Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1934. Bestand LBI
- Issue
- August 1934
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 61 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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Diejenigen deutschen Juden, dir* jelzt jung herauskamen, worden alle nochmal ihr Glück machen, obwohl sie jetzt für wenig Geld arbeilen müssen. Mein Jahrgang, der mit Geld borkam, wird sich auch immer ernähren, aber solche armen alten Schlucker wie ich können froh sein, wenn wir uns ernähren. Der alte Gott lobt noch, und wird schon alles worden. . . . Kapsladt, Ende April 1934. Das Budget für 1933/34 hat mil einem Überschuß von C 0.424.000 nicht nur das vorherige Defizil tilgen können, sondern eine Reihe von Erleichterungen gebracht. So ist die Grenze für Einkommensteuerfreiheit auf C 8000 jährlich heraufgesetzt worden, das Porto innerhalb des Empires auf 1 Penny ermäßigt worden, ferner wurden einige Zölle heruntergeselzl u. a. Die Eisenbahn- und Hafenverwaltung hat einen Überschuß von £ 1.110.000 zu vorzeichnen, so daß Fahrpreisermäßigungen in Aussicht sieben. Den Ilauplanleil au diesem Ergebnis hat natürlich der kolossale Aufschwung der Goldindustrie seit der ■Verbesserung des Goldpreises, doch hal dieses den übrigen Handel mit sich gezogen. Auch die Farmerzeugnisse sind ohne große Wetlcrschäden sehr reichhaltig gewesen und haben guten Absatz gefunden. Das gleiche gilt für das Obst und die Viehzucht. Alles in allem ist der Umschwung zum Guten so stark, daß man allgemein vom Anfang einer Prosperitätsperiodo spricht. Die Zahl der Arbeitslosen geht ständig zurück und die Kaufkraft steigt mächtig. Die Exportzahlen liegen über denen der lelzten Jahre und haben die des besten Jahres. 1929, annähernd erreicht. Welche Berufsaussichten bestehen nun hier? Kurz gosagl: für alle Arten von Handwerkern, sei es in der Konfeklion. Putzmacherei, als Aulomechaniker, Friseur. Photograph und v. a.; diese werden täglich verlangt und können gut bezahlte Stellen bekommen, wenn sie auf ihrem Gebiet etwas leisten und praktische Erfahrung mitbringen. Kaufmännische Stellen dagegen sind schwer zu haben und werden verhältnismäßig ungünstiger bezahlt. Aussicht besieht nur, wenn man wenigstens Englisch fließend beherrscht, bevorzugt werden aber auch dann noch die, welche außerdem noch Afrikanisch sprechen. Ganz aussichtslos ist es für Anwälte und Ärzte, überhaupt alle wissenschaftlichen und geistigen Berufe — Künstler, besonders Musiker erhallen keine Aufenthaltserlaubnis, dagegen sind Ingenieure, besonders für den Bergbau in erster Linie, dann für Elektrizitäts- und Wasserversorgung und für die Eisenbahnen stets zu sehr guten Bedingungen gesucht, wenn sie Praxis aufzuweisen haben. Die meisten Möglichkeiten bietet natürlich Johannesburg, das Zentrum der Industrie und dos Handels, eine ständig und rapide wachsende Stadt. Doch ist das hiesige Komitee auch sehr rührig und erfolgreich. Wie mir einer der Herren sagle, sollte man eine Altersgrenze von etwa 30 Jahren annehmen, Ins zu der man untergebracht werden kann, doch läßt sich das natürlich nicht verallgemeinern, hängt es doch zu sehr davon ab, was der Betreffende kann und wozu er gebraucht wird. Die Lebenshaltung isl in den Städten sehr verschieden, am teuersten in Kapstadt, Durban, den Hafenstädten, dann in Pretoria und Port Elizabeth. Am billigsten ist es i:i Johannesburg. Anhaltspunkte mag folgende Tabelle geben, wobei zu berücksichtigen ist, daß ein hiesiges Pfund 10 0/o weniger ist als ein deutsches, daß 1 sh einer Mark und ein penny (d) etwa 8 Pfennig gleichgesetzt werden muß. Es wäre falsch, den jetzigen Kurs anzunehmen, da die Preise sich beim Verlassen des