Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-08 · N° 40-41. (8.10.1885) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 40-41. (8.10.1885)
Date
1885-10-08
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584959--5923-9584966
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 311 — i,1" "l „Hf«C m,t anberen m*5. > -L *n,«Bl4 bn **«£ S?? v ‘"«»«»Kfc jonnt in ' fffftif >R,a. i|t, die Z» to Rclilchodc , teil ch ist micr MUIig, iitbem Laut Grie- Z« der affelbe selber der Hirsch vollzog die Trauung. „Was — fügt der orthodoxe Redacteur der Pester Zeitung hinzu — sagt unser Trcfort hierzu? Hatte er in Prag etwas zu befehlen, da wurde er diese Ehe gewiß sogleich als ungültig erklären. — Ja, das wurde nicht nur der ungarische Cultusministcr, sondern auch der orthodoxe Rabbiner in Mainz, in Berlin, in Amsterdam thun, ja jeder Orthodoxe, der nur nach dem B u ch st a b e n des Schulchan aruch verfährt (Jore dea 268,12) — muß diesen Ucbcrtritt und diese Ehe für ungültig erklären. Mag das Pärchen nur nach Amsterdam übersicdcln wollen, da wird Herr Dünner ihm schon ein quos ego zurufen, und wenn die Wirthschafteriu daselbst sterben sollte, da wird Herr Dünner mit ihr nicht viel Wirthschast machen und einfach anordnen, daß sie auf christlichem Friedhof beerdigt werden müsse; erswpla sunt odiosa. Ja hoch über den orthodoxen Prager Obcrrabbiner stellt sich der Mainzer, und hoch über den Mainzer der Berliner und über diesen der Frankfurter, und höher über sie alle der — Amsterdamer. Inngbunzka« (Or.-Corr.) Freund Lewin aus Coblenz Iheilt in Nummer 35 der Wochenschrift interessante Details aus dem Vorleben eines Missionärs mit, die charakteristische Streiflichter auf dessen Wirksamkeit werfen. Doch ist dies von einem ehemaligen Handwcrksburschen, der nur als Missionär überhaupt eine Rolle spielt, nicht so sehr zu verwundern. Anders liegt die Sache, wenn ein Cvnvertit, der durch seine ccht-wisscusäiaftliche Thätigkeit und durch seine Stellung in der wahren Gclehrtcnwclt Achtung in jeder Hinsicht genießt, das Vcrhältniß zum Glauben, den er verlassen und zu dem neuen, den er gewiß nicht aus reinem Drange der Ucbcrzeuguug angenommen hat, wohl um die Stimme im eigenen Herzen zu überschreien, nicht nur an der Oeffentlichkeit, sondern auch im intimsten Familienverkehr ähnlich darstellt, wie Herr Missionar G., der doch wenigstens die Entschuldigung für sich hat, daß er von der Anschwärzung alles dessen, was den Seinen Iheucr war und ist, lebt. Nachstehendes, dessen Wahrheit ich verbürge, dürfte daher phychologisch interressanter sein. Einer der berühmtesten Rabbinen zu Anfang dieses Jahrhunderts, der zu den Ersteir zählte, die mit echtem gründlichen talmudischem Wissen seine weltmännische Manieren und gründliche moderne Bildung verband, der daher den Rabbinernamen für sich nicht mehr passend fand und ihn mit dem eines „Chacham" verwechselte (Jedermann weiß also, >ven ich meine) hat zwei Paare von Söhnen hinterlassen, zwei streng - orthodoxe und zwei — Convertiten. Feingebildete Männer, die es zu Ehren brachten, waren sie alle vier. Der älteste und der dritte wählten die academische Carriöre, und wenn Jacob B. auch nie Ordinarius wurde, weil er treu an seiner Väter Glauben hielt, so ist er doch in keiner Hinsicht weniger bedeutend als der jüngere gewesen, der den hindernden Ballast des Judenthums abstrcifte und schnell die wohlverdienten Ehrenstellen erlangte. Professor Jacob starb als Junggeselle, ebenso hinterließ der im Eisenbahnfach zu hohen Stellen emporgcstiegcne dritte Bruder (der ebenfalls den Glauben der Väter verlassen hatte) keine Kinder. Von den zwei überlebenden Söhnen des Chacham ist also der eine ord. Professor, der andere rechtgläubiger, hochgeachteter Kaufmann, der mit Recht stolz auf seine Abstammung seine hochbegabten Söhne zur Ehre seiner Familie und zur Ehre unseres Volkes erzog. Lange Jahre gab es zwischen diesen Brüdern keinen Verkehr, bis in dem Herzen des jüngeren, wie es die echt-jüdische Gesinnung mit sich bringt, die Versöhnung reifte und er, so oft er auf seinen Geschäftsreisen durch M., den Wohnsitz des Bruders kam, bei diesem einkchrte. Die christlidi'germanische Gesinnung war stets der Schmuck der Rede des älteren Bruders, und da sie