Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 28. (9.7.1885)
- Date
- 1885-07-09
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Und das schimpft aus die Schacherjuden, aus den Wucher und die Explotatoren! — Noch grauenhafter als in Horaduo hat in Grodno eine Feuersbrunst gehaust. Die Betroffenen sind zumeist Juden. Der Kaiser bat 25000 Rubel aus seiner Schatulle gespendet. In Warschau fand ein Bazar zur Unterstützung dieser Nothleideuden statt, an welchem sich die vornehmsten Damen betheiligteu. — (Sie lieferten als Erlös ihrer Verkaufsstellen 2500 R. ab) und der mehr als 12000 Rubel eintrug. — Das Urtheil in Lucziu, welches ein paar Juden von der Beschuldigung des rituellen Mordes freisprach, hat der Senat caffirt, weil der Staatsanwalt und der Vertheidiger nicht zur Sache Gehörendes in verletzender Form vorgebracht haben. Der Elftere hatte die jüd. Be- | wohner Luezin's dadurch angegriffen, daß er behauptete: getaufte Juden müßten den Ort verlassen, sonst würden sie bei Seite geschafft! Der Vertheidiger hatte dagegen den Staatsanwalt und die Polizei verdächtigt, sie hätten — um einen Schuldigen zu haben, den ersten Besten aufgegriffen. Auch der Vorsitzende bekommt einen Wischer, weil er nicht gehörig daztvifchen gefahren ist. Das Diseiptinarverfahren ist gegen alle 0 eröffnet. Die judenfeindtichen Blätter lassen diese Motivirung fort und schlagen daraus Capital gegen die Jude», als ob der Senat die Freisprechung mißbilligt hätte. Palästina. Jerusalem Wir haben Regentage und kalte Schauer — was nach Menscheitgedeitken hier zu dieser Zeit nicht vorgekommen ift! Im Norden dürste man's kaum begreifen, wie unser Leben vom Klima und Wetter beeinflußt ist. Aber Vieles in unseren religiösen und gottesdienstlichen Bräuchen und Verordnungen wird dadurch erklärt. — Der Pascha hat der Allianeeschule seinen Besuch gemacht und sein freudiges Erstaunen über die unerwartet schönen Einrichtungen ausgesprochen. Zu einer eingehenden Prüfung versprach er wiederzukommen. — In den verschiedenen Theilen der Chalaknh bereiten sich Revolutionen vor. Der Gabbai der poln. Rabbi-Meier-Baal-Hrneß-Gelder hat die bisherigen Vertheiler abgesetzt und neue ernannt — er hat auch 5000 Rubel für die Colonisativn dem Warschauer Verein gegeben. Die Maghrabim (Afrikaner) grollen über die Verschleuderung und Vergeudung ihrer Gelder und fordern neue Ordnung. — Die verschiedenen Koscherfleischsteuerpächter machen sich Coneurrenz. Dadurch bekommt der Arme sein Stückchen Fleisch billig. Den Schaden der Pächter haben die Vorsteher der Peruschim u. s. f. von amerik. Spendengeldern ersetzt. — Gegen den Besuch der Missionsschulen wird auf Betreiben des ehrwürdigen R. Samuel Galant streng vorgegangen. (Die Missionaire machen sich auch in Konstantinopel unliebsam beinerkbar). (Hazewi.) Vermischte und neueste Nachrichten. Aus Würzburg, 29. Juni, wird der „Franks. Ztg." geschrieben: Vor etwa zwei Monaten fand man in der Nähe von hier, im Unterpleichfelder Walde, einen Unbekannten erhängt. Die katholische Gemeindeverwaltung begrub ihn auf dem dortigen Kirchhofe. Kaum hatte sich das Grab über demselben geschlossen, als bekannt wurde, daß der vermeintliche Katholik ein Jude gewesen. Das Rabbinat dahier veranlaßte die Ausgrabung und Beisetzung der Leiche auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe. Polizeiliche Recherchen nach der Identität des Verstorbenen ergaben aber jetzt, daß derselbe in Fürth die Taufe empfangen und zur protestantischen Kirche übergetreten war. — Was nun? — Wird man die Leiche nochmals ausgraben, oder gönnt man dem katholisch-jüdisch begrabenen Protestanten die letzte Ruhe nach jüdischem Ritus? Areiöerg i. S., Ende Juni. (Or.