Goldstandards nicht verändert haben. Es kosten hier Lebensmittel pro engl. Pfund: Butler 1/6—1/8, Käse 1 2—1/6, Wurst 1/6, Schinken 2/6 bis 3, Speck 1/2, Kartoffeln 11 2d. Tomaten 3d, div. Gemüse 4 d, Eier 1 1/2—3d je Stück; woraus zu ersehen ist, daß die meisten notwendigen Lebensmittel recht teuer sind. Am billigsten ist Obst, man bekommt die schönsten Früchte von 1 d pro Pfund in der Hauptzeit, augenblicklich sind es Weintrauben. Brot ist mit das teuerste, dagegen ist Feuerung sehr billig, besonders Kohlen, außerdem kosten die Arbeitskräfte wenig, allerdings darf man von den Schwarzen nicht viel erwarten. Mieten sind teuer, von etwa £ 3 für ein unmöbliertes Zimmer monatlich. Möblierte Wohnungen von etwa 5—6 Zimmern kosten je nach Lage von £ 12 an. In Boarding houses oder Hotels muß man mit £ 6—7, bei „bürgerlichen" Ansprüchen, rechnen. Wenn man selbst wirtschaftet, kommt man nur billiger weg, wenn man zu zweit in einem Zimmer haust. Nachstehend folgt eine sehr interessante Schilderung einer lieise \oi) Kapstadt; nach Durban, die dem Schreiben eines Geschäftsreisenden vom Juni entnommen ist: Von Capetown führte uns di und an dieser entlang — mil ver nach Port Elizabeth, East Londo Land ist gebirgig und Tag für ständige Steigungen oder Gefälle r Weg zur Küsle des Stillen Ozeans ichiedenon Abstechern landeinwärts — i und schließlich hierher. Das ganze Tag ging es hinauf und hinunter; , Pässe mit unzähligen Kurven und mancherlei Hindernisse auf den schmalen und oft in schlechtem Zusland befindlichen Straßen erf order ten größte Aufmerksamkeit, boten aber dagegen eine lebendige, ständig wechselnde, immer farbenfreudige Szenerie. Üppige Vegetation, herrliche Ausblicke auf das Meer, meist strahlende Sonne und all das Leben ringsherum sind so unterhaltend, daß man darüber vergißt, wie sehr man auf den meist sehr abgenutzten und ausgewaschenen Straßen durchgeschüttelt wird. Ein Tagesdurchschnitt von ca. 250 Kilometern ist eine beachtliche Leistung, kann man doch selten mehr als 25—30 km in der Stunde schaffen. Nur ganz selten halten wir ein Stück ebene Straße, gewöhnlich geht es unentwegt zwischen Hügeln oder Gebirgen hinauf oder hinunter. Bäche oder kleinere Flüsse sind ohne Brücken zu durchqueren, wo solche sind, führt, oftmals auch die Eisenbahn hinüber, so daß man tatsächlich zwischen den Schienen l ain ou muß. Die Brücken sind so schmal, daß ein Ausweichen unmöglich ist, es isl immer nur der Verkehr in einer Richtung möglich. Ebenso mannigfaltig wie die Schwierigkeilen der Straße sind die verschiedenen Negervölker und ihre Gewohnheilen. Da gibt es mancherlei Arten von Behausungen, aus Lehm oder Stroh oder Holz, rund, eckig, mil spitzem und flachem Dach. Die Rassen sind leicht durch ihre verschiedenen Trachten zu erkennen — viel haben sie /war nicht an, aber um so mehr Schmuck —, besonders reich isl der Kopf mil kunstvoller Frisur und allerlei Spangen geschmückt, Ringe in den Ohren. Shane in den Nasenflügeln usw. Außerdem Reifen an Armen und Füßen und oft veischieden bemalt. Die Männer mit langen Stöcken versehen, die Frauen die Lasten auf dem Kopf tragend. Die Kundschaft wir handeln Ansichtskarten, Weihnachtskarten, Kalender, Bilderbücher u. ii. sind die Allerweltsläden auf dem Lande, die Warenhäuser, Bazars. Buchhändler u. a. in den Städten. Überall wird man sehr herzlich empfangen, eine persönliche und offene Art macht das Arbeiten sehr viel leichter. Auf unserem Gebiet gibt es außerdem nicht viel Konkurrenz, nur in den großen Städten einige lokale Unternehmer. Der Erfolg liegt hier in ständigem Reisen mit neuen und guten Artikeln, so daß man dem Kunden etwas bieten kann. Ist man aber nicht auf dem Sprung, so macht jemand anders das Geschäft, denn