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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 64

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 64 (sequence 66)
Language
German
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W er aus Mangel an Barmitteln gezwungen ist, jede ihm gebotene Arbeit anzunehmen, findet sofort Arbeit. An Landarbeitern ist im Staate Säo Paulo großer Mangel. Auch als Handlanger kommt man unter. Wenn man soweit ist, ist es natürlich schwer, soviel zu steigen, da die physischen Kräfte des Europäers es dann nicht zulassen, sich neben diesen, den \\ itterungsunbilden ausgesetzten Arbeiten, noch nach einer anderen Arbeit umzusehen. Ich kenne allerdings einen Fall, daß ein junger Mann als Sackträger anfing und heute, nach zwei Jahren, ein gutbezahlter Bankangestellter ist. Ich selbst war vier Wochen ohne Arbeit, dann bekam ich Beschäftigung in einer Weberei als Kettenscherer. Vorher von Weberei natürlich keine Ahnung gehabt. Heute arbeite ich auch am Webstuhl und als Schlosser. Man muß eben alles können, vor allem keine Arbeit scheuen. Die Anerkennung für Fleiß und für Fähigkeiten erfolgt hier schneller als nach meiner Erfahrung in Europa. Schon nach zehn Tagen teilte mir mein Chef mit, daß ich einen Teil der Arbeiten seines Sohnes übernehmen solle, weil der bald nach Deutschland fährt. Diese bestehen aus schriftlichen und vorbereitenden organisatorischen Arbeiten. Sobald ich einigermaßen Portugiesisch sprechen kann, komme ich ins Angestelltenverhältnis bei selbstverständlich höherem Gehalt. Ich bin also sehr zufrieden. Muß natürlich hart arbeiten; 57 Stunden wöchentlich; um ' L>6 ist die Nacht für mich vorbei. Verdiene zur Zeit 1*000 die Stunde. Das verdienen die meisten. Man kann mit diesem Verdienst ganz bescheiden leben. Wer in der ersten Zeit nichts zum Zusetzen hat, ist natürlich übel daran." Der folgende Brief deckt sich weitgehend mit den sonstigen Informationen des Hilfsvereins, außer in der Beurteilung der Unterbringungsmöglichkeiten für „Umschichtler", die wir für zu pessimistisch halten. Rio de Janeiro, den 1. Mai 1936 „Ich kann jeden warnen, hierher zu kommen, der nur Kaufmann ist und die Landessprache nicht in Wort und Schrift beherrscht. Für solche Leute bleibt zuletzt nichts anderes übrig, als Flaschen zu spülen, im Tag für 8 Milreis. Handwerk hat goldenen Boden. Wer ein solches kann, findet sehr leicht Stellung, aber nur solche, die vollständig ausgebildet sind, sogenannte Notberufe haben keinerlei Wert. Gesucht sind Elektrotechniker, Autoschlosser, Maler, Tapezierer, usw. Autoschlosser ist nicht der, der einen Führerschein hat, er muß schon was können. Internationaler Führerschein nützt hier nichts, man muß hier eine schwere Prüfung machen. Natürlich sind die Anfangsgehälter klein, aber sie steigen sehr schnell, wenn man was kann. Für Frauen sieht es wesentlich anders aus, dieselben finden auch ohne Sprachkenntnisse Stellung als Kinderfräulein und Hausangestellte, bei verhältnismäßig guter Bezahlung. Als Büroangestellte nur bei Beherrschung der Landessprache. Alle Frauen sind bisher untergekommen. Vor Säo Paulo ist zu warnen, es wimmelt dort von Leuten, die nicht unterkommen. Gut ist der Norden, Bahia und Recife, aber sehr tropisch; nur für sehr gesunde Leute. Wer rüber kommt, soll