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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-12-02 · N° 49. (2.12.1886) · p. Seite 394

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 49. (2.12.1886)
Date
1886-12-02
Page
Seite 394 (sequence 2)
Language
German
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Also der Vorwurf, daß unser Gottesdienst weniger „Theiluahme und Andacht" bei seinen Bekennern findet, als der anderer Confessionen, weise ich entschieden als unbegründet zurück. Daß aber mehr „Theiluahme und Andacht" bei allen Confessionen zu wünschen, sehr viel zu wünschen, übrig lassen, das soll nicht bestritten werden, und in dieser Hinsicht sind alle Anregungen und Vorschläge mit größtem Danke zu beachten, wenn ■-sie nur zweckentsprechend sind. Mit den Vorschlägen des Herrn Dr. Caro wird aber wenig zu bezwecken sein. „Es fehlt dem jüd. Gottesdienste an äußerlichen packenden Momenten" — sagt Herr Dr. C. Und ich sage: alle Jagd nach A e u ßerl ich k e i t e n kann unsere Misere nur verschlimmern, und nichts verbessern! „Der Gottesdienst muß lebensvoller gemacht werden" — darin sind wir einig, Herr Dr., aber wird er durch äußerlich packende Momente leb ens-voller? Das Leben fließt Physisch und psychisch aus dem Innern: innerlich packende Momente fehlen unserem Gottesdienste, nicht a n sich, sondern in Bezug auf das Publicum, welches gepackt werden soll. Für die früh er u Generationen hatte unser Gottesdienst sehr viele packende Momente, weil das Innere der frühern Generatioiien religiös lebensvoll war — wenn von Lebensfülle die Rede ist, kann sie überhaupt nur in den Personen und nicht in den Sachen und Veranstaltungen welcher Art imnler liegen. Was sollen uns daher die sachlichen Vorschläge des fraglichen Artikels nützen? „Gewissen Momenten muß dadurch eine höhere, stärker wirkende Weihe crtheilt werden, daß das geistliche Oberhaupt eingreift und sie trägt." Soll daran wirklich so viel liegen, ob gewisse Theile des Gottesdienstes vom Rabbiner oder'vom Canlor vorgetrageu werden? Und wenn die Wahl zwischen einem als Redner, Gelehrter und Mensch bedeutenden, aber als Sänger und darstellender Künstler unbeholfenen Rabbiner und einem tüchtigen geschickten Cantor vorliegt: sollte da wirklich die bloße Persönlichkeit des Rabbiners, „außerordentliche Eifolge erzwlen"? Wenn der Herr Dr. C. Recht hat, dann .... nun dann steht es mit unserem Gottesdienste nicht schlimm! Wenn der bloße Personenwechsel zwischen Cantor und Rabbiner, „die Risse des Gotteshauses" zu repariren vermöchte, dann wäre unser Klagen und Sorgen über den religiösen Niedergang in Israel arg übertrieben! Wie aber sollte die bloße Necltation einiger Gebetstücke mehr durch den Rabbiner von so weitgehendem Einflüsse sein? Dringt denn die Stimme des Rabbiners von der Synagoge bis zum.Comptoir, Börse, Prater, Thiergarten rc.? denn das ist, das ist das bedeutsamste und zugleich die Besserung verhindernde Symptom des religiösen Niedergangs, daß die sich gebildet dünkenden Herren der jüdischen Gesellschaft die Synagoge nicht besuchen: die Thei lnamlo stg - keil! Sollte denn wirklich die Recitation des Rabbiners mehr Anziehungskraft auf die religiös ilidifferenten Legionen ausüben, als der liebliche Gesang eines Cantors? Ich glaube das nicht; nur wo ein ungeschickter, langweiliger Cantor fungirt, kann das Eingreifen des Rabbiners manchen Schaden der cantoralen Unfähigkeit verhüten, wie ich das selber auch schon eine Reihe von Jahren zu erproben das .... Unglück hatte. Mit einem guten Cantor soll der Rabbiner sich m keine Concurrenz einlassen! Gebt dem Cantor, was des Cantors ist, und dem Rabbiner, was des Rabbiners ist! Wenn irgend, dann fürchtet bei solcher Cvucurrenz das „Du. sublime au ridicul 11 n’y qu’un pas“. Beweis: die pikantesten Speisen sättigen am schnellsten und werden am häufigsten und leichtesten zum Ekel, während man des Brodes nie überdrüssig wird. Ebenso geht es mit den pikantesten Melodien rc. Die Wtedcrbolnng des Identischen must, je öfter sie erfolgt, naturgemäß zuerst Gleichgiltigkeit, und endlich Ucberdrust