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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-12-16 · N° 51. (16.12.1886) · p. Seite 410

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 51. (16.12.1886)
Date
1886-12-16
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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V- B4l0 Nur z w ei Mittel kenne ich, das von Herrn Rabbiner Di\ Caro angestrebte Ziel zu erreichen. Das erste besteht darin, die Begeisterun g für un sere altehrwürdigen Gebete durch Vermittlung des V e r st ä n d n i s 's e s derselben zu heben, und das zweite: über die in den Codices und den besseren neuern Religionsbüchern vorgeschriebenea Observanzen betreffend das Verhalten im Gotteshause während des Gottesdienstes, die Andacht beim Gebete u. s. w. in geeigneten Zeitabschnitten die Gemeinde öffentlich zu belehren.*) Immerhin gebührt Herrn Rabbiner Or. Caro für seine Anregung der aufrichtigste Dank aller Bessergesinnten, und ist jede Jcsinuation unlauterer Absichten, von welcher Seite sie auch ausgehen möge, als eine Verletzung die ihm schuldigen Ehrerbietung energisch zurückzuweisen. Nachschrift. Nachdem in Nr. 48 der anonyme „Realist" die eingehende Begründung seiner Thesen und Hypothesen schuldig geblieben — erfreuen uns in Nr. 49 die wohlgemeinten Worte des Herrn vr. I. Gold sch midi. Aber auch diese bedürfen eurer Berichtigung. Wenn hier behauptet wird, der berechtigte Vorrvurf des Herrn vr. Caro, „bei keiner andern Confcssion findet man durchschnitttlich so wenig Theiluahme, Andacht und Anstand beim Gottesdienste, als wie bei uns" sei übertrieben, so dürften ihn Erfahrungen, wie er sie vielleicht in seiner nächsten Umgebung gemacht, zu diesem Urtheile bestimmt haben. Hier zu Lande, wo die Bevölkerung vorwiegend katholisch ist, stellt sich jedoch das Verhältniß ganz anders. Ein befreundeter, katholischer Geistlicher versicherte nur auf eine diesbezügliche Anfrage, das; die Zahl der ^regelmäßigen Kirchenbefucher in unserm Orte 96—97 °/0 der zum Kirchenbesuch Verpflichteten betrage. Auf eine Antwort bei einem evangelischen Kirchenbeamten erfuhr ich weiter, daß auch hier der Prozentsatz 45—50 ^ausmache. Aber die Rechnung des Herrn Or. Goldschmidt beruht außerdem auf einer irrigen Voraussetzung. Da bei uns Juden Frauen und Jungfrauen religionsgesetzlich zum Synagogenbcsuche nicht verpflichtet sind, so bildeten 10 #/0 der Gesammtbevölkerung immerhin ein sehr klägliches Resultat und zwar nach folgender Berechnung: 100 Seelen repräsentiren durchschnittlich l5Familien. Rechnen wir in jeder Familie 2 zu Minjan fähige Mitglieder, so ergäbe dies die Gesammtzahl von 30 Minjanleuten oder 30 °/# der Gesammtbevölkerung. Würden hiervon nur 10 oder der dritte Theil erscheinen, so wäre diese Zahl zwar gleich 33 \ °j0 der Gesammtzahl, bliebe aber immer gegen die Evangelischen um 16 und gegen die Katholischen um 63—64 °/0 zurück. Herr Dr. Caro hat mit seiner Behauptung, daß bei uns die Theilnahme am schwächsten ist, vollständig Recht. Dagegen stimmen wir Herrn Dr. Goldschmidt bei, wenn er sagt: Nicht äußere Bildung, sondern innere oder Herzensbildung ist es, was die Gotteshäuser füllen kann. Und diese muß von Innen heraus gefördert werden. — Nicht Frack, Glacö und Cylinder machen den wahrhaft gebildeten Juden, sondern der Geist der Gottesfurcht, der in ihm wohnt, aber auch den äußern Menschen adelt. Die Religions-Schule muß den Grund legen und zwar — entgegen der Ansicht des hochverehrten Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt — nicht in das kranke, vielmehr in das noch kerngesunde, unverdorbene und von Sünden reine Kindesherz. Die Krankheit beginnt gewöhnlich erst mit dem Austritte aus der Religionsschule und mit dem Eintritte ins Leben. Und da hat der Seelenarzt, der Rabbiner, den Kranken zu „packen" und zwar von der Kanzel, nicht *) Das geschieht doch wohl von den meisten Rabbinern von Zeit zu Zeit; allein die Wirkung hält nicht lange an, darum ist eine gute Synagogenoednung geboten. Es ist ja auch nicht die llnkenntniß der