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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 57

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 57 (sequence 59)
Language
German
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neuen Krisenerscheinungen bemerkbar. Mit Ausnahme der Schuhindustrie, die unter einer Ueberproduktionskrise leidet, florieren fast alle Industriezweige. Die Bautätigkeit ist besonders rege. Allein in Säo Paulo wurden 1935 etwa 5000 neue steinerne Häuser gebaut. Ein Kennzeichen der Binnenkonjunktur ist auch die sprunghafte Steigerung des Küstenschiffahrtsverkehrs, dessen Güterumschlag 1935 über dem von 1929 lag. Der Wert der im Küsten-r verkehr transportierten Gütermengen stieg in den letzten beiden Jahren von 2,8 Mill. Contos auf 3,3 Millionen. Die Preis bewegung tendiert allgemein aufwärts. Dies ist zunächst auf die Entwertung des Milreis zurückzuführen, welche die Einfuhr wichtiger Waren erschwerte und auch die Inlandspreise in die Höhe trieb. Zudem wirkte die starke Erhöhung des Zahlungsmittelumlaufs und die reichliche Gewährung von Regierungskrediten auf eine Erhöhung der Warenpreise hin. Die Regierung sucht wenigstens eine weitere Steigerung der Preise inländischer Lebensmittel zu verhindern. Die Löhne in öffentlichen Unternehmungen sind erhöht worden, und man nimmt an, daß die Privatbetriebe dem Beispiel folgen werden. Soweit eine Lohnerhöhung schon erfolgt ist, entspricht sie nicht der Preissteigerung. Die Währung blieb seit Ende 1935 stabil. Da aber der Export immer mehr zurückgeht und sich die Rückstände aus alten Zahlungsverpflichtungen an das Ausland vergrößern, sind auf dem freien Markt Devisen knapp, und es erscheint fraglich, ob der Milreiskurs dem Druck standhalten oder weiter absinken wird. Zusammenfassend läßt sich wohl sagen, daß die gegenwärtige Blüte, insbesondere die des industriellen Sektors, auf einer Grundlage ruht, die sich, wenn sie nicht durch verstärkte Außenhandelsbeziehungen gefestigt wird, als unzulänglich erweisen könnte. IV. Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten 1. Allgemeines Die Lebenshaltung des Einwanderers in Brasilien richtet sich naturgemäß vor allem danach, ob er in die Stadt oder aufs Land geht. Bisher ist die übergroße Mehrzahl der Juden aus Deutschland in den Städten, und zwar vor allem in den größten Städten Rio de Janeiro und Säo Paulo, geblieben. Hier in der Großstadt richtet sich die Lebenshaltung natürlich in erster Reihe nach den zur Verfügung stehenden Mitteln. Man kann in den Großstädten Brasiliens in den luxuriösesten wie in den bescheidensten Verhältnissen leben. Die Lebenshaltungskosten für den notwendigsten Bedarf stehen zu den Verdienstmöglichkeiten in einem nicht ungünstigen Verhältnis. Immer wieder heißt es in Auswandererbriefen: „Verhungert ist in Brasilien noch niemand." Aber europäische Lebensbedürfnisse zu bestreiten, ist keineswegs leicht; jeder „Komfort", jeder Luxus muß, zumal es sich hier zum großen Teil um Importwaren handelt, teuer bezahlt werden oder ist sogar unerschwinglich. Die Lebensmittelpreise, die im allgemeinen in Brasilien niedrig sind, haben sich im letzten Jahr sehr stark verteuert — etwa um die Hälfte —, was z. T. auf Mißernten zurückzuführen ist; ausländische Lebensmittel sind infolge der Devisenknappheit zum Teil fast unerschwinglich geworden. Die Preise der einheimischen Lebensmittel versucht die Regierung durch Ansiedlung landwirtschaftlicher Kleinbetriebe in der Nähe der Großstadt und andere Maßnahmen zu verbilligen. Man kann im allgemeinen sagen, daß ein Lediger mit 400 bis 500 Milreis (abgekürzt $) bescheiden auskommt (300$ sind das Existenzminimum). Das brasilianische Finanzministerium berechnete im Februar 1936 die monatlichen Lebenskosten einer siebenköpfigen Familie auf Rs. 2:030$400. Davon betrugen die Hausmiete 600$000, die Nahrungsmittelkosten 819$600, die Kleidungskosten 250$000. Einer entsprechenden Berechnung vom Jahre 1935 entnehmen wir, daß die Licht- und Gaskosten 126*200, die Bedienungskosten 120*000 und die Kosten für Möbel, Wäsche usw. 100*000 betragen. Im folgenden geben wir einige Einzelheiten über die brasilianische Lebenshaltung wieder, die wir z.T. einer ausführlichen Darstellung des Jüdischen Wohltätigkeitsvereins in Rio de Janeiro (Sociedade Benejiciente Israelita), im übrigen verschiedenen Auswandererbriefen entnehmen. 