Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 86 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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verschiedentlich revidiert, zuletzt 1929. Diese neue Fassung ist aber seit Ende Mai 1935 außer Kraft gesetzt; augenblicklich gilt eine liberale Verfassung vom Jahre 1906. Die Legislative übt ein Nationalkongreß, bestehend aus Senat und Abgeordnetenhaus, aus, die Exekutive liegt in den Händen des Präsidenten. Nachdem im vorigen Jahre zwei Präsidenten gestürzt worden waren, regiert seit September 1935 Ingenieur Frederico P a e z diktatorisch. Sein Kabinett, das vom Militär gestützt wird, setzt sich aus Angehörigen der Linksparteien (Liberale und Sozialisten) zusammen. Eine der ersten Regierungsmaßnahmen war die „Nationalisierung des Klerus"; die Veräußerung von Liegenschaften, die Religionsgesellschaften gehören, wurde verboten. III. Die Wirtschaft 1. Währung und Finanzen Die Währungseinheit Ecuadors ist der Sucre; 1 Sucre — gewöhnlich abgekürzt S oder $ — besteht aus 100 Centavos. Der Sucre notiert 0,24 RM. Im Jahre 1927 wurde der Sucre in ein festes Verhältnis zum Golde gebracht. Es notierte damals S 1,— 0,84 RM. Der Goldstandard wurde 1932 verlassen und statt dessen ein strenges System der Devisenbewirtschaftung eingeführt. Am 7. Oktober 1935 wurde mit einem Schlage die Devisenbewirtschaftung aufgehoben, man ließ den Sucre abgleiten und setzte am 18. Dezember seinen Kurs in einer Höhe fest, die seinem Werte auf dem freien Markte entsprach. Nun wurde der Sucre wieder in feste Abhängigkeit vom USA.-Dollar gebracht, und zwar im Verhältnis S 10.50 USA. $ 1.—. Durch die Abwertung ergab sich ein nicht unbeträchtlicher Gewinn des Staates. Er konnte seine Verpflichtungen aus Schatzwechseln gegenüber der Zentralbank von 36 000 000 auf 18 000 000 Sucres vermindern. Laut einer Meldung des „Eildienst" vom 21. August 1936 ist die Ecuadorianische Centrai-Bank am 31. Juli 1936 als einziges Bankunternehmen ermächtigt worden, Gold zu kaufen. augenblicklich Die Exporteure haben den gesamten Ausfuhrerlös an die Centrai-Bank abzuliefern, während für die Einfuhr eine vorherige Genehmigung benötigt wird. Alle Banken müssen ihre ausländischen Guthaben auf die Centrai- Bank übertragen und ihre gesetzmäßigen Reserven bei der Centrai-Bank deponieren. Außerdem ist die Centrai-Bank ermächtigt worden, die Wechselkurse der Währung Ecuadors festzulegen und die neuen Verfügungen in Uebereinstimmung mit den nationalen Bedürfnissen anzuordnen. 2. Landwirtschaft Das Schwergewicht der ecuadorianischen Wirtschaft ruht auf der Landwirtschaft. An erster Stelle aller landwirtschaftlichen Produkte steht der im Plantagenbau gezüchtete Kakaobaum. Von 1920 bis 1933 ist die Kakao-Produktion Ecuadors um 77 % zurückgegangen, eine Tatsache, die auf Erkrankungen der Bäume zurückzuführen ist. Seit 1933 ist jedoch die Produktion wieder stark im Ansteigen begriffen. 1935 wurden 4 395 000 Quintais (1 Quintal 46 kg) exportiert. Auch anteilsmäßig ging der Kakao-Export in den 20er Jahren bei an sich steigender Gesamtausfuhr zurück; es traten andere Produkte an seine Stelle und erzeugten so eine gesündere Vielfalt der Zusammensetzung der ecuadorianischen Exportprodukte. Die Kaffee- Erzeugung nahm in dieser Zeit stark zu. 1935 wurden 2 735 000 Ouintals im Werte von 14 533 000 Sucres exportiert (1934 allerdings im Werte von zirka 21600 000 Sucres). — Auch die R e i s Produktion wuchs. 