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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1934-08-01 · August 1934 · p. Seite 45

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1934. Bestand LBI
Issue
August 1934
Date
1934-08-01
Page
Seite 45 (sequence 47)
Language
German
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ernähren können. In dor Großstadt Rio ist aber die Go fahr viel größer und müßten die Auswanderer dementsprechend belehrt werden. Ganz besonders aber muß ich noch darauf hinweisen und dringend warnen, irgendwen ohne Chamada hierherzusenden, denn derselbe kommt auf keinen Fall vom Schiff. Es genügt aucli nicht, wenn jemand im Besitz des brasilianischen Visums ist. Wer keine Chamada hat, der muß bei der Landung den vorgeschriebenen Beirag vorzeigen können. Mil dem Wert des deutschen Geldes verhält es sich folgendermaßen: Eine Mark hat in Berlin den Wort von etwas mehr als 4 Milreis, während man hier für eine Mark (i Milreis ausbezahlt erhält. Die Differenz ist also ganz erheblich. Über Wohnungsverhältnisse speziell in Sao Paulo gehen wir folgende uns zugekommene Mitteilung wieder: Da ich mich gerade für das Thema „Wohnung'- sehr interessiere, habe ich besondere Erkundigungen darüber eingezogen. Wohnungen, so wie wir sie in Berlin kennen, gibt es hier in Sao Paulo in don seltensten Fällen. Man bewohnt hier kleine Häuser, jede Familie hat ein Haus für sich. Alle Straßen der Wohngegenden zeigen daher diese kleinen und größeren Häuser und aus diesem Grunde macht die Großstadt Sao Paulo auf den Neuangekommenen den Eindruck einer Kleinstadt. Die Mieten dieser Häuser sind natürlich entsprechend der Gegend und dem Zustande dieser Häuser hoch odor niedrig. Für 250—300 M i 1 r. kann man sehr schöne Häuser mieten, und wenn man sich Zeit läßt, so findet man die passende Wohnung noch billiger. 300 Milr. sind nach deutschem Gelde ca. 60 RM., aber es ist verkehrt, einen solchen Maßslab zu benutzen, da man hier nicht Reichsmark, sondern Milreis verdient. Neueinwanderer wohnen zunächst besser in einer Pension, wenigstens solange, bis sie selbst die Verhältnisse einigermaßen beurteilen können. Alle Pensionen sind zur Zeit überfüllt. Das hiesige Comité, das vorbildlich geleitel wird, bemüht sich, jeden so schnell wie möglich unterzubringen. Für 200—250 Milreis bekommt man nach einigem Suchen ein sehr schönes Zimmer mit voller Pension. Wenn man Glück hat, kann man in einem Privathaus besser und billiger unterkommen. Rio de Janeiro, Anfang April 1934. Hier gibt es sehr viel Arbeit, aber sie wird nicht bezahlt, weil die Neger viel billiger arbeiten als die Weißen. Wenn der Neger 4—5 Milreis pro Tag hat, so kommt er glänzend aus. Schlafen tut er auf einem Berg Kleider in einer Bretterbaracke oder auf der Erde. Essen tut er Reis mit trockenem Brot und Bananen. Wenn der Europäer das auf die Dauer essen würde, so würde er krank werden; aber der Brasilianer ist das schon gewöhnt. Siedlung Das Nansen -Komitee hat au 1' die G e s e 11 s c h a f t Londrina hingewiesen, die besonderes Interesse verdiene. Die Ländereien derselben liegen im Norden des Staates Parana, zwischen den Flüssen Tibagy, Paranapanema und Yvahy, im Distrikt Jatahy. Eine Eisenbahnlinie führt direkt von Sao Paulo nach Jatahy, von wo der Sitz der Gesellschaft Londrina leicht mit Hilfe einer Automobilverbindung erreicht werden kann. Es handelt sich eigentlich nicht um eine Kolonisationsgesellschaft. Sie hat Ländereien gekauft und verkauft sie in einer Gegend, wo sie eine Eisenbahnlinie baut. Sie hat also alles Interesse an der möglichst baldigen Bevölkerung und günstigen Entwicklung. In der Jahresversammlung der Parana Plantations Limited, die im Juli 1934 in London stattfand, wurden die Konsequenzen der neuen Einwanderungspolitik Brasiliens erörtert. Es wurde darauf hingewiesen, daß die Wirkung der neuen Keslriklions-Klausel soin werde, die Einwanderung nicht in bezug auf die Qualität der zukünftigen Einwanderer zu begrenzen, sondern nur in Bücksicht auf die Zahl der Einwanderer aus den verschiedenen Ländern in der Vergangenheit. In dem gegenwärtigen Stadium sei es für Brasilien bedenklich, eine so plötzliche und drastische Hemmung auf die Flut ausländischer landwirtschaftlicher Einwanderer auszuüben und auf das ausländische Kapital, das mit ihnen kommt. Für Generationen würde dadurch die Entwicklung der unermeßlichen natürlichen Hilfskräfte Brasiliens aufgeschoben. Es wird bemerkt, daß die zu plötzliche Abhaltung der Einwanderung wohl zu den gegenwärtigen Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten beigetragen habe. Die Frage wird aufgeworfen, ob die plötzliche Hemmung des Zustromes von Einwanderern ohne ernstliche Bückwirkungen bleiben könne, wenn die Industrien und der innere Handel oines Landes darauf aufgebaut wären, für die Bedürfnisse eines großen jährlichen Zustromes von Ankömmlingen zu sorgen. Nach der offiziellen brasilianischen Statistik