Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 43 (1885) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
43 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585275--0468-9585276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jv° 43» Jüdisches 1885. Herausgegebcn von l>r. Rahmer in Magdeburg. Jur Unterhaltung n. Kelehrung für die israetitislhe Jugend. Jnterconfejsionell. Eine Erzählung aus halbvcrgangener Zeit. Bon vr. Ehrentheil. — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientisch: Das alte und neue Testament. — Pest. — New-Aork. — Borisaw. — Bilder ans dem jüdischen Familienleben. Von Albert Rosenbaum in Cassel. Die Hoffnung einer Mutter. — Näthscl - Aufgaben und Räthsel^Lösungen. Jnterconfesfionell. Eine Erzählung ans hakbvergangener Zeit. Bon Dr. Ehrentheil. V. Wie ein wohlbestallter türkischer Pascha in dem seiner Leitung überlassenen, vom Auge des Sultans ziemlich weit entfernten Distriete, so und nicht anders wirthschastete der in der guten alten Cultusgcmeinde R. B. seit einer Reihe von Jahren als Todtengräber, Leichcnhofwüchter, und Amtsdiener des jüdischen Kranken-Unterstützungs-Vereins und der Beerdigungsbrllderschaft angestellte Zalel Gräßay oben auf dem an der ziemlich steilen Berglehne gelegenen Mischen Friedhofe; ihm wars geradezu zur lieben Gewohnheit geworden, dem Willen des Chcwra-Vorstandcs seines eigentlichen unmittelbaren Borgesetztcn, so oft cs nur anging geradezu entgegen zu handeln und seinem eigenen souvcrainen Wille» stricte Folge zu geben; — wenn ihm dann manchmal seine in Ehren grau gewordene jungfräuliche Schwester, die ihm, seitdem er Wiltwer geworden, das kleine Hauswesen führte, ob seiner Widersetzlichkeit Vorwürfe machte, und ihm in ihrer bidcrbc» Weise zu verstehen gab, wie er doch nur ein Diener sei und zu gehorchen habe, sagte er mit grinsendem Hohnlachcn. „Was? ich? gehorchen? haha! ich wohne, wie Du siehst, auf dem Berge, bin daher der Höchste in der Gemeinde und kann daher auf die mir zu Füßen liegende Gemeinde oder Chewra herabsehen; — Hier auf meinem Gebiete bin ich souveraincr Herrscher — von den Allen, die da hier oben meiner Obhut anvertraut sind, widerspricht mir niemals auch nur Einer, und so habe ich mich daran gewöhnt, meinem eigenen Willen zu folgen, da ich ja höher stehe als alle hiesigen Juden" — „Aber Zalel! wie soll das ende», wenn Du immer unverträglicher wirst, und immer mehr Feinde und weniger Freunde in der Gemeinde bekömmst?" frug dann mit weinerlicher Stimme — dem Friedhof-Pascha fest in's vom Brandweingenussc jgeröthete Gesicht schauend, die alte Jungfer Schwester Milka genannt. „Es soll eben — antwortete Zalel — nicht enden, sondern immer fortdauern, soll nieine Herrschaft hier oben so lange ich Friedhofs- oder, wie man bei uns Juden sagt, „Bsß-Olamluft" athme, was mir, wie Du siehst, liebe Milka, sehr wohl bekömmt; oder meinst Du, Schwester mein, der fromme Herr Rabbiner unserer Gemeinde, der immer eine kleine Privatstraspredigt für mich hat, weil es mir Freude macht, den sogenannten „Gottesacker" als Hühnerhof zu benützen, würde es doch zuwege bringen, mich meines in der Gemeinde übel vermerkten, und vielfach besprochenen „Ungehorsames" wegen um „Amt und Brod" zu bringen? Hab' keine Angst, ich weiß der heilige Mann ist so wenig gefärbt, und so blaß auch sein Angesicht in Folge vielen Fastens sein mag, mir doch nicht grün — aber habe nur darum keine Angst, heutzutage lhut man eben in der Gemeinde am liebsten das Gegentheil von deni, was der Rabbiner will, daß man Ihn» möchte, die Gemeinde hält heutzutage denjenigen um so fester, den der Rabbiner aus der Gemeinde hinausbugsirt sehen möchte; — den Herrn Cultus-Vorsteber, den reichsten Mann der Gemeinde, den hat der heilige Herr Rabbiner schon ein wenig gegen den armen Leichenhoswächter gehetzt; der Herr Bankier Kalman, unser Vorsteher, der meinen höflichen Gruß immer ganz herablassend freundlich zu beantworten Pflegte, beantwortet seit kurzer Zeit meinen Gruß mit einem gewissen stimmlichen Etwas, das eher einem Grunzen als einem Gruße ähnlich klingt; daß dies Grunzen auf Rechnung meiner unschuldigen Hühner zu schreiben sei, fiel mir nicht ein, und diejenigen Thiere, die schon vom Hause aus bei Rabbiner und Cultusbehörden nicht gut angeschriebcn, die wären wohl mit dem famosen Grunzen meines Vorgesetzten am besten gekennzeichnet worden, aber die waren es ja nicht, denen ich auf meinem „heiligen Gebiete oben ein Asyl gegeben". „Leroaan haschem (Um Gottes Willen) — unterbrach jetzt die vor Schrecken kreidebleich gewordene Milka ihren in gehobenster Stimmung perorinden Bruder — sieh' nur durchs Fenster, da kömmt ja eben der Herr Vorsteher Kalmann über die Treppe herauf zu uns, — geschwind muß ich die Hühner einsperren und drinnen ein wenig rein machen, damit man die Spuren der Hühner nicht sehen soll". Zalel, der nun beim Nähcrkommen des Herrn Vorstehers ein klein wenig Angst bekommen haben mochte, griff, praktisch wie er immer war, nach der ihm zunächst auf dem blankgebohnten Tische stehenden Flasche, that noch gleichsam zur Stärkung einen tiefen Zug ans derselben und schob sie in das Tiefinnerste eines flemen Wandschränkchens, nicht ohne dabei die Worte „Vorsteher müssen nicht Alles sehen und nicht von Allem wissen" in den Bart zu brummen. — Eben war Herr Vorsteher Kalman in den Hausflur getreten, hatte die höfliche Begrüßung seitens des Leichenhofwächters und seiner Schwester entgegengenommen und durch die offen gebliebene Thür sah man ihn jetzt bereits zwischen den grünen Hügeln ans der stillen Schlummerstätte hin und her wandeln, nachdem er bei einem oder dem andern der Gräber mehr oder weniger lange verweilte; — endlich nach geraumer Zeit stand Herr Kalman wieder im Flur des Wächterhauses und hielt daselbst dMvor ihm in nichts weniger als demüthiger Haltung stehenden Leichenhofwächter Zalel Gräßay eine ernste Strafrede, aus der wir nur folgende Schlußworte mittheilen: „-weißt Du, Zalel, denn gar nichts davon, daß der Gottesacker allen Völkern der Erde, weß Glaubens sie auch, sein mögen, ein geheiligter Boden ist? Ich habe mich nun durch den Augenschein davon überzeugt, daß Du das uns Allen, nur Dir nicht heilige Schlummerfcld unserer Todten als Deinen Meierhof betrachtest und von Deinem Federvieh verunreinigen lassest — das kann nun nie und nimmermehr geduldet werden, wenn dieser Unfug trotz oftmaliger Abmahnungen des ehrwürdigen Herrn Rabbiners nicht aufhört, dann muß ich dafür sorgen, daß ein Anderer deinen Posten einnimmt und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.