nicht verletzend an gemeinsamen alten Erinnerungen rüttelte, blieb sie dem Bruder ein psychologisches Räthsel — bis es wieder zum Bruche kam durch eine allzuweitgehende christlich-germanische Aeußerung des semitischen Rabbinersohnes, die zu hart an alte Wunden rührte. Der älteste Sohn des Kaufmanns trägt natürlich alter Sitte gemäß, den Namen seines berühmten Großvaters, der einzige Enkel, der dessen Andenken mit vollem Namen in der Familie erhält. Der Professor war lange — lange nnverhciralhet, bei Convertiten keine Seltenheit, bis vor wenigen Jahren, eine alte germanisch-adelige Jungfrau, ich will sage» eine Jungfrau altgermanischen Adels sein Herz und seine Hand gewann. Als nach einem Jahre der Weg des Bruders wieder durch die Universitätsstadt führte, kehrte er wieder beim Professor ein und bei einem «armen jüdischen Kindesherzen, war es natürlich eine der ersten Fragen: „Ww heißt Dein Sohn?" Ich weiß nicht, ob der Idealist B. wirklich glaubte, ein christlich-germanischer Professor könne sein Kind „Isaak" taufe»; er war bei der Antwort „Ulrich" stutzig und fragte naiv: „Nach wem?" Die Antwort riß von neuem das künstlich geflickte Band zwischen dem orthodoxjüdischen und dem christlich-germanischen Bruder, denn sic lautete: „Nack) Ulrich von Hutten, denn ich hoffe, mein Sohn soll ein Kämpe werden für seinen Stamm (so.: den germanischen) und seinen Glauben (so.: den evangelischen)." Wie ein Blitzstrahl traf diese Antwort, denn der gute Mann hatte geglaubt, mit Erinnerungen aus dem Vaierhause, wer weiß welche Wirkung gemacht zu haben. Aber seine Antwort war eine jedes Falls treffliche, als er sich für immer verabschiedend dem Professor sagte: „Nun dann wünsche ich vom Herzen, daß die Pläne und Hoffnungen, die D u an dieser Wiege hegst, nicht denselben Weg gehen, wie die Bilder der Zukunft, die sich Dein Vater an der Deinen ausmaltc." Spruchs und ward i:icht mehr gesehen. — A. Kisch. Frankreich. Saris. Aus dem Kampfe gegen den Radikalismus, den Archiv, isr. wacker führt, ertönen oft Schläge, welche richtig treffende Granaten anzeigen. Im Folgenden sehen wir einen der logisch scharfen, zur Abwehr und Angriff gleicherweise geeigneten Sätze. „Ist es unter der Herrschaft der möglichst demokratischen Verfassung erlaubt, Katholik, Protestant, Jude, Muhammedaner zu sein? Wenn die radikalste Demokratie keinem Bürger das Recht aberkennt, eine Religion zu bekennen, kann sie ihm verbieten, sie zu bethätigcn, wie es ihm recht scheint? Wenn Jeder nach seinem Geschmacke thun, beten, leben und sterben darf, wie er will — freilich ohne daß er Andere hindert, dies nach ihrer Fayv» zu thun — in den von Gesetz der öffentlichen Schicklick)keit, der gegenseitigen Unabhängigkeit gezogenen Grenzen. Warum sollten dieselben Glaubensgenossen, welche sich an besonderen Orten trennen, um nach ihrer Weise zu beten, sollten sie nicht auch das Recht haben, mit einander im Tode so vereint zu bleiben, wie sie es im Leben waren?" — „Die Toleranz . . . ist ja das Jedem unentreißbare Recht, iin Leben zu thun und im Tode zu ruh'n, wie sein Gewissen es ihm vorschreibt." — „Der Radikalismus — und das ist seine Achillesferse — verlangt mit Wucht die Freiheit für jeden Glauben, aber unter der Bedingung, daß jeder nur allein in den Grenzen belhätigt wird, welche der Radikalismus sich erkühnt ihnen zu ziehen: darüber hinaus ist Alles Aberglaube! Giebt es etwas Unsinnigeres in der Welt, als alle Aeußerungen des menschlichen Denkens, alle GcwissenScrregungen, alle Regeln der Verwaltung in einer einzigen Form zusammenzupressen? Die radikale Kirche lehrt: Außerhalb meiner Lehren giebt es kein Heil!" — Saris. Der konservative „L'Univers Jsraclite" vom 16. September bringt einen Leitartikel: die Reform des Kol- Nidre, in welchem der der „Wochenschrift" s. Z. beigelcgte, sowie der von vr. Hochstädter vorgeschlagene Kol-Nidrc-Tcxt zur Besprechung kommt. Es wird darin zugegeben, daß das Bedeutendste am Kol-Nidre seine — wunderbar ergreifende Melodie ist. Dennoch ist der Verf. inconsequent genug, zu befürchten, daß auch der alte Text den Israeliten an's Herz gewachsen sei. Wie wenig Kenntniß der wirklichen Verhältnisse verrälh dies! kFortsetznng in der Beilage.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.