Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1934. Bestand LBI
- Issue
- August 1934
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 51 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Peru Aus Mitteilungen des Statistischen Reichsamtes geben wir folgendes über die Wirtschaftslage in Peru im Frühjahr 1934 wieder: Gesamtlage: Fortschreitende allgemeine Erholung der Wirtschaft auf Grund günstiger Ausfuhrentwicklung und durch Kreditausweitung geförderter Belebung des Binnenmarktes. Kaufkraftsteigerung auch in der Exportlandwirtschaft. Politische Lage stabilisiert. Konflikt mit Kolumbien endgültig beigelegt. Erdöl- und Kupferproduktion erhöht. Verarbeitende Industrie bei steigender Kaufkraft der Bevölkerung und noch andauernder Einfuhrerschwerung gut beschäftigt. Zunehmende Bautätigkeit. Landwirtschaft: Nach Anbauausdehnung günstiges Ergebnis der diesjährigen Baumwollernte, (iuler Auslandsabsatz. Steigende Preise für alle wichtigen Ausfuhrerzeugnisse. Binnenabsatz gehoben. Fortschreitende Erholung der Kaufkraft. Kredithilfe für Kleinlandwirte. Außenhandel: Ausfuhr schon seit Vorjahr — auch mengenmäßig — stark gesliegen. Einfubrvolumen (Kriegsmaterial) leicht erhöht. Sehr hoher Ausfuhrüberschuß. Preise: Allgemeine Erhöhung der Großhandelspreise, insbesondere der Einfuhrwaren. Lebenshaltungskosten bisher nur geringfügig gestiegen. Währung : Valuta infolge günstiger Außenhandelsentwicklung gebessert; Anfang Juni 48,7 v. H. der 1931 festgesetzten Parität. Währungsreserven trotz leichter Verminderung hoch. Keine Devisenrestriktionen. Staatsfinanzen: Finanzlage infolge größerer Kriegsausgaben stark angespannt. Ausgleich durch Steuer- und Zollerhebungen angestrebt. Innere Verschuldung erhöht. Sanierungsprogramm in Vorbereitung. Aeußerer Schuldendienst ruht fast gänzlich. — Völlig negativ ist ein Bericht, der von einem Korrespondenten der Hicem über die Auswanderung nach Puerto- Bermudez am Rio Pinches gegeben wird, derentwegen wir auf Anfragen hin Erkundigungen eingezogen hatten. Wir geben ihn wieder, damit Fehlwanderungen vorgebeugt wird, und zugleich, weil er ein sehr anschauliches Bild der Urwaldgcbiete und der dort herrschenden ungünstigen klimatischen Verhältnisse gibt: „Auf meine Anfrage bei _gut informierten Freunden habe ich bestätigt erhalten, was ich schon selbst vermutete, daß eine Auswanderung unter keinen Umständen in Frage kommt, weil der Ort und die ganze Umgebung in tiefstem Urwald liegt, sich keine größere Stadt in der Nähe befindet und die Verbindung dorthin eine außerordentlich schwierige ist; abgesehen vom Klima, welches kaum von Europäern ertragen wird, wobei Moskitos usw. und deren Folgeerscheinungen in bezug auf Krankheiten eine große Rolle spielen. Die Reise von Callao ginge über Lima per Eisenbahn nach Oroya, bereits nahezu 5000 m hoch liegend, auf die ■ Hochkordilleren, von wo man über Tama, San Ramon nach dem recht fruchtbaren Tale des Cliancha Mayo-Flusses kommt. Daselbst ist das Klima ebenfalls schlecht, es wird Zucker und Kaffee angebaut, für letzteren besteht kaum Absatz, so daß Alkohol daraus gewonnen wird. Die Reise nach San Ramon im Auto ab Oroya dauert ungefähr 14 Stunden. Von San Ramon reist man per Pferd, Wagen oder Auto nach San Luis de Suaro und kommt nach weiteren 20 Stunden nach Puerto Bermudcz. Von Tama ab ist bereits die Wasserscheide nach dem Atlantischen