zuerst ohne Frau kommen, bis er untergebracht ist, oder er muß sich hier vorübergehend trennen, da die Frau unbedingt arbeiten muß. Für uns Europäer kommt nur eine europäische Frau überhaupt in Frage, da die Brasilianerin eine ganz andere Natur ist." Aus Rio de Janeiro schreibt ein Auswanderer am 3. August 1936: „Um es gleich vorwegzunehmen, ich habe unwahrscheinlich großes Glück gehabt! Ich möchte ausdrücklich betonen, nur Glück, denn leider kann mein Fall hier durchaus nicht als Norm gelten. Ich habe 12 Tage nach meiner Ankunft eine Stellung als Ingenieur bei einer brasilianischen Gas-, Wasser- und Elektro-Installationsfirma gefunden, der größten hier am Platze, bei einem Anfangsgehalt von 500-1Ü000 im Monat, immerhin einer Summe, von der man hier anständig und ausreichend leben kann, wenn auch davon gerade keine großen Extravaganzen oder auch gar Ersparnisse möglich sind. Brasilien macht augenblicklich eine, wenn auch hoffentlich nur kleine Inflation durch, und bedeuten 500S000 hier ungefähr soviel wie in Deutschland 210 RM. Sobald meine Sprachkenntnisse vervollkommnet sind, erhalte ich mehr. Dabei wäre ich auch gleich bei der Hauptsache angelangt, bei den allgemeinen Unterbringungsmöglichkeiten, die Sie ja wohl am meisten interessieren werden: Die Wichtigkeit der Sprache kann gar nicht eindringlich genug betont werden. Wer portugiesisch kann, findet, ganz egal, welchen Beruf er hat, innerhalb von kurzer Zeit Stellung und Verdienst. Ohne Sprachkenntnisse ist es nur Ingenieuren, Technikern, sowie jedem Handwerker möglich, unterzukommen. Kaufleute im allgemeinen, sowie frühere Akademiker haben nur Aussicht, hier festen Fuß fassen zu können, wenn sie hier die Mittel haben, 8/4 bis iy4 Jahr leben zu können, es sei denn, sie nehmen irgendeine gewerbliche Stellung an, sei es als Kellner, Portier oder Copeiro, ein hier sehr verbreiteter Beruf des männlichen Hausangestellten. Selbst Ingenieure kommen hier zunächst nur als Schlosser unter. (Die hiesige Niederlassung der Chrysler-Automobilwerke hat sehr viele eingestellt.) Mir sind hier Fälle bekanntgeworden, in denen es den Betreffenden gelungen ist, nach einiger Zeit eine ihren Kenntnissen entsprechende Stellung zu finden und sich eine gute Existenz aufbauen zu können. Die in Deutschland in Laienkreisen so sehr propagierten Aussichten in der Kosmetik- Branche entsprechen durchaus nicht den Hoffnungen. Dieser Beruf ist schon von Einheimischen völlig überlaufen, obwohl die Nachfrage an sich hier sehr groß ist. Am meisten muß vor etwa beabsichtigten Etablierungen hier gewarnt werden; zu jeder selbständigen Etablierung gehört, außer sehr viel Geld, auch erst einmal eine gründliche Kenntnis von Land und Leuten. Einigen Vertretern, die in der Wahl der zu vertretenden Artikel eine glückliche Hand gehabt hatten, ist es auch in der letzten Zeit hier gelungen, gute Umsätze und V erdienste zu erzielen, doch läßt sich die Art der Artikel, nach denen hier Nachfrage besteht, schlecht genau angeben, jedenfalls sind Neuheiten jeder Art begehrt. Es gehört eben, wie überall, um vorwärtszukommen, außer Energie und Tüchtigkeit eine große Portion Glück dazu. Vor allem aber ist es notwendig, wenn man nach hier kommt, alle Illusionen und auch alle Ansprüche zu Hause zu lassen. Man muß hier auf sehr viel verzichten, was man