seien seil 1912 die Jahre 1925—1929 die Periode größler Prosperität gewesen, zugleich auch die Periode stärkster Einwanderung. Die jährliehe Zahl der Einwanderer betrug 97 000 per Jahr. Es sei nichl ratsam, riesige fruchtbare Gebiete in einer landhungrigen Welt unentwickelt zu lassen. Über die Gesellschaft Companhia Territorial Sul Brasil liegen interessante Informationen und Bildermaterial vor, Hauptsitz: Porto Alegre. W ïr entnehmen deren Schrift: „Besondere Informationen für Auswanderer" folgendes: Die „Gompanhia Territorial Sul Brasil'" ist eine Kolonisalionsgesellsebaft, deren Ländereien am Rio Uruguay ihr absolut unbelastetes Eigentum sind, und von denen noch 9000 Kolonion in je 100 prsz. Morgen zu verkaufen sind. Ihr Kapital befindet sich zu drei Vierteln in deutschon oder deutschbrasilianischen Händen. Die Gesellschaft wurde zu Beginn des Jahres 1925 gegründet. Brasilien alsEinwandererland: Die drei Süd s t a a t e n Rio Grande do Sul, Santa Catharina und Parana oignon sich wogen des Klimas am besten für deutsche Einwanderer. Während wir in diesen drei Staaten noch die vier Jahreszeiten haben, gibt es in Mittelbrasilien, also in den Staaten Sao Paulo, Rio, Matto Grosso und Minas nur Winter und Sommer, und in den nördlichen wechselt eine trockene Zeit mit einer Regenperiode ab. In den drei Südstaaten bestehen seit 100 Jahren viele und große deutsche Kolonien. In gewissen Teilen von Parana und Santa Catharina herrscht noch Malaria oder ein dieser Krankheit ähnliches Fieber. In unseren Ländereien am Rio Uruguay ist jedoch irgendein Fieber unbekannt. Auswandern, um Siedler zu werden, sollten nur gesunde, kräftige und an körperliche Arbeil gewohnte Personen. Die ersten beiden Jahre stellen in jeder Beziehung schwere Anforderungen an den neuen Kolonisten. Wenn er sich auch den Wald schlagen läßt, was wohl die härteste Arbeit bedeutet, so ist immer noch sehr viel andere und ebenfalls schwere Arbeil zu leisten, die Körperkraft und Ausdauer des Siedlers sehr stark in Anspruch nimmt. Beinahe ebenso schwer, häufig sogar schwerer zu überwinden ist die völlig neue Lebensweise: das primitive Häuschen ohne jeden Komfort, die neue Umgebung — an das alles muß man sich erst gewöhnen, und leider versagen in dieser Beziehung häufig gerade die Ehefrauen. Liebe zur Natur muß unbedingt vorhanden sein. Wer auf gewisse großstädtische Vergnügungen und Zerstreuungen nicht verzichten kann, der bleibe daheim. — Wir lassen noch einige ergänzende Auskünfte von einer Persönlichkeit folgen, die mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut ist: I „L a n il w ir ts c Ii a J' t, wie in Deutschland, gibt es hier noch nicht. Dir Anfänge sind bei den Kolonisten, die sich Land urbar machten und heute allerdings so leben, wie größere Bauern in Deutschland. Diese erzeugen, meist mit Hilfe von Genossenschaften, Milch, Butter, Fell usw. Neuerdings auch Getreide. Bei den Städten gibt es auch schon Anfänge von Gulsbelrieben, aber alle diese nehmen keine Verwalter oder „bessere" Arbeiter, sondern sie wirtschaften mit Farbigen, der Leiter isl irgendein Familienmitglied. Die großen Estanzias, das ist die Regel, betreiben überhaupt nur Viehhaltung; diese füttern noch nicht einmal, sondern lassen das Vieh laufen. Dieses verwalten Eingeborene, die Lasso werfen und reiten, allenfalls noch gut schießen können. Auch hier ist es unausdenkbar, daß man einen jungen Deutschen als Beamten nähme oder ihn ja anfordere. Kolonist im kleinen zu worden, dazu gehören Nerven. Bezüglich der Ansiedlung von Juden ist noch von folgenden Vuskünften im April Kenntnis gegeben worden, die wir ihrer Wichtigkeit wegen — unverbindlich — wiedergeben : „. . . Die brasilianische Regierung stehl einer derartigen Einwanderung, soweit es sich tatsächlich'um landwirtschaftliche Siedler im striktesten Wortsinn handelt, durchaus sympathisch gegenüber und ist zu jedem Entgegenkommen und jeder Unterstützung bereit, deren Umfang im Einzelfalle festzulegen sein würde. Sie ist in besonderem Maße an der Besiedlung der Hochfläche des südlichen Bahia interessiert und des weiteren des zukünftigen Bewässerungslandes am Piauhy bzw. Paranahyba. Das Hochland von Bahia liegt in etwa 1000 m Meereshöhe in einem vollkommen gesunden Klima, wo die höchste Sommertemperatur kaum jemals über 28' steigt und die tiefste Wintertemperatur bis auf etwa 12 heruntergeht, Die Böden dieses Plateaus sind ausgezeichnet, die Vegetation teils Wald, teils Campos. Sämtliche tropischen und subtropischen Kulturen sind ohne Schwierigkeit möglich. Die Absatzverhältnisse lassen sich durch relativ kurze Autostraßen-Verbindungen zur Balm in jeder Weise befriedigend gestalten, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Regierung im Falle eines aktiven Interesses diese Wegbauten übernehmen winde. Untergebracht werden könnte auf dem Bahia-Plateau eine große Zahl von Siedler familien. 45

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