Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1933. Bestand LBI
- Issue
- Oktober 1933
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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übrigen Teilen erträglicher, besonders in den drei Südstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catharina, Parana, wo .inch die Massen der deutschen Ansiedler wohnhaft sind. In Sao Paolo und zunehmend in den südlicher gelegenen Staaten ist es sogar oft recht kühl, mitunter empfindlich kalt. Nach den vom brasilianischen Außenministerium bekanntgegebenen Daten sind im Jahre 1932 über den Hafen von Rio de Janeiro 14 253 Personen in Rrasilien eingewandert. Von diesen waren SS76 Manner und 5377 Frauen und Mädchen. Die Einreise der Passagiere 3. Klasse nach Brasilien ist beschränkt. Das Visum wird bei Anforderung von Ausländern durch Regierungsbehörden und von Landarbeitern, Landwirt- und Handwerkerfamilien durch Angehörige, sonstige Einzelpersonen oder Gesellschaften erteilt (vgl. unser Korrespondenzblatl vom Februar d. J.). Ausländische Passagiere, die nicht unter eine der obigen Gruppen lallen, müssen eine Mindestsumme von 3 conto de reis. Kinder unter 12 Jahren von 2 conto de reis besitzen. — Das Konsulat fordert jetzt den Besitz von 1000 RM. \ isagebühren. Die \ isengebühren betragen nach Auskunft dos brasilianischen Konsulats für deutsche und nichtdculsche Staatsangehörige RM. 9,40, gleichviel ob man durchreist oder dort bleibt. Zu bemerken ist, daß jeder Betrieb in Brasilien nur 1/3 Ausländer gegenüber 2 3 Brasilianern beschäftigen darf. Für die Landwirtschaft und gewisse ähnliche Betriebe sind Ausnahmen gemacht worden, desgleichen bei zehnjährigein Aufenthalt und bei Ausländern, die brasilianische Frauen und Kinder haben. Es bieten sich Aussichten für Einwanderer folgender Berufe: Handwerker. Techniker, qualifizierte Arbeiter, Kautieute und Industrielle, die über ein gewisses Kapital verfügen. — \\ as die Personen betrifft, die freie Berufe ausüben, so haben sie keine unmittelbaren Aussichten. Mediziner, Zahnärzte, Advokaten müssen Staatsexamina machen, was je nach den verschiedenen Fällen 2—3 Jahre erfordert. Möglichkeiten der Niederlassung bestehen allein in Provinzstädten, die von den großen /(Milien entfernt sind. Ausübung der ärztlichen Praxis ist erst nach Naturalisation gestattet. Diese wird nach 2 Jahren erteilt,. Es ist bereits ein Entwurf zu einem neuen Naturalisationsgesetz ausgearbeitet. Bestimmungen über die Regelung der Berufsausübung der Ärzte, Zahnärzte, Veterinäre, Apotheker. Hebammen und Krankenpfleger sind niedergelegt in den Dekreten Nr. 20 931 vom 11. Januar 1932, Nr. 20 862 vom 28. Dezember 1931 und Nr. 20 877 vom 30. Dezember 1931. Die jüdische Bevölkerung Brasiliens beträgt gegenwärtig ungefähr 50 000 Seelen. Diese Bevölkerung ist in Gemeinden organisiert, deren wichtigste in Rio de Janeiro, Sao Paolo und Porto Alegre sind. Juden sind auch noch in folgenden Städten ansässig: Aracayü, Bahia, Beiern, Cachoeira, Campinas, Campos, Curytiba, Nicteroy, Passo Fundo, Pelotas, Pcrnambuco, Ponta Grossa und Sant Ara de Livramente. Die ICA hat im Lande ein Netz von Schulen organisiert, von denen 27, die 1690 Schüler zählen, direkt von ihr unterhalten werden. Näheres über die Ackerbau-Kolonien der ICA brachten wir in unserem Korrespondenzblatt vom Februar d. J., S. 16. Wir hatten in unserem Korrespondenzblatt vom Februar d. J. bemerkt, daß, wie sehr auch gegenwärtig die Welt von, politischen und wirtschaftspolitischen Gegensätzen beherrscht sei, und wie sehr auch die einzelnen Länder wirtschaftlich zu kämpfen und zu leiden haben, es keinem Zweifel unterliegen könne, daß der Einwanderung bald wieder freie Bahn eröffnet werden würde. In erster Linie harrten die großen überseeischen Länder der Erschließung und wirtschaftlichen Entwicklung, wozu sie Menschenkräfte brauchten. Es ist in dieser Hinsicht von Bedeutung, daß der brasilianische Generalkonsul in Hamburg sich dahin geäußert hat, daß Brasilien, sobald es die Verhältnisse gestatten werden, mit derselben Großzügigkeit die Einwanderung aufnehmen werde, mit der dieses Problem bis zum Ausbruch der wirtschaftlichen Schwierigkeiten behandelt wurde. Brasilien werde jedoch stets Landwirten den Vorzug geben, um etwaige große Ansammlungen von Einwanderern in den Städten zu vermeiden. — Auch von einem anderen Generalkonsulat ist auf die Notwendigkeit der Entlastung