Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 80 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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wie durch die kulturelle Anziehungskraft der Städte auf den jüdischen Einwanderer, entsteht eine starke Tendenz zur Zusammenballung in den wichtigsten Städten. Obwohl die jüdische Einwanderung nach Columbien neueren Datums ist und stärkere Schübe erst in den Jahren 1925 27 begonnen haben, kann man feststellen, daß ein guter Teil der Einwanderer, wenn nicht der größte, Erfolg gehabt hat und sich in ziemlich günstiger Lage befindet. Seit 1932 hat die Einwanderung nach Columbien noch stärker eingesetzt. Die Einwanderer, die zunächst allein gekommen waren, um ihr Glück zu versuchen, haben, nachdem sie eine Existenz gefunden hatten, dann ihre Familien und Angehörigen nachkommen lassen. Nach Schätzung der „Hicem" kommen zur Zeit etwa 30 Personen im Monat an, zum Teil Eltern und Freunde der schon früher Eingewanderten. Gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes ist ein solcher Zustrom von etwa 400 jüdischen Einwanderern im Jahre sicherlich nicht zu hoch, und auch der in den letzten Monaten allmählich einsetzende Zuzug von Juden aus Deutschland — vereinzelt leben diese Juden z. T. in sehr angesehenen Stellungen, in verschiedenen Orten schon seit längerer Zeit — würde wohl von der Wirtschaft absorbiert werden können. Doch ist es für die Beurteilung der künftigen Einwanderungsmöglichkeiten wichtig, daß sich in letzter Zeit in Columbien eine ziemlich scharfe antisemitische Strömung ausbreitet, die sowohl den schon ansässigen, wie vor allem den neu einwandernden Juden das Fortkommen mehr oder weniger erschweren wird. — Bisher steht allerdings die Regierung dem Antisemitismus durchaus fern. Sie hat sogar eine Reihe von Fachleuten aus Deutschland, die zum Teil Juden sind, in ihren Dienst genommen. Ueberhaupt richtet sich der Antisemitismus in Columbien bisher vorwiegend, wenn vielleicht auch nicht ausschließlich, stimmungsmäßig gegen die ostjüdischen Händler. Gegen Juden aus Deutschland haben sich bisher noch keine Stimmen erhoben. VI. Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten Für den Einwanderer aus Europa, der nicht wie die einheimischen Columbianer gewohnt ist, nur von Volksnahrungsmitteln, wie Reis und Bananen, zu leben, ist die Lebenshaltung in Columbien keineswegs billig. Der mehrfach erwähnte Bericht der Hicem enthält in dieser Hinsicht folgende Angaben: Kosten für eine ledige Person monatlich: Miete für 1 Zimmer für 2 Personen (die Hälfte) 10 Pesos Pension mit Verpflegung 25 Pesos Kleidung, verschiedene Unkosten 10 Pesos 45 Pesos 25 Pesos 60 Pesos 15 Pesos zusammen: 100 Pesos Wie wir von anderer sehr urteilsfähiger Seite hören, dürften diese Angaben sehr niedrig gegriffen sein. Man könne in Bogota in einer bescheidenen, aber für Europäer noch möglichen Pension Zimmer und Verpflegung für bereits 35 Pesos bekommen, in einem erstklassigen Hotel zahle man aber etwa 75 Pesos. Möblierte Zimmer kosten nach dieser Quelle ohne Verpflegung 15—20 Pesos, Mahlzeiten in einem guten Restaurant 0,50—0,70 Pesos. Für Getränke muß man pro Mahlzeit 10—20 Cent rechnen. (Trinkgelder sind in Columbien nicht üblich, außer im Hotel.) Obst, das man sich aus gesundheitlichen Gründen, wenn man auf das Essen im Restaurant oder in der Pension angewiesen ist, noch extra kaufen muß, ist sehr billig; Apfelsinen und Bananen pro Dutzend 10 Cent., Ananas pro Stück 10 bis 15 Cent. Eine Tasse Kaffee kostet 5 Cent., 1 Schachtel Zigaretten 15 Cent., eine Zeitung 5 Cent. Für Wäsche-Wäschen außer dem Hause muß man monatlich etwa 3 Pesos rechnen. Bei eigenem Haushalt ist für eine Wohnung von fünf Zimmern oder mehr (kleinere Wohnungen sind in Bogota schwer zu haben) je nach Lage und Komfort 65 bis 80 Pesos monatlich zu rechnen, für Haushalt bei kleiner 4köpfige Familie: Miete Nahrung (von der Hausfrau zubereitet) Verschiedene Unkosten Familie 60—75 Pesos monatlich, für Mädchen 8—10 Pesos. Dies alles ist auf eine gutbürgerliche Lebensführung berechnet. Das