Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 33. (12.8.1886)
- Date
- 1886-08-12
- Page
- Seite 268 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 268 — Der erstaunte Vater des Elieser aber spricht: „Ich kam her, mein Sohn, in der Absicht, dich zu enterben, nun aber sollen deine Brüder enterbt werden und du der Besitzer meiner ganzen Habe werden rc.". — Klingt das Alles nicht wie ein wunderbares Räthscl! Warum mußte denn R. Elieser sein Vaterhaus, seine Brüder fliehen! Warum will ihn der Vater enterben! Und was mochte denn R. Elieser so Großes und Erhabenes vorgetragen haben, daß die größten Männer Jerusalems seinen Worten lauschten, daß Ben Saccai ihn geküßt, daß die Tradition seinen Vortrag als „Worte, die kein Ohr noch je vernommen", bezeichnet, daß der Vater, anstatt ihn zu enterben, ihn zum Universal-Erben seines Vermögens machte! Zum Glücke ist uns jener Vortrag R. Elieser nicht ganz verloren gegangen, ein Fragment desselben ist uns in Midrasch Rabba (1. B. M. Cap. 42) erhalten geblieben. Das Schriftwort (1. B. M. 42.1): „Und es geschah in den Tagen Amrafels, des Königs von Sinear rc. V2F$ führten sie Krieg rc.", zum Ausgangspunkt wählend, erklärte R. Elieser den Vers (Psalm 37. 14—15): „Das Schwert zücken die Ruchlosen, um niederzustoßen die Armen und Elenden, ihr Schwert dringe in ihr Herz" wie folgt: Hins 2“in „die Ruchlosen, die das Schwert zücken", darunter versteht man Amrafel und Genossen, — ‘raff? JVDKl „um niederzustoßen den Armen und Elenden", darunter wieder Lot und die Seinigen, — 22^72 8122 22211 „Ihr Schwert dringt in ihr eigenes Herz", bedeutet den Sieg Abrahams über den ruchlosen Feind". — Soweit der Vortrag R. Eliesers! Und das, fragen wir wieder erstaunt und verwundert, ist „Alles"! Darob soviel Begeisterung, soviel Anerkennung von Seiten eines R. Jochanan Ben Saccai und der drei größten Männer Jerusalems! Ist das nicht ein ganz einfacher, gewöhnlicher Derusch, wie wir ihn zu Hunderten und Tausenden in unserer Litteratur besitzen! Der Bortrag an sich ist allerdings etwas Einfaches und nichts Ungewöhnliches, aber die Tage in, und die Verhältnisse unter denen dieser Vortrag gehalten wurde, die Wirkung, die derselbe unter den gegebenen Verhältnissen nothweudig hcrvorbringeu mußte, verliehen den Worten R. Elicscr's eine ungewöhnliche, außerordentliche, namentlich in den Augen R. Jochanan ben Saccai's eine nicht zu würdigende Bedeutung. R. Jochanan ben Saccai stand bekanntlich an der Spitze der „Friedenspartci" und kämpfte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen die „Kaunaim", die Kriegspartei in Jerusalem. Wenn wir nun hören, daß R. Elieser ben Hyrkanos sich zu R. Jochanan ben Saccai geflüchtet, dann wissen wir auch, warum er sich mit seinen Brüdern entzweit, warum er das Vaterhaus geflohen, warum ihn der Vater enterben wollte. — Er, der Vater Elieser's. und seine übrigen Kinder waren Kannaim, „Zeloten" und gehörten zur. „Kricgspartei", R. Elieser allein gehörte zur „Friedenspartei". — Dieser Riß, diese Spaltung im Hause Hyrkano's zwang Elieser das Vaterhaus zu verlassen, sich vor seinen eigenen Brüdern zu flüchten, und er flüchtete nach Jerusalem zum Oberhaupt der Friedenspartei, zu R. Jochanan ben Saccai. — Die Worte: *wö2 rann am 2.22 «nn xin sollen uns symbolisch den Gegensatz zwischen Elieser und seinen Brüdern andeute». — Elieser stand höher, dachte edler, idealer, als seine einfachen, schlichten, von Haß und Grimm gegen Rom erfüllten Brüder.*) Was gab es aber damals im Lehrhause Ben Saccai's Wichtigeres, Heiligeres zu thun, als durch warme, begeisternde Worte, die Kriegspartei und ihr unheilvolles Treiben zu brandmarken, zu tabehi und der Verachtung aller Vernünftigen preis zu geben! Was Schöneres und Edleres als mit „Engels-Zungen" Frieden und Versöhnung zu predigen! Haben doch R. Jochanan ben Saccai, seine Freunde Ben Zizith Calba Sebua rc. die „Zeloten" himmel- *) ttHH bedeutet ja auch „sinnen", „denken". hoch aber immer vergeblich gebeten, nachzugeben und abzulassen von ihrem, die Nation in's Verderben stürzenden Treiben!