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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-03-18 · N° 12. (18.3.1886) · p. Seite 92

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 12. (18.3.1886)
Date
1886-03-18
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
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— 92 — Ich kann Ihnen mein Befremden nicht verhehlen über die Möglichkeit der in Ihrem Orte stattgefundenen Schandthat. — Sie und die Ihnen untergeordnete Geistlichkeit, die in ihrem Religionsunterrichte doch den Zweck haben, die Kinder zu braven Christen zu erziehen und ihnen zu lehren, daß sie ihre Nebenmenschen lieben müssen wie sich selbst, Sie allein — und nicht der dortige Schulvorstand — sind es, die mit der Aufsicht und der Leitung der Schulen beauftragt sind und in deren Händen es daher liegt, aus den Kindern zu machen, was Sie wollen.— Ein großer Theil der Schuld von Allem fällt daher auf Sie. — Ich hoffe — und hiermit schließe ich — daß Sie und alle geistlichen Patres und Nonnen, die unter Ihrer Aufsicht stehen, in der Zukunft lehren, daß alle Menschen Kinder sind von einem Gotte; daß es Gott gleich ist, aus welche Weise er verehrt wird; daß kein Menschenkind das Recht hat, seine Art und Weise der Verehrung die einzig wahre zu nennen, und Andere wegen einer Abweichung von seiner Lehre zu verdammen; und endlich, daß Aller Gottesdienst aufgeschlossen liegt in den zwei Worten: „Liebet einander!" — Gegeben in meinem bischöflichen Palast, den 3. Februar, Festtag des heil. Blasius 1886. gez. G o d s ch a l k, Bischof von S'Bosch (Holland)". O, daß alle Geistlichen, die jüdischen wie die christlichen, von solchem Geiste beseelt wären und in diesem Geiste lehrten, sie bauten dann alle gemeinsam an dem großen Tempel der Humanität und trügen das Ihrige dazu bei, das Reich Gottes auf Erden herbeizusühren. Ein Postulat der Religionsschule an die Rabbinerseminare. Von Bezirksrabbiner Dr. Gvldschmid t-Weilbnrg. II. Wir haben bisher auf die eine Seite des Rabbinerberufs, auf die Stellung als Religions-Lehrer uns berufen. Das erschöpft aber die Begründung unserer Forderung von Seiten der besondern thatsächlichen Verhältnisse des Rabbiners noch nicht. Der Rabbiner soll nicht nur Religions-Lehrer, er soll auch, wo neben ihm noch ein oder mehrere Lehrer wirken, Schuldirector und unter Umständen Schulins^ector sein. Als solcher muß er, wenn sein diesbezüglicher Einfluß ein Segen und kein Fluch sein soll, an pädagogischen Fähigkeiten die ihm unterstellten Lehrer um Haupteslänge überragen. Sind diese Lehrer nicht seminaristisch gebildet, so ist diese Höhe leicht erreichbar; aber wenn die Lehrer seminaristische Bildung besitzen, seminaristische Bildung für den ganzen Umfang der bürgerlichen Elementarschule: wie dann? — Und weil der erstere Fall, die Function nicht seminaristisch gebildeter Lehrer, in unserer Religions- Schule so häufig ist: ist cs darum nicht doppelt nothwendig, daß die Rabbiner eine klare Einsicht in die Fragen der Pädagogik und die entsprechende Kunst des Unterrichtens besitzen? Nicht um so mehr Pflicht der Rabbiner-Seminare, diese Seite der Ausbildung lhrer Zöglinge nicht dem Zufalle zu überlassen? Doch verlassen wir das Gebiet des besondern praktischen Lebens und gehen wir zu den theoretischen und allgemeinen Gesichtspunkten über, so erhält unsere Forderung einen noch intensiveren Nachdruck. Die Pädagogik ist eine praktische Wissenschaft, eine angewandte Psychologie, oder nach andern, angewandte Anthropologie und Ethik. Ihr Wirkungskreis ist die Schule, die Schule aber ist eine Domaine des christlichen Staates. Wer in den Systemen und Werken der pädagogischen Klassiker heimisch ist, der weiß, daß alle ohne Ausnahme der christlichen Schule auf den Leib zugeschnitten sind, was uns bei dem Charakter der Pädagogik als angewandte Wissenschaft gar nicht Wunder