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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-11-11 · N° 46. (11.11.1886) · p. Seite 370

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 46. (11.11.1886)
Date
1886-11-11
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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Ist einmal der erste Schritt überwunden, so fallen alle anderen religiösen Scbranken und der Abtrünnige ist fertig. Tausende gehen auf diese Weise dem Judenthum verloren. — Viele versuchen es in neuerer Zeit zur vegetarischen Lebensweise zu greifen, aber diese stellt für's Erste noch keinen billigern Mittagstisch her, wenigstens nicht in den vegetarischen Speiseanstalten und ist auch nicht für Jeden durchführbar. Wer noch ein Herz für seinen leidenden Mitbruder hat, das für Religion erglüht, muß die Nothwendigkeit der Errichtung von jüdischen Volksküchen in Berlin erkennen. Die Mittel sind leicht zu beschaffen. Man berechne, wie viel jährlich an Almosen verlheilt wird, das höchstens zur Beschaffung eines theuern Mittagstisches dient. In der Differenz liegt das Mittel zur Stillung zehnfacher Roth. — Mein zweiter Vorschlag ist folgender: Die Reichshauptstadt ist das Mekka aller im Leben zu kurz gekommenen und aus der Jagd des Glückes begriffenen Personen. Tausende unserer Glaubensbrüder kommen durch's Jahr hierher und möchten gern etwas ergreifen und finden, aber wie sich orientiren? Haben ja selbst eingeborene Berliner beispielsweise keine Idee, was es hier an Stiftungs-Vereinen re. giebt. Wie viele Fremde mögen aus Unkenntniß, wohin sie sich im Anfänge zu wenden haben, verloren gehen, denen durch rechtzeitigen Nachweis vielleicht geholfen wäre! Die Noth überwindet die Bedenklichkeit der Besten; sie beschreiten den unter uns so sehr erleichterten Weg des Bettelns und der geistige und moralische Ruin einer sonst gut angelegten Natur ist besiegelt. Bestünde aber ein Informationsbureau, eigens für fremde Israeliten, das genau die Wünsche der Bittsteller prüft und Bedürftigen und Würdigen Erwerb oder Unterstützung Nachweise, so würde eine Wohlthat von unberechenbaren Folgen geübt werden. Die Gemeinde- und Armenbureau's können sich um die Fremden nicht kümmern. Auch ginge mein Vorschlag dahin, daß ohne Bestätigung eines solchen Bureaus überhaupt kein Almosen gereicht werden soll und daß dies sich überhaupt nach einem Punkt zur segensreichen Verwendung eoncetrire. Möge mein Vorschlag, resp. meine Vorschläge wohl in Erwägung gezogen werden! Es thut driugend noth eine soziale Reform, denn die Zeit wird immer ernster, darum'. Fort mit Almosen — übt praktische Wohlthätigkeit! Der Unterricht im Hebräisch-Lesen. Ein Beitrag zur „Methodik der jüd. Religionsfchnle". Von Js. Herzberg, Lehrer der hebr. Sprache an der Gemeindereligionsschule zu Jnowrazlaw. III. Nachdem wir uns im Vorhergehenden all die Schwierigkeiten vorgeführt haben, die uns auf unserem Wege zum vorgesteckten Ziele hemmend entgegentreten, wollen wir in Folgendem kurz darlegen, was wir thun können, diesen Schwierigkeiten, die sich eben nicht beseitigen lassen, erfolgreich entgegenzutrctcn, um unsere schwere Arbeit um Vieles zu erleichtern. Wir haben hier drei Hauptpunkte in's Auge zu fassen: 1. die Zeit, wann der Unterricht im Hebräisch-Lescn zu beginnen hat, 2. die Auswahl einer methodisch geordneten Fibel, 3. die Behandlung des Unterrichtsstoffes, die Lehrweise. — Die Zeit, wann der Unterricht im Hebräisch.Lesen zu beginnen hat. ist doch wohl unstreitig der Moment, da das Kind eine ziemliche Geläufigkeit im Deutsch-Lesen sich erworben hat. So sehr der Unterricht erschwert wird, wenn das Kind noch nicht deutsch lesen kann, so sehr