche der australischen Wirtschaftsstruktur aufgedeckt: ihre starke weltwirtschaftliche Verflechtung, verbunden mit sehr einseitigem Aufbau des Exportes und starker Auslandsverschuldung. Diese Erfahrungen waren nicht ohne Eindruck auf die Staatsmänner Australiens geblieben. Sie versuchten nunmehr, den wirtschaftlichen Aufbau des Landes vor allem durch stärkere Entwicklung der verarbeitenden Industrien (secondary industries) von seiner bisherigen Einseitigkeit zu befreien. In dieser Richtung mußte auch der schon früher erwähnte Drang der australischen Arbeiterschaft wie der Bevölkerung überhaupt, möglichst in der Stadt zu leben, wirken. Die Regierung trug also und trägt noch diesen Tatsachen und der starken Stellung der Gewerkschaften dadurch Rechnung, daß sie die Errichtung neuer Industrien fördert, wozu das Hauptmittel der Schutzzoll ist. Hierdurch hat Australien in der Tat heute schon ein industrielles Entwicklungsstadium erreicht, das bei einem so jungen, rohstoffreichen Lande mit so geringer Bevölkerung erstaunlich erscheint. Aber dieser Aufbau eigener Fertigwaren-Industrien führt zu Konsequenzen, die nicht unbedenklich sind. Zunächst arbeitet die australische Industrie infolge der hohen gesetzlichen Mindestlöhne und der starken Stellung der Gewerkschaften mit außerordentlich großen Lohnkosten. Es kommt hinzu, daß der innere Markt schließlich nur aus einer, allerdings sehr kaufkräftigen, Bevölkerung von etwa 63,4 Millionen Menschen besteht, und daß diese Kleinheit des Marktes in manchen Industrien die Anwendung der Methoden moderner Massenproduktion verhindert. Endlich fehlen, wie dies in einem so jungen Lande nur natürlich ist, für den Aufbau mancher Industrien die gelernten Facharbeiter. Infolge dieser Hemmungen wäre die australische Industrie in vielen Zweigen nicht existenzfähig, wenn sie nicht hohen Zollschutz genösse, den ihr die Regierung aus den angedeuteten Gründen bereitwilligst gewährt. Hierdurch aber tritt eine Erhöhung der Lebenshaltu ng s k o s t e n für die Gesamtbevölkerung ein, die wieder eine gewisse Tendenz zur Lohnsteigerung in sich schließt; vor allem aber werden durch die Erhöhung der Lebenshaltungskosten und der Preise für Produktionsmittel (landwirtschaftliche Maschinen usw.!) die Gestehungskosten der australischen Urproduktion erheblich erhöht. Es ist daher etwas mehr als ein Scherz, wenn man von „dem Schaf, das alles zahlt", gesprochen hat. Nur die außerordentliche Gunst der Produktionsbedingungen der australischen Schafzucht und einiger anderer Zweige der Urproduktion (wie des Weizenbaues und der Goldgewinnung) ermöglicht auch heute noch das hohe Lohn- und Preisniveau der australischen Fertigwaren-Industrie und all jene sozialpolitischen Experimente, von denen später noch die Rede sein wird. Wäre die Politik der Staatseingriffe in Australien weniger stark betont, so würde zweifellos die Fertigwarenindustrie sehr viel weniger entwickelt, dagegen würden verschiedene Zweige der Urproduktion — wie vor allem auch der Bergbau — wesentlich stärker vertreten sein. Denn es liegt auf der Hand, daß in den Produktionszweigen, die im wesentlichen auf den Absatz im Auslande angewiesen sind und daher durch keine Zollpolitik gefördert werden können, die hohen Löhne ein außerordentlich schweres Hemmnis bedeuten, da sie die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt erschweren oder selbst vernichten. So kommt es, daß in Australien Produktionsmöglichkeiten, die zum Teil sehr 30

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