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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-08 · N° 40-41. (8.10.1885) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 40-41. (8.10.1885)
Date
1885-10-08
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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188JL Anlage z. „Israelit. Wochenschrift." Briefe aus Ungarn. IV. Budapest, im September. (Ein antisemitijcher Journalkrach.) Einige Monate sind wieder verflossen, seitdem ich Ihnen zum letzten Mal ausführlicher von hier geschrieben. Seitdein ist wieder cm Sommer mehr in's Land gegangen, das politische Leben beginnt sich mit dem Hcrannahen der parlamentarischen Herbst- und Wintercampagne wieder auch hierorts zu regen, und zu einer solchen Zeit wird es nicht überflüssig sein, einen kleinen Rückblick auf all' dasjenige zu werfen, was — von öffentlichem Interesse — speziell für die jüdischen Leser des Auslandes in mcniem Vaterlande geschehen oder — nicht geschehen ist. Das; die sogenannte „antisemitische Reichstagspartei" — dieses Unicum i» allen europäischen Parlamenten — bezüglich ihrer so oft gcrii hinten und nrdi st orbi ausposaunten „festgefügten Zusammengehörigkeit" vor mehreren Monden schon iilzwischen ein schmähliches und klägliches Fiasco gemacht, haben Sie ja zwischen den kürzere» „vermischten" Nachrichteil Ihres Blattes längst selbst verzeichnet. Doch jedem Sehenden war dieser „Aiifang des Endes" sofort sichtbar. Wo Abhub sich mit Abhub verbindet, da kann es für die Dauer keinen festen Halt geben, „da giebt es keinen guten Klang" und bekaiintlich hört in Geldsachen nicht nur in Deutschland (vicks das traurige EndeRuppel's.die herzer- Michenden HülfSrufe Grouffillier'S und des „Reichsboten" re.) sonderii auch im gesegneten und ritterlichen Ungarlande auf. Run wollte aber das ebenso erbärmlich redigirte, wie armselig ausgestattele Hauptorgan der „antisemitischen Reichstagspartei" („Magyar Lap") trotz des Heidenlärms, mit dem cs Anfangs dieses Jahres von Stapel gelassen, finanziell durchaus nicht reufsiren. Was nützt es einem „politischen Tagcblatte" (das antisemitische Hetzblättchcn gab sich als solches aus), wenn es auf die Juden tagtäglich noch so weiter lvsschimpft und loSdonneri, was nützt es sogar, wenn cs sehr stark uiid gierig im Lande gelesen wird, ^wenn cs nicht ebensoviele Abonnenten hat. Unsere Antiscmiten-Häuptlinge kvnuten und mochten in sich mit einer Variation des bckaniiten kritischen Ausspruchs von Lessing so manchmal schmerzcrfüllt ausrusen: „Wir möchten weniger gelesen, doch mehr bezahlt sein". ES ist nämlich durchaus nicht so weit her mit der meistens von hier aus der Welt imnier und immer wieder aufgebllrdcten Fabel der ungarischen „Freigebigkeit". Unsere wackeren Antiscmilenanführer halten sich diesbezüglich in ihren eigenen Landsleuten wieder einmal gründlich getäuscht. Wo eS zum „Zahlen", also zum Abonniren und „sonstigen Unterstützen" eines publicistischen Organs (wir wollen das entschlafene Antisemitenblättchcn euphemistisch so nennen) kommt, da verschließt sich auch die ritterliche Faust des ungarischen „Gesinnungsgenossen" sehr gern. Die Folge war eine ganz merkwürdige; es entstand nämlich das eigcnthllmliche Resultat, daß mitten in einer Nation, der, sie möge sich dagegen verwahren, wie sie wollte, der Judenhaß, der Antisemitismus tiefer, wie vielleicht irgend einer in Europa (etwa die Russen und Rumänen ausgenommen) im Innern steckt, ein Blatt, das sich die Verbreitung dieses Haffes zum ersten Ziele auserkoren, nach einem ephemer» Bestände von kaum einigen Wochen, elend verkrachen mußte, verkrachen aus Mangel — nicht an Lesern, sondern — an Abonnenten und Inserenten (da sich doch letztere zumeist aus jüdischen Kreisen hier zu Lande rekrutiren, diese aber, — endlich! — genug Anstand hatten, mit ihren geschäftlichen Inseraten zurückzubleiben). Man muß nämlich wissen, daß in Ungarn antisemitische Druckwerke jeder Art bei Arm und Reich, in Dorf und Stadt