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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 63

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 63 (sequence 65)
Language
German
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VIII. Briefe aus Brasilien Aus der sehr großen Anzahl von Briefen, die dem Hilfsverein aus Brasilien — ganz überwiegend aus den Immigrations-Zentren Rio de Janeiro und Säo Paulo — zugegangen sind, geben wir nachstehend eine Auswahl. Säo Paulo, den 27. März 1936 , Brasilien ist für den, der einen großen Trennungsstrich zieht und gewillt ist, zu arbeiten, sogar schwer zu arbeiten, für alle jungen und kräftigen Menschen, die Zukunft. Für ältere und nicht kräftige Menschen aber ist es auch hier wie überall in der Welt, wenn sie nicht genug Geldmittel besitzen, sehr schwer. Ich sage nicht zuviel, wenn ich Dir mitteile, daß alle Emigranten, die mit einigen Mitteln hergekommen sind und irgendein selbständiges Gewerbe angefangen haben, fast restlos kaputt gegangen sind. Woran liegt das? Zur Hauptsache daran, daß die Leute nicht die Landessprache beherrschen und, was noch wichtiger ist, in vollkommener Unkenntnis der Mentalität der hiesigen Menschen, sich in irgendeine Unternehmung einließen. Es ist hier nicht so wie bei uns. Wenn man von jemand übervorteilt ist, und das ist der Hauptgrund, so kann man nicht vor Gericht klagen, da die Prozeßgebühren im Verhältnis zur Klagesumme ein ungeheures Geld kosten. W enn man auch recht bekommt, so ist der Emigrant doch immer der Verlierer, denn die Kosten übersteigen in jedem Falle das Wertobjekt. Gesucht sind hier tüchtige Facharbeiter auf jedem Gebiete. Sie kommen sofort unter, auch ohne Beherrschung der Sprache und verdienen sehr gut. Das heißt, sie können leben, sich nebenbei auch einige Anschaffungen machen und auch mal ein Glas Bier trinken gehen. Wer kein Facharbeiter ist, muß sich umstellen. In der ersten Zeit irgendeine Stelle annehmen, die sich ihm bietet, damit er die Sprache und Land und Leute kennen lernt. Das Leben bietet hier bei weitem nicht das, was man von Europa verlangt hat. Ausgehmöglichkeiten, wie man sie bei Euch kennt, gibt es hier nicht. Man kann wohl ins Kino gehen und Spazierengehen und hinterher in eine Vende (Verkaufsläden, in denen man alles bekommt, und die nebenbei einen Kaffeeausschank und auch einen solchen für andere Getränke haben). Derartige Venden gibt es zu Tausenden hier. Damit ist es auch Schluß. Tanzen gibt es nur in Animierlokalen, die vereinzelt sind und sehr viel Geld kosten. Aehnlich wie bei uns die sogenannten „Nepplokale", nur noch teurer. Jetzt komme ich zu einem ganz besonders für uns Europäer heiklen Thema, der Frauenfrage. Sie ist hier ein ungelöstes Problem, wenn man unverheiratet ist. Ich will auch hierin ganz offen reden. Meines Erachtens ist dies hier schon ein Hauptgrund zur Unzufriedenheit. Freundinnen und Freundschaften, wie man sie bei uns kennt, gibt es hier nicht. Hat man zufällig ein Mädchen (was sehr schwer ist) kennengelernt und geht nur einmal mit ihr ins Kino das Kaffeehausgehen für Frauen gibt es überhaupt nicht — so muß man heiraten. W ill man nicht, so passiert es mit 95 °'o Sicherheit, daß man von den Anverwandten der Dame einen Messerstich bekommt oder heruntergeschossen wird. Oder aber man wird auf Antrag der Anverwandten zur Polizei geschleppt und muß dort heiraten. Ich bitte Dich, im Interesse aller jungen Leute, die auszuwandern beabsichtigen, ihnen gerade dieses klar vor Augen zu halten. Sollten sie zu unverständig sein, um die ganze Tragweite zu erkennen, so mache Du es ihnen klar. Jeder muß sich eine Frau von dort mitnehmen oder nachkommen lassen. Eine Brasilianerin zu heiraten, kommt für uns nicht in Frage. Die Brasilianerin kennt keine Arbeit. Sie wohnt in der Pension und kann nicht einmal kochen. Man ist, obgleich man eine Frau hat, aufs Hotel oder auf