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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 10

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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sich die niedrigen Geburtenziffern der schon lange ansässigen Amerikaner voll auswirken und ein Land wie die Vereinigten Staaten, das, wie erwähnt, kaum ein Zehntel der deutschen Bevölkerungsdichte aufweist, bald eine stationäre Bevölkerung haben wird. Nicht viel anders liegen die Verhältnisse in den anderen Einwanderungsländern des angelsächsischen Kulturkreises, d. h. vor allem in den großen britischen Dominien Canada, Australien und Neuseeland, die sogar noch sehr viel geringer bevölkert sind als die Vereinigten Staaten; ja Canada hat seinerseits wiederum etwa ein Zehntel der Bevölkerungsdichte der Vereinigten Staaten, d. h. noch nicht ein Hundertstel der Dichte Deutschlands! Dabei gehören zu Canada große Gebiete von außerordentlicher Fruchtbarkeit, günstigem Klima und großem Reichtum an Bodenschätzen, wie etwa Britisch-Columbien. IV. Die volle Bedeutung dieser Tatsachen wird erst ersichtlich, wenn man sie in einem weiteren Zusammenhang betrachtet. Heute befindet sich ein großer Teil der aufnahmefähigsten Gebiete der Welt in den Händen angelsächsischer Völker — so vor allem, von den Vereinigten Staaten abgesehen, die großen britischen Dominien. In all diesen Gebieten ist der Lebensstandard besonders hoch, die Furcht der Arbeiterschaft vor lohndrückender Einwanderung dementsprechend stark, und die natürliche Vermehrung der einheimischen Bevölkerung gering, wenn überhaupt vorhanden. Die Einwanderungspolitik all dieser Länder — der Vereinigten Staaten sowohl wie der britischen Dominien — ist im ganzen sehr restriktiv und bevorzugt im Rahmen einer engbegrenzten Gesamteinwanderung bewußt und mit wirksamen Mitteln die Angehörigen der nord- und westeuropäischen Völker, die als rassisch und kulturell verwandt und deshalb leicht assimilierbar gelten. Aber es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß kein einziges dieser nord- und westeuropäischen Völker noch lange eine starke Auswanderung haben wird; denn fast alle — das kleine Holland bis zu einem gewissen Grade ausgenommen — sind vom Geburtenrückgang so stark erfaßt, daß von einer natürlichen Vermehrung eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Die Wirkung dieser Tatsache muß sich in wenigen Jahren auch auf dem Arbeitsmärkt zeigen und so den Auswanderungsdrang lähmen. Ueberdies aber ist es kaum denkbar, daß die betreffenden Staaten untätig zusehen würden, wie eine ohnehin stagnierende Bevölkerung durch Auswanderung noch wesentlich geschwächt würde; allzu wichtige Interessen wirtschaftlicher wie politischer und militärischer Art sprechen dagegen. So ist heute nahezu mit Sicherheit das Ende jeder stärkeren Auswanderung aus Nord- und Westeuropa bereits abzusehen, und es liegt auf der Hand, daß eine Beibehaltung der jetzigen Einwanderungspolitik in den großen angelsächsischen Ueberseegebieten nur dazu führen kann, daß jene Gebiete für alle absehbare Zeit weit untervölkert bleiben. Für manche dieser Länder hat diese Aussicht vielleicht noch nichts Erschreckendes; ein Land wie Canada ist so unbedroht von allen Feinden, daß es selbst bei seiner jetzigen minimalen Bevölkerung in politischer Hinsicht unbesorgt sein kann. Doch sprechen auch hier sehr gewichtige wirtschaftliche Gründe, wie etwa die chronischen Defizite der canadischen Eisenbahnen, die nur bei einer wesentlich dichteren Besiedlung verschwinden würden, gegen die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zu Standes. In anderen Staaten aber, wie vor allem in Australien und Neu-Seeland, liegen die Dinge anders. Hier sind neben starken wirtschaftlichen Motiven vor allem politische bzw. militärpolitische Gründe für eine wesentlich stärkere Besiedlung vorhanden und werden auch in der