-Corr.) Dem Redaeteur des hies. Amtsblattes, dem Schriftsteller Alphonse Levy, verlieh der Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha „als Erinnerungszeichen und freundlichen Dank für ansprechende poetische Leistungen", wie es in dem begleitenden Kabinetschreiben heißt, eine kostbare Busennadel mit dem Namenszug und der Krone in Brillanten. ^renzkau. Hier ist der bisherige Koschminer Rabbiner, Herr De. Bähr, zum Nachfolger De. Ritters gewählt worden. Angarn. Herr Bernhard Lasar in Zala Segwar ist in den Freiherrnstand erhoben worden. — JnS Herrenhaus werden unter den 90 von der Regierung zu lebenslänglichen Senatoren Berufenen 2 Juden kommen, Dr. Hirschler (Arzt, ehemals Präsident des jüd. Congresses) nud Dr. zur. Schwab, Abgeordneter. Hakizien Am 5. September wird gegen die des Mordes beschuldigten Eheleute Ritter in Krakau zum dritten Male verhandelt werden. Italien. Durch Decret und Patent vom 8. März und 24. Mai hat der König dem Grafen Eduard Cehen den Titel Marquis von Torre Alfina verliehen. Aaris. Der Generaladvokat beim Appellhof in Lyon ist Staatsanwalt geworden, der Untersuchungsrichter in Nantes, ist zum Vorsitzenden des Gerichtshofes erster Instanz in Coulommiers ernannt. Herr Gerson Lson, Mitglied des Consistoriums in in Bayou ne, hat das Exequatur als Cvnsul der Vereinigten Staateit erhalten. — Im Bezirk von Zkesoul giebt es 3 Juden, die Maires sind. Warschau. Von 4 jüd. Kandidaten, welche hier den Titel „Rechtskandidat" erlangten, hatte einer eine Arbeit eingereicht „über das Recht der Juden in Polen." Aus Wileösk ist eine ungarische Schauspielerbande ausgewiesen worden, welche Judenkindermord darstellte; sie soll direct im Solde von Antisemiten gestanden haben. Aus Wincza wird über großes Elend in jüd. Kreisen berichtet. Die Frauen, deren Männer 75 Kopeken Wochenlohn haben (1,50 M.), vermiethen sich als Ammen und bringen ihre Kinder bei Bauern unter, wo sie zu „Engeln" gemacht werden! Wie schlimm muß es sein, wenn jüdische Mütter ihrer Kinder vergeffen. Mumäuie«. In Draqasani ist ein Haus und Hof besitzender Jude nicht schnell genug der Ausweisungsordre nachgekommen. Deshalb ließ ihn der Präfect tobt prügeln und den Leichnam, um die Unthat zu verdecken, ins Wasser werfen. Zeugen und Aerzte haben den wahren Thatbestand ans Licht gebracht — aber hier sagen die Gerichte mit dem bairischen Sigl: Ein Jude weniger! Vielleicht bewirkt das torystische engl. Ministerium eher, als der von Menschlichkeitsphrasen sprudelnde Gladstone, daß Europa durch „rumänische Menschlichkeit" nicht fürder geschändet wird! Die in Aiuukaud wohnenden ausgedienten Soldaten haben Wohnpatente bis zum 1. Juni 1886 erhalten, welche alljährlich erneut werden. (Die „Now.Wremja" läßt den Beisatz fort, so daß es den Anschein gewinnt, als ob sie dann ausgewiesen würden.) Aakäfliua. Nach neuem Befehl der Pforte sollen alle türk, llnterthanen Geburten, Trauungen, Scheidungen und Todesfälle sorgfältig in einer Art Standesamt anmelden. Aauama. Hier hat sich schon eine jüd. Bevölkerung von 500 Köpfen zusammengefunden, von denen die Meisten im Dienste der Canalbaugesellschaft stehen und mit allen Anderen im vollsten Frieden leben, obschon sie ihren religiösen Pflichten sorgsam genügen.