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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1934-08-01 · August 1934 · p. Seite 8

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1934. Bestand LBI
Issue
August 1934
Date
1934-08-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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sichtlich werde für jeden Fall eine Genehmigung beim Minister beantragt werden, sogar auch für die, die bereits in Holland arbeiten. — Rücksichtnahme auf das Gegenteiligkeitsprinzip zieht den Maßnahmen der Regierung gewisse Grenzen. Wir erhalten noch die folgenden weiteren Mitteilungen: „Die wirIschaftliche Lage in Holland ist außerordentlich schlecht. Alteingesessene holländische Geschäfte können augenblicklich kaum ihre Spesen decken, geschweige denn neu gegründete deutsche Unternehmen. Wir haben viele von diesen Neugründungen Schiffbruch leiden sehen." Über die Anzahl der in Holland ansässigen Ausländer ist von der Reichsstelle für das Auswanderungswesen, Berlin, folgendes publiziert worden: „Vor kurzem sind die Daten der niederländischen Volkszählung vom 31. Dezember 1930 veröffentlicht worden. Diese Veröffentlichung enthält auch Angaben über die in Holland ansässigen Ausländer. Die Gesamtzahl der in den Niederlanden wohnenden Personen beträgt 7 935 565, davon sind 7 759 715 niederländische Staatsangehörige und 175 850 Ausländer. Das Ilauptkontingent unter den Ausländern stellen die Deutschen. Die Gesamtzahl der zum vorangegebenen Datum in Holland wohnenden Deutschen betrug 101 955, und zwar 41 489 männlichen und 60 466 weiblichen Geschlechts. Die um fast 50 % größere Zahl der Frauen erklärt sich aus der großen Anzahl der in den Niederlanden beschäftigten deutschen Hausangestellten. Unter den Städten weist Amsterdam die größte Anzahl von Deutschen auf, und zwar 14 500, davon 4466 männlichen und 10 043 weiblichen Geschlechts. Dann folgen Haag mit 9060, Kerkrade mit 6373, Heerlen mit 6213, Rotterdam mit 6170 und Eindhoven mit 2219 Deutschen. Von den anderen Nationen ist Belgien mit 25 404, Österreich mit 8841, Polen mit 5931, Ungarn mit 2826, Italien mit 2606, England mit 2511, Tschechoslowakei mit 2367, Frankreich mit 2053 und die Schweiz mit 1140 Personen vertreten. Die Anzahl der Angehörigen anderer Staaten ist unbedeutend. Seit 1931 dürfte infolge der Wirtschaftskrise eine gewisse Abwanderung der Ausländer stattgefunden haben, deren Ausmaß sich zwar, auch schätzungsweise, nicht feststellen läßt, vermutlich aber nicht allzu bedeutend sein dürfte." Wie uns mitgeteilt wird, nimmt das Komitee wegen sehr beschränkter Geldmittel nur im äußersten Notfalle Neuaufnahmen vor. Das holländische Komitee hat eine intensive Tätigkeit entfaltet, die sich erstreckt auf Kredithilfe — in kleinem Maßstabe — Hilfe zum Aufbau von Existenzen durch wertvolle Vermittlungsdienste, Berufsberatung, Arbeitsnachweis, Vermittlungsdienste für Geschäftsleute; Sprachkurse in Amsterdam und Haag in englisch, französisch und holländisch; in spanisch und portugiesisch für die Auswanderer nach lateinamerikanischen Ländern; sowie hebräisch. Es bestehen auch Schneidereikurse. Kindern wird Unterricht erteilt, und sie werden in holländischen Instituten placiert. In der elektrotechnischen Schule in B u s s u m werden 25 junge Leute unter Leitung eines Diplom-Ingenieurs und eines Handwerkers innerhalb eines Jahres zu Elektrotechnikern ausgebildet. Wie man uns berichtet, sind die jungen Leute heute schon mit allen Gebieten der Stark- und Schwachstromtechnik vertraut und werden augenblicklich in Radiotechnik ausgebildet. Es besteht die Absicht, bei genügender Teilnehmerzahl einen zweiten Kursus von Oktober ab zu veranstalten; die Gebühren hierfür betragen fl. 70 pro Monat, wofür die Schüler vollständige Ausbildung, freie Station und freie Wäsche haben. Die Praxis hat gezeigt, daß in einem einjährigen Kursus tatsächlich eine vollkommene Ausbildung gegeben werden kann; von Beginn an wird ganz intensiv gearbeitet (53 Stunden pro Woche). Den Abschluß des Kursus wird ein Examen bilden. — Aus der Zusammenarbeit der holländischen Regierung, des holländischen Judentums und der internationalen jüdischen Hilfsstellen ist die Errichtung des jüdischen Werkdorfes Nieuwesluis (Post Slootdorp N-H.), das bis maximum 300 jüdischen jungen Menschen eine qualifizierte landwirtschaftliche, gärtnerische oder handwerkliche Ausbildung geben soll, Anfang März 1934 in Angriff genommen. Die holländische Regierung hat auf einem dem Meer abgerungenen Gebiet des Zuidersees, 30 km von der Stadt Alkmaar entfernt, ein größeres Stück Land (65 Hektar) zur Verfügung gestellt, sowie einige Arbeiterbaracken zur vorläufigen Unterbringung überlassen. Hier beginnt das jüdische Werkdorf am Wieringer Meer zu entstehen. Jüdische Jugend aus Deutschland soll dieses Dorf aufbauen. Die Jugend errichtet hier Werkstätten, ein Gemeinschaftshaus und die notwendigen Hilfsbauten für den Betrieb, so zugleich lernend und produktiv schaffend. Auch die Landwirtschaft und Gärtnerei werden gleichzeitig Lehrbetriebe sein und der Versorgung des Ganzen dienen. Vorläufig sind für die ersten Monate in Aussicht genommen: 1. ein landwirtschaftlicher Betrieb, 2. ein Gärtnereibetrieb, 3. ein Baubetrieb, 4. ein Holzbearbeitungsbelrieb, 5. ein Metallbearbeilungsbetrieb, 6. ein Heimbetrieb mit Ausbildungsmöglichkeit für Mädchen in allen Zweigen des landwirtschaftlichen Haushaltes. Ausbildungszweige. 