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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-07-29 · N° 31. (29.7.1886) · p. Seite 252

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 31. (29.7.1886)
Date
1886-07-29
Page
Seite 252 (sequence 2)
Language
German
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— 252 - scheidungslehren des Juden« und Christenthums kennen lernen; aber reicht unser jetziger, Religionsunterricht hin, die jüdische Lehre und Geschichte kennen zu lernen und zu begreifen? Diese Basis muß doch zunächst in den jüdischen Geist und das jüdische Herz gelegt werden, um darauf weiter zu bauen. Die Unterscheidungslehren können auch erst in den Ober» klassen der höheren Schulen besprochen, hier aber an den Religionsunterricht, wie an die Bibclauslegung geknüpft werden. Dem Volke sollen die Unterscheidungslehren näher gelegt werden; sind denn aber unsere Religionslehrer in der Regel damit vertraut? Können diese eine Religions-Disputation mit^ gewappneten christlichen Geistlichen wagen? Hierfür wie für den Rcligionsun: erricht ine angegebenen Umfange ist eine theologische Bildung erforderlich, dafür reicht die seminaristische nicht aus. Keine Gemeinde kann daher des Rabbiners entbehren, unsere Religionslchrer müssen nach den Anforderungen, welche Gemeinden und Leben jetzt an sie stellen, auch rabbinisch d. h. theologisch gebildet sein. R.-A. Der religiöse Jndifferentismus unserer Zeit. Von vr. I. Goldschmidt-Wci Iburg. I. „Schon wieder dies abgedroschene Thema!" höre ich den geehrten Leser im Geiste sprechen. Nun ich könnte erwidern: so lange eine Krankheit nicht geheilt ist. so lange darf der Arzt nicht ermüden, über dieselbe nachzudenken und dem Kranken zuzurufen „Du bist krank, das und das fehlt Dir, die und die Heilmittel mußt Du gebrauchen!" Der geehrte Leser, fürchte ich, wird aber diese Vertheidigung nicht gelten lassen: „Ja wohl," wird er sagen, „wenn Du zu dem Kranken sprächest, wenn der Kranke Dich hörte, dann — nun dann wäre er kein Kranker. Eine Seite des religiösen Jndlfferentismus besteht ja darin, daß er nichts hören und nichts lesen mag, was mit Religion zusammenhäugt. Also wozu das ewige Raisonniren über den religiösen Jndlfferentismus, wenn, ähnlich wie irn Sarg-Räthsel: wer es liest der braucht es nicht, und wer es braucht der liest es nicht." — Nun lieber Leser, wir wollen sehen, ob ich nicht auch mit Dir ein Wörtchen über religiösen Jndifferentismus zu sprechen habe. Wir kommen wohl am besten ans Ziel, wenn rch Dir die Frage vorlege: Wer ist religiös indifferent? — „Wer? Welche Frage! Das große Publikum, das nicht in die Synagoge geht, leine Predigt hören will"-Halt! Und die Prediger aus der Kanzel? Und die Rabbiner? — „Wie könnten die indifferent sein? Nicht zu reden von dem transzendenten egoistischen Interesse für ihre Existenz, das gehört nicht hierher; nein, sie beseelt das lebhafteste immanente Interesse für die Sache selbst. Die warme Begeisterung, mit der sie den Hörer Hinreisen; die Unermüdlichkeit und Ausdauer, mit der sie sich der religiösen Jugenderziehung widmen — das ist nicht Schein, das ist echte Herzensregung." — Lieber Leser, daran zweifle ich nicht, Verdächtigung fremder Ueberzeugung ist ein Dolch, den Andere so viel gegen mich zücken: wie sollte tch nicht mich hüten, ihn gegen andere zu zücken? O ich weiß, wie das tyut! Und doch sage ich: der religiöse Jndifferentismus ist nicht blos im Kreise des sogen. Laienpublikums zu suchen, auch wir Rabbiner und Prediger sind nicht frei davon zu sprechen. Ich habe eine zu hohe Meinung von dem heiligen Berufe meines „Berufes", als daß ich es wagen sollte, für diese Behauptung erst meine verehrten Herrn College» um Entschuldigung bitten zu müssen, ehe ich dieselbe beweise. Jndifferentismus ist nichts. Positives, sondern nur