Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 84 (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492429-9991062-9587816--218-9587906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ecuador Ecuador ist ein großes, dünnbevölkertes, zum Teil noch völlig unersehlossenes Land, dessen klimatische und wirtschaftliche Eignung für Einwanderer aus Europa heute besonders umstritten ist. Soweit sich aus den oft widersprechenden Nachrichten ein Urteil gewinnen läßt, sind die wirtschaftlichen Aussichten für Handwerker, kleinere Unternehmer, aber wohl auch für Kaufleute mit Sprachkenntnissen und womöglich etwas Kapital verhältnismäßig günstig, da die Vorbedingungen für eine gewisse Industrialisierung des heute noch armen und rückständigen Landes vorhanden sind, und die gegenwärtige Regierung der Einwanderung freundlich gegenübersteht. Dagegen erscheint größte Skepsis gegenüber allen Plänen zur landwirtschaftlichen Massenkolonisation geboten, da die unentgeltlich zur Verfügung gestellten Ländereien Verkehrs wirtschaftlich ungünstig liegen und ihre klimatische Eignung fragwürdig ist. Für landwirtschaftliche Einzelsiedlungen scheinen jedoch Möglichkeiten gegeben. Wegen der klimatischen Verhältnisse sowohl im Tiefland wie in den hochgelegenen Teilen kommen für Ecuador nur Einwanderer in Frage, deren Herz und Lungen durchaus gesund sind. Seite I. Einwanderungsbedingungen ............. 84 II. Das Land ..................... 84 1. Natur des Landes................ 84 2. Klima und Gesundheitsverhältnisse........ 85 3. Bevölkerung ................... 85 4. Regierung und Innenpolitik ........... 85 III. Die Wirtschaft................... 86 1. Währung .................... 86 2. Landwirtschaft.................. 86 3. Bergbau und Industrie.............. 86 4. Verkehr ..................... 86 5. Außenhandel................... 87 6. Konjunktur....................187 IV. Kultur und Jüdisches Leben............ 87 V. Gehaltsverhältnisse, Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten ....................... 88 VI. Aussichten für Einwanderer.............. 88 ( VII. Briefe aus Ecuador................. 89 . _a I. Einwanderungsbedingungen Für die Einreise ist ein Visum erforderlich. Es wird nur von den Konsulaten des Einschiffungshafens erteilt. Vorzulegen sind: 1. Deutscher Reisepaß; 2. polizeiliches Führungszeugnis für die letzten 5 Jahre; 3. amtsärztliches Gesundheitszeugnis; 4. amtsärztliches Zeugnis über erfolgte Pockenimpfung. Persönliches Erscheinen des Reisenden ist im allgemeinen erforderlich. Die Prüfung des Visumantrages dauert gewöhnlich ein bis zwei Tage. Die Erteilung des Visums geschieht individuell. Bei Beantragung des Visums prüft das Konsulat, ob der Antragsteller über die Fähigkeit verfügt, drüben eine Erwerbstätigkeit ausüben zu können. Dieser Nachweis wird von Handels- oder Geschäftsreisenden, sowie Touristen nicht verlangt. Einwanderer, bei denen keine Gefahr besteht, daß sie dem Staate zur Last fallen, können in der Regel mit der Erteilung des Visums rechnen, z. B. Einwanderer, die übei genügend Existenzmittel verfügen oder einen Anstellungsvertrag usw. besitzen. Touristen und Handelsreisende haben dem Konsulat den Nachweis ihrer Glaubwürdigkeit durch den Besitz ausreichender Geldmittel bzw. Aufgabe von Referenzen zu erbringen. Die Gebühren betragen 3 