**) Da trat mit einem Male in R. Elieser eilt neuer, begeisterter Apostel der „Friedenspartei" auf, ein Apostel, der aus innerer Ueberzeugung und Begeisterung sein Vaterhaus, seine Brüder, seine Habe verlassen, um im Sinne und Geiste des großen Lehrers Ben Saccai für die Friedenspartei zu wirken. Sollte ihn R. Jochanan nicht küssen! Jenes leuchtende „Dreigestirn" (Calba Sabua, Ben Zizith und Nikodemos Ben Gorion) am düsteren Himmel Jerusalems mit seinem Schimmer und Glanz ihn «licht auf seinein dornenvollen Wege begleiten! Und in der That. wenn wir jetzt u««d von diesem Gesichtspunkt aus die Rede Eliesers hören, dann müssen wir sagen, daß er einen glücklicheren Text für seinen Vortrag nicht wählen, und die Zuhörer eine gelungenere, schönere Deutung jenes Verses nicht «vünschen konnten. — Amrafel war nach der Deutung unserer Weisen derjenige, der den ersten Krieg geführt, also gleichsam der Erzvater der „Kriegspartei". (S. Tanchuma z. Stelle.) Und von ihm und allen die ihm folgen, sagt R. Elieser — „mn inna 22n, nur „Ruchlose" zücken das Schwert", wollen den Krieg, haben Freude ain Verderben, ain Unglück und Elend der Armen und Elcnde«i, — nur Ruchlose sind e«füllt von solchein Griinm und Haß. daß sie der Stimme des Friedens Herz und Ohr verschließen, und eher das Volk vernichten, Stadt und Teinpel in Schutt und Asche umwandeln. die Frauen zu Wittiven uud die Kinder zu Waisen werde«« lassen, bevor sie nachgeben, den Verhältnissen Rechnung tragen, und dem Frieden und der Bwsöhnung die Pforten ihres Herzens erschließen. „22*72 8122 2222" die Straie und Züchtigung aber für solch unfriedliches, unversöhnliches Treiben bleibt nicht aus, „das Schwert wendet sich gegen das eigene von Haß erfüllte Herz", und Thränen, heiße Thränen der Trauer, des Grarns und Kuminers, fließen nach' Jahrhunderten, nach Jahrtausenden noch, wenu jenes Herz längst zu schlagen aufgehört. Wie wahr und «reffend R. Elieser gesprochen, wie er Alles prophetisch vorausgesehen u««d vorausgesagt, belveist der neunte Ab, beweist der Chorban Jeruscholaim, „die Zerstörung Jerusaleins". — O. daß unsere Eiferer, Zeloten und Fanatiker, die die Flainmen des Hasses und der Zwietracht in den Gemeinden schüren, und College««, die nicht ganz ihrer Ansicht sind, verleumde,l, ihnen die Ehre abschneiden***), sie bis aufs Blut verfolgen (JP2K1 22 *7'2.2*7). die kurze, inhaltsreiche Predigt R. Eliesers beherzigten und von ihren« Z.erstörungswecke endlich abließen! Ein sechzigjähriges Rabbinerjubilänm. Sechzig Jahre einer gesegneten Wirksainkeit als Rabbiner, in einem Berufe, der wahrlich keine geringen Aufgaben seinen Vertretern stellt, das ist ein Ereigniß. «velches über den engen Kreis der Freunde und Vertrauten eines so hochbegnadeten Mannes freudige Thellnahme erweckt; ein solches Glück ist so selten, daß es gewiß in allen Kreisen, wo lebhaftes Gefühl für das Judenthum vorhanden ist,' die Gemüther erregt, daß die Freude der Familie und der Geineinde, derer« Zierde dieser Greis ist, in ganz Israel Wiederhall findet. Und vollends wird dieser Festtag ein allgemeines Interesse erwecken, wenn es dem Jutalar vergönnt «var, an einem Orte zu wirke««, «vo seiner Schaffensfreudigkeit, seinem Arbeitseifer ein «veiter Raum sich bot, «venn er durch eine reiche und erfolgreiche schriftstellerische Thätigkeit über die Grenze feiner Gemeinde hinaus dem Jndenthurn gedient hat. Solch ein Jubelfest feiert am 15. August d. I. der Obcrr ab bin er Kopenhagen 's, der Professor Alexan- **) Siehe Aboth de R. Nathan Absch. 6. ***) Wer denkt da nicht an den Fall G o l d s ch in i d t - Erfurt und „unfern Boulanger" in Posen? (Siehe: „Briefkasten der Red.")