Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 20. (14.5.1885)
- Date
- 1885-05-14
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 155 Aerli«. Der Hauptmann des Deutschen Antiscmiten- Bundes, Herr Pickend ach, erläßt an alle „Gesinnungsgenossen" einen Aufruf zur Unterstützung für den des Scurzer Mordes verdächtigen und 11 Monate in Haft gewesenen Fleischermeister Behrendt. Wie die Verhandlung vor dem Schwurgericht ergab, halte sich Bedrendt bekanntlich in letzter Zeit durch eine fast fanatische Judenseindlichkeit hervorgethan, diese wollen die „Gesinnungsgenossen" belohnen. Lamvnrg. 11. April. Heute früh ist der Oberrabbiner Dr. Jsaacsohn, von einem Schlaganfall betroffen, plötzlich gestorben. <Näheres in nächster No.) Kannover. Die Confcrenz der jüdischen Lehrer Hannovers und Braunschweigs, die in Hameln tage» sollte, fällt in diesem Jahre aus. Aus der Provinz Tfoftn. (Or.-Corr.) Die Erben des jüngst verstorbenen Rentiers und Gutsbesitzers Herrn Rohr (eines Onkels von Eduard Lasker) haben 200000 Mark zu einer Waisenhausstiftung i» I a r o t s ch i n bestimmt. Ob diese Anstalt zugleich den Namen Laskcr's verewigen soll, haben wir noch nicht erkunden können. Recht günstig ist es für das Waisenhaus, daß man nach einem Direktor erst nicht zu suchen hat. Der gelehrte und würdige Bezirksrabbiner Herr Bloch dürste allseitig als zu dicjcm Amte besonders geeignet bezeichnet werden. Hatte man doch erst neulich ihn zu einer ähnliche» Stellung von hervorragender Seite nominirt — und daß er dort all zu religiös befunden worden ist, das wird ihn in Jarotschin hoffentlich nicht für die Stellung ungeeignet erscheinen lassen! Kksaß-Lothringe« Außer dem Oberrabbinate von Metz sind erledigt die Rabbinatssitze von B ieshei m, Carn ach, Dürmeuach, Hegenheim, Unter-Seppois. Nach Metz zu komme» soll der Rabbiner von Phalzburg, Herr Weilt, Aussicht haben.*) lEs scheint ein Jrrlhuni zu sein, wenn „Arch. isr." von Eidesleistung der jlld. Soldaten in den Synagogen von Metz u. s. f. spricht. Wir in Alt-Deutschland kennen diesen Eid „vaors judaico“ nicht mehr. Red.) Göppingen, 4. Mai. Gestern haben in hiesiger Synagoge Herr Joseph Fell hei mer und seine Gattin Ernestine geb. Regensburger, im Kreise ihrer 7 Kinder mit 21 Enkeln und umer zahlreicher Bctheiligung von Verwandten, Freunden und Bekannten das seltene Fest der goldenen Hochzeit gefeiert, wobei Herr Rabbiner Herz eine dem Tag entsprechende ergreifende Ansprache an das Jubelpaar richtete. Der Jubilar zählt 83, die Jubilarin 69 Jahre. Es war dem Paar vergönnt mit seltener Rüstigkeit das Fest zu begehen. Ilördkiugen (Württemberg), 3. Mai. In der hiesigen Stadt, in welcher vor rund 25 Jahren kein Jsraelite sich befand, sind jetzt gegen 450, da von de» benachbarten Ortschaften die nieisten hierher zogen. Dieselben beschlossen, eine Synagoge ganz aus eignen Mittel» zu bauen und kommt dieselbe auf 160—180 000 Mk. zu stehen. Der Bau wurde dem städtischen Ingenieur Gaab übertragen und verspricht eine Zierde der Stadt zu werden, zumal ein ausgezeichneter Platz dazu erworben werden konnte. Letzthin fand nun die feierliche Grundsteinlegung statt durch den Distriktsrabbiner, welcher eine deutsch und hebräisch abgefaßte Urkunde in den Stein legte und die ersten drei Hammcrschläge vollzog. Auf ihn folgte der Bürgermeister, der Vorstand der israelitischen Gemeinde und der Baumeister. Aus Galizien. Das Organ der „Machsike hadas" berichtet folgenden Vorfall: Sonntag, den 20. März starb das 5 jährige Enkelkind des conservativen Rabbiners in L.; die Beerdigung wurde für den ersten Tag des Peßachfestes hinausgeschoben und fand in Begleitung von Chor und Musik statt. Den mit Kränzen geschmückten Leichenwagen folgte der Prediger zu Fuß, andere Leidtragende indcß in geschlossene Wagen. *) Französische Zeitungen