Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1933. Bestand LBI
- Issue
- Februar 1933
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 1 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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KORRESPONDENZBLATT über Auswanderungs* und Siedlungswesen Herausgegeben vom Hilfsverein der Deutschen Juden Zentralbüro für jüdische Auswanderungsangelegenheiten Vom Reichswanderungsamt anerkannte gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Durchwanderung und Auswanderung Redigiert von Dr. Mark Wischnitzer und Arthur Goldschmidt____Berlin, Februar 1933 Die überseeischen und kontinentalen Länder haben sich im Laufe der letzten Jahre gegen die Einwanderung immer mehr verschlossen und auch die Ausübung von Arbeit durch ausländische Arbeitskräfte immer stärkeren Beschränkungen unterworfen. Dies gilt von europäischen Ländern, die stark bevölkert, wie auch von überseeischen, die größtenteils dünn bevölkert sind und gewaltige Reserven an Land und Rohstoffen haben. Die Restriktionspolitik, die seit einer Reihe von Jahren in ununterbrochenem Wachsen begriffen ist, hat verschiedenartige Tendenzen, die auch miteinander kombiniert sein können und kombiniert sind, ethnologische und politische, wie sie insbesondere bei den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Australien und Südafrika in Erscheinung treten, und wirtschaftlicheTendenzen als Folgen der weltweiten Depression. Aber wie sehr auch gegenwärtig die Welt von politischen und wirtschaftspolitischen Gegensätzen beherrscht ist, und wie sehr auch die einzelnen Länder wirtschaftlich zu kämpfen und zu leiden haben — es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Einwanderung bald wieder freiere Bahn eröffnet werden wird, auch wenn zur Zeit noch weitere Verschärfungen der Einreisebeslimmungen erfolgen, wie sie z. B. in Argentinien vom Januar 1933 ab Platz greifen. In erster Linie harren die großen Ueberseeländer der Erschließung und wirtschaftlichen Entwicklung, wozu sie .Menschenkräfte brauchen. Die oft angeführten Gegensätze: Volk ohne Raum, Raum ohne Volk, wirken sich im Laufe der Zeit durch ihre Konsequenzen aus. Die Entwicklung hat dahin geführt, daß nicht nur von den Vereinigten Staaten, sondern auch von anderen Ländern die Zulassung von Einwanderern administrativ geregelt wird; die Entscheidung ist in das Ermessen von Konsuln gestellt. Der Einwanderung wird dadurch in vielen Fällen, wo die Einwanderer sich aus eigener Kraft eine Existenz schaffen könnten, ein Riegel vorgeschoben. Die Erkenntnis, daß Einwanderung für die unerschlossenen Länder selbst eine Notwendigkeit ist, reift schon jetzt, in der Periode tiefsten wirtschaftlichen Niederganges, heran und kommt vielfach in den betreffenden Ländern selbst zum Ausdruck. Andererseits wird der Kampf nicht aufhören, der sich dagegen richtet, daß der Eintritt in ein Land verwehrt wird. Der Druck ungeheurer Not, Verfolgungen des Glaubens wegen, politische oder wirtschaftliche Zurücksetzungen von Minoritäten, die Trennung von Familienmitgliedern, der Drang, aus der Enge kleiner und unentwickelterer Staaten und Städte sich einen Weg zu weiteren Betätigungsfeldern zu erkämpfen, waren und sind unwiderstehliche Antriebe zur Auswanderung und zur Wiederauswanderung in den Fällen, wo unter dem Zwange der Verhältnisse eine Bückwanderung in die Heimatländer erfolgt war. Die Auswandererfürsorge ist gerade in Krisenzeiten, in Zeiten bitterer wirtschaftlicher und seelischer Not, von größter Bedeutung; sie trägt dazu bei, daß Menschen aus tiefster Not befreit werden, und die Verbindung von Völkern nicht aufhört. Diese Fürsorge ist nicht nur individuelle Hilfeleistung, sie ist praktisch und ideell auch innerlichst verknüpft mit dem Kampf für die Freiheit der Einwanderung. Wir haben in diesem Sinne im Einklang mit den Traditionen des Hilfsvereins, der den Kampf für Menschenrechte stets als Fundament seines Wirkens betrachtet hat, auch in unseren Korrespondenzblätlern über Auswanderungs- und Siedlungswesen die Tendenzen der Einwanderungspolitik der einzelnen Staaten beleuchtet. Wir stehen in enger Arbeitsverbindung mit der Gesellschaft Hias-Ica-Emigdirekt (Hicem), die sich um die Organisation und Förderung der Aus- und Einwandererfürsorge in europäischen und überseeischen Ländern sehr verdient macht. Wir beziehen uns in unseren Mitteilungen sehr oft auf Informationen der Konsulale in Berlin und Hamburg. Die bei den einzelnen Ländern angeführten Kurse sind Mittelkurse von der ersten Hälfte November 1932. Deutschland Die deutsche Oberseeauswanderung ist im Jahre 1931 stark herabgegangen. Sie hat 13 644 Personen umfaßt, während im Jahre 1930: 37 399 Personen, 1929: 48 734, 1928: 57 241 und 1927 61 379 ausgewandert sind. Die Fürsorgearbeit des Hilfsvereins Die Zentrale des HÜfsyereins in Berlin, seine Schutzkomitees in Hamburg und Bremen, Vertrauensleute an der Ost- und Westgrenze und Bahnhofsdienste in Berlin wie in Neu-Bentschcn an der polnischen Grenze nehmen den Fürsorgedienst wahr. Es handelt sich um die individuelle Beratung der Auswanderer, um Interventionen hei Behörden, Konsulaten und Schiffsgesellschaften, die Erledigung von Paß- und Visumangelegenheiten, Schutz und Fürsorge für Kranke und Beisende, die an der Fortsetzung ihrer Reise aus Deutschland verhindert sind und Betreuung von einzelnen Wanderern und Transporten an den angeführten Bahnhofsstellen auf ihrer Reise durch Deutschland. Der HUfsverein leiht finanzielle und organisatorische Mitwirkung, wenn Gemeinden und Wohlfahrtsorganisationen in Berlin und im Reiche sich an ihn wenden. Viich in einzelnen Fällen, wo es sich um Rückwanderung handelt, gewährt der Hilfsverein seine Mithilfe. Er unterstützt Organisationen für Wandererschutz an den Grenzstellen im Osten und Westen. Für ausländische Vereinigungen übernimmt der Hilfsverein Vermitllungsdienste, Recherchen und Interventionen in Deutschland, insbesondere um die Verbindung zwischen Verwandten wieder herzustellen. Er besorgt Paßverlängerungen bei den Vertretungen von China, Ägypten und Sowjetrußland in Deutschland, da diese Länder nicht überall konsularisch vertreten sind. So gibt es z. B. in Polen kein chinesisches und ägyptisches Konsulat und in Belgien keine Vertretung der Sowjetunion. Die Zusammenarbeit mit Emigrations- und Wohlfahrtsgesellschaften des Auslandes, die am Schluß des Korrespondenzblattes aufgeführt sind, gestaltet sich sehr fruchtbar. Durch die Emigrationsgesellschaft Hicem (Hias-Ica-Emigdirect) in Paris und die ihr affiliierten Komitees werden wertvolle Informationen erteilt. Unter Fürsorge des Hilfsvereins passierten im Jahre 1932: Berlin, Schlesischen Bahnhof, Auswanderersaal, den die Bahnhofsbehördc ihm zur Verfügung gestellt hat: /