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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-07-01 · N° 27. (1.7.1886) · p. Seite 217

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 27. (1.7.1886)
Date
1886-07-01
Page
Seite 217 (sequence 7)
Language
German
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— 217 — ■bem einer Bescheinigung darüber, daß sie sich zur Ableistung ihrer Militärpflicht gestellt oder ihrer Militär- Pflicht endgiltig genügt haben. — Die Familie eines Juden, der sich der Erfüllung seiner Militärpflicht entzogen hat, verfällt einer Geldstrafe von 300 Rubel. Für Ergreifung eines. Juden, der sich der Erfüllung seiner Militärpflicht entzogen, wird ein Preis ausgcsetzt, dessen Höhe eine besondere Verfügung des Ministers des Innern für die diesjährige Einberufung auf fünzig Rubel festgesetzt". Hiermit werden die Juden allen möglichen Erpressungen noch mehr als bisher aussetzt. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Der deutsche Rabbinerverband zählt zur Zeit nahezu 90 Rabbiner; die Abhaltung eines Verbandstages in diesem Jahre hängt von der Anberaumung eines den meisten Mitgliedern gelegenen Ortes und Termines ab. Wayreuly, 26. Juni. Das hiesige Tagebl. schreibt: In der Synagoge fand gestern früh 11 Uhr ein sehr würdiger und erhebender Trauergottesdienst für Seine Majestät König Ludwig II. statt. Demselben wohnten bei eine Deputation des Offiziercorps der zwei hiesigen Regimenter, an deren Spitze zwei Stabsoffiziere, dann das kgl. Regierungskollegium fast vollzählig, die weltlichen Mitglieder des k. protestantischen Consistoriums, mehrere Vorstände und Mitglieder der hiesigen k. Aemter und Justizbehörden, die Collegien des Magistrats und der Gemeindebevollmächtigten. Nach Absingung einiger, auf die Trauerfeier passender Lieder und Psalmen hielt Herr Rabbiner Or. Kusnitzky die Trauerrede, in welcher er die hohen Regententugenden des verlebten Bayernfürsten, seinen Sinn für alles Ideale und Schöne, sein tolerantes, allen Bürgern und Confessionen Rechnung tragendes Regiment pries und den tragischen Tod des geliebten Königs als einen großen Verlust für Deutschland und Bayern beklagte. Die Rede* machte in ihrer classischen Form, durchweht von dem tiefsten Gefühle, den erhebendsten Eindruck auf die zahlreiche Trauerversammlung. Aus Kaiserslautern liegt uns bereits die anläßlich des Trauergottesdienstes am 22. d. Mts. in der dortigen Synagoge von Rabbiner Or. Landsberg gehaltene Trauerpredigt vor, welche an Jesaj.58,8 anknüpst,dem tiefempfundenen Schmerz in edler Sprache Ausdruck giebt und ganz besonders hervorhebt, wie sehr die Israeliten Ludwig II. zu besonderem Danke dafür verpflichtet seien, daß er dem anschwellenden Strome des Religionshasses durch einen das antisemitische Treiben verurtheilenden Befehl im Bayernlande nicht zum Ausbruch kommen ließ. Aranksurt a. M., 28. Juni. Die mit so großem Aufwande publicistischer Mittel inscenirte Vereinigung von Gemeindemitgliedern zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judenthums hat ihre erste Generalversammlung hier am 22. Juni abgehalten. Das vom Rabbiner Or. Hirsch entworfene Statut wurde einstimmig angenommen. In den aus sechs Mitgliedern bestehenden geschäftsführenden Ausschuß wurde der Rabbiner Or. Koref in Hanau (der einige Zeit das Breslauer Seminar besucht hatte) gewählt, und außerdem noch ein Vorstand von 18 Herren aus den verschiedensten Städten, denen ganz besonders die Propaganda obliegen soll, denn trotz aller Anstrengungen ist cs bisher nicht gelungen, der Vereinigung mehr als etwas über tausend Gemeindemitglieder aus ganz Deutschland, ja sogar darüber hinaus, zuzuführen, so daß das bisherige Resultat ein ziemlich klägliches zu nennen ist. Mien. Der Verein zur Errichtung von Volksküchen nach israelitischem Ritus in Wien, hat im abgelaufenen Jahre im Ganzen 596,698 Portionen verabreicht. Der Theresicn Kreuzer-Verein zur Unterstützung armer israelitischer Schulkinder, der isr. Frauenverein für Armenunterstützung und die isr. Kinderbewahranstalt daselbst berichten ebenfalls von guten Resultaten. In der letzteren betrug die durchschnittliche Frequenz 180—200, wovon etwa zw.'i Drittel an der Mittagskost theilnahmen. Mit der Bewahranstalt verbunden ist die erste Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen in Wien, welche von 28 Schülerinnen besucht ward, von denen 17 der jüd. Confession augchörten. Krakau. Die hiesige Gemeinde beschäftigt sich mit der Verbesserung des Religionsunterrichts an den Volksschulen. Das seit vielen Jahren eingeführte Religionsbuch wurde dem Rabbiner Or. Duschak zur Einsicht vorgelegt, allein derselbe wies die zahlreichen Jrrthümer und Verstöße darin nach. Nun handelte es sich um ein anderes Religionsbuch und Herr Or. D. empfahl