2. Wohnverhältnisse Der Einwanderer wird im allgemeinen zunächst in eine Pension ziehen. Ein komfortables Zimmer mit Pension in der besten Gegend Rio de Janeiros (nahe am Meer) ist für ein Ehepaar für 500$ erhältlich, in weniger guten Gegenden gibt es solche Pensionszimmer auch schon für 300$ und billiger. Für ein sauberes möbliertes Zimmer ohne Pension muß ein Alleinstehender etwa 2$ pro Nacht ausgeben. Bei höheren Ansprüchen steigert sich die Miete für ein möbliertes Zimmer auf 100 bis 150$ monatlich. Das Leben im Hotel ist natürlich viel teurer, aber auch dort gibt es die verschiedensten Kategorien. Das Trinkgeld ist gewöhnlich im Zimmer- und Pensionspreis mit eingerechnet, doch ist dem Angestellten natürlich ein kleines Geldgeschenk sehr willkommen. Schuhe werden in der Pension oder im Hotel nicht geputzt, sondern man läßt sie auf der Straße von den überall herumstehenden Schuhputzern säubern. Die Lebenshaltungskosten für eine mehrköpfige Familie verbilligen sich natürlich, wenn man in der Lage ist, sich eine eigene W o h n u n g zu mieten. Auch die Mieten der Wohnungen richten sich nach ihrer Lage, der Größe und der Ausstattung. Wohnungen mit allem Komfort enthalten zumeist Parkettfußboden, elegante Tapeten, fließendes warmes und kaltes Wasser in den Bade- und Wascheinrichtungen und einen elektrischen oder Gasherd. In bescheideneren Wohnungen kocht man auf einfachen eisernen Kochherden, die mit Holz und Holzkohle geheizt werden. Die meisten Wohnungen haben elektrischen Anschluß (110 Volt Spannung, Wechselstrom). — Die Mietpreise richten sich ferner danach, ob man eine Wohnung im Eigenheim oder eine Mietwohnung vorzieht. Man zahlt für eine Zwei-Zimmer - W o h n u n g mit Küche und Dusche inkl. Gas- und Liehtverbrauch etwa 20 0$ im Monat. Als Maßstab für die Wohnungskosten sollte man etwa 25 % seines Einkommens ansetzen. 3. Ernährung Der europäische Einwanderer hat es im allgemeinen nicht nötig, sich in seiner gewohnten Ernährung wesentlich umzustellen. Es steht das ganze Jahr frisches Gemüse zur Verfügung, das dem hiesigen qualitativ mindestens gleichkommt. Auch Fleisch, Eier, Fische, Milch, Butter und Käse erhält man wie gewohnt. Die Brasilianer essen, abgesehen von einigen Nationalgerichten, nach französischer Küche. Sie richten also gewöhnlich zum warmen Mittag- und zum warmen Abendessen eine große Anzahl von Gerichten auf kleinen Platten her. Immer findet man jedoch, neben den Hauptgängen, schwarze Bohnen mit Reis und Mandiokamehl auf dem Tisch. Es werden in Brasilien ausgezeichnete Erfrischungsgetränke bereitet, doch wird dem Fremden, besonders wenn es sich um eisgekühlte Getränke handelt, Vorsicht bei ihrem Genuß angeraten; denn gerade in der ersten Zeit des Aufenthalts in Brasilien erzeugt der starke Getränke- und Obstgenuß infolge der ungewohnten Hitze manche Magen- und Darmverstimmungen. Das brasilianische Bier, das dem deutschen Hellen Der elegante Anzug aus guten, reinwollenen Maßstoffen, mit Anprobe angefertigt...............RM 115,- Winter-Ulster in sauberer Ausführung RM 70,-, 95,-, 105,- Über see - Kleidung i Ii preiswerter Ausführung Anfertigung fescher Damen-Kostüme Wir garantieren für guten Sitz und Schnitt Frankenstein &, Sohn HERRENSCHNEIDER BERLIN W15, KURFÜRSTENDAMM 54/55 57

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