Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 92 (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Westen des Landes, rechts vom Paraguay-Strom, bildet eine von gewaltigen Urwäldern bedeckte Ebene, die von für Viehzucht geeigneten Grasflächen durchzogen wird. Der Boden der Waldrodungen gilt als außerordentlich fruchtbar. Von einzelnen Kolonien abgesehen, finden sich in diesem Landesteil keine größeren Siedlungen, da das tropische Klima große Anforderungen an die Widerstandsfähigkeit und Gesundheit der Europäer stellt. Im C h a c o - Distrikt leben eine Anzahl nomadisierender Indianerstämme. Dagegen stellt der an das linke Ufer des Stromes sich anschließende Osten, in dem sich sämtliche größeren Siedlungen und Kulturgebiete des Landes befinden, eine hügelige Gras- und Waldlandschaft dar. Eine große Anzahl von Flüssen strömt dem Paraguay und dem östlichen Grenzstrom, dem P a r a n a, zu. Obgleich der Parana der mächtigere, breitere der beiden Ströme ist, ist doch der Paraguay von ungleich größerer wirtschaftlicher Bedeutung, da er, nicht von Stromschnellen unterbrochen, Seeschiffe von 3 bis 4 m Tiefgang bis weit in das paraguayanische Binnenland hinaufgelangen läßt. Im östlichen Teil Paraguays liegt vor allem die Landeshauptstadt Asuncion, eine Stadt von etwa 100 000 Einwohnern, aber verhältnismäßig großer Ausdehnung, da Einfamilienhäuser vorherrschen und überdies jedes Haus einen ziemlich großen Hof und meist auch Garten hat. Die Gebäude selbst sehen meist ziemlich verwahrlost aus. Die lange Kriegszeit und die schlechten Finanzverhältnisse des Staates machen sich im Bauwesen überall bemerkbar. Ein Straßenbahnnetz von zehn Linien ermöglicht schnellen Stadtverkehr. Außerdem fahren eine Menge Camions (autobusartige Fahrzeuge). Die Straßen in ganz Asuncion sind unbeschreiblich schlecht. Asuncion hat zwar ein weit verzweigtes Elektrizitätsnetz, aber die hygienischen Einrichtungen lassen viel zu wünschen übrig. So fehlt jegliche Kanalisation, und nach Regengüssen sind die überschwemmten Straßen nur über provisorische llolzsteige begehbar. Auch die Wasserversorgung ist äußerst mangelhaft; das Wasser wird zumeist aus Zisternen, in denen das Regenwasser gesammelt wurde, oder aus artesischen Brunnen gezogen. Villarica ist mit etwa 35 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Sie liegt inmitten eines verhältnismäßig reichen landwirtschaftlichen Anbaugebietes und ist das der großen Regierungskolonie Independencia nächst gelegene Handelszentrum. Einige Fabriken verarbeiten in Villarica die Agrarerzeugnisse der Umgebung (Tabak, Zucker, Mehl). Encarnacion (mit etwa 12 000 Einwohnern) und Concepcion (etwa ebensoviel Einwohner) sind Umschlagsplätze für Produkte der umliegenden Kolonien und Farmen. 2. Klima und Gesundheitsverhältnisse Das nördliche Drittel des Landes liegt in der tropischen Zone; die südlichen zwei Drittel — darunter die Hauptstadt Asuncion — haben subtropisches Wetter und warme bis gemäßigte Temperaturen. Die Temperatur Asuncions, das in 105 m Höhe gelegen ist, beträgt im Jahresdurchschnitt 22,5° C. Sommermonate sind Dezember (heißester Monat mit 27° C im Durchschnitt), Januar und Februar. Die Temperaturen steigen in dieser Zeit bis zu 40° C an, doch bringen Winde oft die erwünschte Abkühlung. Der kühlste Monat ist der Juni mit 16° C im Durchschnitt und einer Mimmal-Temperatur von 2,5° C. Die Temperaturen wechseln oft innerhalb weniger Stunden erheblich. — Von Juni bis September währt die Trockenzeit, die Regenfälle setzen im Oktober ein, und die höchste Niederschlagsmenge wird im März erreicht. Durchschnittlich zählt man in Asuncion 79 regnerische, 72 bewölkte und 214 sonnige Tage im Jahr. Das Chacogebiet weist rein tropische Temperaturen auf (Januar 29° C, Juni 19: C im Durchschnitt). Die Gesundheitsverhältnisse Paraguays sind — trotz seiner Lage und der Primitivität seiner sanitären Vorrichtungen — im allgemeinen als nicht allzu ungünstig zu bezeichnen. — Allerdings grassiert im Chacogebiet das