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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-03-04 · N° 10. (4.3.1886) · p. Seite 76

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 10. (4.3.1886)
Date
1886-03-04
Page
Seite 76 (sequence 2)
Language
German
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0, wie viel Grund hatte Delitzsch, zu seufzen: „Was könnte ich über die Wirkung des Antisemitismus sagen und klagen, welcher die sittlichen Grundbegriffe auch in vielen christgläubigen Herzen verschüttet oder gar verkehrt hat!" (Schachmatt den Blutlügnern Rohling und Justus, S. 21.) Fördert nur, ungestüme Kritiker, so weiter das Vorurtheil gegen das jüdische Schriftthum — früher oder später ringt sich doch das Licht rechter Erkenntniß empor, und euer Thun ist gerichtet; beeinflußt nur so weiter die urtheilslose Menge und die unerfahrene Jugend — der Tag der Selbstbestrafung kommt, wo ihr die Geister, die ihr rieft, gern werdet los werden wollen, aber nicht werdet los werden können; wie ihr gesäet, so werdet ihr ernten. . . . Wir Juden aber denken trotz des Borwurfs der „Unverfrorenheit" nicht geringer von uns. Und wenn wir nicht geringer von uns denken, so dürfen wir uns dabei auf das Urtheil der besten Deutschen, der untadeligsten Christen stützen, so dürfen wir uns auf das Wort des. christlichen Heilandes berufen, der, von uns zwar nicht göttlich verehrt, jedoch — wie von Maimonides, Mendelssohn, Grütz und anderen Großen Israels — menschlich gewürdigt, uns unendlich höher steht, als selbst alle Professoren der christlichen Ethik: „Das Heil kommt von den Juden" (Joh. 4.22). Ohne Ueberhebung, vielmehr in demüthigem Danke für eine mit tausendjährigen Leiden nicht zu theuer bezahlte ideale Bevorzugung sagen wir mit Christus: „Das Heil kommt von den Juden", und mit Stolz erkennen wir an. daß dieses Heil das Gemeingut ungezählter Millionen geworden. (Nachdem, der Red. Wir können die „schärfere Tonart" unseres gesch. Collegen und Mitarbeiters vr. Krvner, in welcher derselbe Herrn Prof. Stade und seinen Gesinnungsgenossen manche überraschend neue Probleme zu lösen gicbt, nur beifallswerth finden. Ob den Herren die Lösung gelingen wird? Wir glauben cs nicht. Hoffentlich werden sie nachgerade für sich selbst beherzigen, daß „es noch nie Vortheil gebracht hat, Thatsachen zu leugnen, welche Jedermann zu konstatircn vermag". Wir meinen die Thatsachen, die Herr vr. Kroner, in Übereinstimmung mit hochbedeutenden christlichen Persönlichkeiten, resp. mit Christus selbst, so überaus lichtvoll vorgetragen hat. Fördert aber auch einerseits diese Beleuchtung die wissenschaftliche Wahrheit*), so beklagen wir mit unserm Collegen — der bekanntlich das Christenthum gegen namenchristliche Verächter desselben wiederholt in Wort und Schrift vertheidigt hat — andererseits recht tief, daß ein beträchtlicher Theil Christen durch die Folgerungen, zu denen die vorurtheilsselige Kritik und Geschichtsmacherei Anlaß geben, der Religion überhaupt entfremdet wird. Hinterdrein wundern sich die lammfrommen Herren über die erschreckend zunehmende Volksverwilderung.) Schluß-Bemerkungen zu Frankels Gutachten über das Touro-Denkmal. Unsere Leser haben das Gutachten des sel. Direktors Frankel, in welchem er sich gegen die Errichtung einer Statue, d. h. einer vollständigen, gegossenen oder gemeißelten, Lebensfigur des amerikanischen Philanthropen Juda To uro in New-Orleans durch die dortige jüdische Gemeinde ausgesprochen, in Nr. 4 und 5 uns. Bl. gelesen; ist daraus nun zu folgern, daß er auch den von den Koryphäen Deutschlands ausgegangenen Aufruf zur Errichtung eines „Mendelssohn-Denkmals" in Dessau perhorrescirt hätte? Orthodoxerseits *) Zu den in vor. Nr. vom gesch. Collegen zusammengesteüten Belegen dafür, daß die Bibel die Abneigung gegen die Polygamie dem Volksgemüth cingepflanzt habe, dürfte vielleicht noch die stelle Deuteron. 