sprechen von einem gedrückten Circular, durch welches vom Consiswrium die Stelle des Obcrrabbincrs von Lothringen ausgeschrieben und um Meldungen bis zum 8. Juni ge- Wien Die Söhne des vcreiviglen Baron Max Springer haben dem Bürgermeister 50000 Gulden übergeben, deren Zinsen am Todestage ihres Vaters alljährlich au Arme ohne Unterschied der Confession vertheilt werden sollen. Zn verschiedenen Zivecken hat der Verewigte außerdenr 120000 Gulden legirt. — In den letzten 16 Jahren sind hier 1344 Personen zum Judcnthum übergetreten; von den 1594 getauften Juden sind 392 wieder reuig zurückgekehrt. Meft. Jsztoczy ist aus der Antisemiten-Partei am 9. Mai ausgetreten. Das bedeutet die Auflösung der Partei. Ursache ist der Verlust bei dem Antisemiteu-Blatte. Uebrigens ist Jstoczy längst den Priripien des Antisemitislnus untreu, er kauft alle seine häuslichen Bedürfnisse — selbst die Cigarren bei einem — Juden. Maris. Die Wittwe des Prinzen Demidoff v. San Donato hat dem Centralcomits der Alliance für das Beileidsschreiben gedankt. Sie spricht darin die Erwartung aus, daß ihre Kinder einst das Glück haben werden, das erfüllt zu sehen, wofür ihr Vater sich bemühte: daß Gerechtigkeit und Billigkeit überall den Juden zu Theil werde. Maris. 1821 — so erzählt Herr Leon Rabe in seinem Buche „die Handwerke und die Hilfsvereine" aus dem „Arch. isr." einen Auszug veröffentlicht — hatte man einen jüd. General, den Feldmarschall Baron Wolff tCommandant der Ehrenlegion), seinen Bruder Bataillonschef Ritter d. E., 2 Artilleriekapitüne, und einige Kapitäne. 1882 zählte man 2 Divisivns-, 3 Brigade-Generäle, 5 Obersten, 9 Oberstlieutenanls, 12 Infanterie-, 4 Jngenicur-Bataillonschef, 5 Escadroiichess der Eavallerie, 4 der Artillerie, 90 Kapitäne, 89 Lieutenants, 104 Unterlicutenants. Maris. Der geistreiche, aber etwas überspannte Herr Alexander Weill hat eine Schrift geleistet, in welcher er das wahrhaft Mosaische in der Bibel von dem zu trennen sucht, was Esra und was der Talmud hinzugefügt hat! Schade um die Zeit, die Mühe und die vergeudete Geisteskraft! j?ati5. Die arab.-franz. Schule von Ssax, die 2 Monate besteht, zählt 25 mohammcd., 14 arab. und 24 jüd. Schüler. Funks. Die Alliance-Schulen von Tunis, Mehdia und Susa sind von der obersten Behörde aufgefordert worden, sich bei der Weltausstellung, die nächstens in Antwerpen eröffnet wird, zu betheiligen. Man wird sich erinnern, daß diese Schulen in der Weltausstellung zu Amsterdam im Jahre 1883 eine Ehrenmedaille erhalten haben. — Unter den Einsendungen der Tuneser Knabenschule findet sich folgendes gedruckte Schriftstück dreier Druckerlehrlinge: „Die Unterzeichneten, frühere Zöglinge der tunesischen Schule der Alliauos israslrts Universell«, die Dank der Mühe und Sorge ihrer Lehrer und Wohlthüter, gute Arbeiter, geworden find, die verstehen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, widmen der Alliance beifolgendes Schriftstück, das Werk ihrer Hände als Probe ihrer Arbeit und als Beweis ihrer Dankbarkeit." tzonstantiuopek. Wegen eines beschmutzten Kreuzes, das man vor der Thür eines jüd. Handelsmannes gefunden haben wollte, kam es hier zu Unruhen zwischen Griechen und Juden; nur durch energisches Einschreiten der Geistlichkeit und Polizei wurden blutige Ausschreitungen glücklich verhindert. In Zanzibar ist interimistisch zuni Kanzler des franz. Consulats ein isr. Kaufmann, Herr Fleury, bestellt worden. 7 curop. Juden, etwa 10 Bnei Israel und 2—3 aus A den leben hier. Die Verschiedenheit der Riten verhindert jede Gemeindebildung. (Arch. isr.) Muhkand, 11. Mai. In dem Processe wegen Ausschrei t u n g e n g e g e n I u d c » i n D o m b r o w i tz y wurden einer der Angeklagte» zu Zwangsarbeit, drei zu 1 bis 2'/,- jührigem Zuchthaus und zehn zu Gefüngnißstrafcn von verschiedener Dauer vcrurtheilt.