1. Die landwirtschaftliche Ausbildung wird zwei Jahre dauern. Der Betrieb steht unter der Leitung eines erfahrenen holländischen Agronomen, dem zwei qualifizierte Landwirte zur Seite stehen. Der Betrieb will alle Zweige des Getreide- und Hackfruchtbaus pflegen. Nohen den nötigen Handarbeiten werden die Praktikanten mit allen vorkommenden Maschinenarbeiten vertraut gemacht. Weiter erlernen sie die Milchviehzucht, Pferdebehandlung und die Kleinviehzucht. Die theoretische Unterweisung erfolgt wahrscheinlich im Rahmen der allgemeinen holländischen landwirtschaftlichen Schulung. 2. Die Gärtnerei gibt in zweijähriger Lehre den Praktikanten Gelegenheit, sich mit allen gärtnerischen Arbeiten vertraut zu machen. Der Betrieb umfaßt Frühbeetkulturen, alle Formen des holländischen Gemüsebaus, Blumenzucht und versuchsweise auch Baumschularbeilen. Auch hier wird theoretischem Unterricht ausreichender Spielraum gelassen. Es wird angestrebt, die Zulassung zu einer staatlichen Abschlußprüfung zu erreichen. 3. Der Baubetrieb soll in Verbindung mit dem Aufbau des Dorfes die Maurerpraklikanten unter Leitung eines erfahrenen Bauführers und unter Mitarbeit von tüchtigen Bauarbeitern mit allen Formen des ßauhandwerks bekanntmachen. Es wird Wert darauf gelegt werden, daß die jungen Leute darüber hinaus auch mit Zimmermannsarbeiten und den angrenzenden bauhandwerklichen Arbeiten vertraut werden. Die Tischler stellen unter Leitung eines Tischlermeisters, in der ersten Zeit als Bautischler, die mit dem Bau zusammenhängenden Holzarbeilen, später als Möbeltischler die gesamte Einrichtung des Dorfes her. K Ü| Im Melallbearbeitungsbetrieb wird den Praktikanten — ebenfalls unter Leitung eines Meisters — die Möglichkeit gegeben, die ßauschlosserei an den zu errichtenden Gebäuden zu erlernen, ferner mit den angrenzenden Zweigen ihres Gewerbes, wie Rohrlegerarbeiten und Klempnerarbeilen, sich vertraut zu machen. Der auf zwei Jahre berechnete praktische Unterricht in allen Handwerkszweigen wird durch theoretische Unterweisung ergänzt. 4. Im Rahmen der Haus-, Garten- und Landwirtschaft wird den Haushaltspraklikantinnen in 1—li^jähriger Lehrzeit ausreichende Ausbildung in allen einschlägigen Zweigen gegeben: sie erlernen Massenküche nebst Gemüseverwerlung, Wäscherei, Plätterei, Ausbesseren, Materialverwaltung, Geflügelzucht, Milch-, Butler- und Käsewirtschaft. Auch hier wird die praktische Unterweisung durch theoretischen Unterricht ergänzt. Aufnahmebedingungen: Aufgenommen werden jüdische junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Die Bewerber müssen körperlich und geistig für die Erlernung eines landwirtschaftlichen oder handwerklichen Berufs geeignet sein. Sie müssen sich verpflichten, für die Dauer der Ausbildung in der Landwirtschaft und Gärtnerei monatlich fl. 27, im Handwerk monatlich fl. 36 zu zahlen, sie erhalten dafür die Ausbildung gemäß vorstehenden Grundsätzen, sowie volle (koschere) Verpflegung; inbegriffen ist: Wäschewaschen, Instandhaltung von Kleidung und Wäsche (Schuhreparaturen zu Selbstkostenpreisen), jedoch keine neue Kleidung und Schuhe. Versicherung gegen Krankheit und Unfall findet durch die Leitung des Unternehmens statt. Island Königreich in Realunion mit Dänemark, 102 800 qkm, davon bewohnbar 43 400 qkm. Bevölkerung: 108 700 (1930); Reykjavik: 33 000 Einwohner. Es ist nach Lage der Dinge zweckmäßig, daß der Kreis für die Erwägung von Siedlungsmöglichkeiten und die Einziehung von Informationen weitgezogen wird. Wir führen daher nachstehendes Resümee einer Rücksprache mit einer isländischen Persönlichkeit über die Verhältnisse an. Die isländische Landwirtschaft ist durchaus aufnahmefähig für Arbeitskräfte, die bei der Lage des Landes die Aussicht haben, mit einem verhältnismäßig geringen Kapital in verhältnismäßig kurzer Zeit zu selbständigen Farmern aufsteigen zu können. Er glaube, daß es möglich sei, junge jüdische Menschen, die sich für Landwirtschaft interessieren, allmählich in einem gewissen, nicht zu geringen Umfange dort unterzubringen. 8

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