Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 103 (sequence 109)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492429-9991062-9587816--237-9587925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hervor: ein Junggeselle kann schon mit 65 bis 75 Soles monatlich auskommen, eine vier- bis fünfköpfige Familie braucht etwa 150 bis 180 Soles. Die Ausgaben verteilen sich folgendermaßen: Für den Jungsesellen: Miete für ein Zimmer Ernährung Verschiedenes Für die Familie: Miete für zwei Zimmer Ernährung Verschiedenes 15 Soles 50 Soles 10 Soles 75 Soles 50 Soles 100 Soles 30 Soles 180 Soles Wenn also ein Arbeiter, Handwerker oder Angestellter drei bis fünf Soles täglich verdient, kann er schon seinen Lebensunterhalt bestreiten. Und mit der Zeit kann sich seine Lage bessern, und er kann, wenn er tüchtig ist, zu sparen beginnen, wie viele Einwanderer, die seit einigen Jahren in Peru ansässig sind. VI. Kulturelles Perus allgemeines Bildungsniveau ist noch sehr niedrig. Vor einigen Jahren wurde der Anteil der Analphabeten an der Gesamtbevölkerung auf 70 o/0 geschätzt. Das Bildungsniveau der Indianer wurde in früheren Zeiten gewaltsam nach unten gedrückt. Jetzt gibt es gemäß der Verfassung Grundschulen, deren Besuch, wo es irgend möglich ist, zur Pflicht gemacht wird. 1928 wurden 3409 solche Grundschulen gezählt, die von 308 450 Schülern besucht wurden. Auf die sechsjährige Grundschulausbildung baut sich eine fünfjährige höhere Schulausbildung auf, deren Absolvierung den Besuch der Universitäten ermöglicht. Die Abschlußprüfung der höheren Schulen bestanden 1928 nur 4414 Schüler. Die Gesamtzahl aller Lehrer betrug 6258. Die Landessprache ist Spanisch. VII. Jüdisches Leben Man schätzt die jüdische Bevölkerung von Peru auf 1500 Personen, von denen 250 in Lima und im Hafen von Callao leben. Die Mehrheit — Krämer und Hausierer — hat sich im Lande nach 1920 niedergelassen. Das jüdische Gemeinschaftsleben ist rege; es existieren eine ganze Reihe von Vereinigungen, die sich der Wohltätigkeit, politischen oder geselligen Zwecken widmen: 1. die Israelitische Wohltätigkeits - Vereinigung deutscher Sprache, die vor 80 Jahren gegründet worden ist, und deren Aktivität infolge der letzten Ankünfte gesteigert worden ist; 2. die Israelitische Union von Peru, die 1921 gegründet worden ist, und die Einwanderer östlichen Ursprungs umfaßt; sie besitzt ein eigenes Haus; 3. der jüdische Frauenverein von Peru; 4. die Gesellschaft der Kaufleute mit Abzahlungsgeschäften; 5. die jüdische Gegenseitigkeits-Vereinigung; 6. die sephardische Wohltätigkeits-Gesellschait, die einen Tempel besitzt und eine unabhängige Tätigkeit entfaltet; 7. verschiedene Jugendgruppen und zionistische Gruppen. In Lima erscheint in spanischer Sprache die jüdische Zeitschrift „Nosotros" und als jiddisches Wochenblatt die „Peruaner jiddische Zeitung". VIII. Brief aus Peru Ueber das Leben einer jüdischen Einwandererfamilie in einer Provinzstadt Perus unterrichtet folgender Brief aus Trujillo vom 29. März 1936. Du fragst, ob es uns gefällt; es hat nicht viel zu gefallen, denn Trujillo ist eine kleine Stadt von 25 000—30 000 Einwohnern. Wie die liebe Erni Euch schon geschrieben hat, sind hier keine Dächer auf den Häusern, denn es regnet hier sehr selten. Da es aber in der Zeit, seit wir da sind, zweimal geregnet hat, so hat es in die Stuben reingeregnet. Du fragst, womit sich die Emigranten beschäftigen. Hier gibt es sehr wenig Juden in Peru, das dreimal so groß ist wie Deutschland. Es sind heute im ganzen 1200 bis 1900 Juden. In unserer Stadt sind 30 bis 35 Familien, die jüdische Kolonie macht sich, es ist da ein Verein, eine große Bibliothek, spanische und jüdische Bücher sind da, ein Zimmer als Bethaus, es wird sehr selten gebetet. Die meisten der Juden haben Abzahlungsgeschäfte und ich auch. Mein Schwager hat mir einen Kredit verschafft und ich baue mir ein Abzahlungsgeschäft auf; ich habe eine außergewöhnlich schlechte Zeit angetroffen, denn es ist hier ein sehr schlechter Präfekt gewesen. Er hat verboten, in einigen Gegenden zu arbeiten, aber er ist gestern abgesetzt worden. So hofft man, daß es wieder gut wird. Einen Wandergewerbeschein kauft man sich hier, dieser kostet 9 Sol im Monat. 4 Sol sind ein amerikanischer Dollar. Es kann sich jeder, der will, ein Gewerbe kaufen. Zu arbeiten ist es hier leichter als in Deutschland, denn es sind keine Treppen zu steigen und ein Junge trägt den Koffer nach. Auch hat hier jeder mindestens eine Magd, wir natürlich auch, sie bekommt 5 Sol im Monat mit Essen. Mir gefällt es hier sehr. Der lieben Erni gefällt es hier nicht besonders, aber sie wird sich auch gewöhnen. Den lieben Kindern gefällt es hier, sie verstehen sich mit den Kindern von L. sehr gut, auch die liebe Erni versteht sieh sehr gut mit meiner lieben Schwester. Jetzt kann ich Euch mitteilen, daß wir eine Wohnung haben, 4 Zimmer, Küche, Innenklosett, eine Dusche, elektrisches Licht und Wasserleitung. Es kostet 40 Sol im Monat, dies ist 10 Dollar. Gekocht wird hier auf einer Spezialküohe mit Holzkohle, es kocht da sehr schnell, nur ist es sehr heiß dabei. Hier ist Sommer vom 21. Dezember bis 20. März mit einer Temperatur von 30—35 Grad im Schatten, vom März bis Dezember ist Herbst. Winter und Frühling sind aber nicht voneinander zu unterscheiden, es ist wie bei Euch ein kalter Sommer, bloß es regnet nicht. Der Lebensunterhalt ist hier sehr billig, es kostet hier 1 kg Fleisch 50 Cent (USA.), das ist 2 Sol. 1 kg Zucker 25 Cent. 1 Ananas 10—20 Cent. Hier kocht man nur mit Oel, kostet 50 Cent eine Flasche. Schmalz wird hier nicht gebraucht. Das Klima ist hier sehr gut. Hier gibt es kein Brot, nur Brötchen, auch sehr wenig Butter. 1 Liter Milch kostet 15 Cent. Von koscher weiß man hier nicht viel, Peßach wird sich hier nur durch die Mazzes unterscheiden, sonst durch nichts. Ich kann mich schon mit den Kunden verständigen, ich gehe schon selbst verkaufen. Die ersten zwei Wochen ist ein Verkäufer mitgegangen, der bekommt 10 o/o vom Verkauf, und jetzt gehe ich schon allein, und ein Junge, ein Schwarzer, trägt den Koffer. Zur Auswanderung Littauer-Nähmaschinen für Haushalt und Gewerbe, neu und gebraucht Sammelnummer E 3 Königst. 0517 Berlin N018, Höchste Str. 39

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.