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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-09-09 · N° 37. (9.9.1886) · p. Seite 305

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 37. (9.9.1886)
Date
1886-09-09
Page
Seite 305 (sequence 7)
Language
German
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K«s Höerfchkefien, 1. September. Der Borstand der jüdischen Gemeinde in Laurahütte-Siemianowitz widmet dem jüngst hier verstorbenen Pfarrer Hugo Stabil einen außerordentlich warmen Nachruf. Ein schönes Zeichen des hier waltenden Friedens zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen. Aeutra Am 6. September findet vor den Schranken des hiesigen Strafgerichtshofes die Hauptverhandlung gegen den Bankier Jussef Salama aus Alexandrien wegen Bigamie statt, zu welcher derselbe persönlich erscheint. Die Angelegenheit bietet sowohl für den Laien als auch für Fachleute großes Interesse. Jussef Salama, mosaischer Religion, der, nebenbei bemerkt, streng religiös ist, heirathete mit Wissen seiner legitimen Gattin, wie es die Bibel vorschreibt, die kinderlose Wittwe seines in Damarhur verstorbenen Bruders. Anfänglich schien die Sache in Ordnung zu sein; später überkam jedoch seine erste Gattin ernste Reue; sie bestritt auf Anrathen dortiger Advokaten die Legalität der zweiten Ehe und erstattete gegen ihren Gatten als angeblichen ungarischen Staatsbürger beim k. k. General-Consulate in Alexandrien die Strafanzeige wegen Bigamie. Der Prozeß bietet abgesehen von der Originalität des Thatbestandes, der Frage über die Competenz und die Strafbarkeit selbst, wegen der dabei handelnden Personen lebhaftes Interesse, denn die Privatklägerin wird der Landtags-Deputirte Advocat Karl Eötvös vertreten, während die Bertheidigung von vr. Armin Katlai geführt wird. Aaset. Da die hiesige Synagoge zu klein ist. hat der Stadtrath auf Ansuchen des Borstandes das schöne Meßhaus der Gemeinde für die hohen Festtage zur Abhaltung des Gottesdienstes bereitwilligst zur Berfügung gestellt. Aaris. Die Wittwe des Barons James Rothschild ist 83 Jahr alt. auf ihrem Schlosse zu Boulogne sur-Seine gestorben: sie war die Tochter des Barons Salomon, des Wiener Bankiers, und Enkelin von Meyer Anselm Rothschild aus Frankfurt, des ersten Bankiers dieses Namens, und hatte ihren 1868 verstorbenen Onkel James, den Begründer des Pariser Hauses, geheirathet. Bon einer unerschöpflichen Mildthätigkeit, begnügte sich die Baronin James nicht damit, den Unglücklichen zu helfen, sondern sie bewahrte auch dabei die Oberleitung der verschiedenen von ihr und ihrem Manne gegründeten und ausgestatteten Kranken- und Erziehungshäuser. Ianesvikke (Ohio). Die Pastoren der hies. Stadt hielten eine Versammlung ab, in der sie über die Sonntagsruhe beriethen und beschlossen, daß am Sonntag gar keine Arbeit verrichtet werden solle, nicht backen, kochen, fahren (weder auf Wagen, noch mit der Eisenbahn), nicht Stiefel putzen, Kleider reinigen, Postsachen abholen, Briefe öffnen u js. w. — Was wird der Herr Rabbinerseminar-Director Or. Wise in Cincinnati dazu sagen? Aus Jaffa wird dem Central-Comits der All. Jsr. über die Lage der Ackerbauschule berichtet: Im Juni wurden wir von einem furchtbar heißen Wind (dem Sirocco) heimgesucht. Bon morgens an war jede Arbeit unmöglich. Wir ließen sämmtliche Schüler zurückkehren. Die Luft war wie ein Glutmeer; man konnte kaum athmen und glaubte sich in einem Backofen. Man sah, wie von Minute zu Minute die Blätter vertrockneten, sich zusammenrollten und verdorrten. Das Obst der Bäume, (besonders die Orangen) trocknete und fiel in großer Menge ab. Im Innern unserer Gebäude, wo es gewöhnlich kühl ist, zeigte der Thermometer 43 °. Man versicherte uns, daß in einigen ganz ungeschützten Orten Jaffa's, die Temperatur bis an 60° stieg. Der Schaden, welchen dieser Sirocco dem Ackerbau verursachte, ist furchtbar. Der Sirocco pflegt sich zwar jedes Jahr einzustellen, aber im Frühjahr. Dieses Jahr wüthete er zur richtigen Sommerszeit, wo sich gerade die Orangen ausbildeten, und der Wein zu reifen begann. — Der vorjährigen fetten Ernte folgt die diesjährige magere. Der unabhängige Orden B’nai Berith. <Aus dem offiziellen Ordensorgan „Monorah“ übersetzt.l Der U. 0. B. B. hat jüngst 50 Jahre seines Bestehens vollendet. Er hat in dieser verhältnißmäßig kurzen Zeit den Grund zu einer Organisation gelegt, deren Macht für das Gute gewaltig und weitreichend geworden ist. Bon Ozean zu Ozean, von den kalten Strömen und Seen des Nordens, bis zu den balsamduftenden Gewässern des Golfs, sind seine Logen und Mitglieder fast in jedem Staate und Territorium zu finden. Ja. er ist über das Meer hinweggegangen und hat