Pension angewiesen." (Der Brief enthält am Schluß eine - u. E. durchaus begründete - Warnung vor der außerordentlichen Verbreitung und Gefährlichkeit der Geschlechtskrankheiten in Brasilien und den ungeheuren Kosten einer ärztlichen Behandlung.) Die Wichtigkeit der Erlernung der Landessprache und darüber hinaus der Beherrschung des Englischen wird in einem Brief aus Rio de Janeiro vom 25. April 1936 betont, der auch in wirtschaftlicher Hinsicht recht instruktiv ist. „Möglichkeiten sind hier unbedingt gegeben, wenn gewisse, eigentlich — vom hiesigen Land aus gesehen — selbstverständliche Bedingungen erfüllt werden. Fast als conditio sine qua non, als unerläßliche Bedingung, möchte ich die Sprache bezeichnen. Wer Portugiesisch kann, kommt unter, Alter spielt dabei auch nicht annähernd eine solche Rolle wie in Europa. Aber man verlangt keine „Kenntnis der Sprache", sondern man muß glatt sprechen können. Dazu gehört aber Zeit, die man eben im Lande verbringen muß und während welcher man sich nicht in deutsche Pensionen setzen darf, weil man dann eben kaum Gelegenheit hat, zu sprechen; ein Fehler, den der Großteil deshalb begeht, weil die brasilianischen Wohnungen und Pensionen in ihrer Lebenshaltung erhebliche Ansprüche an Umstellung verlangen. Ich schildere diesen, Ihnen vielleicht nebensächlich erscheinenden Punkt, genau, weil er in W irklichkeit alles bedeutet. Als zweite Sprache ist Englisch sehr begehrt, Französisch spielt kaum eine Rolle. Auf keinen Fall kann man damit rechnen, etwa gleich in einem genehmen Betrieb unterzukommen. Alle haben hier dazu lange Monate gebraucht. Man muß eben im Anfang von Stellungen leben, die einen nicht ernähren, sondern bei denen man etwas zum Zusetzen hat. Andere Fälle sind Ausnahmen. Für den Ausländer, der von einer Hochvaluta leben kann, also Amerikaner z. B., ist das Leben sehr billig; wer von hiesigen Einkünften leben muß, muß gute Kleidung und kleinere Gebrauchsartikel teurer - nicht nur relativ, sondern häufig auch absolut — bezahlen als bei uns. Lebensmittel sind ungewöhnlich billig, ebenso Möbel und Sachen, die hier fabriziert werden. Land ist sehr billig. Man kann, l1? Stunden (Eisenbahn) von Rio entfernt, 1 Alqueire ca. 20 Morgen, evtl. schon mit einem Häuschen, für 4—5 Contos 4000—5000 Milreis bekommen. Von diesem Land kann man aber nicht leben, da es zwar in Ueberfülle Früchte trägt, der Verkauf aber der Fracht wegen kaum in Frage kommt. Wer aber einen kleinen Kapitalbetrag hat, könnte dann mit einem geradezu lächerlichen Betrag von vielleicht 200—300 Milreis monatlich herrlich leben. Kreditzinsen bei den Banken sind 5—6 o/0, auf Hypotheken ist weit mehr als das Doppelte zu haben. Debetzinsen bei den Banken sind 13—15 o/o. Im übrigen geht das Streben hier gewaltig nach nationaler Industrie. Die Regierung stützt das durch hohe Zölle. Die Folge ist aber, daß fortlaufend Industrien und Fabriken gegründet werden, die Kräfte aller Art brauchen, und man findet dauernd die entsprechenden Inserate in den Zeitungen. Auch Plakate mit Inhalt „Hier werden Arbeiter angenommen" habe ich schon an Fabriktoren gefunden, ohne daß ein einziger Arbeiter etwa davor gestanden hätte." Ein offenbar seinem Schicksal durchaus gewachsener Auswanderer schreibt aus S ä o P a u 1 o am 24. April 1936 : „Hier Arbeit zu bekommen, ist durchaus nicht einfach. Mancher läuft sich monatelang die Hacken ab. Dazu kommt, daß die Mittel und Möglichkeiten des hiesigen Komitees sehr beschränkt sind. Verlangen Sie in jeder Buchhandlung die Brasilienbroschüre, die vor wenigen Wochen erst erschienen ist und viel Wissenswertes enthält: Mit 24 Ph oto- Aufnahmen und Übersichtskarte als Aufnahmeland der jüdischen Auswanderung aus Deutschland Von HERBERT FRANKENSTEIN Wirtschaftsberater Säo Paulo / Berlin PREIS RM.2.— RLAG JOSEPH JASTROW, BERLIN W15, KAISERALLEE 21 63

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