sie sind gewohnt, daß man zu ihnen kommt. Kapstadt, erste Hälfte Juni 1934. Die Aussichten für deutsche junge Juden sind hier, im allgemeinen gesehen, augenblicklich nicht sehr groß. Möglichkeiten für Stellung bestehen noch für Handwerker, wie z, 15. Zuschneider, für ,,clothing and shirt-manufacturer", Autoschlosser und Arbeiter, die an Maschinen stehen können, aber ihr Fach nicht nur vor der Maschine kennen, -ondern auch Musler entwerfen können und etwas darstellen. Vorbedingung bei allem ist unbedingte Tüchtigkeit und möglichst gute Beherrschung der englischen Sprache. Für Kaufleute. Verkäufer und einfache Angestellte aus der Textilbranche ist die Aussicht so gut wie null. Eventuell besieht noch Arbeitsmöglichkeit für Leute, die das Bazar- (Einheitspreis) Geschäft von der Pike und aus dem FF kennen und gute englische Sprachkenntnisse haben. (Im Dezember soll in der Nähe von Johannesburg ein neues Haus eröffnet werden, und dort sind eventuell dann noch tüchtige Fachleute mit guten englischen Kenntnissen zu plazieren.) Möglichkeiten bestehen für Leute mit etwas (oder viel) Geld, die irgend eine Fabrikation genau kennen und in der Lage sind, hier selbständig eine Fabrikation irgend eines gangbaren Artikels anzufangen. Fabrikation ist das einzige, was sich hier noch wirklich lohnt. Natürlich muß man außer Geld die nötigen Voraussetzungen mitbringen, wie glänzende Kenntnisse des betreffenden Fachs, englische Sprachkenntnisse und vor allen Dingen Ausdauer. Jeder Lebensartikel könnte hier hergestellt werden und wird Absatz finden, ein kleiner Teil Luxusartikel ebenfalls, und zur Fabrikation in Südafrika gibt die Regierung sogar Erleichterungen, wie Zollermäßigungen usw. In diesem Zusammenhang interessiert vielleicht, daß es hier so gut wie gar keine Fabrikation von Damenkonfektion gibt, hingegen ist Herrenkonfektion sehr stark vertreten. Stahlmöbelfabriken haben keinen Zweck, da hierfür kein gutes Absatzgebiet ist. Dies nur als Beispiel. Wieviel Geld man braucht, kommt natürlich ganz auf den Artikel an, den man fabrizieren will. M. E. ist die Summe von £ 200.— Minimum, die nach Abzug eventueller Kautionsgebühren bei der Einreise und von Lebensgeldcrn für die ersten sechs Monate noch übrig bleiben muß. Natürlich ist es möglich, auch hier Geld zum Arbeilen zu erhalten, aber es werden unbedingt sehr gute Sicherheiten verlangt, und das wird wohl den meisten Einwanderern nicht möglich ■ein. Ich halte es für falsch, einfach junge Menschen, nur weil sie es wollen, herauszuschicken, ohne daß eine positive Existenzgrundlage gegeben ist. Jeder, der im Moment in Deutschland auch nur die kleinste Arbeitsmöglichkeit hat, sollte erst mal dort bleiben. Später ergibt sich hier vielleicht wieder eine bessere Möglichkeit, aber zur Zeit ist alles an Stellungen im allgemeinen Sinne besetzt. Also zusammengefaßt: Möglichkeilen für Stellung bestehen meines Erachtens noch für Handwerker, die wirklich etwas können und für ..Könner'' mit Geld zur Eröffnung einer Fabrikation. (Lederwaren sind schon ziemlich vertreten, dito Parfum.) Aber jeder einigermaßen in England gangbare Artikel geht auch hier und bietet, bei nötiger Ausdauer, Möglichkeit zum Verdienst. Südwestafrika 835 000 qkm. Europäer 32 840. Eingeborene schätzungsweise 242 300. Lage, Bodengcstaltung: Südwestafrika, das frühere Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika, das jetzt unter der Mandatsverwaltung der Südafrikanischen Union steht, ist über eineinhalbmal so groß wie das Deutsche Reich vor dem Kriege. Das Land steigt von der Küste, an der sich ein 50—100 Kilometer breiter, niederschlags- und vegetationsarmer Küstenstreifen, die sogenannte Namibwüste hinzieht, schnell an und erreicht bereits 61