Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 107 (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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porte und Importe einander anzugleichen. Deutschland verpflichtete sich zur verstärkten Abnahme von Wolle und Häuten, während Uruguay deutsche Industrieprodukte abnehmen will, und zwar in erster Linie Chemikalien, pharmazeutische Produkte, Maschinen und Maschinenzubehör, Draht und verschiedene Halbfabrikate. 7. Konjunktur Uruguay leidet noch unter den Folgen der Depression, doch sind auf verschiedenen Wirtschaftsgebieten Anzeichen des Aufstieges bemerkbar. Die Exporte konnten 1935 beträchtlich gesteigert werden. Der Anstieg der Wollpreise auf den Weltmärkten wird sich auf Uruguays Wirtschaft günstig auswirken. Die Drosselung der Einfuhr hatte dagegen eine bedauerliche Erschwerung der Versorgung mit Produktionsgütern zur Folge. Die industrielle Entwicklung macht — trotz der oben geschilderten uneinheitlichen Haltung der Regierung — Fortschritte; doch ist zu befürchten, daß einzelne Produktionszweige verhältnismäßig zu stark für das kleine Land ausgedehnt werden. Für Arbeitsbeschaffungszwecke hat die Regierung im laufenden Jahre 12 Millionen Pesos, die Stadtverwaltung von Montevideo 10 Millionen Pesos vorgesehen. Die schwebende Schuld Uruguays konnte 1935 getilgt werden. Eine Konsolidierung der eingefrorenen Schulden an das Ausland ist zu erwarten. Die künftige wirtschaftliche Entwicklung Uruguays wird optimistisch beurteilt. Eine der Ursachen der optimistischen Beurteilung bildet der Preisanstieg für Uruguays große Ausfuhrprodukte Wolle und Fleisch. Die Preise beider Warengruppen liegen etwa um 25 o/o über dem Vorjahrsstande. Auch die industrielle Entwicklung gibt zu günstiger Beurteilung Anlaß, hat doch allein die Erzeugung an Verbrauchsgütern um 30 o/o gegenüber dem Vorjahre zugenommen. IV. Aussichten für Einwanderer Wir entnehmen einem Bericht des Einwanderer-Schutzkomitees in Montevideo an den Hilfsverein der Juden in Deutschland vom 25. Mai 1936 folgende Schilderung: „In den letzten 4—5 Monaten hat eine immer stärkere Einwanderung von Juden aus Deutschland die Arbeitsmöglichkeiten, soweit überhaupt welche vorhanden sind, fast erschöpft. Obwohl genaue Statistiken über die Einwanderung fehlen, kann man schätzungsweise mit ca. 300 Immigranten rechnen, darunter etwa 60—70 jungen Kaufleuten. Die Einordnung dieser Menschen, die zum großen Teil ohne jeden wirtschaftlichen Rückhalt sind, ist unglaublich schwierig. Falls noch mehr dieser gänzlich unvorbereiteten Immigranten kommen, muß man sagen, daß es sich hier um eine unlösbare Frage handelt. Kaufmännische Angestellte, Korrespondenten, Vertreter usw. werden wenig oder gar nicht gefragt, und wenn, dann selbstredend mit guten Sprachkenntnissen, Stenographie und Schreibmaschine. Diesen Ansprüchen entspricht aber kaum einer, so daß, abgesehen von einigen Glücksfällen, die man einer allgemeinen Betrachtung nicht zugrunde legen kann, kaufmännische Stellungen für Einwanderer nicht in Frage kommen, insbesondere, da es hier keine deutschjüdischen Unternehmungen gibt, die bereit wären, solche Menschen einige Monate ohne Nutzen zu beschäftigen. Andere Stellungen, oder die von der Mehrzahl gewünschte „irgendwelche Arbeit" ist gleichfalls nur in Ausnahmefällen zu finden. Als wirkliche Arbeiter, sei es Bauarbeiter oder als Arbeiter in den großen Gefrierfleischfabriken, Sackträger oder ähnliches, eignen sich unsere Menschen einmal wegen des Klimas und dann, weil es sich meist um Akkordarbeiten