Oeffentlichkeit in der letzten Zeit in zunehmendem Maße gewürdigt. Es ist nur auf das dringendste zu hoffen, daß es hier nicht bei akademischen und journalistischen Erörterungen über die Wünschbarkeit einer stärkeren Einwanderung bleibt, sondern daß die Gesetze und die Verwaltungspraxis wirklich so gestaltet werden, daß die Menschen, die heute aus Europa auswandern wollen oder müssen, auch tatsächlich ins Land kommen können. Dagegen geht in Südafrika zur Zeit die Tendenz unzweifelhaft auf eine noch schärfere Handhabung der Einwanderungsbeschränkungen, bzw. auf die Schaffung neuer derartiger Gesetze, obwohl das Verhältnis der weißen Oberschicht zu einer zahlenmäßig weit überlegenen Eingeborenen-Bevölkerung gerade die Verstärkung der weißen Einwanderung dringend erfordern würde. V. Wesentlich anders als in den großen überseeischen Gebieten des angelsächsischen Kulturkreises liegen die Verhältnisse in den Staaten Latein-Amerikas. Obwohl auch diese fast durchweg weit untervölkert sind, ja teilweise geradezu als menschenleer bezeichnet werden könnten, ist die Tendenz zur scharfen Beschränkung der Einwanderung auch hier nahezu allgemein spürbar, und auch nach dem Abklingen der Weltwirtschaftskrise in den meisten dieser Staaten bleiben die während der Krise geschaffenen oder verstärkten Einwanderungsbeschränkungen noch fast überall in Kraft. Dabei ist hier die Schädigung des wirtschaftlichen Aufbaus durch die restriktive Einwanderungspolitik besonders leicht ersichtlich; denn fast all diese Staaten befinden sich schon seit dem Weltkrieg in einem Industrialisierungsprozeß, der sich gerade während der Weltwirtschaftskrise — zum großen Teil infolge der Devisenschwierigkeiten und der damit verbundenen Unmöglichkeit, im gewohnten Maße Industriewaren einzuführen — wesentlich beschleunigt hat. In Staaten wie Brasilien, Chile, Peru und Columbien, in gewissem Sinne auch in Argentinien, findet heute überall die Schaffung neuer Industrien statt und wird von der Regierung all dieser Länder vor allem durch die Zollpolitik sehr begünstigt. Aber zur Begründung einer leistungsfähigen Industrie wäre die freie Einwanderung tüchtiger Unternehmer, Handwerker und qualifizierter Arbeiter noch wichtiger als die oft gewährte zollfreie Einfuhr der Maschinen; lehrt doch die ganze Wirtschaftsgeschichte, daß die Voraussetzung jeder erfolgreichen Industrialisierung die Mitwirkung unternehmerisch begabter Menschen ist, und diese Begabung findet sich durchaus nicht bei allen Völkern in genügender Häufigkeit. Hier gerade wäre für die Juden, die aus Deutschland auswandern, weit mehr gegeben als eine bloße Existenzmöglichkeit — hier wäre eine große historische Aufgabe vorhanden: mitzuwirken an der Industrialisierung dieser vielleicht reichsten Rohstoffgebiete der Welt. Aus einem der industriell fortgeschrittensten Länder der Erde kommend, selbst zum großen Teil mit den neuesten industriellen und' kaufmännischen Methoden vertraut, könnte die jüdische Auswanderung aus Deutschland gerade auch in den Ländern Latein-Amerikas dem Aufbau stärker industrialisierter Volkswirtschaften und ihrer engeren Verflechtung in die Weltwirtschaft hervorragende Dienste leisten. Die Juden aus Deutschland haben keinen Einfluß auf die Gestaltung der Einwanderungspolitik der überseeischen Länder; sie können nur ihrer Ueberzeugung Ausdruck geben, daß sie Wesentliches zum wirtschaftlichen Aufbau jener jungen Länder beitragen könnten, und daß sie kein anderes Ziel haben, als sich durch ehrliche Arbeit eine neue Existenz in einer neuen Heimat zu gründen, in der sie in Ehren als Juden leben und ihre religiösen und kulturellen Traditionen pflegen können. Es bleibt die Hoffnung, daß man wertvolle Kräfte, die in Deutschland keine Betätigung mehr finden, nicht wird brach liegen lassen, sondern daß ihnen eine neue fruchtbare Wirksamkeit vergönnt sein möge. 10

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