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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-17 · N° 51. (17.12.1885) · p. Seite 393

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 51. (17.12.1885)
Date
1885-12-17
Page
Seite 393 (sequence 7)
Language
German
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— 393 — jener Fanatiker, die bei Mendelssohns Lebzeiten auch seine deutsche Pentateuchübersctzuug in den Bann thaten, und Mendelssohn für „irreligiös" erklärten, weil er in der landesgesetzlichen Berordnung, jüd. Leichen erst nach 3 Tagen zu beerdigen, keine Verletzung eines Religionsgesetzcs fand, — Auf die geradezu lächerliche Beweisführung des „Israelit" kommen wir noch zurück, (Wir hatten gedacht, daß der Aufruf zur Errichtung eines Denkmals für den jüdischen Philosophen in seiner Geburtsstadt höchstens in antlscmitischen Blättern auf Widerstand stoßen würde. Wir cnnnern bei dieser Gelegenheit an das Herz-Denkmal in Erlangen, und das Spinoza's in Haag. Red.) Aercnt Als Ergänzung der Notiz in vor, Nr, über die Besetzung des hiesigen RabbinatS theile ich Ihnen mit, daß unser bisheriger Rabbiner Herr Or. Singer nach Marienburg zum Rabbiner berufen worden. Meiningen. Herr Landrabbiner Or. Dessauer läßt soeben eine Schrift erscheinen: „Moses Mendelssohn, Darstellung seines Lebens und Wirkens", Da das vom deutsch-isr, Gemeindcbnnd zur Jubelfeier veröffentlichte Schriftchen nur ein Abdruck der mit vielen Mängeln behafteten Biographie M's, von Ferdinand Schmidt ist, sei hier aus die von einem besonders befähigten jüdische» Schriftsteller hcrausgegebene Monographie aufmerksam gemacht, Stettin, 1l, Decbr, (Or.-Corr.) Der hiesige vor einigen Jahren von Herr» Cantor Sarasohn ins Leben gerufene „israelitische Knabcnverein" hat es sich auch in diesem Jahre nicht nehmen lassen, seine Chanukah-Feicr zu veranstalten. Am Sonntag den 6, fand solche statt und der recht zahlreiche Besuch gab Zeugniß davon, wie beliebt diese Feier geworden ist. Eröffnet wurde dieselbe mit dem Anzllndcn der Chanukah-Lichter und mit dem Absingen der Festhymne Moaus Zur nach der üblichen Bolksmelodie, Der Vorsitzende des Vereins, Primaner Samuel, hielt die Eröffnungsrede und nach ihm sprach Herr Rabbiner Or. Vogelstein über das Fest, Dann folgte der Prolog und hierauf der Einakter: „Onkel Moses", die jugentlichen Aufführer ernteten allgemeinen Beifall; ebenso die musikalischen Vorträge, welche die Pause bis zur Aufführung zweier Acte aus dem „Sommernachtstraum" ausfüllten. Doch war dieses Alles, obwohl mit größiein Beifall ausgenommen, nicht der eigentliche Zweck der Feier, dieser bestand vielmehr darin, 10 arme Kinder mit Anzügen (Paletots rc,) zu beschenken, Möge es dem Verein auch weiterhin gegeben sein, in gleichem Sinne zu wirken und zu schaffen, an Sympathien wird es ihm nicht fehlen, W. Mordöausen, 14. Decbr, (Or.-Corr.) Die Einweihungsfeier des hiesigen jüdischen Gemeindehauses, in dem sich auch die jüdische Religionsschule befindet, von der seiner Zeit in diesem Blatte berichtet wurde, fand nun mehr am letzten Chanukaabeud in einem Gcmeindefeste ihren Abschluß, Das Fest begann mit dem Entzünden der Chanukalampen durch Herrn Rabbiner Or, Gclbhaus, woraus unter Leitung des Cantors Herr» War e» h eim der Choral „Maos Zur" gesuilgen tvurde. Der Herr Rabbiner hielt hierauf unter Zugrundelegung des Psalmverses: „Kommt ihr Kinder, hört mir zu, Gottesfurcht will ich euch lehren, vor der versammelten Schuljugend und vielen Eltern eine begeisterte Festrede, Cautor W, erläuterte den Kindern die Sinnbilder der Chanukalichter. Herr I, Her man feierte die Munifizenz des Herrn Jacob Plaut, Hierauf folgten Vorträge und Kinderschmaus mit ansprechenden Toasten, Krier, 7, Dccember, Am verflossenen Samstag Abend hielt Herr Oberrabbiner Or, Zuckermandel im Talmud- Thora-Verein einen Vortrag über Lessing's „Nathan der Weise" vor einem zahlreich versammelten Publikum, Das Verfiändniß dieses herrlichen Drama's, sagte der Redner, bildet eine würdige Vorfeier zum 100 jährigen Todestage Moser Mendelssohns, dem der Dichter in Nathan dem Weisen ein Denkmal gesetzt hat, — Der Vortrag dauerte 1'/, «tunde und lohnte reicher Applaus den Vortragenden, — Der Prediger der hiesigen Separatgcmeinde geht nach der Schweiz und nimmt einen neuen Posten in der Gemeinde Baden an. Hoffen wir, daß mit seinem Fortgehen der Riß in der hiesigen Gemeinde allmählich wieder zuhcilc. Fricdenstiften ist und bleibt die höchste