Preisniveau für Bekleidung ist folgendermaßen: Anständige Herrenkonfektion (Anzüge oder Mäntel) unterste Preisklassen 25—35 Pesos, billige Damenkleider ab 15 Pesos, gute Damenschuhe 5 -8 Pesos, gute Herrenschuhe 8—10 Pesos. Billige Damenstrümpfe 0.80 1.40 Pesos, gute etwa 2 Pesos. Herrensocken etwa 80 Cent., Herrenhemden etwa 2 Pesos. Teuer ist das Schulgeld, für das etwa 25 Pesos monatlich zu rechnen sind. Aerzte erhalten für eine Konsultation 2—3 Pesos. — Ein Wochenendausflug in die wärmeren Gegenden, der aus gesundheitlichen Gründen von Zeit zu Zeit erforderlich ist, kostet pro Person mit allen Nebenkosten etwa 5—10 Pesos, je nach dem Wohnort. Zusammenfassend kann man sagen, daß als Existenzminimum einschließlich Kleidung und unvermeidlichen Nebenausgaben bei bescheidenem europäischem Lebensstandard für eine einzelstehende Person 700, für ein kinderloses Ehepaar 1200 Pesos im Jahr zu rechnen sind. Bei behaglicher gut bürgerlicher Lebensführung wird eine kleine Familie im ganzen mindestens 2500 bis 3000 Pesos jährlich brauchen. Dies alles gilt für Bogota und für den Preisstand von Mitte 1936, wobei bemerkt werden muß, daß die Preise eine stetig steigende Tendenz haben. In den übrigen Städten des Landes lebt man zum großen Teil billiger. Mieten sind in den meisten anderen Städten niedriger als in Bogota; in Cali z. B. ist eine große Wohnung bereits für 35 Pesos erhältlich. Die Lebensmittel kosten in Barranquilla etwa %, in Medellin etwa 3/5, in Cali, Cartagena und Manizales etwas mehr als die Hälfte der Preise von Bogota. In Medellin fällt vor altem auch die Notwendigkeit des Klimawechsels mit seinen Kosten fort. In Barranquilla und Cartagena sind allerdings wieder gewisse Nebenkosten unvermeidlich, die mit der Lebenshaltung im heißen Tropenklima zusammenhängen. Was die Kosten einer Wohnungseinrichtung angeht, so sind Möbel relativ billig, ein Küchentisch ist für 2 Pesos, ein größerer besserer Tisch für 4—6 Pesos erhältlich; einfache mahagonifarben gebeizte Stühle gibt es von 2.50 Pesos an. Für einen Kleiderschrank sind 35—40 Pesos anzusetzen; ein Eisengestell mit Sprungfedermatratze bekommt man bereits für 10 Pesos, eine Wolldecke kostet 4.50—7 Pesos. Auch wenn man auf gesellschaftlichen Verkehr im Hause nicht verzichten will, genügt eine einfache Möbeleinrichtung. — Sehr teuer ist, im Gegensatz zu den Möbeln, Geschirr, Glas und jede Art von Küchen - und Hausgerät, weshalb man nach Möglichkeit all dies aus Europa reichlich und vollständig mitbringen soll. (Die vorstehenden Angaben, für die wir Herrn Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. pol. II. II alb e r s t ä dt e r in Bogota außerordentlich verbunden sind, gehen von den Bedürfnissen eines aus Westeuropa kommenden, an einen relativ hohen Lebensstandard gewöhnten Juden aus, während die Angaben der Hicem vorwiegend auf die bescheideneren Ansprüche ostjüdischer Einwanderer berechnet sein dürften.) VII. Aussichten für Einwanderer Verglichen mit den meisten anderen Ueberseeländern bietet Columbien heute dem jüdischen Einwanderer noch erhebliche Möglichkeiten. Freilich wird man zur rechten Würdigung der Aufnahmefähigkeit des Landes folgende Tatsachen nicht aus dem Auge verlieren dürfen: 1. Columbien ist ein tropisches Land, das in den tief gelegenen Teilen für Weiße überhaupt kaum erträglich ist, während die höher gelegenen Gegenden zwar für Menschen mit kräftigem, anpassungsfähigem Herzen und einwandfreier Lunge gesund sind, aber weniger robusten Naturen unter Umständen zum Verhängnis werden können. 2. Columbien ist ein großes und an Naturschätzen sehr reiches Land, aber die Einwohnerzahl von etwa 81/2 Mill. Menschen, die bisher noch geringe Entwicklung der Industrie und der in vielen Gegenden spürbare Mangel an Verkehrswegen dürften der Einwanderung städtischer Elemente gewisse Schranken setzen. Im einzelnen ergibt sich folgendes Bild der Aussichten für die verschiedenen Berufe: Angehörige der intellektuellen Berufe haben im allgemeinen keinerlei Aussichten, es sei denn, sie würden von autoritativer Stelle ausdrücklich nach Colum- 80