der Städte hingewiesen worden, andernfalls könnten Probleme geschaffen werden, die sich evtl. gegen die jüdische Einwanderung auswirken würden. Der Bericht des Direktors des Departement für landwirtschaftliche Arbeit im Staat Sao Paolo für 1932 stellt fest, daß als Ergebnis der Einwanderungs-Restriktionen, die am Ende des Jahres 1930 auferlegt wurden, ein Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern eingetreten ist. Viele landwirtschaftliche Arbeiter verlassen die Kaffeeplantagen nach der Ernte, um sich in den Städten niederzulassen, oder ein Stück Land zu kaufen und es auf eigene Rechnung zu bearbeiten. Das Ergebnis davon ist, daß die Plantagenbesitzer jedes Jahr von neuem Arbeiter zu rekrutieren haben. Das genannte Departement entspricht der Nachtrage, indem es ihnen Brasilianer und ausländische Immigranten sendet und indem es überschüssige Arbeiter von den Städten nach dem Lande schickt. Im Jahre 1933 wurden 222 750 Arbeiter in landwirtschaftlicher Beschäftigung placiert. Von diesen waren 102 750 fremde oder brasilianische Immigranten. Nachdem die Restriktionen in Kraft getreten waren, fiel die Zahl der placierten Arbeiter auf 97 692 im Jahre 1931 und 82 378 im Jahre 1932, und die Zahl der Immigranten im Hafen von Santos fiel auf 17 692 im Jahre 1931 und 22 378 im Jahre 1932. Der sich ergebende Arbeitermangel wurde verschlimmert durch eine Abnahme der Zahl von Arbeitern, die die Städte verließen, um Beschäftigung im Ackerbau zu finden. (50 000 im Jahre 1931 und 33 000 im Jahre 1932.) Für die Stadt Sao Paoio, die Hauptstadt des Staates, war die Zahl etwa 62 500 im Jahre 1933, 34 509 im Jahre 1931 und 25 000 im Jahre 1932. Dieses schließt nur die Personen ein, die vom Departement für landwirtschaftliche Arbeit placiert wurden. Die Abnahme wird als ein Anzeichen des Vorübergehens der Depression, unter der die Hauptindustrien des Staates gelitten haben, angesehen. Das Nansen-Komitee für Flüchtlinge in Genf lenkt die Aufmerksamkeit auf günstige Siedlungsmöglichkeiten im nördlichen Teil des Staates Parana, im Distrikt von Jatahv, zwischen den Flüssen Tibagv, Paranapanema und Yoahy. Eine Eisenbahnlinie führt von Sao Paulo bis Jatahy. Das Gebiet ist eine Konzession der Gesellschaft Londrina. Chile Bevölkerung: 4 287 000, Santiago de Chile: 712 500 Personen. Währung: 1 Peso (Papier) 0,25 RM., Goldparität 0,511 RM, Das Klima Chiles ist entsprechend seiner sehr langgestreckten Lage vom 18. bis zum 56. Grad südlicher Breite sehr verschieden. Man kann das Land in drei Zonen teilen, und zwar 1. Nordchile, das re°;enlos ist und an der Küste ein mildes. . . mäßigeres Klima hat, während im Hochland große Lufttrockenheit und sehr schroffe Tcmperaturgegensälze zwischen Tag und Nacht, zwischen Sonne und Schatten, besteben. 2. Mittelchile, das ein gutes Klima mit geringen Temperaturschwankungen und angenehmen Mitteltemperaturen hat. Der Sommer ist fast niederschlagslos, der Winter weist unregelmäßige Hegenfälle auf. 3. Südchile, dessen Klima dem nordeuropäischen, etwa dem westnorwegischen, ähnelt. Die Temperaturen sinken hier selten unter 0° C, doch kommen Fröste im Inland vor. Die Sommertemperaturen sind besonders im Gebiete der Seen und Inseln sehr angenehm, die Bewölkung ist im allgemeinen groß, starke Niederschläge treten hier vorzugsweise im Winter auf. A isagebühren. Es bestehen nach Mitteilung des Konsulats große Unterschiede in den Visumgebühren. Die Auswanderer müssen zu bezüglichen Feststellungen persönlich nach dem Konsulat gelten. Das Visum für Inhaber deutscher Pässe kostet UM. 65. Für die Durchreise durch Argentinien nach Chile sind alle für Argentinien vorgeschriebenen Einreisepapiere und das argentinische Visum erforderlich. Im Jahre 1929 lebten in Chile rund 15 000 Juden, und zwar in den Städten Santiago, Valparaiso, Iquique, Antofagasta, La Serena, Osorno und Temuco. Auch auf Chile wirken sich die Folgen der wirtschaftlichen Krise sehr schwer aus. Durch die Bemühungen von Hicem sind Einwanderungsmöglichkeiten für 50 jüdische Familien nach Chile gegeben worden. Inbegriffen in der Familie sind Vater, Mutter und alle Kinder, die weniger als 21 Jahre alt sind. Jede Familie soll, um nach Chile zugelassen zu werden, ein Kapital von 2000 RM. nachweisen. Handwerker, Industrie- und Handels- Techniker, die über 2000 RM. wenigstens verfügen, würden sich dort nach vorliegenden Mitteilungen eine Existenz schaffen können. 26