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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 81

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 81 (sequence 87)
Language
German
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bien berufen. Ebenso wie in den meisten südamerikanischen Staaten stoßen die Akademiker hier in der Regel bei der Revalidierung ihrer Titel auf die allergrößten Schwierigkeiten, da die Einheimischen die Konkurrenz fürchten. Für Aerzte bestehen überhaupt keine Aussichten. Es existiert zwar ein Gesetz, wonach Ausländer, die im Lande ein Examen ablegen, sich auch niederlassen dürfen, aber tatsächlich ist es ausgeschlossen, daß ein Immigrant dieses Examen besteht, auch wenn er noch so tüchtig ist und tadellos spanisch kann. Ebensowenig wie für Aerzte bestehen Möglichkeiten für Assistenten oder Krankenpfleger. Nicht viel besser als mit den Intellektuellen steht es mit einer anderen wichtigen Kategorie jüdischer Einwanderer, nämlich den Handelsangestellten. Nachdem die ersten Emigranten fast alle bei größeren jüdischen Firmen oder deren Freunden untergebracht worden sind, soll es zur Zeit kaum noch möglich sein, Einwanderer, die die spanische Sprache nicht völlig fehlerfrei beherrschen, als kaufmännische Angestellte unterzubringen; und selbst bei perfekten Sprachkenntnissen kann nicht unbedingt damit gerechnet werden, bald eine ausreichend bezahlte Stellung zu finden. Angestellte mit technischen Kenntnissen (Ingenieure, Chemiker, Textil- oder Brauerei-Fachleute) haben einige Aussichten unterzukommen, da europäische Fachkräfte verschiedentlich gesucht werden. Doch ist es ein erhebliches Risiko, auf gut Glück einzuwandern, und es empfiehlt sich dringend, vorher bei den jüdischen Organisationen in Columbien wenigstens genaue Erkundigungen einzuziehen. Das gleiche gilt für Facharbeiter. Selbständige Kaufleute haben in Columbien recht gute Aussichten. Sie verdienen im allgemeinen leicht das zum Existenzminimum Notwendige, und nicht allzu schwer auch genug, um mit Familie eine leidlich bürgerliche Lebenshaltung zu bestreiten. Dagegen sollen die Möglichkeiten, viel zu verdienen, gering sein. Kaufmännische Vertreter, die mit guten Vertretungen ins Land gekommen sind, haben sich im allgemeinen einigermaßen durchschlagen können, besonders wenn sie ohne Familie waren. Doch steht zu befürchten, daß die Regierung in nächster Zeit von ihrer Ermächtigung Gebrauch machen könnte, Import- Genehmigungen zu verweigern, wenn es die Devisenlage erfordert; dies würde dann die neu Ankommenden sicher sehr hart treffen. — Die Konkurrenz im selbständigen Einzelhandel ist in Columbien letzthin recht scharf geworden. Weitaus am besten sind die Möglichkeiten für Einwanderer mit Kapital. Es wird übereinstimmend von verschiedenen Seiten geschildert, daß es eine Fülle von aussichtsreichen Unternehmungsmögiichkeiten in Industrie, Handel, Landwirtschaft, Hotelwesen, Transportgewerbe usw. gebe. Auch Möglichkeiten, Kapitalien günstig anzulegen und arbeiten zu lassen, seien reichlich vorhanden; wer 20 000 bis 30 000 Pesos besitze, könne auch ohne eigene Arbeit eine bürgerliche Lebenshaltung von den Zinsen bestreiten. Mit relativ geringen Barmitteln (wenigen 100 Pesos Anfangskapital) können Einwanderer mit Mut und Initiative, und vor allem guten Fachkenntnissen, besonders wenn sie die notwendigen Werkzeuge, Geräte usw. aus Deutschland mitbringen, sich durch Errichtung eines kleinen gewerblichen Betriebes eine Existenz schaffen, die rasch das zum Lebensminimum Notwendige abwirft — vorausgesetzt, daß sie wirklich erstklassige Arbeit leisten. So sollen in letzter Zeit folgende Fälle Erfolg gehabt haben: eine Werkstatt für Schaufenster-Einrichtungsgegenstände, eine