und schönste Aufgabe, die die jüd, Religiou ihren Bekennen, stellt, leider wird dies von gar Vielen vor lauter Frömmigkeit ganz übersehen; das sind keine gesctzestreucn Rabbiner, die Parteiung, Zwiespalt, Trennung auf ihre Fahne schreiben, denn das öberstcGesetz dcsJudenthums lautet: Frieden, Ei »heit! (Der Helle Jubel, in den die orthodoxen Blätter auSbrechen wenn in einer Gemeinde ein Minjan sich von der Stammgemeinde losreißt, um ein Separatgemeindchen zu bilde«, wie jüngst in Erfurt u»0 Gelsenkirchen, klingt wie ein teuflisches Hohngelüchter. Red.) Z'etersönrg, „Hameliz" Nr. 80 enthält einen pädagogischen Leitartikel, der sich namentlich über die Bernachlässigung der physischen Erziehung unter den Juden Rußlands und Polens verbreitet. Es wäre zu wünschen, daß die Auslassungen dieses Artikels nicht unbehcrzigt verhallen mögen. Leider ist es nur zu wahr, daß die körperliche Ausbildung unserer Jugend in Polen und Rußland in schrecklichster Weise vernachlässigt wird. Als ob nicht das Judenthum die Sorge für die leibliche Gesundheit so hoch stellt, daß es die heiligsten religiösen Vorschriften vor nipa ITSJ zurücktrcte» läßt! Der chassidijche Mysticismus hat leider das Judenthum in die ihm völlig fremde Richtung der Askese verführt, Amerika. Auf der Confercnz freisinniger amerikanischer, Rabbiner, die den 16. und 17. November in Pittsvurg abgehalten wurde, wurde der Antrag des Rabb. Or. L. Mayer die Wiederkehr des 100sten Todestages Moses Menvelsjoyns, von dem Aufklärung und Reform des Judenthums ausgegangen, auch in Amerika zu feiern, einstimmig angenommen, Mittheilungen aus dem V. O. B. B. Magdeburg. Die an dieser Stelle in vor. Nr wiedcrgegebcne Ansicht der gesch. Rcdaction der Zeit, d, Judenthums über das Wesen des II. 0, 8. B. trifft, wie bereits »»gedeutet, den Kern der Sache keineswegs und weil es uns nicht gleichgültig sein kann, wie der Nestor der jiid. Publicistik über diesen, eine große Zukunst vor sich habenden Orden denkt, darum scheint uns eine Erwiderung nothwendig. Es ist erstens nicht richtig, „daß dieser Orden nichts Anderes als Ivohlthätigc Werke jeder Art, gesellige Unterhaltung und Belehrung durch Vorträge und Bibliothek beabsichtige". Der Orden stellt vielmehr eine praktische Bethätigung des aus der jüd, Religion abstrahirtcn Iittlichkcitsgesetzes in seinem ganzen Umsange dar, er wirkt vermöge seiner vernunstgentäßen und somit einer fortschreitende» Verbesserung fähigen Einrichtungen läuternd und veredelnd aus Geist und Charakter der ihm Zugehörigen ein und lehrt durch das Vorbild der That nicht blos die drei in seinem Wahrspruch enthaltenen, sondern alle Tugenden, u. A, Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit, Hingebung und Treue, Bedachtsamkeit und Verschwiegenheit, Bescheidenheit und vor Allem Iebst bcw uß lsein. Ja, das letztgenannte, welches die richtige Schätzung des eigenen Werths uns verleiht, thut in jetziger Zeit unseren lieben Glaubensgenossen ganz besonders noth. Wir thcilcn daher keineswegs die Bedcukeu gegen den „immer noch gcheimnißvollen und leicht zu verdächtigenden Namen „Orden": denn unsere Ziele sind so tugendhaft und unsere Wege liegen so offen vor den Atigen der Staatsbehörden, denen wir jeden Augenblick Rechenschaft über all unser Thun und Lassen zu geben in der Lage sind, daß wir im Vertrauen aus ihre Begünstigung ivahrhast edler Bestrebungen, die Knechtsgcstalt abiverscnd, erhobenen Hauptes, im Lichte des Einig-Einzigen unseres geraden Weges dahinziehen, ohne nach rechts oder links zu blicken Der Ü. 0. B. B. ist eben keineswegs blos ein Verein und braucht kein Hehl daraus zu machen, daß er ein „Orden" (von orcko — Ordnung) ist, mit einer in jeder Beziehung ordnungsmäßigen Organisation und seinen Angehörigen tu allen Lagen des Lebens ein ordentliches Verhalten zur Bedingung macht. Was zweitens die Ceremonicn lind Fornialitätcn betrisst, so wird hierauf gerade nur soviel Werth gelegt, als nothivendig ist, unt die Einheit des vielverzwcigten Ganzen zu erhalten, Bapisnti sab, — Ob der 11, 0. B. B. „nichts Anderes, als eitle Erticucrung der uralten Chcbroth in Israel" sei, mag den Historiker iutercsjtren; uns >>t diese Frage recht glcichgiltig, denn — uni mit Urtel Acosta dem Ben Akiba zu amiuorten: — Hab' ich den Reiz der N e u h e i t denn begehrt?" Ostrowo. Der Freibrief zur Gründung einer Loge ist hier eingctrossen; die Jnstallatiotl ivird nächstens stattsinden.

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