Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 17. (23.4.1885)
- Date
- 1885-04-23
- Page
- Seite 130 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-9586215-9584750--5713-9584756- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
130 dacht wurde), auf die Wohlihätigkeitsanstaltcn (an 600 Knaben sind durch den israelitischen Handwcrkervercin im Jahre 1884 best verschiedensten Handwerken zugeführt wurde»), auf den Vorstand der Chewra kadischa (der „der Ton" ist, der die Musik macht», sowie auf die Rabbiner und Prediger belebte» die Tafel und gaben lautredendes Zeugnitz von der untrennbaren Verschmelzung echt religiösen, jüdischen Denkens und Sühlens, mit glühender Vaterlandsliebe und österreichischdeutscher Gesinnung! 4. April, Der Fcldgottesdicnst für die isr, Mannschaft der Prag« Garnison, dessen Abhaltung vom Kriegsminisierinm nach gepflogenen Verhandlungen mit dem Cultusminisieriuni angeordnet worden ist, fand gestern um 11 Uhr Vormittags im neuen isracl, Tempel in der Gcistgasse in feierlicher Weise statt. Der seltene Art hatte eine große Menge Neugieriger versammelt, tvelchc den Tempel in allen Raumen dicht füllte. Zur festgesetzten Stunde stellten sich die Soldaten mosaischer Confession im Tempel ein und »ahmen in den Bankrcihc» des Mittelschiffes Platz, Hierauf begann der Gottesdienst in herkömmlicher Weise unter Orgel- und Chorbeglcitung, Nach Verlesung des Bibelabschnittes — es wurden nur Soldaten ausgerufen — sprach der k, k, Feldrabbiner Herr Dr. Alexander K isch das Gebet für das Kaiserhaus vor geöffneter Bundesladc und hielt hieraus die Fciipredigt, in welcher er anknüpfend an die Shmbolik des Osterfestes, die Vaterlandsliebe, Opferwilligkctt und die Glanbcnstreuc als die Cardinaltngenden der Soldaten erörterte und seine Waffenuud Glaubensbrüder zur eifrigen Bethütignng dieser Eigenschaften aufforderte, Nach Beendigung dieser begeisterten und patriotischen Predigt wurde die Volkshymne untcr Orgelbegleitung gesungen und der Gottesdienst in üblicher Weise mit dem Mussaph'Gebetc beschlossen, Ikrünn, 9, April, iOr,-Corr,) Der hiesige Biknr- Gholim-Verein, dessen Aufgabe es ist, arme Kranke zu unterstützen, versendet soeben seinen Jahresbericht, Aus demselben ist die erfreuliche Thatsache zu ersehen, daß der Verein bei seinem erst fünfjährigen Bestände doch schon 479 Mitglieder zählt. Die Jahrcs-Einnahmen betrugen 4921 fl, 70 kr,, das Vercinsvermögeu fl, 8335,28, Der Verein, an dessen Spitze seit dessen Gründung Herr David Mandl steht, hat den wahrhaft wohlthätigen Zweck, arme Kranke in ausgiebiger Weise zu unterstützen, dabei ist er von der löblichen Tendenz geleitet, dem Bettelunwcscn zu steuern, indem er einerseits nur seinen eigenen Mitgliedern Unterstützungen zuwendet, andererseits durch den geringen Wochcnbcitrag von 10 kr, es dem Aermstcn ermöglicht beizutreten. Auch die Chewra Kadischa versendet ihren Jahresbericht, dessen Conto mit fl, 14,445,17 abschließt, Frankreich. Inaris. Tie Sanitätsgesctze ^der Juden haben Herrn iUoet Gusncau de Musst) (einem Nichtjnden) das Thema einer interessanten Studie geboten, „Moses", schreibt er, „scheint die neuesten Entdeckungen bezüglich der Bedingungen der Epldcmicn und Uebcrtragungcn der Krankheiten vorhergesehen zu haben. Das Verbot des Schweinefleisches, die Vorschriften für das Schlachten der zum Genuß bestimmten Thiere, das Untersuchen der Eingeweide nn» das Verbot der Tubcrcnlosen und derer, deren Lungen Anhängsel haben, sind vorzügliche Maßnahmen, welche a l l g e m c i n a n g e n o m - me» werdcn sollten! Diese Bcnicrknng erstreckt sich aus viele andere Einzelheiten," Weiter hebt der nichtjüdische Naturforscher auch die „so weisen Grüitdzllgc über das sanitäre Verhalten der Frau und des Gatten, welche dem jüdischen Volke seine erstaunliche Lebenskraft selbst in der Zerstreuung sicherten!" hervor, — Der Vortrag ist als Broschüre