21, t5 hinzu zufügen fein: „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, die eine geliebt und die andere gehaßt rc." im Zusammenhang mit dem darauffolgenden Abschnitt (33.18): „Wenn Jemand einen widerspänstigen Sohn hat, der nicht hört weder auf die Stimme des Vaters noch die der Mutter rc." — Die Bibel will hier offenbar auf die schlimmen Folgen der Polygamie Hinweisen. Auf diesen Causalnexus weisen schon die alten Erklärer hin. Siehe Raschi z. St. V. 11. (Red.) bejah t man dies unbedingt und verargt es uns gar sehr, daß wir. als Frankels Schüler, jenen Aufruf mitunterschrieben haben und die Frage — wie wir glauben ganz im Sinne Frankels — verneinten. Ist es schon zu verwundern, daß jene Richtung, die Frankel bei Lebzeiten so viel zugesetzt, ihn wegen seiner Auffassung der Tradition verketzert und ihm noch Steine auf's frische Grab nachgeworfen hat. ihn jetzt als talmudische Autorität anerkennt — dasselbe Verfahren hat sie ja jüngst auch gegen Mendelssohn beobachtet, und wir erblicken darin einen wirklich erfreulichen Beweis von der Allgewalt des geschichtlichen Fortschritts — so ist es noch mehr zu verwundern, daß sie ganz und gar den von ihr so lang bekämpften prinzipiellen Unterschied vergißt, der sie doch noch von Frankel und seiner Schule scheidet und auf die es im vorliegenden Falle, wie bei allen balachischen Entscheidungen, so sehr ankommt. Er liegt in den bekannten zwei Worten Frankels, die vor 30 Jahren das Schibolet der religiösen Parteien im Judenthum bildeten: nST mXSlÖS „mit Einsicht und Verstand". — Frankel lernte mit „Einsicht und Verstand" und lehrte uns, alle Fragen mit Einsicht und Verstand zu prüfen, zu beurtheilen und zu entscheiden; mit Verstand den Ursachen und Gründen einer halachischen Bestimmung, einer religiösen Anordnung nachzugchen, sie historisch bis zur Quelle hinauf zu verfolgen, und dann mit Einsicht in die veränderte Sachlage zu prüfen, ob unter diesen Verhältnissen und Umständen diese oder jene Bestimmung noch Platz greift. Unsere Orthodoxen dagegen schlagen den Schulchan aruch auf, sehen die betreffende Stelle nach: Paragraph so und so da steht's geschrieben: ,,"V1DK „verboten", oder p«T13 pi „so ist's gebräuchlich" — das genügt, damit ist vie Sache abgethan, da ist nichts daran zu rütteln. Der Schulchan aruch ist ihnen einzige Quelle, sie verfolgen diese wohl abwärts durch alle Erläuterungen und Erweiterungen späterer Glossatoren, aber nicht aufwärts zur wirklichen Quelle; von den Fragen: woher und warum diese oder jene Bestimmung? ist sie ihrem Ursprünge, ihrer ersten Veranlassung nach mehr oder minder wichtig? ist sie nach ihrem Grunde auf die jetzigen Verhältnisse überhaupt oder auf den speciellen Fall noch anwendbar? wollen sie nichts hören. Sie betrachten die Bestimmungen des Schulchan aruch als „Chuckim", unverbrüchliche Satzungen, die wir auf Grund und Ursache zu prüfen kein Recht haben: das einmal niedergeschriebene Wort gilt, unsere Hände sind gebunden, HOL possuinus, wir können nicht anders. Darum ist ihnen wissenschaftliche, historische Forschung im Judenthum in der Seele zuwider, sie lassen wohl Geschichte auf dem Lehrplan figuriren, lesen auch Graetz, aber sie lassen sich von der Geschichte nicht beeinflussen, sie gehen jedem Forschen nach der geschichtlichen Entwickelung aus dem Wege, jenem unbefangenen Forschen, welches die Möglichkeit nicht ausschließt, daß die Entwickelung einmal auf Irrwege gerathen sei, oder Rückschritte gemacht haben könne; man soll gar nicht in die Versuchung kommen, die auf andern Gebieten menschlichen Wissens und Denkens übliche Methode eigener, logischhistorisch-kritischer Untersuchung auf Jüdisches, insbesondere auf halachische Bestimmungen, zu übertragen. Da muß — wie der Hauptführer dieser Schule jüngst ausführte — der menschliche Verstand sich der im Schulchan aruch enthaltenen Entscheidung blindlings unterordnen, sich ihr unter allen Umständen anbequemen. Ist das nicht das pure sacrifioio delT intelletto, wie es unjüdischer gar nicht gedacht werden kann. Anders Frankel! Feststehend auf dem Boden der schriftlichen und mündlichen Lehre, wollte er letztere doch nm ni2£91Ö3 mit besonnener Einsicht und mit tiefem Wissen erforscht und behandelt sehen. Jede Blindgläubigkeit, jedes jurare in verba magistri („Schwören auf die Worte des Meisters") kannte er nicht und forderte er auch nicht von uns. Wenn darum ein orthodoxes Blatt einen Leitartikel bringt mit der sensationell sein sollenden Ueberschrift:

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