Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 109 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ueber die gleiche, praktisch nicht unwichtige Frage teilt der folgende Brief aus Montevideo vom 8. Juli 1936, der auch wertvolle Informationen über Kleidung und Lebenshaltung in Uruguay enthält, noch Ergänzendes mit: „Es gibt hier zwei Stromarten, einen für Licht und einen für gewerbliche Zwecke. Der eine kostet 12 Cent., der andere 3 Cent, pro Kilowattstunde. Unter „gewerblich" versteht man z. B. auch Strom zum Bügeln usw. Jedes Haus hat diese zwei Stromarten, und infolgedessen auch zwei Zähler, die das Werk stellt. Die Bekleidung des Herrn ist ähnlich wie bei uns. Im Sommer trägt man leichtere Anzüge, meist ohne Futter, die waschbar sind, d. h. man wäscht hier auch Wollanzüge. Jetzt z. B. trage ich meine richtige Winterkleidung, wollene Wäsche, dicken Mantel und kann sie gut gebrauchen. Wenn Sie einen Pelz mitbringen, ist es kein Fehler, auch Pelze für Damen, wie Silberfüchse usw., werden hier viel getragen. Knickerbocker trägt man überhaupt nicht, lassen Sie die drüben, Sie wirken hier damit komisch. Mehl kostet hier 10 bis 11 Cent, pro Kilo (es geht hier alles nach Kilo), es wird aber, wie man mir sagte, auf Grund des Hochwassers -sicherlich teurer. Zucker 16 bis 17 Cent., Brot, 500 Gramm, 12 Cent., das ist ein ähnliches Brot wie das Schwarzbrot in Deutschland. Seife wird viel importiert, z. B. kostet Coty-Toiletteseife ca. 50 Cent. Die hiesige Seife ist aber qualitativ sehr gut. Wir machen sie in der Fabrik, und ich benutze sie ständig; sie kostet als Wasch- und Toiletteseife das Stück 5 bis 7 Cent. Ich empfehle Ihnen, einige Feuersteine für Feuerzeuge mitzubringen, da hier alle importiert werden, und man braucht viel von ihnen. Ferner ist es zweckmäßig, Nickelgeräte usw. etwas einzufetten, da sie infolge der Feuchtigkeit leicht rosten." Weitere Einzelheiten über Lebenshaltungskosten enthält ein Brief aus Montevideo vom 13. Juni 1936: „Fleisch kostet 1kg prima Qualität 0,20 Peso; Butter 1kg 0,80 Peso; Eier 1 Dtzd. 0,35 Peso; Brot 1kg 0,15 Peso; Kartoffeln 1kg 0,07 Peso; Obst ist so billig, daß man es gar nicht glauben kann. Beispiel: Im Moment kosten 100 Mandarinen 0,15 Peso. Das Leben ist also billig, und ich glaube, daß man in der ganzen Welt nicht billiger leben kann." Endlich geben wir einige Stellen aus dem Brief eines vom Leben in Uruguay offenbar etwas enttäuschten Arztes wieder. Montevideo, 5. Juni 1936 „Die Situation ist in diesem Lande ganz besonders schwierig, weil es klein ist und die Leute, die noch Geld haben, nichts ausgeben. All' die Emigranten, die im letzten Halbjahr hierher gekommen sind, haben noch nichts Vernünftiges anfangen können, so mancher hat sein Geld bei Beteiligungen verloren. — Daß im ärztlichen Beruf nichts zu machen ist, werden Sie ja wissen, auch ist es unmöglich, das Examen zu bestehen. Die Wohnungsverhältnisse sind hier sehr eigentümlich. Meist wohnt man in Einzelhäuschen, im Vorort Pocitos, in der Nähe des Strandes. Hier kostet ein Häuschen mit fünf bis sechs Zimmern 70 bis 100 Pesos, je nach Lage und Komfort. Heizung ist eine Seltenheit, man muß sich einen Ofen aufstellen. Im Zentrum zu wohnen ist nicht ratsam, da zu laut und im Sommer zu heiß. Der Kaufpreis für ein Haus hier draußen beträgt 10 000 bis 15 000 Pesos, worauf allerdings die Bank 50 bis 60 °/o Hypotheken gibt. Ihr Geld können Sie ganz sicher in Pfandbriefen anlegen, die sich bei einem Stand von ca. 90 mit 6i/2 bis 7 o/o verzinsen. Die Ausbildung der Kinder ist schwierig. Meine Töchter, die mit den Ihrigen gleichaltrig sind, besuchen ein nordamerikanisches Lyzeum, wo also nur spanisch-englisch gesprochen wird. Dort gibt es auch eine hauswirtschaftliche und etwas kaufmännische Ausbildung. Außerdem gibt es eine richtige Handelsakademie. Mit Säuglingspflege sieht es hier noch wenig schön aus, unser System der Säuglingspflegeschulen ist hier nicht vorhanden, aber im Entstehen. Haushaltungsschulen gibt es nicht. Ich kann nicht sagen, daß meine Erwartungen übertroffen sind, auch bin ich nicht enttäuscht, mit Ausnahme der Berufsfrage. Es läßt sich hier wunderbar leben, die Gegend ist schön, das Klima gut, nur jetzt im Winter etwas feucht. Die Menschen sind nett und freundlich, wenn auch auf Versprechungen nichts zu geben ist. Wenn man also keine wirtschaftlichen Sorgen hat, muß man hier glücklich sein." Anzeigen für die „Jüdische Auswanderung66 die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift des HILFSVEREIN DER JUDEN IN DEUTSCHLAND E.V. nur durch den Verlag SCHMOLLER & GORDON RERLIN SW 19, WALLS TR. 76-79 / FERNSPR. F7 2017 109