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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 36

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 36 (sequence 38)
Language
German
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auf Buenos Aires? Argentinien ist so groß, hat soviel Provinzen, aber die Hauptstadt scheint auf die Massen magnetisch zu wirken." Daß tatsächlich in der argentinischen „Provinz" Lebensmöglichkeiten für Einwanderer — auch in nichtlandwirtschaftlichen Berufen — existieren, zeigt folgender Brief vom 17. Mai 1936 aus Saenz P e n a im argentinischen Cliaco: „Ende März fuhr ich 2i/2 Tage lang den Parana-Fluß hinauf, nach Resistencia, Hauptort des Chaco, und von dort 6 Stunden per Eisenbahn westlich mitten in den Chaco hinein. Nachdem ich einige W ochen in Saenz Pena, einem Städtchen von 12 000 Einwohnern, verlebt habe, muß ich sagen, das Leben ist zwar primitiv (keine gepflasterten Straßen, keine Kanalisation usw.), aber das Klima ist gesund, trocken, für Europäer erträglich; im Hochsommer — den ich nicht miterlebt habe — gibt es bis 45 Grad im Schatten, aber auch Buenos Aires ist im Hochsommer sehr heiß. Der argentinische Chaco lebt seit etwa zehn Jahren von dem Anbau der Baumwolle, und dieser Geschäftszweig scheint gerade hier, in sämtlichen Nordprovinzen Argentiniens, wie Chaco, Corrientes, Santa Fe usw., eine große Zukunft vor sich zu haben. — Einstweilen liegt das ganze Geschäft in den Händen einiger weniger großer Firmen, mit dem Sitz in Buenos Aires, und durah diese Firmen können, bei gutem Willen, noch zahlreiche deutsche Flüchtlinge Arbeit finden. Zum Sohluß möchte ich noch auf die Ausrüstung (Anzüge insbesondere) hinweisen, die man für Argentinien braucht. — Im Sommer (November—März) ist es, wie gesagt, sehr heiß und in Buenos Aires ist die Hitze durch die ständig etwas leuchte Luft noch, stärker zu spüren. Man braucht dabei unbedingt mindestens zwei dünne Anzüge — Leinen oder Palm- Beach-Anzüge — die hier bereits für 25—30 Pesos in durchaus brauchbarer Qualität zu haben sind; sog. Knickerbocker- Ilosen sind in Südamerika nicht bekannt und nicht zu tragen, da man sich damit lächerlich macht. Man darf nicht ohne Jackett auf die Straße gehen, braucht daher unbedingt die erw ahnten dünnen Anzüge. In der kühleren Jahreszeit — Fröste gibt es kaum — sind die europäischen Anzüge angebracht. \\ intermäntel sollen ebenfalls angebracht sein, da die geringe Kälte durah die Luftfeuchtigkeit viel stärker zu spüren sein soll." Die folgenden vier Briefe behandeln vor allem drei miteinander eng zusammenhängende Probleme: die Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Anpassung der Einwanderer, die Bedeutung des Frauenmangels bzw. einer stärkeren Einwanderung jüdischer Frauen und Mädchen, und das jüdische Leben in Argentinien. Buenos Aires,, 29. Dezember 1935 „Das jüdische Leben hier ist wie ungefähr vor dem Kriege, wenn man von dem wenigen Einfluß, den die Erlebnisse der Juden in Deutschland zweifellos auch hier haben, absieht, den man sich aber ja nicht zu groß vorstellen soll. Die Zionistische Ortsgruppe der türkischen Juden (unter den aus Deutschland stammenden existiert keine) ist, wie unsere früheren Ortsgruppen, eine Institution, um von den Leuten durch gelegentliche Feste und Sammeltätigkeit zu den Feiertagen Geld für Palästina zu bekommen. Andere Vereine (außer dem Hilfsverein, dessen