Ozean. Puerto Bermudez selbst ist ein kleiner am Fluß gelegener Ort, ohne jeden Handel und ohne Möglichkeiten, Produkte abzusetezn, auch in der ganzen Umgegend, 100 km, nicht." Es sei erwähnt, daß ein Vorschlag betreffs Gruppensicdlung in Peru in einem Gebiet vorliegt, das folgendermaßen geschildert w ird : „Die Möglichkeit, sehr fruchtbares und billiges Land zu erhallen, besieht heute noch in manchen klimatisch befriedigenden Teilen von Südamerika, beispielsweise in Südbrasilien und in den Cordilleren-Staalen. Von besonderem Interesse erscheint ein Gebiet in der südamerikanischen Republik Peru, das nach Angaben der einschlägigen Werke und anderen Auskunftsstellen subtropisches Klima besitzt und in erforderlichen) Umfange fieberfrei ist. Es ist fruchtbar für die meisten Kulturpflanzen, macht zum Teil dreimalige Ernten im Jahr möglich, bietet einen Reichtum an Wild, sowie Flußfischen, Arzneipflanzen und den meisten Bodenschätzen. Von der Westküste Südamerikas ist dieses Gebiet jedoch durch die Anden getrennt, über die eine Eisenbahn nur bis zum sogenannten Hochland, nicht aber über die östliche Kette führt. Transportmittel sind dort bisher nur Maultiere, während schwere Lasten von und nach Osten auf den ziemlich hoch hinauf schiffbaren Nebenflüssen des Amazonenstromes, also durch den ganzen Kontinent, befördert werden müssen. Das ist auch der Grund für das Brachliegen des sonst in jeder Beziehung reichen Gebiets." Uruguay Seit Oktober v. J. hat sich in den Einwanderungsbestimmungen nichts geändert. Uruguay liegt jetzt etwas abseits der Wandcrungsziele. Es muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß es nicht angängig ist, auf Grund eines Transitvisums m Uruguay zu bleiben, um sich dort, ohne die Ermächtigung zu haben, definitiv niederzulassen. Aus Briefen vom März von zwei Personen, die nach Uruguay auswanderten, geben wir ganz kurz erste Eindrücke wieder: Nun sind wir zirka 8 Wochen im Lande und haben schon etwas das uruguaysche Leben kennengelernt. Hier fragt Sie niemand, wer und was Sie sind, das Land Uruguay ist noch eine große Zukunft für Menschen, die nach hier kommen. Das Land muß noch kultiviert werden, sowie industriell werden, es gibt sehr viele Sachen, die noch nicht hier erzeugt werden; im ganzen Lande Uruguay sind zirka 2 Millionen Einwohner. Es ist hier für jeden noch eine Zukunft. Wer hierher mit Geld kommt, kann hier was werden. —■ Ein anderer sieht mit großem Mißtrauen in die Zukunft: So, wie wir es uns vorgestellt haben, ist es hier keineswegs. Arbeitslosigkeit und Weltkrise sind auch hier anzutreffen, und so braucht man sich nicht zu wundern, wenn man lediglich seinen Lebensunterhalt verdient, was auch schon eine große Kunst ist. Über verschiedene wirtschaftliche Berufsfragen informieren nachstehende Ausführungen in einem Schreiben vom April: Für jeden, der nach Südamerika will, heißt es verzichten auf alles, was er als schön und angenehm in Europa kennt und nur ein Ziel im Auge haben (busar su camino — seinen Weg zu suchen —•). Man kann sich auf keinen Fall auf irgendeine Hilfe eines anderen verlassen, sondern muß absolut damit rechnen, mit jeder Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich kenne Fälle, in denen Söhne reicher Eltern, infolge plötzlichen Verlustes des Vermögens, als Brotausträger oder als Verwalter mit einem ganz niedrigen Gehalt auf dem Lande