nehmen kann. Da aber die jüdische Religionsschule in solcher Weise von aller Rücksicht seitens der Pädagogik als Wissenschaft ausgeschlossen ist, soexistirt bis heute für die jüdische Neligionsschule noch keine Pädagogik als Wissenschaft. Von wo sollte auch diese ausgehen? Vom christlichen Cultusministerium, zu dem der jüd. Cultus nicht gehört? Oder vom Ministerium des Innern, zu dessen Ressort er ja gehörte? Es fehlt uns vollständig noch an aller Grundlegung zur Pädagogik der isr. Religionsschule, an einer gründlichen Bearbeitung und Einigung über die für die Religionsschule maßgebenden Grundsätze, an einer principiellen Einigung über das Arbeitsgebiet, über die rationelle Theilung der Arbeit und systematisches Zusammenarbeiten der betheiligten Kreise. Hier liegen die Verhältnisse so, wie sie in jeder Wissenschaft lagen, ehe sie — eine Wissenschaft war. Jeder verfolgt da sein eigenes Ziel; haben zwei dasselbe Ziel im Auge, so wissen sie nichts von einander; wissen sie von einander, so verstehen sie sich nicht, weil einerlei Sprache für alle Mitarbeiter erst von der Wissenschaft geschaffen wird. Manche Probleme und Stichworte erfreuen sich vielseitiger Beliebtheit, ohne daß deren innere Wichtigkeit es rechtfertigt, anderes und zum größten Theil das Wichtigste wird vernachlässigt, die pädagogischen Reden auf Versammlungen und Conferenzen werden, wenn auch nicht zum Hause hinaus — denn leider Gottes, wer vom Publikum liest sie? — so doch nur für die Tribüne gehalten, für die das Höchste und Tiefste nicht populär und interessant genug ist. Es ist Alles äußerlich, vereinzelt, es fehlt noch die einheitliche Seele, die ihre Organe schafft, bewegt und einigt, wie dies in jeder Wissenschaft die sichersten Merkmale der Wissenschaft sind. In der Wissenschaft nehmen Personen und Vereine nur eine dienende Stellung ein, in der Pädagogik unserer Religionsschule sind die einzelnen Personen uub Vereine Alles, was freilich für diese kein Vorwurf, aber doch ein Beweis ist, daß uns hier noch die Majestät der Wissenschaft fehlt, deren Scepter ein einheitliches Band und Banner für alle ihr Ergebenen bildet. Es handelt sich hier nicht um neue Entdeckungen, sondern nur um wissenschaftliche Anwendung der allgemeinen und fixirten pädagogischen Principien auf ein Special-Gebiet. Aus die Mithilfe der Staatsbehörde können wir lange warten. Wir müssen uns selbst die fehlende Centralisation schaffen! Wie soll aber das Judenthum eine Centralisation schaffen, wo ihm keine staatliche Autorität zur Seite steht? Meine Antwort ist: durch pädagogische Lehrstühle an den Rabbiner - Seminaren, an den Hochschulen für jüdische Wissenschaft. Die Aufgabe des Lehrers der Pädagogik an diesen Hochschulen würde die fachwissenschaftlich: Bearbeitung des gesammten jüd. Religionsschnlwesens sein, sie würden all das zerstreute Material zu sammeln, zu sichten und zu ordnen, die Wege zu ebnen haben, auf denen das praktische Leben sich mit Sicherheit bewegen könnte; das pädagogische Interesse würde im Herzen der Hörer an Vielräumigkeit gewinne»!, und es »vürde in noch viel größerer Jntensivität, »vie jetzt, das Interesse für jüdische Wissenschaft ein bleibendes Band zwischen den abgehenden Zöglingen und der Schule sein, das unmittelbar zwischen allen Schülern der Schule sich schlingt, das pädagogische Interesse ein einheitliches Baud bilden, »veil das praktische Leben diesem Interesse die reichste Nahrung und Spannung bietet. — Darum muß in meiner Forderung beso»tderer Nachdruck darauf gelegt werden, daß spezielle Lehrstühle für Pädagogik geschaffen lverde»». Wie die Pädagogik als Wissenschaft sich überhaupt erst s e l b st ständig . machen und aufhören mußte, ein bloßes Pendant zu anderen Wissenschaften zu sein, so genügt auch hier nicht, daß bloß von dem einen oder dem andern Lehrer als Nebensache auch

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