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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-06-11 · N° 24. (11.6.1885) · p. Seite 198

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 24. (11.6.1885)
Date
1885-06-11
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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— 198 — lieber Punkt 9 der Tagesordnung: Pensionsfonds für jud. Cultusbeamte" batte (in 9lbi»efent)eit des Herrn Dr. Weinstein-Brakel) der Herr Prediger L. Wolfs, Vorsitzender der Hilfskasse für die Cultusbeamten Deutschlands, in letzter Stunde das Referat übernommen. Redner schildert die traurige Lage der Lehrerwittweu- und -Waisen und giebt ein Bild dessen, was bisher von Seiten der verschiedenen Unterstützungs- Vereine geschehe». Er glaubt nicht, daß die gering besoldeten Cultusbeamte» im Stande einen, für eine Lebensversicherungspoliee 7» der Prämie (bis 8V Ni.) zu zahlen und wünscht und hofft eine Coneentration aller bestehenden llnterstützungskassen, besonders aber Anschluß der Einzelnen an die Achawa, die für einen jährlichen Beitrag von 0 Mk., wozu der Beamte keine fremde Hilfe gebraucht, mehr leiste, wie durch Versicherung eines größeren Kapitals. Herr Rabbiner Dr. Ra hm er meint, daß der jüd. Lehrer den Grundsatz : fT n:n nie Dtn nra nnx auch in dieser „L eben ssracte" sesthalten sollte, er solle sich einen Pensionsanspruch durch die Mitgliedschaft bei der Achawa sichern, sodann aber auch durch Einkauf bei enter Versicherungsgesellschaft, — die viele Vvrtheile bietende „Victoria," sei besonders zu empfehlen — dafür sorgen, das; seinen Hinterbliebenen auch eine größere Summe mit einem Male zum Beginnen eines Geschäfts und bergt, zur Verfügung stehe. Der Vertreter der D.-J. G.-B. und der „Victoria", Herr Leszyttszkh meint, daß die Ausführungen des Referenten zu schwarz gefärbt seien und er widerlegt einige Fvlgeruitgen desselben durch Zahlen. Er sprach sieh auch gegen die vielen gar nicht lebensfähigen llnterstiitzungskassen aus, die von ihre» Mitgliedern hohe Beiträge abforderten, ohne ihnen eine erkleckliche Unterstützung gewähren zu können; zum Einkauf bei der Achawa sei der D.-J. G.-B. den Lehrern gern behiilflich. Nachdem der Vorsitzende die einzelnen Hilfskassen in Schutz genommen, und Herr Dr. Rahmer noch darauf hingewiesen hatte, daß Herr Rabbiner Dr. Salvendi neben den vielen Rubriken für palästinensische Zwecke doch auch eine Rubrik für einen israelitischen Bcamtenpensivusfonds eröffnen möge, wird die Diseussion über diesen Gegenstand wegen vorgerückter Zeit geschlossen. Der Vorsitzende kündigt hierauf an, daß fürs nächste Jahr die Conferenz nach Eisenach geladen sei. Herr Rabbiner Rvsenthal-Cölhen speicht dein Vorsitzenden den Dank der Versammlung für seine geschickte nnpartheiische Leitung aus, und dieser schließt mit einem Hoch auf den Kaiser die siebente Conferenz der mitteldeutschen Cnltusbeamten um 4 Uhr.*) Den Mitgliedern der Versammlung war vom Herrn Rabbiner Dr. Rahmer je ein Exemplar des Lehrplans**) der Magdeburger ReligivnSschule als Erinnerungsblatt überreicht. den 27. Mai. (Or -Corr.) Anknüpfend an den Leitartikel in Nr. 21 Ihres gesch. Blattes, dessen Verfasser mit auerkennenswerthem Freimuth all das mit klaren Worten ausspricht, was in vielen Lehrerkreisen längst gesuhlt und im Stille» bemerkt ivorden, möchte ich ans eigener Erfahrung noch Folgendes bemerken: Daß der jiid. Reltgionsunterricht keine seinem stofflichen Wert angemessene nnterrichtliche Behandlung erfährt, muß jedem zugegeben werden. Der Artikel hat auf die Quelle dieser Mängel hingewiesen, näinlich auf das jüd. Seminar. Diese Gelegenheit fordert zum Vergleich zwischen den allgeitteiitett Leistungen der jüd. und denen der königl. Seminare heraus, der sehr zu Ungunsten der ersteren ausfallen muß. Pädagogik mag genug gelehrt werden; aber die Darbietung des Unterrichtsstoffes geschieht nicht in einer dem Leminaristen mujtergiltigen Weise; er wird wissenschaftlich gelehrt nicht elementar, wie es in königl. Seminaren der Fall ist, um lehren zu lernen. Ter größte Theil der Lehrer der jüd. Lehrerbildungsanstalten ist nicht qualifieiert, eine solche Stelle inne zu haben, manche selbst zu Schnllehrerstellen