kleine Schinken- und Wurstfabrik, ein Restaurationsbetrieb, eine feine Maßschneiderei usw. Im allgemeinen ist die gewerbliche Konkurrenz, mit Ausnahme der Möbeltischlerei und der Konfektion, noch relativ gering, der Bedarf dagegen vorhanden, auch in anderen größeren Städten als in Bogota. Recht gut sind die Aussichten für Handwerker, die als selbständige Unternehmer meist rasch genügend Aufträge finden. Als Gesellen werden sie — vorausgesetzt, daß es sich um wirklich gute Kräfte handelt — zumeist, wenn auch nicht etwa immer sofort, Stellung finden können, doch sind die Löhne im allgemeinen so gering, daß sie zum Unterhalt einer Familie nicht ausreichen. Nach Angaben der Hicem können Handwerker von Anfang an in abhängiger Stellung 3 bis 5 columbianische Pesos täglich verdienen, und 6 bis 8 Pesos als selbständige Unternehmer. Frauen, die keinen festen Anstellungsvertrag besitzen, kann zur Einwanderung nach Columbien nicht geraten werden. Betätigung in der Landwirtschaft setzt im allgemeinen Kapital voraus. Siedler können von der Regierung Land zur Urbarmachung gratis erhalten; man wird aber auch in diesem Fall mit mindestens 1000 Pesos pro Familie rechnen müssen für Investition, Hausbau, Bezahlung der (sehr niedrigen) Arbeiterlöhne für das Roden, und endlich für den Lebensunterhalt bis zur ersten Ernte. Nach Angaben der Hicem können Gärtner und Blumenzüchter leicht Arbeit finden. Abschließend kann gesagt werden, daß Columbien den Einwanderern eine erhebliche Reihe von Möglichkeiten bietet, daß aber dringend davor gewarnt werden muß, ohne Sprachkenntnisse einzuwandern oder ohne festen Plan, was man anfangen will. Die Spekulation auf Bekannte, die einem „irgend etwas besorgen werden", dürfte in Columbien besonders fehl am Platze sein. VIII. Briefe aus Columbien Folgender Auszug aus einem Brief aus Bogota vom Ende letzten Jahres schildert das Los eines jungen Auswanderers, der glücklich ist, im neuen Lande Fuß gefaßt zu haben: „Mir geht es unberufen gut, und ich bereue nicht, den Schritt in die ferne Welt gemacht zu haben. Es ist nicht ganz leicht, mit 30 Gulden hierher zu fahren, aber Gott sei Dank kann ich meines Lebens wieder froh werden. Wir sind hier keinen Arbeitsbestimmungen unterworfen. Arbeit, um sich zu ernähren, findet jeder; naturgemäß aber wartet nicht das Land auf Herrn Meyer oder Schulze; etwas Geduld jedoch führt zum Ziele. Man wird nicht gleich Großverdiener, es reicht aber bestimmt aus, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Nur darf man nicht wählerisch sein und muß nehmen, was einen geboten wird; Schuhputzer brauchen wir Europäer keinesfalls zu werden. Zum notwendigen Leben gebrauche ich 60 $, und verdiene bis Februar 80 und von da ab 100 $. Das ist sehr viel Geld für hiesige Verhältnisse. Ich wohne in einer der besten Pensionen von Bogota und bezahle mit Wäsche 40 $, woraus ersichtlich wird, wie billig alles ist; nach unserer Reichsmark gerechnet (der S steht etwa 1,40 RM.) sind dies 56 RM. Eine zweiköpfige europäische Familie braucht im Monat auch nur 100 S, ein Anzug aus bester englischer Kammgarnware beläuft sich auf 40 Ueber die Berufsaussichten in Columbien heißt es in einem Briefe aus Bogota vom 1. Mai d. J.: „Ledige Handwerker mjf Werkzeug und dem Geld, etwa zwei Monate zu leben, werden hier mit allergrößter Wahrscheinlichkeit unterzubringen sein. Einen guten und fertig ausgebildeten ledigen Tischler könnte man z. B. sofort, allerdings im Anfang nur zum Existenzminimum, unterbringen; auch eine Buchdruckerei mit guten Maschinen würde hier sehr schnell bei ordentlicher und pünktlicher Arbeit und modernem Satzmaterial Erfolg haben." K11011 © f - Leh rgänge PRIVATE LEHRGÄNGE VON JAK. 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