seine Filialen in der alten Welt ebenso errichtet, wie in der neuen. Sein Werk ist ein Werk der Humanität und Liebe geworden, welches sich nicht blos ausschließlich auf seine Brüder beschränkt , sondern sich überall hin verbreitet uird auch diejenigen anderer Klimate uinfaßt. Nicht vergeblich haben die Bewohner an den Ufern der Donau oder der Newa, an den Küsten des Mittelländischen Meeres und in den Ebenen Syriens an ihre amerikanischen Brüder appellirt. In den finstersten Tagen der Verfolgung, wenn andere ermatteten, haben sich die B. B. zu ihrer Hilfe zusammengethan, und ihnen beides gebracht, soivohl materielle, als auch moralische Unterstützung, um gegenwärtige Leiden zu lindern und Muth und Hoffnung eiuzuflößen für kommende. In seinem direkten und praktischen Wirken, seiner Fürsorge für die Bedürfnisse der Kranken, seiner Tröstung in den letzten Augenblicken der Sterbenden, bei der Bestattung der Verstorbenen, der Unterstützuug der Wittwen und Vaterlosen, der Gewährung von Schutz und Zuflucht an Alte und Schivache hat der Orden der B. B. bewiesen, daß er einen Anspruch hat auf einen hohen Rang unter den ersten philanthropischen Gesellschaften. An den Gestaden des Eric-Sees, an den Ufern des Hudson, an der Pacific - Küste und an dem großen Vater der Ströme hat er seine Waisen- und Pflege-Häuser und seine Versorgungsanstalteu für die Alten und Schwachen errichtet. Nicht hat er seine Wohlthaten beschränkt auf diejerügen seiner eigenen Brüderschaft, sondern in dem souveränen Rechte seiner Logen und dem freiwilligen Erbieten seiner Mitglieder hat er seine helfende Hand der allgemeinen Sache der Nächstenliebe und Aufklärung gereicht. Aber auch sein höheres Streben ist bei der Ausübung seiner mehr unmittelbaren und materiellen Obliegenheiten nicht vergessen tvorden. Die Pflege der intcllektllellen Fähigkeiten seiner Mitglieder hat von Anbeginn an eines seiner leitenden Ziele gebildet. Er hat reine und geläuterte Begriffe der Moral nnd der sittlichen Pflichten zu verbreiten gesucht, sowie diejenigen höheren Empfindungen, welche den Geist emancipiren und veredeln. Die Bibliotheken und littcrarischen Uebungen seiner Logen beiveisen seine Anstreitgungen in dieser Richtung. Die Geschichte des Ordens ist durch alle Wechselfälle trotz mancher Entmnthigungcn, trotz starker, durch allerlei Mißverständnisse erzeugter Vorurtheilc stetig und unerschütterlich fortgeschritteir in ihrer geistigen wie materiellen Macht. Wenn dieser Fortschritt auch zu Zeiten langsam erschien, wenn die äußeren und inneren Bethätigungcn auch nicht immer gleich waren den heißen Wünschen seiner ehrgeizigen Vorkämpfer, so ist er nichts destoweniger doch ein sicherer und fester gewesen, ist er doch in weit reichenden Kreisen für jene Zukunft gemacht worden, welche seine erhabenere Mission vollbringen soll. Die Aesthctik kommt nur mit der wahren Kultur, und wahre Kultur ist das Resultat jener natürlichen Empfindungen, ivclches die Erziehung der Seele bringt, wie Thau und Sonnenschein der Blume. Die Zeit ist nun gekontinen, wo der Orden sich deutlicher anssprechcn und seinen Einfluß für höhere Kultur wirksamer entfalten kann. Dieses Journal ist nun zu diesem Behitfe und in dieser Absicht gegründet worden. Als das offizielle Organ des II. 0. B. B. wird es nicht nur versuchen, die Bande der Brüderlichkeit unter seinen eigenen Mitgliedern enger zu ziehen, sondern durch Verbreitung seiner Prinzipien Andere einladen, sich an seinem Werke aufgeklärter Philanthropie und wahrer Kultur zu bctheiligen. Die Grenzen, welche die Brüder in Distrikte und Logen theilen, sind endlich gleich denen, tvclche die Staaten der Union trennen, nichts anderes, als künstliche, vorzugsiveise zu dem Zwecke einer besseren Leitung und Verwaltung errichtet. Es ist auch so mit denen, welche sich uns noch nicht angeschlossen haben und ostentativ fern bleiben. In Wirklichkeit sind alle Israeliten Brüder und bereit, sich zu sammeln bei dem Rufe der Gefahr zur Vertheidigung der alten Fahne, welche noch theurer gemacht wurde durch die Prüfungen und Drangsale, durch welche sie gehen mußte. „L’union fait la force“ — und diese Kraft und Macht, welche die Einigkeit giebt, hat den Orden befähigt, diejenigen Resultate zu erzielen, auf welche in dieser Stunde mit gerechtem Stolze hingewiescn ivcrden kann. Sein stetiger Fortschritt wird fortan davon abhängen, daß diese Einigkeit inuuer enger geknüpft werde drrrch das Band brüderlicher Liebe, durch die Reaüsirung seiner höheren Zwecke, und endlich dadurch, daß auch diejenigen in seine» Kreis gezogen werden, welche jetzt noch an der Schwelle stehen. (Schluß folgt.)

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