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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 89

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 89 (sequence 95)
Language
German
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Deutschland gelungen, die nötigen Nachexamina zu machen, sich niederzulassen und eine befriedigende Praxis zu gründen. Doch sollen weitere Einwanderungsmöglichkeiten für Aerzte nicht bestehen. Auch für die Betätigung als Zivil- Ingenieur ist, wie wir hören, „kaum Raum". 6. Landwirtschaftliche Einzelsiedlung Die Ansiedlung einzelner Landwirte in Ecuador kann zum Erfolg führen, wenn drei wichtige Voraussetzungen gegeben sind: 1. muß der Siedler Kapital haben, um die Rodungsarbeiten durch Indios ausführen zu lassen oder um ein schon fertiges Anwesen zu kaufen; auch muß das Geld ausreichen, um ihn während der Zeit bis zur ersten Ernte zu ernähren; 2. muß es sich um wirkliche Pioniernaturen handeln, die zu jeder Arbeit geschickt, zu jeder Entbehrung bereit und vor allem zum Leben in der Einsamkeit tauglich sind. Bei den ungeheuren Entfernungen und der geringen Besiedlung des Landes, ferner bei der primitiven Kulturlosigkeit der eingeborenen Indianer muß der Einwanderer sehr genau wissen, was er tut, wenn er sich allein zu siedeln entschließt; 3. muß der Siedler sein Fach verstehen, wirklicher Landwirt sein und darf nicht etwa erst in Ecuador umsatteln. Landwirtschaftliche Siedlung ohne Vorkenntnisse und nur mit verzweifelter Arbeitsbereitschaft kann allzu leicht zur Katastrophe führen. 7. Landwirtschaftliche Massenkolonisation Allen Projekten zur landwirtschaftlichen Massenansiedlung von Juden aus Deutschland in Ecuador muß das allergrößte Mißtrauen entgegengebracht werden. Daß die Regierung einem solchen Plan freundlich gegenübersteht, leuchtet bei dem ungeheuren Ueberschuß an fruchtbarem Land und dem Kapitalmangel des Staates durchaus ein; aber die Gebiete, welche die Regierung umsonst zur Kolonisation zur Verfügung zu stellen bereit ist, liegen weit ab von allen Verkehrswegen und würden gewaltige Summen zur wirtschaftlichen Erschließung erfordern. Dagegen sind verkehrspolitisch günstigere Ländereien für verhältnismäßig billiges Geld zu haben und wären jedenfalls den umsonst zur Verfügung gestellten vorzuziehen. Der zweite und vielleicht wichtigste Einwand gegen landwirtschaftliche Massenkolonisation in Ecuador betrifft das Klima. Das Leben in großen Höhenlagen — das überaus heiße malariaverseuchte Flachland kommt ohnehin nicht in Frage — ist für sehr viele Menschen, zumal wenn sie schwere körperliche Arbeit leisten sollen, auf die Dauer unzuträglich. Im Hochland von Quito ist zwar die Bergkrankheit unbekannt, aber durch die geringere Sauerstoffmenge der Luft wird dem Herzen eine sehr große Arbeit zugemutet, die nur kerngesunde Naturen auf die Dauer ohne Schaden aushalten. Auch sind Erkältungskrankheiten und Rheumatismus in dem „ewigen Frühling" des Hochlandes überaus häufig. Unter diesen Umständen ist von allen Projekten zur Massenkolonisation europäischer Menschen in Ecuador abzuraten, besonders solange noch unzweifelhaft günstigere Siedlungsmöglichkeiten anderwärts bestehen. VII. Briefe aus Ecuador Die widerspruchsvolle Beurteilung, die Ecuador als Einwanderungsland erfährt, zeigt sich deutlich in den Briefen früherer Auswanderer, die dem Hilfsverein zugehen. Doch ist zu betonen, daß die meisten Berichte die Chancen für Juden aus Deutschland, in städtischen Berufen in Ecuador unterzukommen, mehr oder weniger positiv beurteilen. Wir geben zunächst einen instruktiven Bericht aus Quito vom 8. Mai 1936 wieder: „Günstig sind für einen einwandernden Kapitalisten die unglaublich niedrigen Löhne, die Angestellte hier erhalten. Ungünstig wirkt sich das gleiche für den aus, der eine Anstellung sucht. Einige praktische Beispiele können mehr zeigen als theoretische Ausführungen: Zwei junge Leute haben hier eine Werkstatt für Schneiderei, Anfertigung von hübscher Damenwäsche und ähnlichem angefangen, eine Wohnung mit dem nötigen Arbeitsraum für $ 80 monatlich gemietet, sie eigenhändig, zum Teil mit Hilfe von Handwerkern, die ganz genaue Anweisungen bekommen müssen, hergerichtet; ein Schreiner schlägt dann für einige Zeit auf der Galerie des Hauses seine Werkstatt auf, tapeziert, legt Licht usw. In dem Maße, wie die ansprechende Einrichtung Kunden anzog, haben sie mehr Personal einstellen können, so daß sie jetzt zehn Näherinnen beschäftigen, die $ 5 bis 40 Lohn