1935 wurden 3 490 000 Ouintals im Werte von 6 263 000 Sucres exportiert (wertmäßig fast viermal so viel wie 1934). Von anderen Agrarprodukten spielen noch Obst, insbesondere Bananen, für die Ausfuhr, Zucker, Tabak, Baumwolle, Kartoffeln und verschiedene Getreidesorten für den einheimischen Bedarf eine Rolle. Die Viehbestände Ecuadors sind nur für den heimischen Markt von Bedeutung. Ecuadors riesiger Wald vörrat wird wirtschaftlich kaum genutzt. Lediglich die Früchte des Tagua baumes werden von Eingeborenen zu Exportzwecken in größeren Mengen gesammelt. Diese nußartigen, sehr hartschaligen Früchte, auch Elfenbeinnüsse genannt, sind ein Surrogat für Elfenbein und werden nach Europa und U. S. A. zur Knopffabrikation ausgeführt. 1934 betrug ihr Exportwert 4 871 500 Sucres. Der Kautschuk - Export hat aufgehört. 3. Bergbau und Industrie Die Bedeutung von Ecuadors Reichtum an Mineralien nimmt ständig zu. So ist Petroleum in die erste Reihe der Exportprodukte dieses Landes gerückt. Das hier gewonnene Mineralöl ist von besonders guter Qualität, d. h. sein Benzingehalt ist sehr hoch. Während der Krisenzeit ging der Mineralöl-Export stark zurück, hatte aber von 1932—1934 schon wieder um ca. 30 o/o zugenommen. 1934 betrug die Gesamtproduktion 230 000 t, von denen 172 000 im Werte von 12 902 000 Sucres exportiert wurden. Die Gold- Produktion und -Ausfuhr hat auch während der Krisenjahre zugenommen, ist seitdem aber ganz bedeutend gewachsen. 1934 wurden 17 964 kg im Werte von 18 900 000 Sucres exportiert. Von anderen Mineralien werden Kupfer, Silber, Eisen, Blei, Schwefel, Kohle, Salz und Marmor gefunden und in kleinerem Umfang abgebaut. „Der wichtigste Industriezweig ist die Baumwollverarbeitung, in der etwa 3000 Personen beschäftigt sind. Diese Industrie, die teilweise für den Export arbeitet, wird in Quito, Riobamba, Ambato und Atuntaqui betrieben. Brauereien und Eisfabriken bestehen in Guayaquil und Quito. Zement, Leder, Schokolade, Tagua-Nußknöpfe, Teppiche, Seife und Nußöl sind Produkte der gleichen Städte. Die heimische Industrie ist im Aufbau begriffen. Getreidemühlen und Gerb e r e i e n nehmen ständig an Bedeutung zu. Eine große Anzahl von Zuckerfabriken und ein paar kleinere Fabriken, die aus Sisalfasern Säcke herstellen, bestehen im Lande. Neue Industrien befassen sich mit der Herstellung von Schweinefett, Speiseölen, Salz und der Fabrikation von Zündhölzern. Für Alkohol, Tabak, Salz (284 000 Quintais im Jahr) und Zündhölzer (15 000 000 Schachteln im Jahr) besteht ein Regierungsmonopol. Die Alkohol-Industrie stellt weißen Rum, Branntwein zu industriellen und Trinkzwecken, Liköre, Parfüms, Jod und Zahnpulver her. Panamahüte, die durch Handarbeit aus dem Stroh der Toquillapalme hergestellt werden, bilden eines der Hauptprodukte des Landes. Der Export während des Jahres 1934, der auf 5 838 388 Sucres geschätzt wird, wandte sich hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien." (South American Handbook 1936.) Die Regierung fördert in Ecuador wie in den meisten anderen Staaten Südamerikas die nationale Industrie in jeder Weise. So wurde noch 1935 ein Zollzuschlag von 10 % auf die Einfuhr solcher Erzeugnisse eingeführt, die in gleicher oder ähnlicher Qualität bereits im Lande hergestellt werden. Die Kaufkraft der Eingeborenen-Bevölkerung ist so gering, daß diese die minderwertigen einheimischen Güter solchen höherer Qualität, die eingeführt werden müßten, vorzieht, wobei auch die Wirkung der nach der Sucre- Abwertung eingetretenen Preissteigerung für ausländische Waren stark ins Gewicht fällt. 4. Verkehr Um Ecuadors Verkehrsverhältnisse ist es schlecht bestellt. Nur eine große Bahnlinie ist in Betrieb: die von Guayaquil nach Quito. Die Anlage dieser Strecke mit ihren Viadukten, Tunnels und hohen Steigungen war ein technisches Meisterstück. Die Reise, die zwei Tage dauert, wird nachts in Riobamba unterbrochen. Die Rentabilität dieser Linie ist sehr zweifelhaft; infolge des Mangels an größeren Frachtgutmengen ließ man für den Passagierverkehr häufig nur Schienen-Omnibusse auf der Strecke laufen. Erst in allerjüngster Zeit hat der Transport von Frachtgütern, insbesondere von Baumaterialien, zugenommen. 86