in Europa als Selbstverständlichkeit hingenommen hat. Wenn man sich mit den hiesigen Verhältnissen abgefunden hat, kann man hier eine gute und ruhige Existenz linden." Der Verfasser des folgenden Brie los, ein offenbar in vielen Sätteln gerechter Mann, erregt den Eindruck, als nehme er den Mund gerne etwas voll. Rio de Janeiro, den 23. April 1936 „Ich hatte zuerst eine Anstellung als Trainer bei einem hiesigen Sportverein mit zirka 10 000 Mitgliedern, gab aber diese Stelle vorerst wegen Sprachschwierigkeiten auf und nahm eine noch besser bezahlte Stellung bei dem argentinischen Militärattache an (als Kammerdiener), hörte aber auch hier auf eigenen Wunsch mit bestem Zeugnis auf, weil mir der erforderliche Dienst von 16—17 Stunden bei dem hiesigen Klima zuviel wurde. Jetzt habe ich eine ziemlich leichte Stelle in einer Buchbinderei. Stellung als Maurer, wie überhaupt für jedes Handwerk, kann man täglich bekommen, besonders gesucht und gut bezahlt sind hier Werkzeugschlosser. Auch für diejenigen, die aufs Land gehen wollen, sind die Möglichkeiten groß." Einem langen Brief aus Säo Paulo vom 28. Juni 1936 entnehmen wir folgendes: „Eine alleinstehende Person braucht hier im Monat für Wohnen und Essen 200 Milreis. Dazu kommen vielleicht noch 50 Milreis sonstige Ausgaben wie Wäsche, Schuhsohlen, Straßenbahnfahrten usw. Dies wären zusammen 250 Milreis. Diese Summe zu verdienen, ist sehr schwer, da das Durchschnittseinkommen am Anfang meistens nicht mehr als 200 Milreis beträgt. Man kann natürlich auch hiermit auskommen, muß aber nach brasilianischer Art leben und sein europäisches Leben ablegen. Sie werden sich nun umrechnen und sagen, daß es in Brasilien sehr billig ist. Sicher, Sie haben recht, wenn Sie dies sagen, aber nur so lange, als Sie deutsches Geld haben. Sicherlich wird es Sie auch interessieren, was ich nun hier beginne, und will ich Ihnen gleich sagen, daß ich die Schneiderei an den Nagel gehängt habe, da ich dazu erst vollkommen den Markt, die Menschen und die Sprache kennen muß. Ich bin hier als englischer Privatsekretär bei der größten Chicagoer Fleischfabrik angestellt und verdiene monatlich als Anfangsgehalt 800 Milreis. Brauchen tue ich 600, so daß ich heute schon mit meinem Anfangsgehalt monatlich 200 Milreis sparen kann. Ich muß aber sehr schwer arbeiten. Ich stehe morgens um 5 Uhr auf und komme erst abends gegen 8 Uhr wieder nach Hause. Es ist auch schon vorgekommen, daß ich bis nachts um 2 Uhr gearbeitet habe, aber die Ueberstunden werden sehr gut bezahlt, so daß man gerne arbeitet." Aus einem Brief aus Rio de Janeiro vom 22 Mai 1936: „Meine persönliche Ansicht ist nach wie vor die, daß es für genügend Juden aus Deutschland hier Betätigung gibt, besonders wenn sie sich entschließen, in Provinzstädte zu gehen und nicht gerade an Rio de Janeiro oder Säo Paulo kleben. Hier in Brasilien ist noch kein Mensch verhungert. Ich gestatte mir dabei zu bemerken, daß gerade für Frauen es besonders leicht ist, etwas Passendes als Kinderfräulein oder Köchin zu finden, oder wenn sie perfekt in Stenographie usw. sind, Stellung im Büro zu finden." Ein Auswanderer, der an einem der portugiesischen Sprachkurse des Hilfsvereins teilgenommen hat, schreibt dankbar aus Säo Paulo am 10. Mai 1936: 64

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