Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 29. (16.7.1885)
- Date
- 1885-07-16
- Page
- Seite 239 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mährischen Correspondenten: „Sicher ohne Absicht haben Sie, hochverehrter Herr Redacteur, in einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes, in einer Correspondenz „aus Mähren" den Passus durchgelassen, der von meinem Großvater handelt und von ihm erzählt, er habe auf dem Markte Gemüse verkauft," Abgesehen von der logischen Jnconseguenz, die in dem Satz liegt — denn waS hat ein Gemüseverkäufer am Markt von Heiligenbildern in jüdischen Häusern zu träumen? — abgesehen also davon, ist der Satz historisch unrichtig. Mein Grüßvater väterlicherseits war R abb i ner in Eiwanowitz: er hieß R, Eleaser Karpeles; mein Großvater mütterlicherseits R, Gerson Buchheim—war Rabbiner in Ungarisch-Brod; meine Urgroßväter, väterlicher- und mütterlicherseits, waren Rabbiner in den hervorragendsten Gemeinden Mährens, Und wenn es in der Republik des Geistes einen Ahnenstolz gäbe, so könnte der Schreiber dieser Zeilen stolz darauf sein, daß er seinen Stammbaum bis zu R, Sabbathai Ko he n (Schach) hinauffllhren kann, Cinen Gemüseverkäufer hatte unsere Familie nicht in ihrer Milte; ich muß dies besonders erwähnen, obwohl ich gegen diesen ehrenwerthen Stand auch nicht das Geringste einznivenden habe, denke ich nur an die Tannaim und Amoräer, die nicht einmal wohlbestallte Rabbiner in Eiwanowitz und Ungarisch-Brod, sondern blos einfache Handwerker gewesen sitiv, — Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Or, Gustav Karpeles. Magdeburg, Für die Schlachtsrage sind die Beobachtungen, welche Physiologe Pros, Or, Wertheimer in Lille der bei einer Hinrichtung gemacht und in der Usvns brologique beschrieben hat, interessant. Kaum eine Minute nach dem Köpfen hörte die Reflexbewegung auf! ZLerkin Aus Antaß seines 70, Geburtstagsfestes, welches er ani jüngsten Montag feierte, hat der Herr Kommerzienrath B, Manheimer der hiesige» Armendirektion 10,000 Mark überwiesen, die an seinem Jubeltage an hiesige würdige Hilfsbedürftige ohne Unterschied der Konfession zur Vertheilung gelangen sollen, Mil diesem Geburlsfeste beging H. M. gleichzeitig das SO jährige Jubiläum als Einwohner Berlins, Irkange«. Das Corps „Onoldia" hatte beschlossen, keine Studenten jüdischen Glaubens aufzunehmen. Wie jetzt der „Frönt, Kur," erfährt, ist der Beschluß wieder aufgehoben worden. In den Kreisen der Corpsphilister hatte derselbe fast allgemeine Mißbilligung erregt. In Liegnitz hat Prof, der Theologie Baumgarten aus Rostock vor emer sehr zahlreichen Bersammlung über Herrn Stöcker gesprochen. Die Quintessenz des sehr gemäßigten Bortrages war der Nachweis, Herr Stöcker habe sich in drei Beziehungen gegen das deutsche Gewissen versündigt, erstens durch den Mangel an Zucht, zweitens durch die Unterstützung, welche die von ihm angeregte Bewegung der Sünden der Redaetion darbietet, namentlich die Verquickung von Kirche und sslaat, und drittens durch die Erneuerung des Judenhasses, der ihn zu Unwürdigkeiten hinreiße. Ter Vortrag fand allerseits den lebhaftesten Beifall, Dresden, 6. Juli. (Or,-Corr,) Gestern feierte Herr Louis Lesser, Mitinhaber der renommirien Bankfirma M, Schie Nachfolger seinen 70, Geburtstag, Ueberaus reiche, schöne und sinnige Geschenke erfreuten den Jubilar, der Mitvorsteher von vier Wohlthätigkeitsinstituten ist (Krankenverpflegungsgesellschaft, Beerdigungsbrüderschaft. Mendelssohnverein und Bereut für Aussteuer armer Bräute), Die Vorstände dieser Vereine schlossen sich denn auch der offieiellen Beglückwünschung des Gemeinderathes an (Ueberreichung kunstvoller Adressen), Die Sprecher tvaren: HH. Oberrabbiner vr, Landau und R.