betr. Bestimmungen, sondern die üble Angewohnheit des Sinngehenlassens, und die — man mag sagen was man will — durch unnöthige Wiederholungen der Gebete, Mi-schcberachs, sich über die Maßen lang hinziehcnde Thoravorlesung u. dergl. veranlaßte Andachtslosigkeit. (Red.) durch gemächliches Promeniren auf den breitgetretenen sogenannten looi communes — dieses Universalheilmittel gegen Langeweile übt keine Wirkung mehr — sondern durch eine kräftigere Arznei und sollte sie auch einen noch so btttern Nachgeschmack haben; auch ein Stich oder Schnitt ins faule Fleisch dürfte manchmal wohlthuend wirken. Wozu wäre auch sonst der Seelenarzt da? Nochmals „die jüdischen Separatgemeinden". Der Leitartikel in Nr. 45 dieses Jahrgangs, der unsere Separatgemeinden, diese eigcnthümliche Schöpfung unserer Zeit, zum Gegenstände seiner Besprechung erhob, hat das rabbinische Wort von dem „eine Spanne aufdecken und zwei Spannen verhüllen" entschieden berücksichtigt. Aber der Gefahr gegenüber, die die „frei-orthodoxe Vereinigung", wie sie gegenwärtig geplant wird, den israelitischen Gemeinden bereitet, erscheint es unabweisbar erforderlich, daß unsere Glaubensgenossen allen, welcher Richtung sie auch angehören, über diese Carricaturen von Gemeinden endlich einmal vollends die Augen geöffnet und die ganze Misere in das rechte Licht gestellt werde. Der erwähnte Artikel in Nr. 45 hat insbesondere die Genesis dieser Gemeinden einer Erörterung unterzogen und dargethan, wie verletzter Ehrgeiz, Eitelkeit, Rechthaberei sich ihre Väter nennen dürfen. Wir glauben aber auch nicht minder darauf Hinweisen zu sollen, daß ein nicht kleineres Contingent dieser Gemeinden in denselben nichts anderes als eine Assecuranz erblickt, eine Versicherungsanstalt für ein gutes Auskommen. Metzger, Restaurateure. Weinhändler, Bäcker, Händler mit Koscherwaaren sind es. aus denen sich, außer den mal-oontsrib8 und bereit Anhänge, die Separatgemeinden zusammensetzen. Da ist ein Restaurateur, der einst auf einem kleinen Platze in der Provinz eine Wirthschaft betrieb, den Bauern auch am „heil. Sabbath" seinen Schnaps einschenkte, und auch am Sabbath seinen -Obolus dafür entgegennahm, ja, noch manches Andere that, was mit den Grundsätzen der Orthodoxie nicht »n Einklänge steht. Doch das Gespenst des Banquerotts grinste trotz alledem ihm entgegen. Da — ein köstlicher Gedanke. Wie wär's, wenn wir es mit der Orthodoxie versuchten? Gedacht, gethan, überzeugt von der Wahrheit — der Orthodoxie? — nein, nur davon, daß sie zu einer guten Existenz verhelfen kann, flüchtet man unter die Fittige der nächstgelegenen Separatgemeinde und — ist geborgen. Freilich, in der früheren Heimath kann man sich, wenn auf diesen wunderbaren Gesinnungswechsel die Rede kommt, eines walitiösen Lächelns nicht erwehren, doch . . . honny soit qui mal y pense! Ja unser Herz trauert ob der Verwüstungen. die „die kleinen Füchse" im Weinberge des Herrn anrichten. Verstellung, Heuchelei, Scheinheiligkeit, das sind die Giftblumen, j die auf diesem Boden fröhlich gedeihen, die giftigen Früchte,! die da so üppig emporwuchern. Göttliche Religion! Wie j wirst du so tief herabgewürdigt von denen, die sich den An- - schein geben, dich in Erbpacht genommen zu haben, wie wirst du freventlich von ihnen in den schmachvollen Dienst der Selbstsucht und des Eigennutzes gestellt! Und das geschieht so offenkundig, so ungescheut vor aller Welt, daß man die Erklärung hierfür nur in dem alten Worte finden kann: mundus vult deoipi! Da ist ein Schochet, der sich der Auszeichnung erfreut, zu wiederholten Malen von angesehenen Rabbinern für „untauglich" erklärt worden zu sein. Doch das genirt große Geister nicht. Für die Separatgemeinde, in der er seine edle Wirksamkeit entfaltet, schächtet er noch immer gut genug. Freilich ist auch überdies seine Vergangenheit nicht dazu angethan, ihm besonderes Vertrauen in religiöser Beziehung entgegenzutragcn. Aber die Zugehörigkeit zu einer Separatgemeinde umgiebt allein schon alle ihre Mitglieder, auch die

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