die Bibel im Urtexte und legte einen diesbezüglichen Plan vor. Der Vorstand ist -— wie wir glauben mit Recht — damit nicht einverstanden. Die Zahl guter Religionsbücher ist eben nicht groß, und dann müßten sie erst in's Polnische übersetzt werden. Mittheilungen aus dem U. O. B. B. Magdeburg. Die „Mendelssohn-Loge" har am 20. Juni einen Ausflug nach dem nahcgelegcnen Bade Helmstedt gemacht. Dergleichen gemeinsame Spazierfahrten — mit den Familiengliedern sind als die Geselligkeit fördernd sehr zu empfehlen. — Die „Zionslöge" (Hannover) hat ebenfalls einen solchen Ausflug für den 27. projectirt. Beuthen» 20. Juni. Das Streben der meisten Menschen ist auf die Erwerbung materiellen d. h. sinnlich-wahrnehmbaren Besitzes gerichtet, sei es irdischer Glücksgüter zur Befriedigung leiblicher Bedürfnisse, sei cs von Ansehen. Ruhm. Einflus;, Gesundheit u. a. m., ivelche die Annebmlichkcit des alltäglichen Lebens zu erhöhen ^geeignet sind. Diese materielleir Besitzthümer sind ein Ausfluß der Selbstsucht, sie fröhnen den niederen Gelüsten des eigenen lieben Jchs Im Gegensatz hierzu steht der Idealismus, d. h. das Streben, eine wahrhaft schöne, erhabene, göttliche Idee (= Gedanke) zur Geltung zu bringen. Solche ideale oder geistige Güter giebt es in großer Zahl: Religion, Kunst und Wissenschaft, Vaterlandsliebe, Mannesehre, alle unter den Begriff der Tugend und Gesittnng fallenden herrlichen Eigenschaften, mit c i n e m Wort: die H u m a n i t ä t, das Rein- und Allgemein-Menschliche, das dem Menschen seine Würde und seinen Vorzug vor allen anderen Geschöpfen verleiht. Sic alle haben das Gemeinsame, daß sie einem selbstlosen Gedanken entspringen, daß zu ihrer vollen Erreichung die Hintansetzung materieller Besitzthümer erforderlich ist; deshalb verdienen sie mit Recht die Bezeichnung wahrhaft gut und schön, edel, erhaben, herrlich, göttlich. Die Weltgeschichte lehrt uns auf jedem ihrer Blätter, daß im Kampfe gegen den Materialismus noch immer die Idee den Sieg davon getragen. Sehr natürlich! Denn die materiellen Güter sind vergänglich; die Idee dagegen, wenngleich zeitweise nicht zum Ausdruck gelangend oder durch äußere Gewalt vorübergehend unterdrückt, ist an sich c>vig, sie kann vermöge der ihr innewohnenden Unsterblichkeit die höchsten irdischen Güter, selbst Gesundheit und Leben, in die Wagschale der Entscheidung werfen, sie vermag ihren Träger so sehr zur Begeisterung zu entflammen, daß er unter Anspannung aller.seiner physischen und geistigen Kräfte sein ganzes Ich für sie aufopsert. Wer würde um schnöden Besitzes willen ohne Aussicht auf eigene Rettung sich in's brennende Gebäude stürzen! Wie viele aber haben todesmuthig als Märtyrer ihrer Idee den Scheiterhaufen bestiegen, wie Biele für ihre Ehre, für ihr Vaterland sich willig dem Heldentode geweiht! Aus diesen Thatsachen erhellt, daß der Sieg einer Idee, das ideale Besitzthllin. an innerer Befriedigung und wahrer Glückseligkeit die Aunehmlichkeitcn der irdischen Glücksgüter doch überragen müsse. Wenn dennoch die Jagd nach den letzteren die bei Weitem häufigere ist, so erklärt sich dies nur daraus, daß theils das Vcrständniß für den beglückenden Werth der idealen Güter nicht genug verbreitet ist, theils so Mancher von beit Fesseln der Eigenliebe und Selbstsucht, die auf einen baldigen Genuß als Lohn ihrer Arbeit hindrängt, nicht leicht und von selbst sich zu befreien vermögen. — Darum gehört es zu den Allfgaben unseres Ordens, der die Förderung der höchsten Interessen der Menschheit sich zum Ziele gesetzt, das Verständnis; für unsere Ideale durch Selbsterkenntniß und Selbstläuterung zu wecken und stets wachzuerhalten. Je reiner und selbstloser diese Ideen in den einzelnen Arbeitsstätten zum Ausdruck gelangen, je tiefer unsere Gedanken in das Wesen und die Einrichtungen unseres Bruderbundes sich versenken, je häufiger und eifriger wir die reichlich sich bietende Gelegenheit zum Gedankenaustausch und zur lebendigen Bethätigung unserer heirlichcn Grundsätze erfassen, — desto mächtiger werden jene Ideale, d. h. desto mehr Gewalt gewinnen sie über unsere Eigenliebe, desto leichter wird es uns, ihnen zu Liebe Opfer an Gewohnheiten, an Zeit nnd Gut zu bringen, desto mehr erstarkt in uns der Wille, ihnen zu dienen, der feste und unbesiegbare Wille, der kein Hinderniß kennt, der Berge zu versetzen vermag, der schließlich an uns selbst zum tlnversiegbareu Quell wahren Glücks und Segens wird. Es bedarf wohl keiner Erörterting, daß bei diesem geistigen Streben die Sorge um unser materielles Wohl nicht außer Acht gelassen werden kann, denn mens sana in corpore sano: nur in einer wohlgepflegten, materiell nicht vernachlässigten Körperschaft kann ein. starker und gesunder Geist gedeihen.

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