nicht. Viel *) Tel, kurz vor Schluß emgcbrachten Antrag Jacobsohus, dir Herausgabe eines pädag. Jahrbuches betreuend, bringen wir in nächster Ar. ■’j Tcrsetbe ist in dieser Ar. S. 190—197 abgcdruckt. >Rcd.) verschulden die Leiter, denen es nicht am Wissen, sondern am pädagogischen Können, nicht nur in der Behandlung des Religionsunterrichts, sondern auch der profanen Wissenschaften gebricht. Der königl. Schnlrath oder Seniinardireetor hat von der Pique auf gedient und ist dnreh Avancement Oberlehrer,, dann Rector, Schnlrath, Seminarlehrer tun endlich Direetor geworden. Eine erledigte Seminardireetvrstelle wird dort mit einem Schnlrath, Seminarlehrer ausgefüllt. Der jiid. Lehrer hat mit dem Lehrerexamen die letzte und erste Berufsqualität im Range erreicht, eine weitere Qualifieation hat für ihn keinen praktischen Werth, bie Würde könnte er erlanget! als Rector, aber nicht das Amt. Wir haben keinen jüd. Schnlrath n. s. w. mit dem ein Seminardireetorposten besetzt werden könnte. Einen Schullehrer kann man nicht nehmen, so muß man sich zu einem Gelehrten, resp. einem Rabbiner bequemen. Die Thatsache der mangelhaften Leistungen der jiid. Seminare ist nicht wegzulengnen. Es fehlt an tüchtigen jüdischen Pädagogen. Hoffentlich werden die gegettwäriigen Direetoren an den jüd. Seminaren diese Bemerkungen eines aufrichtigen Freundes prüfend beherzigen, der Wahrheit die Ehre und dem Verfasser des Leitartikels in Ne. 21 aufrichtigen Dank dafür zollen, daß er sie freimüthig ans den wundeste» Fleck hingewiesett, an dem die jiid. Setninare und durch sie die jiid. Religivnsichulen kranken. Möge die Heilung nicht zu lange ausbleiben. B. München (Or.-Corr.) Atu 4. d. verstarb dahier im 73. Lebensjahre der Numismatiker und frühere Theilhaber des Bankhauses I. N. Oberndorffer: Herr Abraham Merzbacher. Unsere Gemeinde hat dadurch einen schweren, im gewissen Sinne unersetzlichen Verlust erlitten. Immer mehr schmilzt die Zahl derer zusammen, welche das alte, confer - vative Judenthum in so edler, mnstergiltiger, allen Parteien impvnirender Weise vertreten, wie es der Verstorbene gethan hat. Ursprünglich zum Rabbiner bestimmt und auch bereits dazu qualisieirt, trat er Familienverhältnisse balber in den Kausmannsstand. Diesem Umstande ist es zu verdanken, daß. er neben jüdijcher Gelehrsamkeit die feinste weltmännische Bildung und jenen weite» Blick verband, der ihn vor Einseitigkeit und Intoleranz sein Leben lang bewahrte. Seitdem er sich etwa vor einem Jahre in das Privatleben zurückzog, theilte er seine ganze Zeit zwischen dem Studium im Gottesworte und der Beschäftigung mit Werken der Mildthätigkeit und gemeinnützigen Interessen. Mit Glücksgütern reich gesegnet, waltete er im eigenen Hause in einfach bescheidener, echt patriarchalischer Weise und hatte das seltene Glück, alle seine Rinder die von ihm gewiesenen Wege unbeirrt ivandeln zu sehe». Bei dem hohen Ansehen, das er genoß und den weitreichenden Verbindungen bis in die höchsten Kreise hinauf wäre es ihm leicht gewesen, Titel, Orden und Würden aller Art zu erreichen. Seine bescheidene Statur jedoch^ verhielt sich^ stets ablehnend gegen solcheAuszeichnungeu. Lein frommer Sinn war auf Anderes gerichtet. Er entfaltete eine unermüdliche,segensreiche, nur humanen Interessen geweihte Thätigkeit. Er war Mttglied des Central- Comits's der Alliance i'sraelite universelle, Vorstand des Holz - und Anssteuervereitts, Kassirer des Studien- und Arbeitsbesörderungsvereins, seit 20 Jahren eines der hervorragendsten Mieglieder der Gemeiudeverwaltnng. Sein Hauptverdienst aber bestand in seiner seit Jahrzehenden unausgesetzt geübten Thätigkeit als Mohel, welche Mizwa ihm dermaßen thener war, daß er selbst im höheren Alter und mit geschwächter Gesundheit weite Reisen nicht scheute, um derselben zu genügen. Die Dankbarkeit oer Gemeinde in ihm: für alle Zeilett gesichert. Merzbacher war ein jüdischer Mäeen, der mit den bedeutendsten Geldvpfern die Litteratur unterstützte und nament-- lich das bekannte vielbändige Werk Dikduke Solerim von Rabbinowiez durch feine große Liberalität ermöglichte. Er hmterläßt eine Bibliothek, die zu den größten und werth-

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