erhalten. Eine staatlich geprüfte Lehrerin für Stickerei erhält sogar $ 80 (die hiesigen klagen, daß die Ausländer die Preise verderben). Jetzt gehen sie daran, noch einen kleinen Laden einzurichten, in dem Wäsche usw. verkauft werden soll; dazu haben sie, nachdem man erst einmal gesehen hat, wie sie ihre Arbeit anfassen, auch hier noch etwas Kapital auftreiben können. Vorbedingungen für das offensichtliche Gelingen dieses Unternehmens waren 1. das Kapital für die Einrichtung und für die Zeit, in der noch nicht verdient wurde, 2. die Fähigkeit und die Bereitschaft, bei den unwahrscheinlichsten Arbeiten anzugreifen, mitzuarbeiten; sonst erfordert es viel mehr Zeit und viel mehr Geld, bis glücklich etwas verdient wird. Es muß etwas Besonderes geleistet und geboten werden; Durchschnittsgeschäfte und Waren gibt es hier zur Genüge. 4. Die Produktion darf die Bedürfnisse nicht überschreiten; es wäre völlig falsch, jetzt etwa zu sagen: Wenn es denen so gut geglückt ist, dann muß für ein zweites derartiges Unternehmen auch noch Platz sein. Für einen zweiten derartigen Betrieb ist in Quito ganz sicher kein Raum. Eine junge Frau, die über besonderen persönlichen Reiz und viel Geschmack verfügt, hat hier angefangen, Damenhüte zu nähen; sie konnte jetzt eine Näherin einstellen, mit der sie ganz außerordentlich zufrieden ist, und der sie, entgegen dem dringenden Rat inländischer Freunde, nicht $ 15 bis 20, sondern $ 25 monatlich zahlt. Es scheint, daß sie ganz gut ins Geschäft kommt, obwohl sich ungefähr gleichzeitig eine Konkurrentin niedergelassen hat; für mehr als zwei derartige Modistinnen bietet aber Quito ganz sicher keinen Raum, da es mehr als genug durchschnittliche Modistinnen gibt, so daß als Käufer nur die Kreise gehobenen Geschmacks und Kaufvermögens in Betracht kommen. Aehnlich liegen die Aussichten in vielen Berufen. Unterkommen könnte z. B. ein tüchtiger Portefeuiller und Taschenmacher. — Ein Metzger, der zugleich einen kleinen Wirtschaftsbetrieb aufzieht, in dem man einigermaßen behaglich sitzen kann; hier in Quito gibt es zwei derartige Geschäfte, die recht gut gehen; obwohl der Aufenthalt in ihnen sehr ungemütlich ist, und in Guayaquil ist es ähnlich. In Quito und Guayaquil je ein guter Möbelschreiner; es gibt eine Menge Schreinereien, und die Leute arbeiten meist recht geschickt, aber man muß ihnen ganz genaue Angaben machen, so daß jemand, der wirklich gute und geschmackvolle Sachen von sich aus herstellt, wohl einige Aussicht hat. Aehnlich mag es noch in einigen anderen Handwerken liegen. Wesentlich ist immer, daß die Leute etwas Besonderes leisten, daß sie vollständiges Handwerkszeug mitbringen und etwas Geld für die hier zu beschaffenden Einrichtungen, daß sie eine Zeitlang leben können, ohne zu verdienen, am besten etwa sechs Monate. Was ist zum Leben erforderlich? Mit $ 150 für einen Einzelnen und $ 250 für zwei Personen ist hier ganz leidlich auszukommen, vorausgesetzt, daß man sich ungewohnten Verhältnissen anzupassen versteht. Es sind bei hiesigen Firmen, vor allem Importeuren, eine Reihe junger Leute mit Gehältern von $ 150 bis 300 untergekommen, und es ist wohl noch für einige weitere Platz; ob sie weiter vorankommen werden, kann ich schwer beurteilen, aber jedenfalls sind sie zunächst einmal aus ihrer Notlage heraus. Einige junge Leute reisen mit einem Köfferchen voll verschiedener Waren im Lande herum, verkaufen in den kleineren Städten und behaupten, mit dem Verdienst ganz zufrieden zu sein." Außerordentlich positiv beurteilt auch folgender Brief eines Musikers die Möglichkeiten für Einwanderer: Quito, den 25. Mai 1936 „Ein sehr gutes Geschäft könnte man hier machen, wenn man ein Restaurant mit MusiK eröffnen würde. Da, wo ich jetzt spiele, geht das Geschäft derart gut, daß ich uns wünsche, daß wir alle zusammen die Hälfte von dem verdienen, was meine beiden Chefinnen verdienen. Außer einem Restaurant wäre auch eine Pension eine sehr lohnende Sache. Die Schwierigkeiten sind nur die beiden Punkte: Geld und Sprachkenntnisse. Der Geldbedarf hängt von der Größe des Unternehmens ab. Für 500 bis 600 RM. kann man schon ein kleines Unternehmen beginnen." Aber diesen optimistischen Schilderungen stehen, auch aus städtischen Berufen, sehr enttäuschte Briefe gegenüber. So schreibt ein früherer Arzt am 16. 3. 36 aus Quito: „Ich mußte auswandern. Auf Anraten eines Herrn suchte ich mir als Land meiner Zukunft Ecuador aus, da mir dieses 89

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