heiß verschlungeu, aber wenig gekauft, resp. abonnirt werden. Das erklärt sich daraus, daß nicht nur unbedeutende Dorfgemeinden, sondern auch gar oft größere ungarische Orte mit mehreren Tausenden von Einwohnern sich damit begnügen, ein solches Hetzblatt in je einem, sage einenr Exemplare zu abonniren. Dieses liegt nun im „Casino" für Jedermann aus, es wandert Wochen lang von Hand zu Hand, Alt und Jung ergötzt sich an seinen wellbeglückenden Lehren, und als zerfetztes Wrack k,hrtdas„publicistische Organ", zumeist schon aus losen Fragmenten bestehend, auf den Lcsetisch des ehrcnwerthen Casinos vor Piripoes oder Szilas - Balhas zurück. (Auch in der Hauptstadt und anderen größeren Städten sind die antisemitischen Organe — „Fllggetlcntsg" re. — zumeist nur von — Kaffeehäusern abonnirt, also dieselbe Geschichte.) Wohl ist die ganze Einwohnerschaft von den giftigen Lehren dadurch ganz und gar durchtränkt, wohl nistet sich auf diesem Wege der Haß gegen die jüdischen Mitbürger noch iutensivcr ein (und leider für uns ungarische Juden ist ja das eben das Traurigste), doch finanziell ist diesem oder jenem Anlisemitcublattc blutwenig damit geholfen und die Leute wollen doch Geschäfte machen, da die'Kunst — hier der Berlüumdung und Verdrehung — auch hier »ach Brod geht. Hiervon könnte auch in seinen einsame» Stunden unser antiseuiitischer Hauptmatador, Herr von Jstvczy, ein trauriges Lied singen, und wären nicht die menschenfreundlichen Landpfarrer (besonders die katholischen, bei denen es ja, da sie nicht, wie ihre protestantischen Amtsbrllder, wenigstens nicht für ihre gesetzlichen Frauen und Nachkommen zu sorgen haben, auf einige Gulden mehr oder weniger nicht ankommt) und hin und wieder ein generöser VolkSschullchrcr, die das schwanke Schifflein seiner „12 röpirat“ (antisemitische Monotsblätter) über Wasser halten, auch diese Hetzschrift wäre scheu längst den Weg alles Irdischen gegangen. Der Krach war also unausbleiblich, ja, er war „schrecklicher", als sich die Hetzer gedacht hatten. Das antisemitische Organ schloß schon nach 6 Wochen mit einem Deficit von vielen tausend Gulden. Nun begann im Lager der Getreuen ein hochpossirliches „Sauve qui peut!“ Da waren bald die schnöden Phrasen des „unbeugsamen Selbstvertrauens", „unerschütterlichen Ausdauerns in der gerechten Sache", „granitfesten Zusammcnhalteus aller Gesinnungsgenossen in Freud und Leid", der „rührenden, nie erlahmenden Opferwilligkeit für das heilige Ziel" und wie diese billigen Betheuernngen alle heißen, vergessen upd eincallgemeine Panik bemächtigte sich des Häufleins der antisemitischen Redactiousmänner. Umsonst war der Appell an die Redactcure selbst, an das „opferwillige" Publikum, umsonst sogar die an Obscönitüt geradezu beispiellosen (HL. von der Polizei geduldeten!) riesigen Maucranschläge au sämmtlichen Hauptstraßen Budapest'S, auf denen zwei polnische Juden, fratzenhaft dargestellt und sich uuter dem Fußtritte eines magyarischen „Edelmannes" krümmend (!!) zu sehen waren (eine zarte Allegorie auf die Haltung dcS verendenden Blattes), welche zum letzten Male zu zahlreicherem Abonnement auffordcrten — ein würdiger Schwa nengesang! — keine ritterliche Hand öffnete sich zum Gabenausstreucn, Alles wich mit heiliger Scheu zurück. Im Gegentheil: Da regnete es bald von Vorwürfen der Hauptmatadoren gegen einander; Jstoczh warf Simvnyi, dieser dem biedern Szalay (jenem bekannten Vertheidiger der Privatansprüche der Wittwe Solomossy in Tisza-Eßlar!) „Fahnenflucht, Geiz, Compromittirung des heiligen Gedanken" u. s. w. öffentlich vor. Das Facit war und blieb der journalistische Krach — und zahlen, ja zahlen wollte kein Mensch. In Geldsachen hört eben die Gcmüthlichkeit sogar bei den — Antisemiten auf. Uermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Sonntag, den 27. September, fand die Einweihung der neucrbauten Halle der 3 Berliner Logen des iinmer mehr sich ausbreitenden, höchst segensreich wirkenden

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