Sumpffieber; Asuncion selbst ist malariafrei, dagegen sind dort Typhus und Dysenterie (rote Ruhr) häufig, was auf den Mangel an frischem Ouellwasser (man schöpft das Wasser meistens aus Zisternen) und an Kanalisation zurückzuführen ist. Sehr w eit verbreitet sind Ilakenwurmleiden, eine Folge der mangelhaften Fußbekleidung der Eingeborenen. Dip Säuglingssterblichkeit ist hoch. Dagegen soll das Klima ausgesprochen günstig für alte Leute sein. Bei hohem Alter wird häufig ausgezeichnete Rüstigkeit, auch mäßig erhöhter oder normaler Blutdruck beobachtet. Arteriosklerose scheint spät aufzutreten und langsam fortzuschreiten. 3. Bevölkerung Das Gros der Bevölkerung Paraguays ist eine zähe kriegstüchtige Mischrasse von Nachkommen der frühen spanischen Einwanderer und der indianischen Urbevölkerung. Der Prozentsatz reinrassiger Weißer ist ebenso gering wie der reinrassiger Indianer. Um die Mitte des vorigen Jahi'hunderts betrug die Zahl der Einwohner Paraguays 1,3 Millionen. Nach 1860 sank diese Zahl durch die Chaco-Kriege auf kaum 250 000, unter denen nur 30 000 Männer waren. Seitdem stieg die Bevölkerungsziffer wieder auf etwa 872 000 (Schätzung von 1933; die etwa 37 500 Einwohner des strittigen Chaco-Gebietes sind mitgezählt), und auch heute noch überwiegt der Anteil der Frauen. — Etwa 20 000 reinrassige Indianer leben in Paraguay. Das Hauptkontingent der Fremden stellen spanische Neueinwanderer. Etwa 3500 Mennoniten aus Rußland und Kanada wurden in den 20er Jahren in Paraguay seßhaft gemacht. Die Anzahl der Juden wurde 1930 auf etwa 1 2 0 0 — darunter 200 Sefardim — geschätzt. Inzwischen hat sich diese Zahl erheblich erhöht. Die Umgangssprachen sind Spanisch und die Indianersprache Guarani, sowie ein Mischdialekt aus beiden Sprachstämmen. 4. Regierung und Innenpolitik Die politischen Verhältnisse des Landes sind wenig stabil; Revolutionen sind, bis in die letzte Zeit hinein, häufig gewesen. Die Verfassung ist der nordamerikanischen nachgebildet. Die Exekutive übt ein auf jeweils vier Jahre gewählter Präsident aus, der ein aus sechs Mitgliedern bestehendes Kabinett ernennt. Ein Senat und eine Abgeordnetenkammer werden durch direkte Abstimmung der über 18 Jahre alten männlichen Bevölkerung gewählt. Am 17. Februar dieses Jahres wurde durch eine Revolution die liberale Regierung des Präsidenten Dr. E. A y a 1 a von Militärkreisen gestürzt. Den Anlaß dazu gab die Erklärung des Dr. Ayala, daß die schwer erkämpften Chaco-Gebiete nicht den Frontkämpfern zugeteilt, sondern von fremden Kolonisten — die auch Kapital ins Land brächten — besiedelt werden sollten. Der Regierung wurde vorgeworfen, sie sei eine Regierung von Advokaten, die mehr die Interessen des ausländischen Kapitals vertrete, als die des Landes. Zu den Argumenten, die vorgebracht wurden, um Dr. Ayalas Position schon vor dem Umsturz zu schwächen, gehörte auch der Vorwurf seiner jüdischen Abstammung. Die neue Militärregierung, an deren Spitze der Held des Chaco-Krieges, Oberst Franco, steht, ist ausgesprochen fremdenfeindlich und nationalistisch eingestellt und hat gewisse Sozialisierungsbestrebungen, vor allem eine Agrarreform, in ihr Programm aufgenommen. Eine neue National-Revolutionäre Einheitspartei wurde begründet; die Tätigkeit von anderen politischen Parteien und von Arbeiter-Syndikaten ist für die Dauer eines Jahres verboten. Unter den Kampfparolen der neuen Regierungspartei spielen auch antisemitische Aeußerungen eine gewisse Rolle. III. Die Wirtschaft 1. Währung Die Währungseinheit Paraguays ist der Goldpeso ($ 1 100 Centavos). Seine Parität zur Reichsmark betrug: $ 1 4,05 RM. Der Krieg mit Bolivien hatte eine starke Zerrüttung des Geld- und Finanzwesens Paraguays zur Folge. Eine Inflation trat ein, die den Wert des Peso auf etwa 1 Pfg. herabdrückte. Durch eine D e - Visenzwangswirtschaft wurde der paraguayanische Peso in ein festes Verhältnis zum argentinischen Papierpeso gebracht. Größere geschäftliche Transaktionen wurden — und werden noch — in argentinischen Pesos 02