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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 88

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 88 (sequence 94)
Language
German
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ren bemüht, diesen Zustand zu verbessern; der Anteil der kulturellen Ausgaben im Budget ist bedeutend gestiegen. 1935 bestanden 2329 Elementarschulen mit 181638 Schülern. Universitäten bestehen in Quito, Guayaquil und Cuenza. An diesen Universitäten waren 1935 1230 Studenten immatrikuliert, von denen die meisten Rechtswissenschaften und Medizin studierten, während sich den andern Wissenschaften nur ein sehr geringer Bruchteil zuwandte. An die Universitäten sind einige jüdische Gelehrte aus Deutschland berufen worden. In Quito gibt es eine deutsche Schule, in Guayaquil eine freie (unabhängige) deutsche Schule; außerdem ecuadorianische Schulen verschiedenster Art. Die Anzahl der jüdischen Einwohner Ecuadors ist sehr gering und dürfte kaum mehr als 100 bis 120 betragen. Die Mehrzahl dieser Juden lebt in Guayaquil. Einige Dutzend Juden aus Deutschland sind seit 1933 eingewandert. — Es besteht keinerlei sichtbarer Antisemitismus. V. Gehaltsverhältnisse, Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten Die Lebensweise der eingeborenen Unterschicht, der Indianer oder Mischlinge, ist überaus primitiv, ihr Lebensstandard niedrig. Die Einheimischen begnügen sich mit einfacher Nahrung, die einen Durchschnittswert von ungefähr 1 Sucre (24 Pfg.) pro Tag hat. Die Arbeitslöhne decken aber selbst dieses niedrige Existenzminimum kaum. Der durchschnittliche Lohnsatz des Arbeiters beträgt 1 bis IVa Sucre. Ein Polizist in Quito Jbekommt 2 Sucre pro Tag, ein Dienstmädchen 20 im Monat. Eine Näherin bekommt 15 bis 20 Sucre monatlich, 25 sind schon eine ungewöhnliche Bezahlung. Das Durchschnittsgehalt kaufmännischer Angestellter beträgt 200 Sucre den Monat; zu Gehältern zwischen 150 und 300 Sucre ist auch eine Anzahl Juden aus Deutschland angestellt worden. Mit einem solchen Gehalt können Einwanderer mit bescheidenen europäischen Lebensansprüchen auch schon auskommen. In Quito braucht ein einzelner Mann etwa 150 Sucre den Monat, zwei Personen etwa 250 Sucre. Eine vierköpfige europäische Familie, die nicht bescheiden, sondern schon recht behaglich lebt, braucht etwa 500 bis 1000 Sucre den Monat; für 1000 Sucre kann sie sich schon sehr viel leisten. Eine Wohnung mit Arbeitsraum kostet in Quito ca. 80 Sucre monatlich; ein Haus mit sieben Zimmern, Küche, Bad und großem Garten 150 Sucre; ein prachtvolles möbliertes Haus, glänzend gelegen, kostet 280 Sucre im Monat. Uebrigens empfiehlt es sich nicht, möbliert zu leben, da man sehr leicht gekündigt werden kann. Die einheimische ecuadorianische Oberschicht verbraucht pro Familie etwa 300 bis 1000 Sucre den Monat; dabei ist ihre Lebensweise dadurch charakterisiert, daß sie für Kleidung und Nahrung nur wenig ausgibt, dafür aber häufig schöne Automobile besitzt oder sich Villen bauen läßt. Die ausländischen Kolonien in Quito und Guayacmil haben moderne Häuser, ferner Polo-, Tennis- und Golfklubs. Es bestehen eine ganze Anzahl guter Restaurants und Hotels. In der „Provinz" ist das Leben natürlich noch wesentlich billiger als in den beiden großen Städten Quito und Guayaquil. Auf dem Lande kann eine Familie schon mit 300 Sucre sehr gut auskommen. Aus einer kleinen Stadt in der Nähe der Columbianischen Grenze, 3000 m hoch, hören wir folgende Preise: für einen Laden werden 30 Sucre im Monat Miete bezahlt, das Essen im Hotel kostet monatlich 35 Sucre und besteht aus Frühstück, Mittag und Abendessen, wobei die letztgenannten beiden Mahlzeiten je fünf bis sechs warme Gänge umfassen. Fleisch kostet 0,40 Sucre, Butter 1,50 Sucre, Kartoffeln 0,05 Sucre das Kilogramm. Für die Haushaltsführung in Ecuador ist folgendes zu beachten: Alle Importwaren sind teuer, was eine selbstverständliche Folge der Währungs- und Zollverhältnisse ist. Deshalb