gearbeitet haben... So wie mit den reinen Lebensbedingungen ist es auch mit der Kultur: Theater, Geselligkeit, soziales Leben gibt es nicht, der einzige öffentliche Kulturfaktor ist das Kino; die wenigen Menschen, die kulturelle Bedürfnisse überhaupt haben, gehören zu der oberen Gesellschaft, in die im allgemeinen ein Ausländer nicht kommt, wenigstens nicht in den ersten Jahren. Akademische Berufe: Die wirtschaftliche Situation der Ärzte ist hier im allgemeinen schlecht, erstens gibt es zu viele und die augenblickliche Krise ist so stark, daß auch die Ärzte, die früher eine gute Praxis hatten, in den letzten Jahren fast um die Hälfte weniger Einnabmen haben. Die meisten jungen Ärzte versuchen, eine Stelle in einer Sociedad (etwa unserer Krankenkasse entsprechend) zu bekommen, wodurch ihnen ein bescheidenes Einkommen gesichert ist; ein Teil muß jedoch in anderen Berufen arbeiten, um leben zu können. Weiterhin ist die Situation dadurch erschwert, daß fast jedes Jahr 100 neue Ärzte die Fakultät verlassen, was damit zusammenhängt, daß hier das Studium kostenlos ist. Auf Grund dieser Situation wird die ,,Revalida', das Examen, um als ausländischer Arzt anerkannt zu werden, sehr erschwert. Man muß, um mit einiger Sicherheit bestehen zu können, angestrengt mindestens ein Jahr arbeiten (man verlangt eine Unmenge Einzelheiten) und außerdem gute Beziehungen zu sämtlichen Professoren haben. Auch für Rechtsanwälte bestehen entsprechende Schwierigkeiten. Etwas verschieden ist die Lage für Ingenieure, erstens ist heute noch die „Revalida" bedeutend leichler als für die übrigen akademischen Berufe und außerdem besteht, wenn einer etwas Spezielles leistet und sich der Umgebung anzupassen weiß, sicher die Möglichkeit, ein Tätigkeitsfeld zu finden. —- Gewisse Möglichkeilen scheinen nur für Kauflcute und Industrielle zu bestehen; für Kaufleute, besonders wenn sie Junggesellen sind und mit einigen guten deutschen Vertretungen hier anfangen, ist es wahrscheinlich, daß sie ihr Auskommen finden werden. Eine vertragliche Anstellung zu bekommen —■ von drüben nach hier —■ ist fast ausgeschlossen, da der Südamerikaner sich auch durch keinen Vertrag für gebunden halten würde, wenn ihm das Gesicht nicht zusagen würde, und die ausländischen Häuser nehmen ihre Angestellten den Nationalitäten entsprechend. Die Aussichten, Industrien zu gründen, sind — falls es sich um etwas hier noch nicht vorhandenes handelt — durchaus nicht schlecht, aber auch dies ist wieder besonders in Brasilien besser, einmal wegen der niedrigen Wäbrung, des größeren Absatzgebietes, und weil man in Brasilien leichter Arbeitskräfte finden kann. Fast keine Möglichkeiten sind nach meiner Ansicht für Handwerker, da ich glaube, daß ein deutscher Handwerker mit seiner aufs Gründlichste gerichteten Ausbildung nicht mit den recht tüchtigen Handwerkern aus Osteuropa, die in großer Anzahl hier sind, konkurrieren kann. Die allgemeinen Lebenskosten sind bei dem augenblicklichen Stand der hiesigen Valuta etwa 100 RM. (doch ist diese Summe nicht als allgemein gültig anzusehen, hängt vielmehr von dem Beruf und den damit verbundenen Repräsenlationspflichten ab; ein Kaufmann könnte auch mit weniger auskommen, sobald er einige Monate hier ist). Was die Lebensbedingungen anbetrifft, so kann nach Auskunft des Konsulats eine" Familie mit monatlich 125 Pesos (sehr einfach) leben. — 51