amer. Dollars, zahlbar in Reichsmark zum Tageskurs, für die Legalisierung der unter 2 bis 4 aufgeführten Papiere je 0,50 RM. Mit Regierungsdekret vom 27. November 1935 ist die polizeiliche Meldepflicht für alle in Ecuador ansässigen Personen angeordnet. (Nach: „Deutsche Paßvor Schriften und Einreisebestimmungen des Auslandes". Herausgegeben von der Industrie- und Handelskammer Stuttgart, Mai 1936.) IL Das Land 1. Natur des Landes Ecuador ist mit etwa 874 000 qkm (nach der offiziellen Schätzung) einer der kleinsten selbständigen Staaten Südamerikas. Ungefähr ein Fünftel des Landes liegt nördlich, der Rest südlich des Aequators. Ecuador, das eine etwa dreieckige Gestalt hat, wird begrenzt durch Columbien, Brasilien, Peru und den Pazifischen Ozean. Wirtschaftsgeographisch sind deutlich drei Landesteile zu unterscheiden: das Küstengebiet im Westen, das Andengebiet und das östliche Tiefland. Das Küstengebiet ist der für die Ausfuhr bedeutsamste Landesteil. Ecuadors weltwirtschaftliche Produkte, vor allem Kakao, werden hier kultiviert; außerdem bildet das Küstengebiet die Brücke zur Umwelt. Das Küstengebiet ist infolge des feuchtheißen Klimas im allgemeinen schwächer besiedelt als das Anden-Hochland. Doch liegt hier Guayaquil, das mit 126 780 Einwohnern die größte Stadt Ecuadors und der einzige Seehafen von Bedeutung ist. Die Stadt liegt am Guayas-Fluß, etwa 50 km vor seiner Mündung. Ihr modern angelegter Hafen verfügt über 2,4 km Kailänge. Die Straßen der Stadt sind gepflastert, und neuerdings hat auch die Durchführung von Kanalisationsanlagen Fortschritte gemacht. Die Büros der Handelsgesellschaften und Banken, Lagerplätze und Industriebetriebe verleihen der Stadt einen geschäftigen, betriebsamen Charakter. Das Andengebiet ist wirtschaftlich nicht auf den Außenhandel eingestellt. Trotzdem leben in den Hochtälern der Anden 75 o/o der Gesamtbevölkerung Ecuadors. Die Anden durchziehen Ecuador in zwei großen Höhenzügen, die von gewaltigen Schneegipfeln, teilweise noch tätigen Vulkanen, gekrönt sind. Das Zentral-Tal zwischen den beiden Gebirgsketten wird durch Querriegel, sogenannte Nudos, in mehrere Becken aufgeteilt, die durch Flüsse bewässert werden. Diese Täler, in deren Mitte zumeist eine Stadt liegt, sind für den Ackerbau verhältnismäßig günstig. Durch ihre Produkte: Getreide, Kartoffeln, Mais, Luzerne, wird das ganze Land ernährt. In diesen Siedlungsgebieten konzentriert sich die Bevölkerung nicht in großen Städten; sie verteilt sich auf teilweise recht verstreut liegende Haciendas und Kolonien. In einem der nördlichen Hochbecken liegt die Landeshauptstadt Quito, eine Stadt mit etwa 107 000 Einwohnern, in der sich der altspanische Kolonialgeist — in der Architektur sowohl wie in der Gesinnung der Oberschicht der Bevölkerung — bis heute erhalten hat. Zahlreiche Kult- und Profanbauten zeugen von der Vergangenheit; von Häusern im Kolonialstil eingefaßte enge Straßen, die sich rechteckig an größeren Plätzen kreuzen, verleihen der Stadt einen malerischen Eindruck, der durch eine gartenreiche Umgebung und Parks noch erhöht wird. Mancherlei Ruinen aus der Zeit vor der europäischen Eroberung befinden sich in nächster Umgebung Quitos. Ambato (mit etwa 17 000 Einwohnern) liegt am Nordabhang des 6310 m hohen Chimborazo. Das Klima seiner Umgebung ist gemäßigt und eignet sich vorzüglich S4