wird der Unterricht im gewissem Maße erleichtert, wenn das Kind eine Lesefertigkeit im Deutschen sich angeeignet hat. Die Erfahrung spricht hierfür zu laut und deutlich. Wir müssen entschieden mit der unter ganz anderen religiösen und sozialen Zeitverhältnissen entstandenen Ansicht brechen, daß das Kind möglichst früh, vielleicht schon mit dem vollendeten 4. Lebensjahre, ohne Rücksicht auf seine Anlagen und Fähigkeiten, „oren" resp. „daw'nen" lernen muß, weil eben, wie schon hervorgehoben worden ist. die ganze Last der Arbeit allein auf den Schultern der Schule ruht, und diese ihre Zeit in fruchtbringenderer Weise zu vertheilen und zu verwerthen hat, als die ersten Elemente des Lesenlernens überhaupt einem Kinde beizubringen, dem jeglicher Begriff von Laut und Buchstabe noch fehlt. Die Arbeit würde in diesem Falle mindestens noch vervierfacht werden! Hat aber das Kind bereits die ersten Elemente des Lesenlernens in sich ausgenommen und verarbeitet, kennt eS Laut und Buchstaben, ist eS im Stande, Silben zu bilden, dann wird dem Lehrer seine Aufgabe um gar Vieles erleichtert. Er findet sofort beim ersten Beginne seines Unterrichts Anknüpfungspunkte, von welchen er ausgehen kann; er findet die Fähigkeit beim Kinde vor, lautiren, resp. buchstabiren zu können; es ist schon geübt in der Verbindung der verschiedenen Laute miteinander. Auf diesem Fundamente, das er nicht mehr selbst zu legen nöthig hat. und dessen Gründung viel Zeit, Mühe und Geduld erfordert! würde, kann er nun Weiler bauen, und somit schneller Resultate erzielen. — Die Auswahl einer methodisch geordneten Lesefibel, die in Wirklichkeit ein sicherer Wegweiser zum Ziele ist, bietet gegenwärtig mancherlei Schwierigkeiten, Auch die hebräischen Fibeln sind in neuerer Zeit wie Pilze aus der Erde hervorgeschossen. Wer eine neue Idee gefunden zu haben glaubt, fühlt sich berufen, einer neuen Fibel das Leben zu geben. Infolge dessen ist die Zahl solcher Lehrmittel schon zu einer verhältnißmäßig hohen Zahl herangewachsen. Es werden den Kindern in mancher Fibel oft Dinge zugemuthet, auf . die es erst eigentlich eingehen soll, wann die Fibel selbst für dasselbe schon längst ein überwundener Standpunkt geworden . ist. In der Fibel beispielsweise übersetzen zu wollen, ist . . entschieden zu verwerfen, weil das eben nicht der Endzweck s j der Fibel an sich ist. Die Hauptanforderungen, die wir an eine gute, brauch- "M bare Fibel zu stellen haben, sind: a) Sie habe einen guten, klaren und correcten Druck, Die einander so ähnlichen Buchstaben müssen vom Kinde | auf den ersten Blick von einander unterschieden werden können, aus diesem Gründe ist im ersten Theile, da wo es die Einprägung der Buchstabenzeichen gilt, ein größerer Druck besonders wünschenswerth. Die charakteristischen Grundzüge eines jedes Buchstaben seien besonders klar und W scharf ausgeprägt, damit das Kmd beispielsweise das D von dem D. das ) von dem 1. das *1 von dem "1 rc. leicht und schnell zu unterscheiden im Stande sei. b) Der Inhalt der Fibel sei völlig fehlerfrei, damit das Kind nicht irre geleitet werde und ein falsches Wortbild in sich aufnehme. Man unterschätze nicht die Wichtigkeit dieser beiden angeführten Punkte. Gerade diese beiden Anforderungen, obgleich sie nur auf das Ae ußere sich beziehen, sind es, denen so wenige Fibeln in genügendem Maße gerecht werden, und die, trotzdem sie auf der anderen Seite manche Vorzüge aufzuweisen haben, aus diesem Grunde viel an ihrem Werthe verlieren. Als m ustergiltig in dieser Hinsicht können wir z» unserer Freude die Rahmer'sche Fibel (I. Kaufmann) und in zweiter Reihe die Krinke'sche (Hannover) hinstellen. Der

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