erschienen, ivelche der Verfasser den, Andenken des ehemaligen Professors (in Straßbnrg, dann in Nannh) Di-, Mathias Hirtz, gewidmet hat, — An einem Tage haben hier jüngst'2 Inden Vorträge über den Mahdi gehalten'» an der Larbonnc sprachwissenschaftlich objektiv Herr James Darmcstetter, während Herr James Sacna, ein ägyptischer Flüchtling, der den Abu Naddora, ein Khedive, und England feindliches Flugblatt schreibt, als persönlicher Bekannter des Mahdi die Tendenztromme! in einer Freimaucrlogc rührte, Schweiz. Zürich, 15, April, Letzten Samstag wurde in der Nähe der Brücke im Dorf Hochfelden der Leichnam des israelitischen Geschäftsmannes Leopold Oppenheim aus der Glatt gezogen. Die Untersuchung und Sektion ergab, daß Oppenheim mit einem runden harten Gegenstand erschlagen worden. Beide Lchläsenlinien sind zertrümmert und die Schädelbasis gerissen. Im Rachen stak ein Stück Tuch, Viele Rippen waren gebrochen, Oppenheini wurde sehr wahrscheinlich in istadel (Bezirk Diclsdors) schon am Tage in einem Hanse erschlagen und der Leichnam bis in die- Nacht behalten und dann mehr als eine halbe Stunde weit durch das Dorf Hochfelden hindurch in die Glatt befördert. Ein Hochfeldcr sah um Mitternacht einen Karren beim Hanse vorbei gegen die Glatt und in sehr kurzer Zeit zurückfahre», Ein gewisser Hauser, bei welchem Oppenheim zuletzt vor seinem Verschwinden Geld cinkassirt hatte, wurde verhaftet, Die Haussuchung bei ihm ergab einstweilen nicht mehr, als daß ein Couvert >nit der Adresse Oppenheims im Webgaden gesunden wurde. Auch mangelt der Karren, welcher angeblich gestohlen wurde, Ueber die Ermordung selbst liegen folgende Einzelheiten vor. Die Kleider des Ermordeten, dessen beide Röcke über den Kopf gestülpt waren, wie ein vom Wind gekehrter Schirm, trugen keinerlei Werthsachen mehr» goldene Uhr mit Kette, Münze, Noten, Alles war weg; der Mörder hatte dem Opfer einzig die Gcbctriemcn (Tiphillin) gelassen. Der Vorgang beim Mord scheint folgender gewesen zu sein: Oppenheim erhielt zuerst einen Streich mit einem Knüttel ans den Scheitel oder eine Schläfe, fiel zu Boden itiib empfing dann noch die beiden anderen Schläge, jeder siir sich lödlttch. Er athmcte und stöhnte nichtsdestoivenigcr noch; der Mörder kniete ihm ans die Brust und suchte ihm die Luftröhre znzudrückcu. DaS 'Opfer öffnete den Mund nach Luft und nun ivnrde ihm der Lappen in den Mund gestoßen. Nachts wurde dann der Leichnam in einen Sack gesteckt, wobei Arme und Röcke über den Kops gestülpt ivurdcn. Rufiland. In Warschau und Unigegend werden auf höheren Befehl die Chcdarim auf Raum, Ordnung und Reinlichkeit untersucht, Voti 50 wurden nur 17 befriedigend gefunden. — Die Kunde der „lutherischen Kirchcnzeitung", daß in der Hauptstadt Polens viele Juden Protestanten werden wollen, ist allein ei» Ausdruck des Wunsches, den jenes Blatt hegt. ThatsächlicheS liegt ihm Nichts zu Grunde als — vielleicht — hört und staunt, daß der Kischenewer ReligivnSftiftcr oder Werber für die evangelische Kirche, Rabbinowitz, gewillt ist, nach Warschau überzusiedel»! — Das antisemitische Blatt „Echo" erscheint nicht mehr, ES ist eigentlich Schade darum, denn in letzter Zeit hat es wider Willen angcfangen, etwas mehr wahrheitsgetreu zu schildern. So berichtete es über die vielen Versuche von Juden, Ackerbauer zu werden, die Coloniengrllndnngen i» Amerika und^daß es so viele jüdische Arbeiter und Tagelöhner in den -Städten gebe. Letzteres ist freilich schon seit ewigen Zeiten der Fall! Daran knüpfte es den Vorschlag, die Regierung möge wüst liegendes Ackerland im Gouvernement Orcnbcrg, in Turkcstan u, dgl„ auf welchem höchstens Reisbau betrieben wird, an arme Juden in kleinen Parzellen als unveräußerliches Eigenthum vcrthcilen. Sie sehen — der böse Geist muß widerwillig die guten Bestrebungen fördern! Die Juden gehen auch dorthin, wenn man ehrlich entschlossen ist, ihnen zu helfen! —