Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 42 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1883. jr? 42 Jüdisches Heronsgegebcn vvn l)r. Rahmer in Magdeburg. Zur Wrrhultuns u. Kelehruns für die israelitische Jugend. Inhalt: Jiüercoiiseisivnctl. Eine Erzählung ans hatdvergmigcncr Zeit. Von Dr. Ehrenlheil. — Versöhnt. Dngtnal-Roman von Jda Barbe r. lForlschung.) - Allerlei für den Familtcntisch: Gut ab-,esnhrt. - Ein verschtasencr Bräutigam — Bcne,,znn eines gelausten Juden. — Tie Schwäche ln der Religion. — Ansrage. — Ten Brüdern in Ehristo. Rathscl - Ausgaben un Räthscl-Lösnngcn. — Inserate. Interkonfessionell. 2 Hin« Krzählung ans hakSvergangener Zeit. Von Dr. Ehrcnthell. (Fortsetzung) III.*) Annuska war wirklich, obwohl sie sonst einen kleinen „Plausch" mit einer Frau Nachbarin sehr liebte, schon um des Kindes willen, recht bald hcimgekchrt, doch welche Ueberraschung harrte ihrer daheim! in der großen Wohnstube fand sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen, den Herrn — Caplan-und, Wunder über Wunder, der stand vor dem als improvisirte Wiege dienendem Wäschkorbe, und blickte mit cincm Lächeln innerster Befriedigung auf das nun aufrecht im Korbe sitzende Kind; — schon wollte sie staunend an den geistlichen Herrn das Wort richten, und sich die Lösung dieses Rüthsels in der Umwandlung seiner Gesinnung dem Kinde gegenüber von ihm erbitten, als auch schon der Herr Caplan ihr zuvorkam, und mit einer gewissen fanatischen Begeisterung sprach: „Sich her Alte! was der heilige Geist vermag, sich Dir den kleinen Erdcnsohn jetzt an, köwml's Dir, wenn Du ihn genau betrachtest, nicht vor, als ob erst jetzt eine gewisse strahlende Schönheit über dies rosige Gcsichtchcn ausgcgossen worden sei? ja! Alte! so kann aber nur ein ehrlich getauftes katholisches Christenkind ausschen, und dazu habe ich im Namen Gottes und des heiligen Geistes das kleine Menschenkind dadurch werden lassen, daß ich es, während Deiner Abwesenheit, im Beisein des Kirchendieners und des alten Lehrers katholisch getauft." „Ale Böze dobre“ (du gütiger Gott!) schrie nun Annuska heftig erschrocken, was wird der hochwurdige Herr Pfarrer sagcnj der es ja so oft schon ausgesprochen, man solle doch jeden Menschen bei dem Glauben lassen, in dem er geboren worden — und was werden die armen Eltern dieses Kindes oben im Himmel dazu sagen, daß man aus ihrem gut jüdischen Kinde einen Christen gemacht? — „Was im Himmel?" seit wann kommen Juden in den Himmel?" schrie Pater Dominik, und seine Augen leuchteten wie fascinirend im fanatischen, religiösen Ucbereifer, — ich hatte, seitdem das Judcnkind in unser Haus kam — keine einzige ruhige Stunde, mir war's, als drängten mich alle Heiligen dazu, unser gut katholisches Pfarrhaus zu reinigen von der Schmach, ein jüdisches Waisenhaus geworden zu sein — nun ist's geschehen, mir ist so wonniglich wohl im Herzen, und in der Seele, mir sagt's der heilige Geist, ich habe ein gutes, frommes Werk gethan, mag mich der hochwurdige leider nur allzu nachsichtig und viel zu milde Herr Pfarrer auch tadeln, ich mußte so handeln, wie ich gehandelt". — Pater Dominik hatte laut, ja überlaut geredet, die arme Annuska hatte im Kampfe mit natürlicher *) In vor. Rr. hat der „Sctzcrkastengeist" manche Buchstabenvcrsctzung, bcfonders mit „n" und „in", vorgenoimncn, für „Masscncinauartirende" ist „Masseneinquarlirungen" zu lesen. Herzensgüte und religiöser Beschränktheit mit gesenktem Haupte zugehört, und Beide merkten nicht, daß im Hausstur der indcß heimgckehrte Herr Pfarrer schon seit einigen Minuten wortlos stand, und Alles in der Wohnstube Gesprochene gehört haben mußte; — jetzt war er aber endlich in die Stube getreten, und den Caplan mit einem ernsten strafenden Blicke anschauend, sprach er: „Möge Ihnen, junger Mann! es Gott verzeihen, was Sie im blinden Uebcreifer, Ihre Amtssphäre überschreitend, gethan; Ihnen den Standpunkt, hinsichtlich des Actes den Sie eigenmächtig vollzogen, vollends klar zu machen, finde ich jetzt Zeit und Ott nicht geeignet, seiner Zeit werde ich cs allerdings nicht unterlassen; Sie iheils durch mich selbst, theils aber auch durch Ihren höheren geistlichen Vorgesetzten darüber Aufklärung zu verschaffen, wie man Propaganda für das Christenthum macht, — Sic wissen, daß ich als Diener der christ-katholischen Lehre meinem heiligen Amte mit Leib und Seele ergeben bin, und als katholischer Verkündiger des Gotteswortcs meinem heiligen Glauben die weitmöglichste Verbreitung über die ganze Erde wünsche — doch auf die Weise, wie Sie in Ihrem blinden Ucbereifer dem Christenthum einen künftigen Bekenner zusllhren zu müssen glaubten, möchte ich um keinen Preis der Welt die Gemeinde unseres großen heiligen Lehrers vergrößern; — wohl muß und wird das von Ihnen christkatholisch getaufte Kind katholisch bleiben und durch meine Fürsorge katholische Erziehung genießen, daß jedoch Ihre That eine gottgefällige gewesen, wage ich stricte zu verneinen, mögen Sic, was Sie gethan, vor Gott und vor Ihrem Gewissen verantworten" — nach dieser ernsten in tiefster Bewegung gehaltenen Standrede, verließ der edle Priester die Wohnstube, den gesenkten Hauptes ihm gegenübcrstehenden Caplan, der nur mit Mühe seinen Aerger verbiß, in derselben zurücklassend. IV. Ueber die blutgetränkten Schlachtfelder des Jahres 1866 war längst wieder Pflug und Egge hinweggegangen, von den zahlreichen schlichten Holzkreuzlein, die die Schlummerstätten der tapferen Namenlosen bezeichneten, war längst keine Spur mehr zu finden, sie waren dem oft nur allzunüchtcrncn praktischen Sinne des Ackerbauers zum Opfer gefallen — nur die aus Stein gemeißelten, oder in Erz gegossenen, den gefallenen Führern von befreundeten treuen Kameraden oder von „trauernden Verwandten" gewidmeten Denkmäler sagten in ihrer stummen und doch so beredeten Sprache dem Vorübergehenden, daß vor Jahren zwei jetzt so enge verbündete mächtige Brudervölker hier miteinander im schweren, blutigen Kampfe lagen, und daß in diesem Kampfe gar manches edle Herz verblutet, gar manches junge, hoffnungsreiche Leben erloschen. „Ach! mußte cs denn sein?" fragt dann manch unschuldig, vom frostigen Hauche der Staaten lenkenden Politik noch unberührte, naive Menschenkind, und ein schwerer Seufzer drängt sich unwillkllhrlich aus der Brust der jungen Besucher des Schlachtfeldes empor, doch jetzt sendet vom wolkenlosen Himmel die