bie negative Kehrseite von Interesse; zur Erkenntniß der verschiedenen Seiten des Jndifferentismus müffew also die verschiedenen Seitew des"- Interesses untersucht werden. Was „Jntreffe" in psychologischem Sinne ist, aus welchen psychischen Elementen es besteht, wie es begründet wird u. s. w., ist eine für die Lehrer und Führer des Judenthums höchst wichtige Frage, deren Lösung an der Hand exacter psychologischer Untersuchungen ich. so Gott will, ein späteres selbstständiges Essay zu widmen gedenke. Hier begnügeich mich mit der allgemein vorhandenen Vorstellung von „Interesse". Diese Vorstellung ist jedem Menschen, wenn auch nicht logisch und psychologisch klar und deutlich, so doch bekannt und kenntlich. Kein Mensch ist im Zweifel darüber, ob er für eine Sache „Interesse" hat oder nicht, und dieses allgemeine Bewußtsein von dem psychischen Gebilde: „Interesse" genügt uns. — Wir haben oben schon zwei Arten von Interesse kennen gelernt: 1. das immanente, oder das au der Sache selbst haftende, und 2. das transzendente, oder von andern Dingen sich herleitende, das Interesse für die Mittel um des Zweckes willen. — Diese Eintheiluug hat die Begründung des Interesses zum Eintheilungs-Grunde. Uns soll nur die erstere Art, das immanente, an der Sache selbst haftende Interesse hier beschäftigen, u. zwar die verschiedene Richtung, in welcher dieses Interesse aktiv fortwirkt. Solcher Richtungen giebt es auch zwei : 1. die extensive und 2. die intensive. — Exemplificiren wir ohne Umschweife mit dem religiösen Interesse, so kann dies in extensiver Richtung fortwirken, wie dies in den christlichen Missions-Gesellschaften reale Verkörperung angenommen hat. Dies ist das Interesse für die Ausbreitung der Religion. Es kann aber auch in intensiver Richung fortwirken, in der wissenschaftlichen Ge» staltung des Inhaltes der Religion, wie dies in der christlichen Theologie seine Gestalt gewonnen hat. Die extensive Fortwjrkung hat, genau genommen, auch zwei Seiten: die Extension in dem Leben der Gläubigen, und die Extension des Kreises der Gläubigen. Welche von diesen Fortwirkungen des Interesses zeigt sich nun im Judenthum? Das Missionswesen ist uns fremd, wir dürfen den Kreis der Bekenner des Judenthums nicht künstlich erweitern, was freilich nicht ausschließt, daß das Judenthum die Pflicht hat, die Erkenntniß Gottes im Geiste des Judenthums zu verbreiten. Daß das Judenthum sich mit der Erfüllung dieser Pflicht auf dem indirekten Wege seines allgemeinen Autheils an der Cultur der Menschheit begnügt, ist nur eine Concession an die staatliche Autorität der christlichen Confessiou. Bei vollständiger staatlicher Gleichstellung aller Bekenntnisse durfte das Juden-. thum wohl niemals die Anzahl seiner Bekenner durch Heranziehung aus anderen Kreisen vermehren, aber auf Läuterung der religiösen Ueberzcugungen nach seiner Auffassung hinwirken. Doch sv wie es jetzt steht, ist für das missionäre Interesse, wenn wir es so nennen dürfen, kein Boden im Judenthume: dagegen ist die andere Seite der extensiven Fortwirkung, nämlich in dem Leben und auf das Leben der Bekenner des Judenthums im Judenthume der Gegenwart nur zu sehr heimathsberechtigt, denn sie bedeutet nichts anderes als: Kampf gegen den religiösen Jndifferentismus. Nun aber die intensive Fortwirkung des religiösen Interesses, wie steht cs damit im Judenthum? -Wie steht, es mit einer Theologie, mit der Religions-Philosophie des Judenthums? Nun, die Blüthe der jüdischen Religionsphilosophie unserer Zeit ist-Herxhei mers Religi ousbuch! (Fortsetzung folgt). Das rituelle Schächten im Lichte der Wahrheit. Bon Bez.-Rabb. vr. L an ds b erg-Kaiserslautern. Nachdem in jüngster Zeit das oben bezeichnete Thema in den Verschiedenelt Versammlungen der süddeutschen Thier-

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