Tätigkeit ja in enger Umgrenzung sahon durch den Namen festgelegt ist) mit jüdisch-kulturellen Zielen gibt es nicht, wenigstens niciht für deutschsprechende Juden. Der Hilfsverein selbst hat mit der Aufgabe der materiellen Hilfe für die Neuankommenden mehr als genug zu tun und hat sich in seinen Satzungen auf religiöse Neutralität festgelegt, ein Zugeständnis an die Mentalität der Mitglieder. Einzig der Redakteur der Mitteilungsblätter macht den schüchternen Versuch, der Sache einen etwas kulturellen Anstrich zu verleihen, was nicht einmal immer gerne gesehen wird. Das ist in kurzem die Situation. Sie würden aber falsch unterrichtet sein, wenn Sie nun annehmen wollten, daß diese Lage von den hier ankommenden jungen Leuten als Manko empfunden wird; wenn überhaupt, dann von ganz wenigen. Das einzige^ was schmerzlich vermißt worden wäre, ist vielleicht der Gottesdienst an den hohen Feiertagen. Glücklicherweise gelang es, einen solchen noch in letzter Stunde in einem Büro zu arrangieren. Einige Emigranten teilten sich in die Funktionen, und das Ganze klappte, gemessen an dem Minimum der Vorbereitung, wirklich gut. Die Funktionen des Rabbiners wurden von einem jungen Dr. phil., der in Frankfurt auf der Jeschiwa war, wahrgenommen, ins Vorbeten teilten sich zwei Herren, von denen besonders der eine seine Sache sehr gut machte. Auch einige Leute, die schon lange hier sind, freuten sich, nach langen Jahren wieder einen Gottesdienst in der heimischen Form vorzufinden.. Auch im Heim haben wir alle Feiertage gebührend und mit allen Gebräuchen gefeiert, wir hatten eine Sukkoh, und sehr schön war es auch am Chanukkah, wo uns einer unserer jungen Leute eine wirklich schöne Hede hielt. Es kamen viele Gäste, um an den Feiertagen unter Glaubens,- genossen zu sein. Ein großes Manko ist das fast vollständige Fehlen des weiblichen Elementes. Es kommen ja natürlich auch Mädchen hierher, aber in einer verschwindend geringen Anzahl. Dazu kommt, daß die wenigen häufig bei Verwandten unterkommen, weil doch kaum jemand eine Tochter so weit fortläßt, ohne nicht wenigstens Anschluß für das Mädchen hier zu wissen. Es ist einleuchtend, daß das gesellige Leben unter diesem akuten Mangel leidet. Es wurde einmal der Vorschlag gemacht, einen lustigen Simchas-Tora-Abend hier zu veranstalten, man wolle für Weiblichkeit sorgen. Da ich aber selbst nur etwa y^ Dutzend Mädchen kannte, traute ich mich doch nicht, die Jungen für die mitzubringende Mädclienschar sorgen zu lassen, was Sie ja verstehen werden, denn der Ruf des Hauses darf unter keinen Umständen leiden. So stehen also die Dinge bis heute. Ich weiß keine Abhilfe für diesen Punkt, hiesige Mädchen gibt es sehr wenig, und dann haben die natürlich ihren Krebs und kümmern sich nicht um die Ankommenden. Das Fehlen des weiblichen Elementes ist überhaupt eines der Hauptprobleme für die Einwanderer, denn was sollen die Leute inachen, wenn sie einmal heiraten wollen. Dies ist eine Sache, über die von den Betroffenen selbst als auch von älteren mit großer Sorge gesprochen wird. Momentan ist die Einwanderung nach hier so gut wie gesperrt, aber wenn sie wieder aulgemacht wird, sollte sich vielleicht das eine oder andere Mädchen doch entschließen hierherzukommen, zumal die Mädchen meist leichter unterzubringen sind als die Männer. Es herrscht hier ein akuter Mangel an Hauspersonal, das gut bezahlt wird, und jemand, der