-A. Emil Lehmann, letzterer las auch eine selbslverfaßte Dichtung vor), Tie sämmtl. Cultusbeamten erschienen ebenfalls (ihr Sprecher war der Sekret, und Jnfpekt. M. Bergmann). Es fehlte selbstredend an Telegrammen, persönlichen und schriftlichen Glückwünschen nicht. Ein solennes Abendfest, dem die Verwandten und Freunde, sowie die Spitzen der iSr. Gemeinde beiwohnten, beschloß das Fest. — Lanuouer. Rach den allgemeinen Bestimmungen vom 5. October 1872 waren diejenigen Fächer, in welchen die Mittelschullehrer-Prüfung abgelegt werden konnte, nur in folgenden Zusammenstellungen gestattet: Religion und Deutsch Religio» und Geschichte. Mathematik und Naturmissensch aft; zwei fremde Sprachen, Nur Prüflingen jüdischer Religion war auch die Prüfung in der Zusammenstellung Deutsch und Geschichte gestattet. Nach einem unterm 17, v, M, an das hiesige Provinzial-Schuleollegium gerichteten Erlasse des Unterrichtsministers ist die letzterwähnte Zusammenstellung auch den christlichen Prüflingen gestattet. Zierenberg, bei Cassel, Am 27, d, M, feiert der seit einigen Jahren emeritierte Lehrer Gutkind dahier das Fest seiner goldenen Hochzeit. Herr Gutkind sowohl, wie auch seine Gemahlin, hochgeachtet bei Jung und Alt, im Heimathsorie sowohl, wie in der ganzen Umgegend, erfreut sich einer in dem hohen Alter seltenen Rüstigkeit, Das Fest verspricht nach den bisherigen Arrangements ein großartiges zu werden. Elsaß-Lothringen, Nach Metz ist wiederum der Rabbiner von Phalsburg berufen, welches bestimmt scheint, die Durchgangsstelle für das Metzer Oberrabbinal zu sein! Wien, Der Verein hebr.-nationale „Kadima" genügt nicht. Unter der Aegide des nationalen, dem Polenklub angehörigen — freisinnigen und daS conservative Ministerinm stützenden Abgeordneten Or, Bloch hat sich ein Verein junger Männer „Zukunft" gebildet, dessen erste That die Bitte um Lektüre ist! Naris, Unter den zum Nationalfest zu Dekorir enden ist auch der Assyriologe Julius Opperr, der zum Offizier der Ehrenlegion befördert wird, London, 10, Juli, Im Oberhause vollzog sich gestern eine eigenartige Zeremonie: Lord Rothschild wurde feierlich eingeführt und vereidigt. Der neue Peer wurde von den Lords Rosebery und Carringto» — Elfterer ist C hrist und Schwiegersohn Rothschilds — eingeführt und leistete den Eid nach jüdischem Brauch mit bedecktem Haupte und einem hebräischen Exemplar der fünf Bücher Mosis in der Hand, Sodann nahm er seinen Sitz auf der vordersten Oppositionsbank ein, Italien. In der Verwaltung der ital, Mittelmeereisenbahnen sind 3 Israeliten, die Herren A. Malvano, M. Bingen und M, Bondi, Herr Orestes- Lattes, Jndustrieinspektor im Ackerbau- und Handelsministerium, ist ital. Commissair bei der Ausstellung in Antwerpen, — Aus Venedig stammten folgende jüd, Garibaldianer, Die Gefallenen: Joseph v. Ankona und Henry Uriel, sowie Abraham Alpra, Richard Luzzatto und dessen Capitain David Uriel. Warschau, Unter 83 Rechtskandidaten, die in diesem Jahre ihre Prüfungen bestanden haben, sind 20 Juden. Tunis, Hier ist die israelit, Bevölkerung von etwa 40000 Seelen in 2 ungleiche Theile getheilt. Der „tunesische," die Eingeborenen aus- Aegypten und dem Orient stammende (ca, 35000), die Livornesen oder Europäer, Espagiolen oder Italiener (ca, 5000), Diese beiden Gemeinden stehen unabhängig nebeneinander — beide sind wohlthätig, bei beiden ist der Unterricht im Argen, obschon die Livornesen gebildeter sind, als die Tunesen. Bei diesen herrschen einige reiche Familien; die Civilverwaltuug und die Rechtssorge liegt in den Händen eines unkontrollirten Rabbinats. Gegen dieses Joch der Aristokraten und des- Rabbinats kämpft eine gebildete Minderheit vergeblich an. Der Bettel wird durch übel angebrachte Wohlthütigkeit groß gefüttert. Man verlangt nun Französierung, Consistorien und den ganzen Apparat! Ob der Uebergang nicht zu gewaltsam wäre? Uns will's bedllnken! In der Regentschaft Junis erlernen die französische Sprache 1875 Juden, 804 Maltenser, 795 Italiener, 738 Araber und 387 Franzosen,