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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1934-08-01 · August 1934 · p. Seite 24

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1934. Bestand LBI
Issue
August 1934
Date
1934-08-01
Page
Seite 24 (sequence 26)
Language
German
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für Spezialitäten (z. B. feinmechanischer Art) können hier, wenn sie sich einen guten Arbeiterstamm schaffen, wesentlich billiger als in Europa fabrizieren. Auch japanischer Kapitalzuschuß ließe sich sicherlich erhalten. Für die Neueröffnung von Betrieben ist die staatliche Konzession erforderlich, sie wird aber im allgemeinen nicht versagt. Kaufmännische und technische Angestellte kommen fast nur für ausländische Firmen in Betracht, denn japanische Unternehmungen können nur in den seltensten Fällen so hohe Gehälter bezahlen, daß ein Europäer nach europäischem Standard davon leben könnte. Dagegen ist nebenberufliche Beschäftigung als „Technical Adviser" oder als Dolmetscher gelegentlich möglich. In ausländischen Betrieben (meist Export- oder Importfirmen) is! ab und zu eine Stelle vakant. Natürlich sind genügende Sprachkenntnisse Grundbedingung. Jüdische Firmen gibt es sehr wenige. Bei den freien Berufen liegen die Verhältnisse folgendermaßen: Ärzte bzw. Zahnärzte mußten (bisher) hier eine Prüfung (durchaus nicht leicht) machen und konnten dann praktizieren. In jüngster Zeit jedoch wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, nach dem Neuzulassungen überhaupt nicht mehr erfolgen sollen. Diese Bestimmungen gelten bzw. galten für jeden Nicht-Japaner in gleicher Weise ohne Bücksicht auf irgendeine Nationalität. Für Rechtsanwälte liegen die Verhältnisse noch schwieriger, da die Kenntnis der japanischen Sprache und Schrift benötigt wird. — Auch Architekten haben hier ein sehr kleines Betätigungsfeld. Die Möglichkeiten für Ingenieure scheinen noch am besten zu sein. Schließlich nennen Sic noch Wissenschaftler von besonderem Ruf, die als Lehrer für wissenschaftliche Institute, als Leiter für Forschungslaboratorien usw. in Betracht kommen. Voriges Jahr schrieben verschiedene japanische Zeitungen, daß man plane, den einen oder anderen entlassenen Gelehrten zu berufen; dabei scheint es geblieben zu sein. Das ist um so verwunderlicher, als die Japaner allgemein sehr gastfreundlich' sind. Ähnliche Verhältnisse wie für Wissenschaftler gelten für bildende Künstler und Musiker. Der Hauptteil der hier lebenden ausländischen Musiker ist jüdischer Abstammung. Ab und zu werden Sekretärinnen, Erzieherinnen usw. gesucht, doch leider nur sehr vereinzelt und natürlich nur für nichtjapanische Familien." Es wird uns von anderer Seite aus Japan noch mitgeteilt, daß dort kaum eine Möglichkeit Eür die Ausübung handwerklicher Berufe durch Ausländer besteht. Aber selbst, wenn eine Konzession erteilt wird, so könnte doch schwerlich europäische Handarbeil es mit der billigen japanischen aufnehmen. Mandschukuo Aus Mandschukuo gingen uns folgende Mitteilungen zu: An der Station Mandschuli, an der Grenze der UdSSR., erteilt der Vertreter des Außenministeriums von Mandschukuo \ isen zum Eintritt in das Land gegen Bezahlung von 10 amerikanischen Dollar. Die jüdische Bevölkerung in Mandschuli ist gegenwärtig unbeträchtlich. Im Notfall kann man sich aber an den Präsidenten der dortigen jüdischen Gemeinde wenden. Das Klima der Mandschurei ist gesund und unterscheidet sich kaum von dem von Mitteleuropa. Juli und August sind die heißesten Monate. Der Herbst ist hell und sonnig. Im Dezember und Januar erreicht der Frost 28—30° hundertteilig. Die meisten neuen Wohnungen haben alle Bequemlichkeiten, Baderaum, Zentralheizung, Warmwasser usw. Charbin hat eine europäische Bevölkerung von etwa 100 000. Die meisten derselben sprechen russisch. Ein Teil der russischen Bevölkerung versieht englisch, die jüdische Bevölkerung deutsch. Es ist auch damit begonnen worden, daß die eingeborene Bevölkerung, die Chinesen, durch europäische Ärzte behandelt werden. Die deutschen Ärzte, die hierher gekommen sind, praktizieren mit Hilfe eines Dolmetschers. Lebensbedingungen sind ähnlich denjenigen in Europa. Lebensmittel und Kleidung sind sehr wohlfeil und stehen zu Gebote. Deutsche Diplome werden von den lokalen Behörden anerkannt. Die ankommenden Ärzte mit Diplomen fremder Universitäten weiden registriert, ohne vorhergehende Examina und ohne Schwierigkeiten und praktizieren frei. — Es wurde von China aus darauf aufmerksam gemacht, daß Briefe, die nicht den Vermerk tragen „Via l dSSR.", sich sehr verzögern. — Ferner wird daraufhingewiesen, daß deutsche Ärzte, die nach Mandschukuo fahren, gut tun, sich unterwegs einen deutsch-russischen Sprachführer mitzunehmen, um sich etwas Kenntnis für den notwendigsten Tagesgebrauch anzueignen. In einer Schilderung des Landes von einem dorthin Eingewanderten vom Januar 1934 wurde folgendes Bild entworfen : Mandschukuo übertrifft Deutschland an Ausdehnung bei weitem, hat aber nur ganz wenig Großstädte. Allein in