perfekt im Büro ist, kann sogar manchmal ohne oder mit wenig Spanisch unterkommen." Ein junger Einwanderer, der in Buenos Aires einen „Jüdischen Jugendbund" ins Leben gerufen hat, schreibt Anfang August 1936 u. a. folgendes: „Die Einpassung der Emigranten in die hiesige „Gesellschaft" ist ein sehr heikles Problem. Einmal sind die Alteingesessenen, wenigstens hier in Buenos Aires, entweder gesellschaftlich sehr hoch geschichtet, adlig, würden wir sagen, oder es sind Proletarier. Der Mittelstand wird im allgemeinen von Ausländern oder nur kurze Zeit im Lande Ansässigen gebildet. Es kommt hinzu, daß aus verständlichen Gründen eine gewisse Furcht vor der mangelnden Seriosität (aller) Einwanderer besteht. Nach Südamerika kam von jeher ein sehr großer Prozentsatz Krimineller. Das hat die Masse naturgemäß verallgemeinert. Wer von Europa kommt, ist in gewissem Sinne schon verdächtig, etwas ausgefressen zu haben. Für die hier ansässigen Juden, denen es zum Teil wirtschaftlich gut geht, ist die Immigration nur eine philanthropische Frage. Es wird viel getan. Der Hilfsverein hier arbeitel recht gut, wenn er auch dem wöchentlich stärker werdenden Ansturm nicht gewachsen ist. Es ist ein großes Werk, was unter Leitung eines vortrefflichen Mannes, Adolfo Hirsch, geleistet wird. Aber es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auf die Dauer kann es nicht gelingen, die große Masse vor der Verproletarisierung zu bewahren. (Wenn nicht ein Wunder geschieht, - etwa große wirtschaftliche Blüte.) Der Hilfsverein hat sie im allgemeinen unterbringen können, aber meistens in Stellungen, die hart am Existenzminimum liegen. Das geht jetzt noch, wo die Leute ihre neuen Sachen haben und zumindest über geistige, seelische Reserven verfügen. Wie soll das aber später werden? Ich kenne Leute, mit denen ich auf dem Schiff gefahren bin, die schon jetzt einen Zug der Verbitterung in sicli tragen, und mich, da es mir recht gut geht, schon so betrachten, als könnte ich ihre Lage nicht begreifen. Es hört sich sehr schön an: ,Ich nehme jede Arbeit an, ich bin mit allem zufrieden', aber es ist sehr schwer auf die Dauer für unsereinen, so weit unten zu bleiben. Die gesellschaftliche Einfügung der Emigration in die argentinische Gesellschaft ist fast ausgeschlossen, in die deutschjüdische außerordentlich schwer. Denn da mit der Immigration (wie immer) eine Reihe von unerfreulichen Elementen mitgeschwemmt wird, verhält es sich mit den hier Eingesessenen ähnlich wie mit uns 1920 und den polnischen und russischen Juden, die nach Berlin kamen. Man gab viel, und man lud sie auch einmal zum Freitagabend und zum Sederabend ein, warum auch nicht, aber damit war der gesellschaftliche Verkehr beendet. Sehr ähnlich ist es hier, was keine Kritik sein soll, denn es ist ja etwas sehr Natürliches, wenn man es sich recht überlegt. (Das eigentlich Pikante dabei: Daß auch sie... nur Emigranten sind, nur eben 20 Jahre früher.) Aus diesen Gründen hat der Jugendbund, von dem ich Dir ja schon geschrieben habe, eine besondere Bedeutung wie in Deutschland kaum jemals ein Bund gehabt hat. Wir haben nunmehr auch ein sehr schönes Heim durch den Hilfsverein bekommen und werden auch sonst durch ihn stark gefördert. Es ist ein sehr weiter, sehr beschwerlicher Weg hier zu etwas zu kommen und nicht ewig in einer Angestellten-,Kar- 36

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