handelt, auch bei gutem Willen nicht. Außerdem besteht ein Ueberangebot an ungelernten Arbeitern. Die einzige Arbeitsmöglichkeit, die dem Einwanderer überhaupt noch Chancen bietet, ist die des spezialisierten Handwerkers. Wirklich ausgebildete gute Spezialhandwerker (nicht der Herrenchauffeur, der glaubt, ein Auto auch selbst reparieren zu können) finden, wenn auch nicht am ersten Tage nach ihrer Landung, Arbeit. Leider erleben wir es immer wieder, daß Menschen sich als Kartonnagenarbeiter, Facharbeiter der Lederindustrie usw. bezeichnen, die drüben ein Papiergeschäft, Lederwarengeschäft usw. gehabt haben. In der Arbeit versagen sie natürlich am ersten Tage und hinterlassen dann beim Arbeitgeber das Gefühl: „Vorsicht mit Immigranten". Für Frauen kommt Hausarbeit oder Nähen in Frage. Eine gute Köchin kann bei freier Station zwischen 20 und 30 Pesos monatlich verdienen, allerdings ist die Arbeit recht anstrengend und manchmal unangenehm wegen des betonten Klassenunterschiedes. Möglichkeiten, als Landarbeiter unterzukommen, sind bei den hier herrschenden Feudalgütern nicht gegeben. Der Landarbeiter („Peon") ist ein meist im Lande geborener anspruchsloser Mensch, der mit Fleisch, Zwiebeln, Brot und Mate als Entgelt für seine Arbeit zufrieden ist. Nur in ganz wenigen, modern geleiteten landwirtschaftlichen Großbetrieben verdient er außer dem Lebensunterhalt ca. 10 Pesos monatlich. Angehörige freier Berufe (Aerzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte) haben in ihren Berufen keinerlei Aussichten. Eine der Schwierigkeiten, Arbeit zu finden, besteht auch in der Unbeweglichkeit, um nicht Trägheit zu sagen, der Einwanderer; die Mehrzahl verlassen sich auf die bestehenden Organisationen, die nach ihrer Ansicht zur Arbeitsbeschaffung verpflichtet sind. Dann kommt hinzu, daß bisher mit drei Ausnahmen die Einwanderer es als Zumutung auffassen, wenn man ihnen rät, in der Provinz Arbeit zu suchen. Tatsächlich wird aber überhaupt nur noch in den Provinzstädten (zwischen 5000 bis 30 000 Einwohnern) irgendeine Arbeitsmöglichkeit gefunden werden können. Für junge zielbewußte Menschen, die mit gutem Mut die Fleischtöpfe Ägyptens vergessen wollen, in die Provinz gehen und bereit sind, dort als Friseure, Laufburschen, Schneider, Bäcker und Mechaniker zu arbeiten, sind noch einige Aussichten, sich durchzusetzen, vorhanden. Junge Mädchen können auch manchmal in Familien mit Kindern untergebracht werden, doch ist das recht schwierig, da es den Mädchen im allgemeinen nicht gelingt, sich der gänzlich anderen Umgebung anzupassen. Außerdem bestehen einige Möglichkeiten für Frauen, die handwerklich perfekt sind (Putzmacherin, Schneiderin, Kunstgewerbe). Im allgemeinen ist der Achtstundentag durchgeführt, doch wird in mehreren Berufen auch Akkord gearbeitet. Sonnabend ist nur halber Arbeitstag. Arbeitsverträge gibt es nicht. Entlassungen werden häufig vorgenommen, sobald die Arbeit knapp wird. Der Stundenlohn für gelernte Arbeiter und Handwerker liegt zwischen 0,25 und 0,50 Pesos. In vielen Fällen nützt man jedoch den „Gringo" (Neuling) aus und zahlt ihm nur 0,80—1,00 Peso täglich. Kaufmännische Angestellte verdienen 20—40 Pesos monatlich. Buchhalter und Geschäftsführer mittlerer Unternehmungen 120 bis 150 Pesos. Für Kapitalisten bestehen gleichfalls gewisse Möglichkeiten in den Provinzstädten. Mit einem Kapital RADIO- WINDMULLER _j Berlin W15, Düsseldorfer Str. 7 Ecke Uhiandsir. Fernspr.: Oliva J 2, 7150 Radiogeräte, Sprechapparate, Neueste Modelle der Funkausstellung. Gelegenheiten. Electrola - Verkaufsstelle. 107