soll der Einwanderer möglichst alle. Gebrauchsgegenstände mitbringen, soweit sie nicht aus Holz sind, besonders alles, was aus Eisen und Porzellan ist. Bei dem Mitbringen elektrischer Apparate usw. ist darauf zu achten, daß fast in ganz Ecuador 110 Volt Wechselstrom üblich sind. Elektrisches Kochen ist sehr teuer. Es wird im allgemeinen auf Holz gekocht. Gute Kocheinrichtungen sind selten. Europäische Kleidung ist im Hochland (in der Sierra), wo auch Quito liegt, ohne weiteres zu brauchen, doch sind Kleidung und Stiefel auch zu mittleren Preisen zu kaufen. Das Personal ist, wie schon aus den erwähnten Löhnen hervorgeht, nicht teuer oder anspruchsvoll; aber Tempo und Arbeitsleistung sind gering. Ein Auswanderer schreibt uns, die Hausfrau aus Deutschland werde „ihre vielleicht etwas übersteigerten Begriffe von Sauberkeit und Schnelligkeit wesentlich ändern" müssen. VI. Aussichten für Einwanderer Ist die Beurteilung der klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Ecuador widerspruchsvoll, so ist dies in noch höherem Grade bezüglich der Aussichten der Fall, die das Land neuen Einwanderern bietet. Doch ergibt sich bei sorgfältiger Abwägung des zur Verfügung stehenden Materials etwa folgendes Bild: 1. Ungelernte Arbeiter Da die einheimischen Arbeitskräfte einen ungemein niedrigen Lebensstandard haben, können sie für Löhne arbeiten, mit denen kein Einwanderer mit europäischen Lebensbedürfnissen konkurrieren kann. Die Möglichkeit, als ungelernter Arbeiter in der Stadt oder gar auf dem Lande sein Brot zu verdienen, scheidet daher für den Einwanderer aus. 2. Gelernte Arbeiter und Handwerker Anders steht es mit qualifizierten Arbeitern und Handwerkern. Man muß davon ausgehen, daß nicht nur die Lohnansprüche, sondern auch die Leistungen der einheimischen ecuadorianischen Arbeitskräfte ungemein gering sind, und daß europäische Kräfte in geeigneten Berufen Verdienste erzielen können, die ihnen ein auskömmliches Leben ermöglichen. Gut geschulte Handwerker, wie etwa Schreiner, Schmiede, Schlosser, Elektrotechniker, aber auch Lederarbeiter (Herstellung von Portefeuilles und Handtaschen), in den weiblichen Berufen Modistinnen, Näherinnen, Stickerinnen und dergleichen, dürften in Ecuador verhältnismäßig gute Möglichkeiten haben. Es ist aber wesentlich, daß Handwerker nicht ganz ohne Kapital in das Land kommen, sondern genügend Geld mitbringen, um — bei dem sehr billigen Leben im Lande — etwa ein halbes Jahr abwarten zu können, bis sich der Betrieb rentiert. Für Handwerker empfiehlt es sich, eine möglichst gute Ausrüstung an Handwerkszeug aus Europa mitzubringen, da alle Importware im Lande sehr teuer ist, insbesondere alles, was aus Eisen ist. 3. Kaufmännische Angestellte Die Arbeitsmöglichkeiten für kaufmännische Angestellte dürften gering sein. „Das Gehalt eines Angestellten, der ohne Kontrakt nach Ecuador kommt und dort Stellung findet, wird die Kosten der einfachsten Lebensbedürfnisse kaum überschreiten." Von größter Wichtigkeit ist die Beherrschung der spanischen, und womöglich auch der englischen Sprache. 4. Selbständige Kaufleute und Industrielle Infolge der außerordentlich niedrigen Löhne der einheimischen Arbeitskräfte und der Bemühungen der Regierung, die Industrialisierung des Landes zu fördern, sind die Möglichkeiten für kleinere Unternehmungen wohl nicht ungünstig, doch muß sorgfältig bedacht werden, daß die ungeheure Armut der großen Mehrheit des Volkes und die geringe Bevölkerungsdichte des Landes die Kaufkraft des einheimischen Marktes eng begrenzt, so daß nur bestimmte, sorgfältig auszuwählende Branchen auf ausreichenden Absatz rechnen können. 5. Akademische Berufe Im allgemeinen sind alle akademischen Berufe ausschließlich Einheimischen zugänglich. Dies gilt sogar für Zahntechniker. Die ecuadorianische Regierung hat jedoch einzelne deutsche Gelehrte und Fachleute in Staatsstellungen berufen, auch ist es einigen jüdischen Aerzten aus 68

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