Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 37. (9.9.1885)
- Date
- 1885-09-09
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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So hoch der Jugcndunterricht wie für das Culturlcben überhaupt, so für eine Religionsgemeinschaft in der Religion auch anzuschlagcn ist, so kann er doch zur Heilung schon vorhandener Schäden nicht als ausreichend betrachtet werden. Wenn in einer Gemeinschaft die Religiosität und religiöse Anschauung, das religiöse Lebe» sich im gesunden Zustande befindet, dann ist der Unterricht in Religion die normale Ernährung in der Gemeinschaft und als die natürliche Pflege des Geistigen die Hauptsache, die ihren Zweck nicht verfehlen kann. Ein Anderes dagegen ist cs, wenn die Religion in einem Zustande sich befindet, bei dem der Verfall unaufhaltsam weiter foitschreitct, wenn das Uebel selbst nicht beachtet wird, weil es nicht erkannt wird. Was vermag da die Schule, wenn auch die besten Lehrer den Unterricht ertheilen? Das Uebel, woran das Judenthum leidet und das in den Gemeinden seinen Verfall immer mehr hcrbciführt, ist nun zwar Herrn Klingcnstciu nicht entgangen, aber doch nur nebenbei berührt worden, so das; er nur von der Schwierigkeit sprach, die es dem Religionsunterricht enlgcgenstellt und nur darauf emging, diese zu überwinden, was er selbst kaum als gelungen anschcn wird. Ich incine den Gegensatz der fanatische» Stabilität und der indifferenten Zlrivokität. Wer das religiöse Verhalten in größeren und selbst auch in kleineren Gemeinden, in den grotzcn Städten und in seinen ursprünglichen Keimen selbst in den Dörfern beobachtet, und mit einem warmen Interesse für das Judenthum beobachtet, wird das Vorhandensein dieser beiden Uebelstände nicht in Abrede stellen und ebensowenig, daß beide wechselseitig sich särderir. Die eine, die fanatische Stabilität, gilt vermeintlich als ein Schutzmittel gegen die indifferente Frivolität, während in Wahrheit letztere gerade ein psychologisch leicht erklärliches Erzeugniß derselben ist. Was könnte bei dem redlich denkenden und wahrheitsliebenden Menschen auch mehr gegen eine Religion cinnchmen als der lieblose Fanatismus? In dem Vorhandensein dieser beiden Extreme liegt die große Gefahr für das Judenthunr, denn eine Vermittelung beider ist nicht möglich und wenn cs auch Viele giebt, die zu keiner von Beiden gehören, so wird deren Zahl immer kleiner werden und auch ihre Religiosität immer schwächer. Daß von beiden Seiten der Abfall und Uebertritt zur herrschenden Kirche gefördert wird, soll gar nicht weiter berührt werden. Herr Klingenstein meint in seinen sonst trefflichen und gründlichen Ausführungen, daß der Lehrer sich um die verschiedenen Richtungen weiter nicht zu kümmern und auf etwaige Fragen der Schüler, wenn Haus und Schule sich widersprechen, nicht cinzulassen habe. Von einem so tüchtigen Schulmanne, wie Herr Klingenstein, muß diese Meinung sehr befremden. Kleinen Kindern kann man wohl schweigen gebieten, erwachsenen Schülern aber muß der Lehrer Rede stehen und ihrem Gewissen eine Stütze bieten. Aber selbst wenn es dem Lehrer gelingt, die Zweifel der Schüler zu beschwichtigen, so werden diese doch nur momentan schweigen, aber immer mehr und mehr von ihrem Zweifel nach der eine» oder anderen extremen Richtung gedrängt werden. Was uns Roth tHut ist: Aeseitigung des Ztebeks. Das vermag die Schule schon deshalb nicht, weil ja der Gegensatz in dieser selbst schon recht scharf hervortritt und auch die Lehrer in zwei Lager gespalten hat. Nein! die Schule vermag viel, sehr, sehr viel, aber sie kann die Krankheit, an der das heutige Judenthum leidet, nicht heilen und wenn alle Seminarien mit den tüchtigsten Pädagogen versehen, für alle Schulen die vortresflichsten Pläne entworfen und die vorzüglichst pädagogisch gebildeten Lehrer ausgesucht werden. Das Uebel würde, müßte immer größer werden, wenn es nicht gelingt, ein Mittel aufzufinden, ihm zu begegnen und wenn