Charbin, einer Stadt von etwa einer halben Million Einwohnern, kommt der jüdischen Gemeinde erhebliche Bedeutung zu. Die hier lebenden ca. 13 000 Juden sind fast durchweg russischer Herkunft, viele von ihnen beherrschen neben der russischen Sprache die jiddische, einige wenige, meist in Deutschland, Österreich oder der Schwei/ promovierte Ärzte sprechen außerdem deutsch und selten englisch, ihre Berufsschichtung unterscheidet sich nicht so sehr von der deutschen. Die bis vor wenigen Jahren wohlhabende Gemeinde Charbins hat mehrere — darunter zwei große — Synagogen, eine Bücherei, eine Talmudschule und unterhält ein Altersheim, in dem auch minderbemittelte Nichtinsassen essen können. Vor kurzem ist ein jüdisches Krankenhaus, zunächst als Ambulatorium eingerichtet, gebaut worden. Das sehr große, prächtige, jüdische Schulgebäude ist zurzeit an russische Unterrichtsorganisationen vermietet. Die Bedeutung und Wohlhabenheit der Charbiner Juden ist seit wonigen Jahren im Schwinden begriffen. Die Nachkriegs jähre hatten den hiesigen Juden eine ruhige Entwicklung ihrer günstigen Position gebracht, bis sich die Propaganda der etwa 150 000 hier lebenden Russen auszuwirken begann. Ein großer Teil von ihnen sind Emigranten aus der russischen Revolutionszeit, „Weißrussen", wie man sie hier nennt. — Zahlenmäßig gering, haben die Japaner heute schon in Wirklichkeit die unbedingte Führung in Verwaltung, Rechtsprechung und Hand' 1. Wer Kapital anzulegen wünscht, würde in Mandschukuo, einem in großer Entwicklung begriffenen Land, erfolgversprechende Gelegenheiten finden, könnte aber kaum auf erhebliche Unterstützung durch die Behörden rechnen. Ebensowenig ist an Anstellung von Juristen oder Ärzten im Staatsdienst zu denken. In Mandschukuo wird — von den verschiedenen Konsulargerichtsbarkeiten abgesehen — chinesisches Recht gesprochen. Nur chinesische und russische Advokaten sind an den Gerichtshöfen zugelassen. Es erscheint aber lediglich als eine Frage der Zeit, daß japanisches Recht, japanische Richter und japanische Anwälte in Mandschukuo maßgebend sein werden. Etwas anders sind die Aussichten für deutsche Ärzte zu beurteilen. Beamlenstellungen werden ihnen verschlossen sein, weil Japan über hervorragende Kräfte verfügt. Für diejenigen Ärzte aber, die privat praktizieren wollen, ist zu beachten, daß Mandschukuo eines der wenigen Länder ist, in denen die Niederlassung ohne weiteres erfolgen kann. Es gibt zwar eine große Zahl von Ärzten und Zahnärzten (richtiger wohl: Dentisten) in Charbin, Mukden, Hsinking und Dairen. Ein Spezialist, der eine wirkliche Kapazität auf seinem Gebiet ist, sollte sich jedoch durchsetzen können. Neben vollständigem Instrumentarium wird er einiges Kapital für die Anfangszeit und — als Wichtigstes — gute Sprachkenntnissc mitbringen müssen. Umgangssprachen sind in Charbin russisch und chinesisch, beide bekanntlich sehr schwer zu erlernen. Deutsch, englisch oder französisch sprechen dort so wenige Leute, daß der Arzt, dem russische Sprachkenntnisse fehlen, mit einem Dolmetscher arbeiten müßte, wie es beispielsweise die europäischen Arzte im Innern Chinas tun. Die erwähnten Sprachschwierigkeiten machen es auch unmöglich, die Aussichten für deutsch-jüdische kaufmännische Angestellte günstig zu beurteilen, es sei denn, daß der Bewerber neben der englischen die russische Sprache völlig beherrscht. Auch dann bleibt es ein Risiko, die große Reise anzutreten, um sich an Ort und Stelle nach einem Posten umzusehen. Ingenieure glaubt man hier nicht unterbringen zu können. Das Charbiner Technikum entläßt jedes Jahr so viele Absolventen, daß der Bedarf des Landes bei weitem gedeckt ist. Bessere Aussichten mißt man deutschen Farbenchemikern zu, besonders im Hinblick auf die bedeutende Pelzindustrie Nordchinas. Auch hervorragende Musiklehrer dürften in Charbin oder im Süden des Landes ihr Brot finden, zumal nicht nur die Juden und Bussen, sondern auch die Japaner großes Interesse für europäische Musik zeigen. Das Land ist weit von Deutschland entfernt. Es ist bunt, fremdartig und in vielem neu. Aber es ist doch nicht so andersgeartet, daß ein Einleben schwer fiele. Jede Reise bedeutet ein Risiko. Ist sie aber mit aller Gründlichkeit vorbereitet, so wartet der Ferne Osten mit Schönheilen auf, die für vieles entschädigen, was man aufgegeben hat. Informationen des Komitees in Charbin ist noch folgendes entnommen : Es gibt in Charbin einige Krankenhäuser, und zwar drei, in denen die Ärzte Gehälter bekommen, aber es ist fast unmöglich, dort eine Stellung zu erhalten. Diese Krankenhäuser sind das Railway- und das City-Hospital und das Japanische Krankenhaus. Außerdem gibt es eine Reihe von Priyatkrankenhäusern, von denen einige sehr gut ausgestattet sind, in welchem Ärzte gegen einen bestimmten Prozentsatz arbeiten und ihre eigenen Sprechstunden abhalten. Operationen werden gewöhnlich in diesen Privatkrankenhäusern ausgeführt, die hierfür selbstverständlich einen bestimmten Anteil in Rechnung bringen. — —- 24

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