erzeugen. Was aber nie mit klarem Berständnist und mit Innigkeit gebetet wurde, das — — kann zur Gewohnheit, aber nicht zum Ucberdrust werden, und das geheimnißvolle Element des Unvcrftandeneu wird dnrch Wiederholung nicht abgcfchwächt, sondern verstärkt. „Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie" — was man nie verstanden, das bleibt gewissermaßen ewig neu. Wer zweifelt daran, daß unsere Gebete ihre Constanz zum größten Theile ihrem Idiom verdanken? * Ich nannte die „Theilnahmlosigkeit" für unfern Gottesdienst oben das „bedeutsamste Symptom" des religiösen Niederganges, und schon im Eingänge dieses Artikels schrieb ich ihr „verhängnißvolle Bedeutung" zu. Ich will zum Schlüsse dies nun begründen. Die schlimmste Krankheit würde wohl eine Art „Arzt» oder Med icamenten-Scheu" sein. Wäre dies an sich auch ein gleichgiltiges Symptom, wofür die Krankheit viel tiefer läge: jedenfalls würde dies Symptom eine gründliche Kur unmöglich machen. Der Kranke muß den Arzt aufsuchen; sein Wille, gesund zu werden, muß der Arzt und die Apotheke unterstützen. — Eine solche Art „Arzt- und Medicamenten-Scheu" ist unser modernes Fernbleiben von der Synagoge: es ist nur Ein Symptom des Jndiffercntismns unter vielen; aber dies Symptom macht die Heilung unmöglich. Kämen die Leute in die Synagoge, der Rabbiner könnte sie „packen", wie Herr Dr. C. sagt, nicht durch Recitative, sondern durch Rede: wie aber sollen sie in der Synagoge gepackt werden, wenn sie gar nicht darin sind? — Der Wille des Kranken muß 2. den Arzt unterstützen: alle unsere Veranstaltungen sind aber durch den Jndifferentismus nur „äußerlich packende Momente", und darum können sie nicht Helsen. Wenn eine dem Geiste des Publicums zusagende Gestaltung des Gottesdienstes aus der Mitte des Publikums erstrebt, erkämpft würde, dann wäre Wirkung zu erhoffen; die sogen. Reformen gingen und gehen aber immer nur von Einzelnen. Rabbinern oder Vorstehern, für das Publikum aus. ohne des letzteren Theiluahme und Kampf dafür — darum sind es nur äußere Schönpflästercheu für tiefe innere Krankheiten, und was könnten die helfen? — Die Krankheit sitzt tief, im Innern; darum muß sie aus der Tiefe, dem Innern heraus, geheilt werden. Die Heilung muß also von da ausgehen, wo der Kranke zum Arzt kommt, wo das Publikum sich „packen" läßt. Das ist die —- Religions-Schule und nicht die Synagoge. — Begründet in der Schule tiefgehendes Interesse, und Ihr müßt bald den Grund zu — — neuen Synagogen legen, weil die alten Räume die Zahl der Beter nicht mehr fassen. DaS ist mein caeterum censeo! Dr. I. Goldschm id t. Abschließende Replik. Von Dr. I. Caro. Wie erwartet, haben meine Bemerkungen über die Mängel in unserem öffentlichen Gottesdienste die Gemüther Betheiligter und Unbetheiligter aufgeregt. Eine Unzahl von Zuschriften, von den liebenswürdigsten bis zu den unflätigsten, hat mir bewiesen, daß ich einen wunden Punkt berührt habe. Da ich aber bei der Seelsorge für einen sehr großen Rabbinatsbezirk und bei wöchentlich 20 Stunden Religionsunterricht nicht auf alle Bemerkungen und Einwände einzeln antworten kann, so gestattet mir der geehrte Herr Redacteur, dies hier generell zu thun. Ich bin weit entfernt davon, ein Feind der Cantoren zu sein. Ich liebe und achte die gebildeten, tüchtigen und bescheidenen Männer unter ihnen und betrachte sie als die würdigsten Mitarbeiter am Werke der Veredelung des Gottesdienstes. Das protzige, arrogante und je unwissender, desto anmaßlicher austretende Künstlerthum, das jeden Gottesdienst nur als Gelegenheit betrachtet, „sich hören zu lassen", das hasse ich und mit wir Tausende der Edelsten und Besten. Gerade die echten, für ihr Amt und für das Judenthum begeisterten Cantoren sollen den Rabbinern mit aller Kraft in den Bestrebungen, den Gottesdienst zu heben, zur Seite stehen, sollen darauf sinnen und berathen, wie die Funktionen zu vertheilen, wie die Andacht zu fördern, wie der Gleichgiltigkeit und der Unwätde zu steuern sei. Meine Vorschläge sind nicht darauf berechnet, dem Emen zu nehmen,

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