auch nur nach und nach dessen Heilung herbeizuführen. Ob es ein solches giebt? Allerdings! Aber um es auf. zufinden ist vor Allem erforderlich, nicht nur über die Krankheit selbst nachzudcnken, worin sie besteht, welches ihre Beschaffenheit, sondern auch wodurch sie entstanden oder was die Ursache derselben sei. Gewiß haben die veränderten Zeitvcrhältnisse: die Stellung im bürgerlichen Leben, die Erwcrbsthätigkcit, die Schulbildung, der Umgang in socialer Beziehung u. s. w. nicht wenig dazu beigetrage», die religiöse Gesinnung und Denkweise zu verändern, aber sic sind doch nur das Secundäre. Die Wurzel des Uebels ist in etwas ganz Anderem zu suchen und dieses nachzuweisen, ist cs, was vor Allem Rotl, thut, und worüber ich in den folgenden Artikeln in aller Bescheidenheit meine Ansicht mitzuthcilc» mir gestalte» will. — iFortsctzung folgt.) Allgemeine isr. Allianz und deutsch-isr. Gemeindebund. Ein Rückblick mit praktischer Nutzanwendung. II. Die eigentlichen Gründe der Maßregel, welche 5000 Glaubensgenossen jetzt aus einer ungastlichen Adoptiv-Heimath in ihr altes „Vaterland" zurücktrcibt, werden wohl so lange nicht durchschaut werden, als die wichtigen politische» Abmachungen der Drci-Kaiscr-Zusaminenkunft von Skiernewicc der Mit- und Nachwelt offen vor Augen liege» werden. Wir haben, nachdem wir die uns aus diesem traurigen Ereigniß erwachsenden Pflichten für unsere Glaubensgenossen bereits angcdculct haben*), heute noch einige Bemerkungen zu machen über einige sich ergebende günstige Conseqnenzen, die auch diesem schweren Verhüngniß ein „gam su letowa“ folgen lassen. Vorerst dürfte der jetzige Geheime Rcgicrungsrath v. Treitschke, dem einst in Memel die große Zahl unserer Glaubensgenossen so unangenehm ausficl, daß er sein bekanntes Verdict über unsere ganze Ostgrenze ergehen ließ, trotz der Ausweisungen ivohl noch mehr als manch ein Dezennium zu warten haben, bis der Zwischenhandel an der Grenze, dessen bedeutendste Vertreter die Juden sind, in andere Hände übergeht. Im Gegentheil wird gerade von vielen bedeutenden Handelshäusern an der Ostgrenze die segensreiche Seite der Ausweisungen darin gesehen, daß der bis jetzt beispielsweise beim Holzhandel mit Rußland ganz unentbehrliche polnisch-jüdische Commissionür aus einem fluctuirendcn zu einem stabilen Element wird. Während sonst der Sommerverdienst eines solchen Commissionärs, der im Durchschnitt bis 5000 Thaler beträgt, obwohl in Thor», Tilsit, Ruß n. s. w. verdient, ganz einfach nach Rußland zurückfloß, ohne daß die jüdische Gemeinde auf deutscher Seite etwas davon Hane, bleibt jetzt das Geld im Lande, fließt aber nicht ettva in die Hände eines Urgermanen (denn der jüdische Commissionär ist für den Zwischenhandel mit seinen Glaubensgenossen jenseits der Grenze aus Gründen des Crcdits, der Sprache, Geschüftsusancen re. eben unentbehrlich) sondern kommt direkt den „hosenverkaufcndcu Jünglingen" diesseits zu Gute. Die jüdischen Gemeinden der Grenzstädte, welche das zahlreiche polnischjüdische Proletariat oft kaum mehr ernähren konnten, erhalten jetzt besser fundirte Einnahmen und einen stabilen Etat. Sollte Herr v. Treitschke s. Z. mit seinem Alarmrus eine Consolidirung der deutsch-jüdischen Gemeindeverhältnisse wirklich im Auge gehabt haben? Wir glauben es kaum, — die andere Seite der Frage dürfte aber selbst durch Massenaustreibungen nie ganz in seinem Sinne erledigt werden. Denn wenn auch Ost- und Westpreußen aus slavischem Lande langsam germanistrt worden sind, so dürste doch, so weit auch die Germanisation vorrückl, der slavische *) Anm.: Bei der Centralstellc für die polnischen Gaben, der poln. Rnstikal-Bank in Posen sind bis jetzt 3261 M. eingcgangen, die aber lediglich für Nationalpolen verwendet werden. UsiN-chbiir V. »'I'4. ts ■ ist, eiucs > ft jetzt h°> 1 gdjoprUl» ft ifi M 1 inert« lsi Gew«'"!" ,eine ©J?■: läßt? # 7 Pole» i»11 der: gwM;f jiren. M i (Ulf poHW derlei Ti"! 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